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17 Alben, die nicht so tiefgründig sind wie du denkst

In unserem ständigen Streben danach, wie überaus kultivierte Individuen rüberzukommen, haben wir uns bei der Beurteilung dieser Platten vielleicht etwas mitreißen lassen.

12 November 2015, 6:00am

Niemand will gerne dumm sein. Abgesehen von Menschen, die sich Böhse Onkelz-Aufkleber auf die Heckscheibe ihres Autos kleben, versuchen wir alle, uns schamlos oberhalb des intellektuellen Durschnitts zu positionieren. Beispiel gefällig? Hast du jemals einen Artikel auf Noisey gelesen? Darin geben wir alle gerne mit unserem überaus intelligentem und kultiviertem Film-, Serien-, Bücher- und Musikgeschmack an. Wenn man aber einen Schritt zurück geht und sich diese Dinge genauer anschaut, die von uns allen so sehr geschätzt werden—Dinge, die wir zu Aushängeschildern unseres exquisiten Geschmacks gemacht haben—dämmert es einem manchmal, dass Filme wie Garden State und Bücher wie Fight Club nicht gerade zu den großen Glanzleistungen der Unterhaltung gehören, die unsere Gesellschaft bislang hervorgebracht hat. Hier sind also ein paar Alben, die wir zu Symbolen unseres guten Musikgeschmacks gemacht haben—und nein, es sind nicht wirklich schlechte Alben, aber bei näherer Betrachtung, sind sie doch weitaus banaler, als wir immer dachten.

Metallica—Master of Puppets

Master of Puppets ist ein fast perfektes Album und jeder, der etwas anderes behauptet, hat keine Ahnung. Es steht auf einer Stufe mit Reign in Blood und Number of the Beast und ich liebe es wirklich über alles. Davon abgesehen lobt die Hälfte aller Reviews das Album für seinen vernichtenden „soziopolitischen Kommentar“ und das ach so mutige Ansprechen von „Tabu“-Themen wie Krieg und Drogenmissbrauch in den Himmel. Ernsthaft, das muss aufhören. Auch wenn Metallica auf dem Album wirklich etwas zu sagen hatten und dies auch noch in der coolsten Art und Weise überhaupt taten, so lässt sich der „soziopolitische Kommentar“ auf eine 08/15-Interpretation der Sorgen in der Reagan-Ära runterbrechen.

Ja, was bietet das Album eigentlich? Einen Song darüber, sauer zu sein und Sachen kaputt zu machen. Einen Song über zu viel Koks. Einen Song darüber, dass psychiatrische Anstalten früher schlecht waren. Einen Song darüber, dass Krieg schlecht ist. Ein Song darüber, dass Religion und Fernsehprediger schlecht sind. Ein Song ohne Worte. Ein weiterer Song darüber, angepisst und gewalttätig zu sein. Ein von Lovecraft inspirierter Song. Und das war’s. Das ist alles, worum es bei Master of Puppets geht: sauer sein, Drogen nehmen und Monster cool finden. Das Album selbst ist der Hammer. Cliff Burtons Bass-Solo war eine Offenbarung und James Hetfield sollte nie mehr so cool klingen wie hier ... Aber wie bei den meisten „intelligenten“ Metalbands ist der Tiefgang in Wahrheit nicht wirklich so tiefgängig.
Kim Kelly

The Who—Tommy

Erinnerst du dich noch an diese Szene in Almost Famous, in der Zooey Deschanel Patrick Fugit einen Zettel hinterlässt, auf dem steht: „Mach dir eine Kerze an und leg Tommy auf. Du wirst deine Zukunft sehen“?

Wir wollen fair bleiben. Immerhin ist das ein ziemlich solider Ratschlag von einer rebellischen 18-Jährigen an ihren nerdigen kleinen Bruder in den frühen 70ern—vor allem, wenn sie mit „Kerze“ eigentlich „Drogen“ meint und mit „du wirst deine Zukunft sehen“ ... hm ... „du wirst eine schwere Jugend haben, Flipper-König werden und eine Sekte starten“?

