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Am Land in Oberösterreich fortzugehen war immer schon furchtbar

In der oberösterreichischen Provinz aufzuwachsen, ist alles andere als spannend, wenn Fortgehen hauptsächlich aus Bierzelten und der Dorfdisko besteht. Ein paar Lichtblicke gab es aber für unseren Autor dann doch.

von Benji Agostini
25 Februar 2016, 12:10pm

Foto via Flickr | Uwe Schubert | CC BY 2.0

Ein sehr weiser Lehrer sagte mal zu mir: „Als Student gehst du jeden Tag fort und säufst, was willst du da in Gmunden?“ Ich bin in der oberösterreichischen Provinz aufgewachsen und bei der erstbesten Möglichkeit von dort abgehauen. Bis dahin musste ich mein Fernweh nach der großen Stadt—Wien hatte damals noch etwas romantisch-mysteriöses für mich—fortgehtechnisch irgendwie überbrücken. Zu meinem großen Nachteil hatte ich immer schon eine unerklärliche Lust auf musikalische Abwechslung und weniger Lust darauf eine in die Fresse zu kriegen, weil irgendeinem Typen gerade danach war. Wenn man solche absurd hohen Ansprüche an das Fortgehen am Land stellt, kann es schon mal schwierig werden, sich befriedigend zu besaufen. Irgendwie habe ich es aber dann doch geschafft vier Jahre lang nicht an der ländlichen Tristesse zu verzweifeln. Wahrscheinlich, weil ich wusste, dass ich irgendwann von dort flüchten kann. Ich habe mich nun ein—hoffentlich letztes—Mal an meine Fortgehzeit in Oberösterreich zurückerinnert.

Die Bierzelte

Bierzelte sind die Orte der Vermengung. Getrunken wird Bier mit Red Bull oder Cola, getanzt wird zu Rammstein- und Liquido-Covers, der lokalen Blasmusik und zu was sonst noch so gegrölt werden kann. Geschmust wird sowieso mit allem und jedem. Einer meiner Nachbarorte veranstaltet jedes Jahr eines der meistbesuchten Feuerwehrfeste der Region. Wir reden von 5.000 Bierbäuchen, verteilt auf drei Tage, in einem 1.900-Einwohner-Ort. Zum Kirchhamer Bierzelt gehen so viele Leute, dass man sich Vorverkaufskarten kaufen muss um am Abend dann auch wirklich reinzukommen. Auch wenn ich noch so wenig Lust darauf hatte, fand ich mich doch irgendwann auf Bierbänken mit einem halben Bier in der Hand rumspringen. So wurde mir das jedenfalls am nächsten Tag erzählt. Wirklich erinnern konnte ich mich nicht. War wohl ein Selbstschutzmechanismus meines Körpers. Zu einem zünftigen Bierzelt zählt natürlich auch die fast schon traditionelle Schlägerei. Ein Wunder, dass ich dabei bloß ein einziges Mal fast eine aufs Maul bekommen habe. Zum Glück blieb es bei einem „fast“, weil ein Freund meines Gegenüber mit meinem Vater regelmäßig Tennis spielt und uns davon abhielt, Argumente auszutauschen.

Foto vom Autor

Die Dorfdisko, die jedes Jahr anders heißt

Ich bin mir sicher, dass es in jedem Ort Österreichs diese eine Dorfdisko gibt, die alle paar Jahre ihren Besitzer und damit ihren Namen wechselt, im Prinzip aber immer gleich bleibt. In meinem Fall war das die Fuzzy-Bar, die mal zur Tenne wurde, dann aber wieder als Fuzzy-Bar zurückkehrte. Dorfdiskos sind die letzten Refugien, in denen sich die Dorfjugend von ihrer pursten Seite zeigen kann. Hier wird noch in Ed-Hardy-Shirts fortgegangen, so viel gesoffen, dass die Rettung an Wochenenden eigene Rettungswägen nur für ihre Besucher bereithalten muss und Meinungsverschiedenheiten fast ausschließlich mit Fäusten ausgetragen werden. Die Fuzzy-Bar ist eine ganz klassische Dorfdisko. Die wenigen Male, an denen ich mich nicht wehren konnte, dorthin verschleppt zu werden, waren dafür umso intensiver. Ich erinnere mich daran, dass „Barbie-Girl“ von Aqua lief und ich am total vereisten Parkplatz ausgerutscht bin und irgendwo hingekotzt habe. Legenden erzählen, dass Barbie-Girl heute noch läuft.

Der CC-Club, aka der Drogen-Metal-Keller

Das legendäre CC (kurz für Castle-Cellar-Club) in Eberstalzell verdient eigentlich einen eigenständigen Artikel. Seit 1977 trifft sich hier die Metal- und Gothik-Szene aus ganz Oberösterreich (OK, zumindest waren auch immer ein paar Linzer dabei) und alle, die nicht unbedingt in einer Dorfdisko oder der Tankstelle abstürzen wollen. Anfangs kannte ich das CC entweder nur aus Erzählungen meines Vaters, der dort früher auflegte, oder von irgendwelchen Horror-Drogen-Storys. Ich wollte mich selber von den Drogengeschichten überzeugen, habe dabei aber nie etwas mitbekommen. Vielleicht war ich dafür zu spät dran. Später stellte sich das CC als einer der wenigen Clubs heraus, in die ich regelmäßig gehen und dabei nie enttäuscht werden konnte. Von einem „Club“ kann man dabei aber eigentlich nicht sprechen. Vielmehr besteht das CC aus einem Keller mit Goth-Deko, einer Tanzfläche, auf die so 20 Leute passen und ein paar Sitzgelegenheiten.

