10 Fragen

10 Fragen an eine Homöopathin, die du dich niemals trauen würdest zu stellen

Selbst wenn es der Placebo-Effekt wäre – warum machen die Ärzte das denn nicht nach, wenn es so einfach ist?

von Thembi Wolf
11 Februar 2020, 9:35am

Alle Fotos: Franziska Lang

Homöopathie ist eigentlich nicht umstritten. Sie ist den meisten Studien zufolge leider einfach wirkungslos. Zumindest über den Placebo-Effekt hinaus. Trotzdem lassen die gesetzlichen Krankenkassen jedes Jahr 20 Millionen Euro für Zucker-Globuli springen. Gesundheitsminister Jens Spahn weigert sich, das zu ändern. Denn über die Hälfte der Deutschen glaubt laut Umfragen weiter an Homöopathie – und will an der Kostenerstattung festhalten. In Bayern gibt es sogar mehr Heilpraktikerinnen als Hausärztinnen. Aber warum nur?

Neben Ärztinnen und Ärzten dürfen Vollzeit-Homöopathinnen mit Heilpraktik-Ausbildung Globuli verschreiben. Eine von ihnen ist Jelena Samardzija, 42, aus Berlin.

Sie hat eigentlich Architektur studiert. Nachdem sie in kurzer Zeit eine Mandelentzündung, Scharlach und eine Blasenentzündung hatte, habe sie aber keine Lust mehr gehabt, weiter Antibiotika zu nehmen. Jelena machte eine Ausbildung zur Heilpraktikerin. Anfangs arbeitete sie weiter als Architektin und verschrieb nur an den Wochenenden Globuli. Seit 2012 praktiziert sie in Vollzeit Homöopathie – und hawaiianische Lomi-Lomi-Massage.

Ihre Patientinnen seien "Studierende und Akademikerinnen, aber auch Hartz-4-Empfänger mit ihren letzten Cents", sagt Jelena.

Wir haben Fragen.

Jelena, die Homöopathin, sitzt an einem Tisch, vor ihr ist ein Lehrbuch aufgeschlagen

VICE: Wie wirken Medikamente, deren Substanz so stark verdünnt ist, dass sie keinen Wirkstoff mehr enthalten?
Jelena Samardzija: Keine Ahnung. Das sage ich auch meinen Patienten, die stellen diese Frage oft. Der aktuelle Stand der Wissenschaft bietet keine Erklärung. Die Debatte, ob Homöopathie wirkt oder nicht, erinnert mich immer an Fremdsprachen. Ich spreche kein Chinesisch, aber ich würde jetzt nicht sagen, dass Chinesisch deshalb keine Sprache ist. Andere Menschen kommen ja offenbar sehr gut mit Chinesisch klar.

Homöopathen können die Wirkung von Homöopathie nicht erklären, obwohl es sie seit 1796 gibt. Findest du das nicht merkwürdig?
Verrückt und schade finde ich das. Vielleicht sind wir auch einfach noch nicht auf dem dafür notwendigen Stand der Wissenschaft. Oder hoffentlich kurz davor.

Warum überzeugen dich wissenschaftliche Studien nicht, die die Wirkung von Homöopathie widerlegen?
Es gibt gut durchgeführte Studien, die zeigen, dass die Wirkung über den Placebo-Effekt hinausgeht. In der Schweiz haben Forscher Wasserlinsen mit Arsen vergiftet und sie danach in homöopathisches Arsen eingelegt. Die in der Kontrollgruppe haben sich nicht erholt – die, die in homöopathisches Arsen eingelegt worden waren, aber schon (Anmerkung der Redaktion: Die umstrittene Studie erschien im The Scientific World Journal und findet sich hier) Und ganz im Ernst: Selbst wenn es der Placebo-Effekt wäre – warum machen die Ärzte das denn nicht nach, wenn es so einfach ist?

Zweifelst du manchmal selbst an der Wirkung von Homöopathie?
Manchmal, nämlich dann, wenn ein Fall nicht so gut läuft. Dann denke ich: Was mache ich hier überhaupt, ich bin ein Loser, Homöopathie bringt nichts. Aber dann gibt es Fälle, die sehr gut laufen und die Patienten sehen Erfolge. Das motiviert mich dann, dran zu bleiben.