OK, Tommy—besonders als Film—ist unglaublich, vor allem wenn du dir ein paar „Kerzen“ angezündet hast. Es ist fantastische und aufrichtig gefühlvolle Rockmusik. Noch mehr, Tommy ist eine Momentaufnahme aus der musikalischen Blütezeit, in der im Rock und Pop noch rücksichtslose Kreativität herrschte und Künstler keine Angst davor hatten abzudrehen. Selbst heute stellt das Album für ganz neue Generationen bekiffter Studenten den ersten Kontakt mit der Welt des Bizarren dar. Das alles ändert aber nichts an der Tatsache, dass Tommy ein unglaublich durchwachsenes Konzeptalbum ist, das noch nicht mal einen Hehl daraus macht, keine wirkliche Handlung aufzuweisen. Nur weil man etwas absichtlich vage hält und überreizt, heißt das noch lange nicht, dass dabei etwas Tiefgründiges entsteht. Also Tür zu, Lautstärke aufdrehen und anzünden, was auch immer dir beliebt! Aber genau wie bei Cameron Crowes Ode an den Rock und so ziemlich allem anderen, was du mit 16 toll gefunden hast, gilt: bitte versuch nicht, zu viel hinein zu interpretieren.

Andrea Domanick

The Mars Volta—De-loused in the Comatorium

The Mars Volta sollten einen gewollt drastischen Richtungswechsel der ehemaligen At the Drive-In-Mitglieder darstellen, der ihnen auch grandios gelungen ist. Ihr Debütalbum De-loused in the Comatorium war verdrogter, mutiger und insgesamt abgedrehter als alles, was ATDI bis dahin gemacht hatten. Die Texte allerdings ergaben hinten und vorne keinen Sinn. Alles kann für unglaublich tiefgründig gehalten werden, wenn man es nicht versteht. Da hätten wir zum Beispiel solche Perlen wie „Transient jet lag ecto mimed bison / This is the haunt of roulette dares / Ruse of metacarpi“. Komplett sinnfreies Kauderwelsch! Als hätte man blind in einen Sack Kühlschrankmagneten des Typs „Peyote Edition“ gegriffen. Das ist an sich auch gar kein Problem. Es kann ganz cool sein, Texte als rein klangliche Elemente zu verwenden, aber lasst uns bitte damit aufhören, so zu tun, als würden diese Worte mehr bedeuten, als irgendein Schwachsinn, den jemand während eines Meskalinrauschs hingekritzelt hat.
Dan Ozzi

The Beatles—Sgt. Pepper's Lonely Hearts Club Band

Es gibt zwei Arten von Menschen, die Drogen nehmen: Diejenigen, die Drogen nehmen, und diejenigen, die darüber reden, wie sie Drogen nehmen. Sgt. Pepper’s Lonely Hearts Club Band der Beatles ist im Endeffekt letzteres in Musikform. Versteh mich bitte nicht falsch: Die vier Jungs mit den bescheuerten Frisuren haben hier eines der wundervollsten und fortschrittlichsten Alben der modernen Musikgeschichte abgeliefert und ich bin mir ziemlich sicher, dass mich mein Vater enterben würde, wenn ich darüber nur ein schlechtes Wort verliere, aber der lyrische Anspruch dieses Albums befindet sich intellektuell etwa auf dem Niveau der Unterhaltungen, die ich letzten Samstag um 3 Uhr morgens nach gefühlten 37 Bier geführt habe. Auf der Platte gibt es zum Beispiel einen Song mit dem Namen „Fixing a Hole“, in dem Paul McCartney zweieinhalb Minuten die geistigen Vorzüge des Heimwerkens preist. Und dann gibt es noch einen Song über einen Typen namens Mr. Kite und Trampoline. Mit „Lucy in the Sky with Diamonds“ wird es dann aber so richtig subversiv. Denn, hey, der Song handelt von LSD (Lucy/Sky/Diamonds, Ha!). Nichtsdestotrotz ist das Album wundervoll und „When I’m Sixty-Four“ ist ein toller Song, den mein Vater für meine Mutter bei ihrer Hochzeit gespielt hat. Inhaltlich wird es auf der Platte allerdings nicht tiefgründiger, als in der leeren Kaffeetasse auf meinem Schreibtisch. Also hören wir doch auf, so zu tun, als wäre das hier etwas anderes als 13 Songs, die alle in unterschiedlichen Formen die gleiche Aussage haben: „Drogen sind cool“. (Nicht, dass wir uns missverstehen, Drogen sind cool.)
Eric Sundermann

