Anzeige
Sex

Warum sind Pussy-Pics eigentlich kein Ding?

Dick-Pics sind durch Messaging- und Dating-Apps erschreckend normal geworden. Bei ihrem weiblichen Pendant ist das völlig anders. Ich habe versucht, rauszufinden warum.

von Ronja Neger
22 Juli 2017, 4:00pm

Foto: Nicoleta Wagner | FlickrCC BY 2.0

Ich drücke jetzt schon zum gefühlt hundertsten Mal auf den Auslöser. Ein Foto von meiner Muschi zu machen, ist schwieriger, als ich dachte. Der wahrscheinlich intimste und neben dem Anus am seltensten gesehene Teil meines Körpers ist sonst nicht unbedingt Thema meiner Selfies. Entsprechend ungewohnt ist der Anblick auch für mich selbst.

Die erste Frage, die ich mir unweigerlich stelle: Will ich wirklich fremde Männer mit dieser Aussicht belästigen? Da beginnt vermutlich auch schon das Problem. Würden sich Männer diese Frage auch ab und zu stellen, wäre die Welt für uns Frauen eine bessere. Aber für mein Experiment ist weibliche Selbstreflexion der falsche Ansatz. Ich versuche, stattdessen Selbstzweifel komplett beiseite zu wischen und nicht an die Folgen meines Experiments zu denken.

Warum also sind Pussy-Pics kein Ding? Nachdem ich es geschafft habe, ein halbwegs ästhetisches und detailreiches #nofilter-Bild zu schießen, wartet die zweite Hürde auf mich: Der potentielle Ort des Geschehens. Während Tinder gleich gar keine Bildanhänge anbietet, gibt es bei Lovoo eine Dick-Pic-Sperre. Erst nach drei Nachrichten meiner potentiellen Opfer kann ich endlich ungefragt meine Pussy herzeigen.

Frauen wollen erst mal wissen, was der andere im Kopf hat, bevor wir sehen, was er in der Hose hat.

Nach willkürlichem Matchen, der langen Überlegung darüber, wie ich ein kurzes Gespräch vor dem Entblößen gestalten soll und dem letztendlichen Senden meines Pussy-Pics bin ich fertig mit den Nerven. Um ganz ehrlich zu sein: Ich hatte Schiss. Ja, eine Vulva ist mindestens so schön wie ein Penis und Fotos von Geschlechtsteilen sollten im 21. Jahrhundert eigentlich keine Besonderheit mehr sein.

Aber der Gedanke sich einer fremden Person so verletzlich zu präsentieren, ist trotzdem ziemlich beängstigend. Was, wenn sie mein Foto nicht mögen? Letztendlich habe ich mich bei zirka 20 Männern getraut.

Versuchsperson Nummer 4 fragte mich, ob ich verrückt bin (als ob ich mich das nicht schon selbst gefragt hätte), was das ist (vielleicht hat er so etwas noch nie gesehen) und ob ich denke, dass das sehr schön sei. Leider konnte er mir auch nach der Erklärung zu meinem Vorhaben nicht sagen, was genau ihn denn gestört hat. Er wollte auch nicht beantworten, ob er selber schon Dick-Pics versendet hat.

Ein anderer Typ war so begeistert von meinem Foto, dass er gleich noch ein Anus-Pic anforderte. Was hatte ich erwartet? Immerhin ist der weibliche Körper in unserer Gesellschaft längst zum Gebrauchsgegenstand und zur Währung in der Werbung geworden. Wir sind geil, kapiert. Und unsere Vulva? Als ich meinem männlichen Bekanntenkreis von meinem Vorhaben erzählte, erntete ich beim Wort "Pussy-Pic" einige Lächler und verwirrte Blicke. Gehört das Zentrum unserer Weiblichkeit denn nicht zu unserer Sexualität? Sind Pussys peinlich oder sogar zum Schämen?


