Hört uns endlich zu!

Menschen mit Behinderungen haben uns ihre Anliegen geschildert

Eine Woche lang haben wir unseren Instagram-Account als Sprachrohr für die Community zur Verfügung gestellt. Das ist dabei rausgekommen.

von Marie-Louise Lobmeyr
14 Dezember 2017, 5:00pm

"Hört uns endlich zu! – Der Instagram-Takeover von Menschen mit Behinderungen" fand vom 3.12. bis 8.12.2017 auf unserem Instagram-Account statt. Andreas Zehetner, der für die "Lebenshilfe Österreich" Menschen mit Behinderungen vertritt (er ist ein "Selbstverteter"), sowie seine Assistentin Marie-Louise Lobmeyr berichteten dort über Probleme und Wünsche der Community.

Dafür waren sie in Brüssel bei der Konferenz der europäischen Selbstvertreter. Mit der Hauptforderung – "Hear Our Voices!" – konnten wir uns in der Redaktion sehr anfreunden. Wir wollten die Community nicht nur zu Wort kommen lassen, sondern sie auch selbst über Anliegen berichten lassen.

Nachfolgend fasst Marie die Erlebnisse der Woche in ihren eigenen Worten zusammen.


Ich kenne Andreas seit 4 Jahren und helfe ihm bei Bedarf bei seiner politischen Tätigkeit als Selbstvertreter. Bei einem dieser Treffen wurden wir danach noch zu einem Gespräch mit der Kommunikationschefin der "Lebenshilfe Österreich" eingeladen. Sie erzählte uns vom Vorhaben von VICE, deren Instagram-Account einem Selbstvertreter übergeben zu wollen.

Am Anfang war ich sehr skeptisch. So eine Chance bietet auch viele Möglichkeiten für Fehlschläge, dachte ich. Ich hatte Angst, dass User auf Andreas oder mich losgehen. Außerdem wusste ich nicht, ob ich die Aufgabe so gut umsetzen würde können, wie ich es mir vorstellte. Mir war es wichtig, dass die Leute verstehen, was wir machen und was unsere Anliegen sind. Und dass nicht zwei beliebige Leute irgendwas auf Instagram machen.

Uns ist es wichtig, dass Menschen mit Behinderungen in allen Facetten der Gesellschaft sichtbar sind.

Andreas hingegen war von Anfang an super motiviert – auch, wenn er keine Ahnung von Instagram hatte. Er liebt es, Fotos und Videos zu machen. Als ich ihm dann erklärte, er könne damit auch seine politischen Anliegen transportieren, war er vollends überzeugt. Andreas liebt seine Aufgabe als Selbstvertreter. Er möchte die Anliegen seiner Kollegen in die Öffentlichkeit tragen. Auch in seinem privaten Umfeld labert er alle Leute voll, was sich in der Behindertenpolitik ändern muss.

Mir wurde dann auch klar, dass dies eine einmalige Gelegenheit ist, um Menschen für dieses Thema zu sensibilisieren. Vor allem, weil uns von VICE komplette Narrenfreiheit zugesichert wurde. Damit habe ich überhaupt nicht gerechnet. Es gab schon öfter Anfragen von Leuten, die behauptet haben, die Anliegen von Andreas zu unterstützen. Nur stellte sich dann heraus, dass sich die Anfangenden in den meisten Fällen einfach nur selbst gut darstellen wollten und Andreas als Mittel zum Zweck missbraucht haben.

Manchmal verstehen Andreas und ich nicht, warum es eine Konvention geben muss, um zu zeigen, dass alle Menschen dieselben Bedürfnisse haben.

So gab es einmal ein Treffen mit einer ranghohen österreichischen Politikerin, die sich die Anliegen der Selbstvertreter anhören wollte. Vor Ort zeigte sie jedoch wenig Interesse. Als die Community ihre Forderung vortrug, schrieb niemand von ihrem Team mit, sie nahm nur sehr wenige Wortmeldungen an und brach das Ganze vorzeitig ab. Für die Pressefotografen und das Kamerateam, das sie mitgenommen hatte, war aber genügend Zeit. Ihr PR-Mitarbeiter schickte dann Klienten weg, weil diese "zu schlecht angezogen" waren oder "zu offensichtlich behindert" ausgeschaut haben.

Deshalb hat es mich besonders gefreut, dass VICE uns auf Instagram machen hat lassen, was wir wollten. Dadurch konnten wir unseren Einblick sehr natürlich gestalten und mussten nicht darüber nachdenken, wie wir deren Anforderungen inszenieren können. Wir konnten unser eigenes Ding machen.

Uns ist es wichtig, dass Menschen mit Behinderungen in allen Facetten der Gesellschaft sichtbar sind. Dass sie nicht an den Rand gedrängt werden oder überhaupt nicht vorkommen. Auf Instagram zum Beispiel sind mir noch kaum Menschen mit Behinderungen aufgefallen. Und das obwohl 1,6 Millionen Österreicher beeinträchtigt sind. Mit der Aktion haben wir aber nicht nur diese Gruppe sichtbar gemacht. Aber gehen wir es Tag für Tag durch.

Sonntag

Sonntag sind wir von Wien nach Brüssel geflogen. Generell ist Reisen für Andreas stressig, weil er tendenziell länger braucht und die Menschen im Alltag dafür wenig Verständnis aufbringen. Ich glaube sogar, dass sie es oft nicht verstehen, warum er bei der Supermarktkassa länger braucht, um zu bezahlen. Weil Andreas außerdem schlecht sieht, hacke ich mich beim Gehen bei ihm ein. Das hilft aber nicht immer; oft sind Leute in ihn reingerannt, weil er die entgegenkommenden Leute nicht erkannte. Ansonsten ist an dem Tag nicht viel passiert. Nach dem Einchecken sind wir auf einen Punsch auf den Brüsseler Weihnachtsmarkt gegangen.