The Smashing Pumpkins—Mellon Collie and the Infinite Sadness

1995 befanden sich die Smashing Pumpkins, vom Erfolg ihres Durchbruchsalbums Siamese Dream befeuert, auf einem Höhenflug und dieses Album sollte das Quartett schnurstracks auf den Gipfel des Alternative-Rock-Berges hieven, wo sie kommerziellen Erfolg und gute Kritiken miteinander vereinten (ein erster Platz in den amerikanischen Albumcharts, sieben Grammy-Nominierungen, Abermillionen verkaufte „Zero“ T-Shirts). Und an der Spitze stand der zunehmend kahler werdende Billy, der einerseits platinbesetzte Prahlerei ausstrahlte, sich aber gleichzeitig als unzufriedener Außenseiter gab. „I fear that I am ordinary / Just like everyone“, heißt es in seinem unverkennbaren nasalen Tonfall. In vielerlei Hinsicht ist dieses Album—28 Songs schwer—sein Versuch, zu beweisen, dass er Alles und Nichts ist. Selbst die Songtitel stöhnen und ächzen unter den hochtrabenden Ambitionen des Sängers: „Porcelina of the Vast Oceans“, „Where Boys Fear to Tread“ oder „Tales of the Scorched Earth“.

„I sensed my loss before I even learned to talk“, quengelt er in „To Forgive“ und an anderer Stelle heult er: „GOD IS EMPTY / JUST LIKE ME!“ Wir wissen beide ganz genau, wie sehr du dir beim Mitsingen damals die Stimmbänder malträtiert hast—Billy berührt einfach meine Seele. Er ist ein Virtuose! Hör nur, wie er schreit! Aber machen wir mal besser halblang. Die Platte ist nicht halb so schlau, wie dein Teenager-Ich damals gedacht oder Billys künstlerisches Ego es intendiert hatte. Mellon Collie ... ist nichtsdestotrotz ein mutiges Album, zum Teil etwas überladen, manchmal geradezu zuckersüß („Only Come Out at Night“) und ein wirklich guter Soundtrack, zum Sachen kaputtmachen („X.Y.U.“). Wenn er es nicht gerade zu sehr drauf anlegt, kommuniziert Corgan seine Empfindsamkeit mit einem Feingefühl, das lange nachklingt. Das Album enthält Songs, die einem wesentlich mehr Trost spenden als ein Kuschelkissen. Und natürlich gibt es hier auch noch das Kronjuwel—eine der besten Indie-Rock-Singles, die je geschrieben wurde: „1979“. Es gibt nur wenige Songs, die so mühelos die jugendliche Unbesonnenheit einfangen. All das geht zwar nicht besonders tief ans Eingemachte, aber das heißt nicht, dass du es nicht genau dort spürst, wo du es spüren solltest.

Kim Taylor Bennett

Green Day—American Idiot

American Idiot ist ein Punkrock-Oper-Konzeptalbum, dessen komplettes Konzept sich auf zwei Worte runterbrechen lässt: „Regierung" und „schlecht.“ Und das ist jetzt gar nicht unbedingt als Kritik gemeint. Die Regierung ist ja auch ... schlecht ... und jede neue Generation sollte das schon in jungen Jahren eingeimpft bekommen. Als Erwachsene können wir allerdings einen Blick auf American Idiot werfen und uns darauf einigen, dass Green Day mit ihren breitgefächerten, verallgemeinernden politischen Aussagen das Rad nicht gerade neu erfunden haben. Und wir können uns erst recht darauf einigen, dass wir bestimmt kein Broadway Musical darüber gebraucht haben, dass jemand merkt, dass die Medien eine Agenda verfolgen und George Bush scheiße ist.
Dan Ozzi