Auch bei VICE: SkirtClub: Der Nacktfoto-Leak


Vermutlich auch beeinflusst von der Pornoindustrie sind immer mehr Frauen unzufrieden mit dem Aussehen ihres Intimbereichs und an einer Schönheits-OP interessiert. Zwar gibt es für Österreich keine Statistiken dazu, aber der britische Gesundheitsdienst verzeichnete zwischen den Jahren 1998/99 bis 2004/5 eine Versechsfachung von Schamlippenkorrekturen.

Es ist verständlich, dass man sich nach drei Stunden Pornhub-Konsum fragt, ob die eigene Vulva nicht schöner wäre, wenn sie aussehen würde wie ein Burgerbrötchen, aus dem der Salat nicht links und rechts herausschaut. Zum Glück finde aber nicht nur ich diesen Gedanken überflüssig.

KünstlerInnen wie zum Beispiel Vanessa Leyßner zeigen, wie verschieden unser Geschlechtsorgan sein kann und rufen damit zu mehr Selbstbewusstsein auf. In ihrer Ausstellung "Down Below" zeigt sie in Gips gegossene Muschis von verschiedensten Frauen und in verschiedensten Formen. Sie selbst war erstaunt von der Diversität, die dabei entstand. Man muss sich eben daran gewöhnen, dass man meistens nicht so aussieht wie die Mädels im Playboy.

Bei Männern ist die Sache allein deshalb ein bisschen anders gelagert, weil der männliche Körper immer noch nicht so stark zum Objekt der Begierde gemacht wird wie der weibliche.

"Für uns Männer ist die Muschi doch wie ein Heiliger Gral, um den man ein bisschen kämpfen will."

Für den Sexualpsychologen Christoph Joseph Ahlers sind Männer, die Dick-Pics senden, oft "nicht sexuell freizügig und offen, sondern eigentlich sexuell selbstunsicher und gehemmt". Er ist Autor des Buches Himmel auf Erden, Hölle im Kopf – Was Sexualität für uns bedeutet , in dem er sich auch mit Sexting beschäftigt. Was er sagt, bestätigten auch meine Testobjekte. Sie erwarten sich von einem Dick-Pic eine rasche Entscheidung, ohne sich groß in Verführungstaktiken üben zu müssen. Das ist allerdings aus der Sicht der Frauen keine gute Taktik. Wir wollen erst mal wissen, was der andere im Kopf hat, bevor wir sehen, was er in der Hose hat.

Den meisten Männern hat mein intimes Foto allerdings gefallen und meine anfängliche Angst und Scham waren weitgehend unbegründet. Manche wurden offenkundig scharf davon, andere bedankten sich und gingen zu Smalltalk über. Mit einigen entwickelten sich sogar tiefgründige Gespräche über das Aussehen meiner Vulva. Und nein, man muss tatsächlich nicht aussehen wie ein frisch gebackenes Burgerbrötchen, um sich herzeigen zu können. Allerdings wurde mir auch schnell klar, dass die bloße Darstellung einer unbekannten Vulva genauso wenig automatisch erregend ist wie ein Dick-Pic. Mein Lieblingszitat: "Für uns Männer ist die Muschi doch wie ein Heiliger Gral, um den man ein bisschen kämpfen will".

Der Grund, warum Pussy-Pics kein Ding sind, ist vermutlich die Kombination aus gesellschaftlichem Druck und privater Scham, aus Schönheitsidealen und anerzogenem Feingefühl.

Jetzt, wo ich Genital-Pics von beiden Seiten kenne, kann ich sagen: Es gibt definitiv charmantere Wege, um seine sexuelle Bereitschaft zu kommunizieren. Ich gebe aber zu: Nachdem ich den Selbstversuch hinter mir hatte, fühlte ich mich unbesiegbar. Jetzt kann mir keiner mehr was. Meine Pussy ist schön. Genau wie jede andere Pussy auch. Penisse sind ebenfalls schön. Geschlechtsteile sind toll, Fotos davon sind kein Tabu, aber sie ungefragt zu verteilen, wird schnell genauso komisch für alle Beteiligten wie ein Gespräch über Analsex mit den eigenen Eltern. Ich werde in Zukunft jedenfalls wieder ein bisschen flirten, bevor ich den heiligen Gral offenbare.

Folge VICE auf Facebook, Instagram und Snapchat.