Montag

Montag war unser Vorbereitungstag für den Workshop, den Andreas bei der Konferenz gehalten hat. Dafür haben wir uns in ein Café gesetzt. Am Abend haben wir uns mit anderen Selbstvertretern der Konferenz-Veranstalter getroffen, um das weitere Programm der Tage zu besprechen. Im Video stellt sich Andreas vor und erklärt die Pläne für Brüssel.

Dienstag

Am ersten Tag der "Hear Our Voices!"-Konferenz haben wir den Vormittag mit dem Besuch von Vorträgen verbracht. Das war in Anbetracht der vielen verschiedenen Sprachen nicht ganz einfach. Am Nachmittag fanden die Workshops statt – unter anderem der von Andreas. Er erklärte anderen europäischen Selbstvertretern das sogenannte trialogische Prinzip. Das bedeutet: Nicht nur Angehörige sowie die Geschäftsführung, sondern auch Selbstvertreter sind in die Entscheidung der Lebenshilfe Österreich eingebunden. Das ist in Europa ziemlich einzigartig.

Mittwoch

Dieser Tag war dem EU-Parlament gewidmet. Die europäischen Selbstvertreter nutzten das Zusammentreffen, um ihre gemeinsame Strategie gegenüber der Politik abzustimmen. Die UN-Behindertenrechtskonvention von 2006, die neue Standards in der Behindertenpolitik setzen soll, ist in vielen EU-Ländern noch immer nicht vollständig umgesetzt worden.

So gibt es beispielsweise beim Wahlrecht viel Aufholbedarf. Eigentlich müsste sowohl die Wahlinformation, als auch der Weg zur Wahl barrierefrei sein, damit jeder auch sein demokratisches Recht wahrnehmen kann. Davon sind wir aber noch weit entfernt. Selbst Informationen, die angeblich in Leichter Sprache geschrieben worden sind, kann Andreas oft nicht lesen, weil die Standards für Leichte Sprache nicht eingehalten werden. Oder es – wie bei den politischen Parteien – nur zwei gibt, die es überhaupt versuchen. Außerdem ist das Internet in den meisten Fällen nicht barrierefrei.

Donnerstag

Am letzten Konferenztag haben wir alle Workshops besprochen, damit jeder zumindest die Ergebnisse gehört hat. Andreas hat viel Komplimente bekommen, weil sein Workshop sehr interaktiv gestaltet war. Am Ende waren sich alle einig, dass Selbstvertreter weltweit die gleichen Forderungen haben und solche Zusammenkünfte der einzige Weg sind, um auf diese aufmerksam zu machen.

Menschen mit Behinderungen wollen entscheiden können, wie und mit wem sie leben wollen und müssen die Möglichkeit haben, am regulären Arbeitsmarkt einen Job zu finden. So wie jeder andere verdienen sie einen fairen Lohn, eine Pension und eine Sozialversicherung. Manchmal verstehen Andreas und ich nicht, warum es eine Konvention geben muss, um zu zeigen, dass alle Menschen dieselben Bedürfnisse haben. Aber es braucht ja auch einen Verfassungsgerichtshof, um festzustellen, dass es diskriminierend ist, wenn manche Paare heiraten dürfen und andere nicht.

Fazit

Meine Angst war rückblickend grundlos, weil die User sehr interessiert waren und normaler mit dem Thema umgegangen sind als erwartet. Fast alle Rückmeldungen waren extrem positiv. Bei den vielen Komplimenten sind wir oft nur da gesessen und haben gegrinst.

Wir haben auch den Eindruck, dass wir mit der Aktion Menschen erreicht haben, die mit dem Thema bisher überhaupt nichts zu tun hatten. Leute, die sich vielleicht das erste Mal getraut haben, Fragen an einen Menschen mit Behinderungen zu stellen. Und mit unserer Antwort ist im besten Fall eine Barriere gefallen.

Bei der Konferenz haben wir gelernt, dass die Regelungen innerhalb der EU sehr verschieden sind und Menschen mit Behinderungen sehr unterschiedliche Chancen haben. Das muss sich ändern. Es müssen endlich alle Länder die UN-Konvention ratifizieren und – mindestens genauso wichtig – sie auch ordentlich umsetzen.

Ich wünsche mir, dass der Kellner nicht andauernd mit mir redet, sondern auch mal Andreas fragt, was er bestellen möchte.

Für die Zukunft haben Andreas und ich einige Wünsche. Wir hoffen, dass andere Medien die Aktion mitbekommen haben und sich auch einmal trauen, auf Minderheiten einzugehen oder ihnen sogar ein Sprachrohr zu geben. Ich hoffe, dass durch solche Aktionen Menschen mit Behinderungen irgendwann zum normalen Gesellschaftsbild gehören. Ich wünsche mir, dass der Kellner nicht andauernd mit mir redet, sondern auch mal Andreas fragt, was er bestellen möchte.

Wir hoffen, mit dieser Woche gezeigt zu haben, dass man keine Barrieren vor Menschen mit Behinderungen zu haben braucht. Dass sie Menschen mit "normalen" Bedürfnissen sind und selbstständig an der Gesellschaft teilnehmen wollen. An den Barrieren in den Köpfen der Menschen zu arbeiten, ist schwerer, aber gleichzeitig wichtiger als ein paar Rampen für falsch geplante Gebäude zu bauen.

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