Neutral Milk Hotel—In the Aeroplane Over the Sea

Die Geschichte darüber, wie In the Aeroplane Over the Sea sein thematische Richtung bekam, ist inzwischen weithin bekannt: Jeff Mangum hatte das Tagebuch der Anne Frank gelesen und war am Boden zerstört. Dem Puncture Magazin gegenüber sagte er (in einem Interview, das später in voller Länge von Pitchfork veröffentlicht wurde): „Jede Nacht träumte ich davon, eine Zeitmaschine zu haben, irgendwie durch die Zeit reisen zu können und Anne Frank zu retten.“ Diese Aussage allein hat ganz eigene Formen der Überanalyse ins Rollen gebracht—in einem nicht ganz ernst gemeinten 4chan-Thread wurde eine Verschwörungstheorie zusammengesponnen, in der Mangum das tatsächlich gelingt. Es erklärt auch mehr über das literarische Element dieses Albums, als die meisten Fans wohl zugeben möchten (man muss wirklich kein Atomphysiker sein, um die Bedeutung hinter Textzeilen wie „then they buried her alive / One evening 1945“ aus „Holland, 1945“ herauszufinden). Auch wenn viele Teile der Lyrics verschachtelt und unzugänglich sind und—weil sie randvoll mit sexuellen und religiösen Anspielungen sind—man meint, sie minutiös sezieren zu müssen, so scheint die Erklärung für alles doch recht einfach zu sein: Es sind vor allem Traumbilder, die fesselnde Textabschnitte hergeben. Sex und Religion sind so etwas wie das Einmaleins des Surrealismus. Wirf mal einen Blick auf ein Gemälde von Salvador Dali und dann auf Jeff Mangums Texte und du wirst merken, wie einzigartig undurchdringbar seine Worte wirklich sind. Wie Mangum im gleichen Interview sagte, war der Schreibprozess nicht besonders kopflastig und sein Kopf ist natürlich dafür prädisponiert, in seinen Träumen zu schwelgen—wodurch nicht selten Religion und Sex an die Oberfläche befördert werden. Wenn man sich auf den thematischen Überbau von In the Aeroplane Over the Sea fixiert und Mangum bittet, seine Message zu erklären, dann hat man alles von vornherein nicht verstanden.

Das heißt jetzt aber nicht, dass das Album keinen Tiefgang besitzt. Ganz im Gegenteil! Es ist nur so, dass die Erklärung des Albums ziemlich einfach ist—die damit einhergehenden Implikationen reichen jedoch tief. Natürlich ist Aeroplane ein Konzeptalbum, aber sein wichtigstes Konzept ist die radikale Empathie—die Annahme, dass die Geschichte und die Menschheit vielleicht am besten verstanden werden können, wenn man tief in die Psyche einer Person eintaucht. Es ist nicht besonders tiefgründig, Texte zu schreiben, die gar nicht mal so subtil vom zweiten Weltkrieg handeln; genau so wenig tiefgründig ist es, zu suggerieren, dass die Realität bloß ein großer Traum ist—es gibt gute Gründe, warum manche Philosophie-Professoren es streng verbieten, Matrix zu diskutieren—, aber wenn man knietief durch die Träume eines anderen watet, kann man eine Menge emotionaler Tiefe finden. Mach einfach nur nicht den Fehler, dein Gefühl persönlicher Verbundenheit in Anmerkungen zu den Texten bei RapGenius auszuleben.

Kyle Kramer

The War On Drugs—Lost in the Dream

The War On Drugs werden derartig von der Kritik abgefeiert, dass Adam Ganduciel sich eigentlich „Fünf Sterne. Großartig“ auf seinen Hintern tätowieren lassen müsste. Überall wird behauptet, dass hier ein tiefgründiges und vielschichtiges Trennungsalbum vorliegt—„erstaunlich und tiefsinnig“, wie Pitchfork es formulierte—weil es im Zuge von Granduciels Trennung entstanden ist und eine Menge netter Referenzen an ein Leben voll ewiger Leere in den Lyrics versteckt sind.

Das ist natürlich schon eine verdammte Coverstory wert, wenn die Realität so aussieht, dass alle Musik-Journalisten, die mit einer ausgewogenen Diät aus Bruce Springsteen, Steaks, billigem Scotch und Magnum-Marathons erzogen wurden, das letzte Jahrzehnt damit verbringen mussten, so zu tun, als wären sie davon überzeugt, Beyoncé sei ein Genie und Lil Wayne hätte den Song des Jahres geschrieben, während sie ihre eigentliche Berufung ständig verleugneten—die da wäre, in einer Jeansweste durch die Straßen der Arbeiterviertel Amerikas zu ziehen und lauthals Rockhymnen zu singen.

Deswegen lieben sie dieses Album auch so sehr—nicht etwa, weil sie sich dadurch einsam fühlen, sondern weil es ihnen ein Gefühl von Sicherheit gibt. Dieses Album ist mit der Tiefgründigkeit seiner Introspektion so dermaßen zufrieden, dass die Songs oft kaum ein Ende finden und stattdessen in mäandernden und belanglosen Jams auslaufen—als würde Anton Newcombe in einem Gitarrenladen schlafwandeln. Selbst die flotteren Stücke klingen wie Warteschleifenmusik aus den 80ern. Und obwohl ständig bei allem mitschwingt, dass sich unter all dem ein Abgrund voller Dunkelheit befindet—und man außerdem nichts von dem Gesang versteht—können Kritiker behaupten, dass sie hier ein wahres Opus über den Zustand der Menschheit vorliegen haben. In Wahrheit lieben sie es aber nur, weil es wie die Musik klingt, die ihre Väter damals gehört haben, als diese sie noch mit Zuneigung bedacht haben. Im Grunde ist das ganze Album nichts anderes als Dire Straits auf Schlaftabletten.