Ich hatte zum Beispiel eine Patientin mit unerfülltem Kinderwunsch, die auch zu Schwellungen geneigt hat. Keines der Mittel, die ich gegeben habe, hat geholfen. Und zwei Jahre später fiel mir bei der Recherche für einen anderen Patienten ein Mittel in die Hand, das wirkte. Sie hat da schon nicht mehr versucht, schwanger zu werden. Aber die Schwellungen sind plötzlich verschwunden.


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Ist schon jemand gestorben, während du ihn in Behandlung hattest?
Nein, Gott sei Dank nicht. Aber das liegt daran, dass ich keine lebensbedrohlichen Zustände
behandele.

Wie viel Geld verdienst du?
Ich freue mich, dass die Frage mal gestellt wird. In den Medien heißt es immer, dass wir die armen Patienten schröpfen, aber ich verdiene mit Homöopathie als Selbständige gerade mal knapp über 12.000 Euro pro Jahr. Ohne die Massage, die ich auch anbiete, könnte ich mich nicht finanzieren. Ein dreistündiges Erstgespräch plus zwei Stunden Nachbereitung und Analyse kostet 180 Euro. Viele wollen oder können sich das nicht leisten.

Ist Homöopathie Zauberei?
Nein. Es gibt eine klare Vorgehensweise: Erst nehme ich alle Symptome auf, von Kopf bis Fuß, von der Vergangenheit bis heute. Dann filtere ich unwichtige – wir nennen das pathognomonische Symptome – heraus. Wenn die Heuschnupfenbeschwerden einer Patientin in geschlossenen Räumen stärker sind als im Freien, ist das ein besonderes Symptom. Danach habe ich einen Überblick, welche Organe befallen sind, und suche ein entsprechendes Mittel. Aber keines, das gegen diese Symptome arbeitet, sondern eines, das bei einem Gesunden genau diese Symptome auslöst.

Wenn du Krebs hättest, würdest du zum Onkologen gehen?
Auf jeden Fall. Ich würde mich von beiden Seiten beraten lassen, auch homöopathisch. Ich würde aber trotzdem wissen wollen, was die schulmedizinische Perspektive ist. Einen kleinen Tumor würde ich operativ entfernen lassen. Krebs gehört zu den Krankheiten, die ich selbst nicht behandle. Das traue ich mir nicht zu.

Können Patienten homöopathische Mittel einfach selber mixen, wenn eh keine Wirkstoffe nachweisbar sind?
Ja, kann man. Aber es dauert ewig und ist wahnsinnig aufwändig. Das fängt schon damit an, dass man die sogenannte "Ursubstanz", den Ausgangsstoff, braucht. Bei einer Pflanze muss man dann zum Beispiel wissen: Nehme ich den Stängel oder die Blüte oder die komplette Pflanze? Und man braucht unglaublich viele Glasfläschchen.

Viele kleine Glasröhrchen mit den Mittelchen darin, beschriftet auf lateinisch
Jelenas Arzneimittel

Den Ausgangsstoff legt man in Alkohol ein und stellt auf diese Weise ein Wirkstoffextrakt her, das dann je nach Potenzstufe des Medikaments in einem bestimmten Verhältnis und in vielen Schritten mit Alkohol verdünnt und verschüttelt wird. Man braucht also viel Zeit und für jeden Verdünnungsschritt ein neues Glasfläschchen. Irgendwann hat man die ganze Wohnung voll damit. Ich mache das auch nicht, ich hole meine Medikamente aus der Apotheke.

Glaubst du wirklich, dass homöopathische Mittel besser wirken, je öfter man sie schüttelt?
Ja. Ich habe die Erfahrung gemacht, dass die C30 weniger stark wirkt als eine C200. In der C30 ist vom Ausgangsstoff chemisch schon nichts drin und die C 200 ist ja noch viel stärker verdünnt. C30 steht für den Verdünnungsgrad des Ausgangsstoffes, also 1:100 in 30 Schritten C200 ist 1:100 in 200 Schritten. In ihr ist also nichts von nichts drin. Aber frag mich nicht, wie das funktioniert. Wenn ich das wüsste, wäre ich steinreich und berühmt.

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