Anzeige

4000 Euro ärmer und den ganzen Körper voller Tattoos – das Leben eines ehemaligen Lady-Gaga-Fans

Die 21-jährige Rosa war von Lady Gaga besessen. Dann ist sie erwachsen geworden.

30 November 2015, 6:00am

Einige Dinge, die du in deiner Jugend machst, können dich den Rest deines Lebens verfolgen. Das ist nicht schlimm, das passiert den Besten. Als junger Mensch bist du für das Mysterium eines Künstlers noch anfällig und lässt dich vollständig in seinen Bann ziehen. Du bist fest davon überzeugt, dass die Texte extra für dich geschrieben wurden, dein ganzes Zimmer ist voll mit Postern deines Idols und du gibst tausende Euros für Fanartikel und Konzerte aus, in einigen Fällen lässt du dir sogar (impulsiv) ein Tattoo von deiner Lieblingsband stechen.

Rosa Quist ist so ein Beispiel. Sie ist 21 Jahre alt, hat rund 4000 Euro für ihr Hobby Lady Gaga ausgegeben und sich ihr Idol auf ihren Körper stechen lassen. Aber irgendwann hat sie das alles nicht mehr so gefühlt. Sie hat alle Posts auf ihrem Lady-Gaga-Twitter-Fanaccount gelöscht, das Merchandise wanderte in den Papierkorb (Wert: 1000 Euro). Heute, 4000 Euro ärmer, fertig mit dem Studium und für ihr ganzes Leben mit drei Gaga-Tattoos gezeichnet, blickt sie auf ihre Teenager-Jahre als einzigartiger Fan, der plötzlich keiner mehr war, zurück. Wir haben sie zuhause in Rotterdam besucht.

Noisey: Hi Rosa! Du warst ziemlich besessen von Lady Gaga. Kannst du dich daran erinnern, wann du ihre Musik das erste Mal gehört hast?
Rosa:
Das war 2008, als ich fünfzehn war. Ich bin sowieso ziemlich obsessiv veranlagt, wenn es um große Musikstars geht, aber als ich Lady Gaga mit "Just Dance" bei MTV sah, dachte ich: OK, sie ist komisch und lustig. Ich weiß noch, dass ich vor allem von ihren tollen und künstlerischen Videos begeistert war. Außerdem brauchte ich zu dieser Zeit jemandem, zu dem ich aufschauen konnte. Ich war ziemlich unsicher und Gaga hatte genau das, was ich suchte. In Reden und Interviews, die sie gegeben hat, hat sie ihre Fans oft wissen lassen, dass sie nicht unsicher sein brauchen.

Wie weit ging dein Fandasein?
Ich bin mit ihr aufgestanden und mit ihr schlafen gegangen. Alle waren genervt von mir, weil ich ständig über sie gesprochen, Interviews von ihr gelesen und mir Videos angeschaut habe. Ich habe wirklich viel Geld für Merchandise ausgegeben und war auf fünfzehn Konzerten in ganz Europa. Insgesamt habe ich, glaube ich, 4000 Euro in fünf Jahren dafür ausgegeben. Und natürlich habe ich noch meine Tattoos.

Welche hast du von ihr?
Ich habe "Born This Way" auf meinem Rücken. Das war ein bisschen eine Impulshandlung. Es ist der Titel eines Songs, den ich eigentlich gar nicht so mag und der Text trifft auch nicht so ganz auf mich zu. Ich wurde nicht mit roten Haaren, aufgespritzten Lippen und Tattoos geboren. Auf meinem Arm ist ihre Unterschrift, die sie mir während eines Meet & Greets gegeben hat, sodass ich sie mir gleich tätowieren lassen konnte. Auf meiner Brust steht "Dance in the Dark".

undefined

Und irgendwann ist dir aufgefallen, dass du nicht mehr so ein großer Fan bist?
Das war eher, weil einige Leute um mich herum, die nicht in der Gaga-Fangruppe waren, wirklich totale Fans wurden. Plötzlich dachte ich: Seid nicht so kindisch. Ich hatte schon viel weniger von ihr gesprochen und immer weniger Nachrichten über sie gesucht. Als ich dann gesehen habe, dass sie ein neues Lied hatte oder ein Konzert gegeben hat und die Leute total hysterisch wurden, dachte ich nur: Warum macht ihr das?