Sam Wolfson

Muse—Black Holes and Revelations

Wenn du irgendeinen Beweis dafür brauchst, dass Muse Musik für pseudointellektuelle Spinner machen, dann bitteschön: Muse ist die Lieblingsband von Glenn Beck.
Dan Ozzi


Joey Bada$$—B4da$$

Niemand sagt, dass Joey Bada$$ kein guter Rapper ist. Er kann geschickt mit Worten umgehen und hat vor allem in seinen aktuelleren Guest-Verses gezeigt, dass er sich stilistisch durchaus erweitern kann, um neue Deliveries rauszuhauen. Aber diese Vorstellung, dass niemand so real ist und die Dinge so sehr auf den Punkt bringt wie Joey Bada$$ ist dann doch etwas übertrieben, wenn die größten Rapper der USA—Kendrick Lamar und Kanye West zum Beispiel—auch wohldurchdachte Beiträge über Hautfarbe, Identität und Kapitalismuskritik abliefern. Viele von Joey Bada$$s Lyrics, die sich selbst besonders clever geben, sind selten viel mehr als ziemlich einfache Wortassoziationen: Wie ist er bloß auf das Wort „Cattle“ gekommen, als er über „Beef“ gesprochen hat?! Vielleicht weil beide Dinge direkt miteinander verbunden sind!?! Also lasst uns nicht so tun, als würde Young Thug den Rap ruinieren, weil er Metaphern darüber vom Stapel lässt, welchen Gemüsesorten seine Hosentaschen ähneln, und Joey Bada$$ Rap retten, indem er „lyrical fajitas“ mit „Vegeta“ reimt. Es ist ziemlich unrealistisch, so viel in das hineinzuinterpretieren, was er tut. Joeys Wortspiele können durchaus Spaß machen, aber oftmals geht es in seinem Rap einfach nur um Rap selbst. Man sollte sich den ganzen Spaß nicht mit dem Versuch irgendwelcher tiefgründiger Deutungen versauen.
Kyle Kramer

Coheed and Cambria—Good Apollo, I'm Burning Star IV, Volume One: From Fear Through the Eyes of Madness

Hast du jemals den Fernseher eingeschaltet hast und bist bei einem Science-Fiction-Film hängen geblieben, der schon seit einer Stunde lief, sodass du keinen Plan hattest, worum es eigentlich ging? Tja, genau so fühlt es sich an, dieses Album zu hören—wie auch bei Coheed and Cambrias vorherigen Konzeptalben, die sich ebenfalls an der Story einer Comicserie orientierten. Es ist etwas unfair, zu behaupten, dass es nicht besonders tiefgründig ist, da hier das Problem eher darin besteht, dass die Band sich zu tief in ihre nerdige Weltraumwelt vergraben hat, als dass irgendjemand Außenstehendes noch verstehen konnte, worum es überhaupt geht. Allein der Titel des Albums lässt auf einen totalen Realitätsverlust schließen. Und von da an wurde es nur noch esoterischer: Good Apollo, I'm Burning Star IV, Volume Two: No World for Tomorrow; In Keeping Secrets of Silent Earth: 3; In Blowing a Robot on Silent Age Prophecy XXVI: Thee Earthening 8 (Starship X)
Dan Ozzi

Lupe Fiasco—The Cool

Der beste Song von Lupe Fiascos Debütalbum ist „The Cool“—ein Song, der die Geschichte der Widergeburt von Michael Young History erzählt, einem Mann der beim Verfolgen seiner Straßenträume gestorben ist. Der Track stach auf Food & Liquor heraus—einem Album, das sich stilistisch in alle möglichen Richtungen erstreckte. Da sich der Song als gut bewährt hatte, entschied sich Lupe dazu, das Ganze etwas auszubauen, indem er ein komplettes Album darum herum konzipierte und zwei neue Charaktere hinzufügte: The Streets und The Game. The Cool (das Album) war klanglich besser als Lupes Debüt und wurde von vielen schnell als intelligent bezeichnet, weil es sich um drei thematische Charaktere drehte. Tatsächlich waren aber die beiden besten Songs des Albums diejenigen, die sich nicht an das Skript hielten: „Hip-Hop Saved My Life“ und „Dumb It Down“. Auch wenn The Cool als schlau angepriesen wurde, war es nicht wirklich schlauer als jedes andere gute Rap-Album, bei dem sich alles um die inneren Dämonen des Künstlers dreht.
Slava Pastuk