Wer reden will, stellt sich auf die Stufen, die in das verrauchte Gewölbe führen, denn im Club selber dröhnt die Musik so laut, dass man sich nur auf Zeichensprache als verlässliches Kommunikationsmittel verlassen kann. Das Wichtigste war dort aber sowieso schon immer die Musik. Die Playlist änderte sich in den paar Jahren, in denen man mich regelmäßig im CC headbangen sah, so gut wie gar nicht. Es wurde Rammstein, Nine Inch Nails, sehr viel Marilyn Manson, aber auch ein paar Indie-Klassiker gespielt. Mittlerweile dürfen neben DJ Hans, damals der einzige Haus-DJ, auch noch zwei jüngere DJs auflegen und wahrscheinlich hat sich die Playlist auch schon etwas verändert. Ich bin mir aber sicher, dass „The Beautiful People“ immer noch jedes Wochenende läuft und ich bald mal wieder dort unten stehen werde.

Foto vom Autor

Die Grindfestl

Unter „Grindfestl“ verstehe ich Technoveranstaltungen, für die einmal im Jahr irgendwo in einem Feld ein Zelt aufgestellt wurde, damit man sich zu Musik besaufen konnte. Also im Prinzip Bierzelte, nur mit mehr Bacardi Breezer und Techno. Die nennen sich dann November Rain, Dance Session oder Alcatraz. In diese Zelte quetschen sich dann mehrere vollzählige Landjugenden der umliegenden Orte um ihre neueste Lederhose vorzuführen oder so. Ich habe bis heute keine Ahnung, warum man freiwillig auf so etwas gehen will. Dass diese Grindfestl meistens in den kalten Jahreszeiten stattfinden, hält die Leute nicht davon ab, ihre Jacken zuhause zu lassen und nur im Shirt oder mit Minirock und Stöckelschuhen aufzutauchen. Man muss halt zeigen, was man hat und wenn es keine Hektar sind, dann ist das eben der Body. Ich habe bis heute beides nicht, also habe ich lieber versucht am nächsten Tag nicht mit einer Lungenentzündung im Bett zu liegen, nachdem ich doch irgendwann überredet wurde, dort mal hinzuschauen. Ich fühlte mich letztlich ein bisschen verarscht, weil auf der November Rain zwar ein „Alternative-Floor“ angekündigt wurde, dort dann allerdings nur sowas wie 50 Cent lief. Nichts gegen Fiddy, ich hoffe er übersteht seinen Bankrott, aber ich hatte andere Vorstellungen von alternativer Musik. Die Grindfestl verdienten ihren Spitznamen jedenfalls allemal.

Hauspartys

Weil es am Land nur sehr begrenzte Fortgehmöglichkeiten gibt und diese sich zum Großteil so gut wie gar nicht unterscheiden, mussten wir eben unsere eigenen Partys machen. Und weil es immer jemanden mit einem sturmfreien Haus oder Bauernhof gab, haben wir dort unseren Exzess ausgelebt. Üblicherweise drückte man dem Gastgeber fünf Euro in die Hand, der kümmerte sich dafür um die Bier- und Weinversorgung. Wenn die Partys wirklich groß waren, haben wir die Anlage meines Vaters angeschleppt, samt Lichtanlage. Erklärung: Mein Vater war neben Vizebürgermeister auch DJ, den man für Hochzeiten und solchen Scheiß buchen konnte. Natürlich kümmerte sich während der Party niemand darum, wie das Licht gerade aussah, also lief das Stroboskop einfach die ganze Nacht durch. Dass dabei niemand einen epileptischen Anfall erlitt, kann man als glücklichen Zufall beschreiben. Nach solchen Partys verstanden wir es als Ehrensache dem Gastgeber beim Aufräumen zu helfen. Leider wusste damals noch niemand, was Ehre eigentlich bedeutet. Sorry Michi, Simon, Matsi, Karin und allen, denen ich noch einmal meine Aufräumdienste schulde. Ich kann gerne mal zu euch kommen und euer Zimmer staubwischen oder so. Hit me up.

Foto vom Autor

Das Gei in Timelkam

Abgesehen davon, dass am Land niemand ohne Auto überleben kann, ist auch Fortgehen eine organisatorische Sisyphusarbeit. Selbst wenn sich jemand als Fahrer erklärt, besteht immer die Gefahr, dass auch der irgendwann drauf scheißt und plötzlich mit Vollrausch dasteht. Um gute Musik zu hören, haben wir trotzdem sehr oft längere Autofahrten auf uns genommen. Zum Beispiel ins Gei in Timelkam, der einzige Club in unserer Umgebung, der damals schon guten HipHop, Indie und Elektronik gespielt hat. Wie man auf dem Foto sehr gut erkennen kann, ging es im Gei eher gesittet zu und das Hauptaugenmerk lag auf der Musik. Wir haben es dann auch echt immer ohne Probleme nach Hause geschafft und nie im Winter in irgendwelchen Baucontainern auf der Straßenseite schlafen müssen. #blessed

Benji ist jetzt älter und auf Twitter: @lazy_reviews

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