Dann wurde es sogar noch ein bisschen weniger. Ich wusste, dass sie an einem Jazz-Album arbeitet. Also ich bin kein Jazz-Hasser, aber ich bin kein Fan von ihr geworden, weil sie Jazz macht. Doch ich denke, es war vor allem, weil ich älter wurde. Es war an der Zeit, von dieser Phase des enormen Fantums Abschied zu nehmen.

War es einfach, Abschied zu nehmen?
Ja, eigentlich schon. Es ist eine Frage der eigenen Entwicklung. Zu Beginn habe ich zum Beispiel viele Nachrichten über soziale Medien verbreitet, wie sehr ich sie mochte und dass ich nicht auf neues Material von ihr warten konnte. Diese ganzen Posts sind nun weg. Wenn mich jemand googelt, ein potenzieller Auftraggeber zum Beispiel, dann will ich nicht, dass er all diese Tweets findet. Das ist nicht mehr das, was ich bin. Irgendwann habe ich auch einfach Merchandise im Wert von tausend Euro weggeworfen.

Warum so rigoros?
Ich wollte mit diesen Klamotten sowieso nicht mehr rumlaufen. Und den Rest wollte ich nicht mehr zuhause habe, ich bin nicht mehr zwölf.

Deine Tattoos wirst du nicht so leicht los. Bereust du sie?
"Born This Way" war ein bisschen eine Impulshandlung. Eigentlich finde ich es ziemlich hässlich, also bedauere ich es ein wenig. Die Unterschrift halte ich immer noch für etwas Besonderes, weil ich einen großen Popstar getroffen habe, der auf meinem Arm unterschrieben hat. Das "Dance in the Dark" bereue ich nicht, weil ich die Bedeutung davon sehr schön finde.

Hat dich jemand versucht, davon abzuhalten?
Ja, meine Tante: "Dieses obsessive Verhalten von dir, das geht bestimmt vorbei". Und Freunde haben gesagt: "Ist es jetzt schlau, zu einem Konzert nach London zu fliegen? Du hast doch Schule." Aber das war mir scheißegal.

Du hast so viel Geld ausgegeben, bereust du die Dinge, die du getan hast?
Ich war ein bisschen zu besessen, aber ich bereue nichts. Ich habe viele Leute kennengelernt und schöne Erinnerungen gesammelt und die Shows waren alle beeindruckend. Natürlich habe ich viel Geld ausgegeben, aber offenbar hatte ich das ja über. Ich bin weiter ausgegangen und habe im Hotel gearbeitet. Es hat auch geholfen, dass mein Vater sehr großzügig war.

Und jetzt bist du älter.
Ja, ich dachte auch: Alter, du bist kindisch. Irgendwann wirst du erwachsen und dann wird dir klar, dass du dich vielleicht wieder normal verhalten solltest. Dann wird dir klar, dass das auch nur Menschen sind und dass im Showbiz eh die Hälfte Fake ist. Das Gefühl ist auch einfach ein bisschen weg. Wenn sie ein neues Album herausbringt, werde ich es mir auf jeden Fall anhören. Aber wenn sie für ein Konzert in die Niederlande kommt, werde ich wirklich nicht mehr vier Tage vorher vor der Halle sein. Ich weiß jetzt, dass du das Konzert auch siehst, wenn du am selben Nachmittag hingehst. Vielleicht sogar noch besser.

Weißt du noch, warum du so ein großer Fan von ihr warst?
Sicher. Auch wenn ich nicht hinter allen Entscheidungen stehe, die sie getroffen hat – wie ihre Zusammenarbeit mit Tony Bennett – so ist sie sich doch immer treu geblieben. Sie trifft ihre Entscheidungen selbst und das ist auch das, was ich gemacht habe. Wir werden uns auch nie ganz trennen, es wird immer eine Verbindung zwischen uns bleiben.

Zu guter Letzt: Möchtest du der heutigen Generation Gaga-Fans etwas mitgeben?
Denk daran, was du davon hast, Fan zu sein. Dein Pop-Idol gibt dir nämlich kein Geld; Schule oder deine Karriere sollten vorgehen. Achte darauf, dass das Fandasein nicht zu weit geht. Ich kenne Leute, die von der Schule geflogen sind oder Prüfungen verpasst haben, weil sie so ein extremer Fan waren. Lass nicht jemand, den du nicht kennst, dein Leben übernehmen.

**

Folgt Noisey Austria bei Facebook, Instagram und Twitter.

Noisey Schweiz auf Facebook, Instagram & Spotify.