The Smiths—The Queen Is Dead

The Queen is Dead ist eins der wundervollsten Alben, das je gemacht wurde. Es ist tottraurig, lustig und eine herausfordernde, in die Luft gestreckte Faust der Working Class, deren Leben vom Thatcherism in Mitleidenschaft gezogen worden war. Außerdem ist es total lächerlich.

Die Tatsache, dass es von so vielen als eins der größten Alben der letzten 30 Jahre aufgezählt wird, zeigt nur, wie viele Leute von Selbstmittleid angesprochen werden. Der Titel könnte eine Referenz an Letzte Ausfahrt Brooklyn, Macbeth und Cymbeline sein, aber—wie so oft der Fall bei Morrissey—diese literarischen Auswüchse überdecken den wahren Kern des Albums, der in erster Linie darin besteht, dass Steven sich verdammt schön ausheult. Zwischen „to die by your side is such a heavenly way to die“ und „sometimes I’d feel more fulfilled making Christmas cards with the mentally ill“ hat sich in der ganzen Geschichte der Popkultur noch niemand so sehr selbst bemitleidet wie Morrissey auf The Queen is Dead. Solltest du jemals ein Trinkspiel zu dem Album machen und zu jeder Textzeile, in der es darum geht, wie einsam und missverstanden er sich fühlt, einen Kurzen heben, würde sich dein Körper schneller verabschieden als ein Dönerwagen während einer Morrissey-Festivalperformance. Natürlich ist die ganze Ironie und das ständige Zwinkern, die das Album durchziehen und das ganze Elend ständig begleiten, genau das, was die Smiths so großartig macht. Aber wir sollten The Queen is Dead nicht für etwas anderes halten, als das, was es ist: Der Goldstandard für Teenagertagebücher.

Emma Garland

Pink Floyd—Dark Side of the Moon

Pink Floyd machen verklärte Kiffermusik und das weißt du. Und wie jeder verklärten Kiffermusik ist auch Dark Side of the Moon ein gewisser philosophische Gehalt zugesprochen worden. Wenn man aber Dark Side of the Moon-T-Shirts und -Poster an jedem Würschtelstand kaufen kann und der kulturelle Hauptanreiz in ein paar Lichtstrahlen besteht, ist die Zeit für die Frage reif: Ist es wirklich so tiefgründig oder bist du gerade einfach nur unglaublich high?

Du weißt bestimmt noch, was John Waters gesagt hat: „Wenn du mit jemandem nach Hause gehst und die Person keine Bücher hat, dann fick nicht mit ihr.“ Das gleiche sollte man über Menschen mit Dark Side of the Moon-Merch sagen. Erklärt mir doch bitte, was so unglaublich tiefgründig daran sein soll, einen Cha-Ching-Sound mit einem Tape-Loop zu spielen? Wenn du wirklich an subversivem Kapitalismus interessiert bist, dann bist du bei Zoolander besser aufgehoben.

Bryn Lovitt

Rage Against the Machine—Rage Against the Machine

Ich bin mit Rage Against the Machine groß geworden. Sie waren mein erstes Konzert und mein erstes Band T-Shirt. Wir dachten wirklich, dass ihre Musik die Kraft haben würde, uns dabei zu helfen, die Welt zu verändern. Ich hatte jetzt 20 Jahre, um darüber nachzudenken, was am Ende aus jugendlicher Rebellion wird—und ich muss sagen, es ist nicht gerade schön. Jahrzehnte nach RATMs bahnbrechendem Debüt sind die politischen Wirrköpfe noch wirrer, Kriege toben weiterhin auf der ganzen Welt und die amerikanischen Cops drücken immer noch viel zu gerne den Abzug. Von gleichen Rechten für alle lässt sich ebenfalls nicht wirklich reden. Mumia sitzt immer noch im Knast. Jugendliche Rebellion ohne Fokus und ohne Organisation verstreut sich in alle Winde. Löst sich auf. Wir hatten es, sie haben uns gefickt und wir haben verloren.

Rage Against the Machine ist ein Monument des besserwisserischen Polit-Aufrührers, der keinen anderen Plan hat, außer den bestehenden Plan in Stücke zu reißen. Es ist randvoll mit eingängigen Slogans, aber es mangelt an konstruktiven Vorschlägen. „Fuck you, I won't do what you tell me!” „Wake up! We gotta take the power back!” „We'll settle for nothing now, and we'll settle for nothing later!” Das fühlt sich alles gut an, aber es tut nichts Gutes. Ich liebe die Platte immer noch von Herzen, aber es ist sinnlos, alle anzubrüllen, dass sie aufwachen sollen, wenn man keinen Plan hat, was sie machen sollen, wenn sie denn wach sind.

Craig Jenkins

Kanye West—Yeezus

Die Kritiker haben Yeezus geliebt—natürlich haben sie das. Es war immerhin ein unglaublich ausgefallenes HipHop-Album (wenn ein paar aufgewärmte 90er-Jahre-Industrial-Elemente einzubauen als ausgefallen gilt). Bei den vielen musikalischen Elementen, die bis dahin noch nie auf einem HipHop-Album gehört oder gesehen worden waren, konnten die Reviewer für ihre Lobeshymnen endlich mal völlig andere Synonyme verwenden. Aber auch wenn viele auf das Album als den Beginn einer radikal neuen HipHop-Ära verweisen, haben wir es bei dem revolutionären Genie Kanye West tatsächlich mit jemandem zu tun, der damals schon Millionär war und ein paar Jahre zuvor noch Werbung für Pepsi gemacht hat. Und das, was wir in dem „Punk-Rap-Manifest“-Track „Black Skinhead“ vorfinden, war ein Mann mit einem fehlgeleiteten Gottkomplex, der einen Song darüber geschrieben hat, dass ein Modedesigner bei der Fashion Week seine Gefühle verletzt hatte. Kanye verweist oft auf den zweiten Verse von „New Slaves“ als einen der besten, den er je geschrieben hat. Und es ist definitiv ein guter Verse über den Gefängnis-Industriekomplex und Kanye befindet sich immer noch weit, weit vor dem Großteil seiner Kollegen, aber wenn wir mal alles Klangliche beiseite schaffen und nur einen Blick auf die Lyrics werfen, dann ist es einfach das Gleiche, was Kanye West auf all seinen anderen Alben schon gesagt hat—nur dieses Mal hat er vorher Nine Inch Nails gehört. Es ist verlockend, auf Kanye zu zeigen und Yeezus als einen Fall in der Art von Des Kaisers neue Kleider zu nennen, aber das wäre irreführend, denn alles, was Kanye hat, sind Kleider.
Dan Ozzi

Radiohead—Kid A

Das Album ist das musikalische Äquivalent dazu, morgens aufzuwachen und zu merken, dass heute der Abgabetermin für einen Essay ist, den man natürlich nicht geschrieben hat. Also saugt man sich irgendwelchen pseudophilosophischen Mist aus den Fingern und hofft, dass alles hinhaut, nur um es dann zurückzubekommen und gefragt zu werden, ob man es nicht in einer wissenschaftlichen Zeitschrift veröffentlichen möchte, weil es so verdammt „revolutionär“ sei.

Niemand sagt je ein Wort darüber, dass es bei diesem Album eigentlich um nichts geht. Es hat keinen Zweck, keinen tieferen Sinn. Es ist lediglich das Ergebnis von Thom Yorks Schreibblockade und dem Rest, der sagt: „Klar, mach doch, was du willst. Uns egal. Du bist Radiohead!“

Kid A ist eine einzige lange Panikattacke—ein langes unzusammenhängendes Myspace-Gedicht von diesem komischen Typen aus der Mittelstufe, dem einer dabei abging, anderen Angst einzujagen und der jetzt eine Fachhochschule in einem anderen Bundesland besucht und rassistische Memes auf Facebook postet. Es ist ein einziger manischer Liebesbrief an eine Ex, mit der es zwar schon seit acht Jahren aus ist, die der Typ aber einfach nicht aus dem Kopf bekommt.

Das Album ist super, aber, Jungs, was zur Hölle geht hier eigentlich ab?!

Annalise Domenighini

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