Verbrechen

Diese Persönlichkeitszüge machen dich vielleicht böse

Michael H. Stone, der Autor des Buches 'The Anatomy of Evil', klärt uns über die Charaktereigenschaften auf, die die schlimmsten Verbrecher aller Zeiten vereinen.

von Seth Ferranti
14 November 2017, 12:05pm

Serienmörder Ted Bundy wird aus dem Gerichtsgebäude gebracht | Foto: Ross Dolan | Glenwood Springs Post Independent via AP 

Eine Skala des Bösen mit 22 Abstufungen. Als die New York Times 2005 über dieses Modell berichtete, wurde dessen Verfasser Michael H. Stone schlagartig berühmt. Nachdem der Professor der klinischen Psychiatrie als Moderator der TV-Serie Most Evil Massenmörder und andere Schwerverbrecher interviewt hatte, veröffentlichte er 2009 sein erstes Buch: The Anatomy of Evil. Darin beschäftigt er sich mit der Natur der Boshaftigkeit und den Gemeinsamkeiten von einigen der schlimmsten Menschen der Geschichte.

Stone ist Spezialist für Borderline-Persönlichkeitsstörungen. Und weil er schon häufig als Experte bei Gerichtsverhandlungen aufgetreten ist, kennt er das gesamte Spektrum – von "lediglich" antisozialen Personen bis hin zu kompletten Psychopathen. In anderen Worten: Menschen, die die Gesellschaft als böse abstempelt, weil sie trotz der Abscheulichkeit ihrer Taten kaum Reue zeigen.

Fasziniert von starken Persönlichkeitsabweichungen, die zu unvorstellbarer Grausamkeit führen, machte Stone Narzissmus und Aggression als die beiden Hauptcharakterzüge aus, die das Böse definieren. Und er begann damit, die allgemeinen Urformen des Bösen zu seiner Skala zusammenzufassen. Da The Anatomy of Evil nun neu aufgelegt wird, haben wir uns mit Stone unterhalten. Dabei wollten wir wissen, ob Menschen böse geboren werden, wer der böseste Mensch ist, mit dem er sich je beschäftigt hat, und wie ein besseres Verstehen der Ursachen das Justizsystem beeinflussen könnte.


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VICE: Werden manche Menschen einfach böse geboren?
Michael H. Stone: Ich glaube, dass manche Menschen mit einer Tendenz geboren werden, Böses zu tun. Als "böse geboren" würde ich das jedoch nicht bezeichnen, sie sind ja nicht dazu bestimmt. Es gibt jedoch Menschen – und dabei mehr Männer als Frauen – ohne Mitgefühl und Erbarmen. Sie können keine Liebe und tiefe Verbindungen zu anderen Personen aufbauen. Sie sind kaltherzig, tun schlimme Dinge und haben keine Gewissensbisse. Ihnen liegen psychopathische Züge inne. Bei ihnen ist es wahrscheinlicher, dass sie etwas machen, das wir als böse ansehen.

Welche Gemeinsamkeiten haben solche Menschen?
Viele der Männer und Frauen, die Böses tun, sind in schwierigen und gewalttätigen Verhältnissen aufgewachsen. Sie wurden vielleicht nicht mit einer Tendenz zur Psychopathie und Kaltherzigkeit geboren, aber das ganze Leid ihrer Kindheit und Jugend hat das Gute in ihnen vernichtet.

Ian Brady und Myra Hindley, die "Moor-Mörder" | Foto: Press Association via AP Images

Wie kam es zu Ihrer Skala des Bösen?
1987 begann ich mit der Einteilung, weil ich als Experte bei der Gerichtsverhandlung von Jeffrey MacDonald aussagte. Er hatte seine Frau und seine Kinder ermordet und ich sollte sein Verbrechen für die Geschworenen im Verbrechensspektrum einordnen. Seine Tat war viel schlimmer als zum Beispiel die von Jean Harris. Als diese herausfand, dass ihr Mann sie betrogen hatte, wurde sie sehr depressiv und wütend und erschoss ihn – ein Verbrechen aus Leidenschaft. Das ist noch am wenigsten böse.

Am anderen Ende des Spektrums steht hingegen die Tat des Schotten Ian Brady. Zusammen mit seiner Freundin Myra Hindley lockte er ab 1963 fünf Kinder und Jugendliche an verlassene Orte und erwürgte sie. Dabei nahm er ihre Schreie auf Kassetten auf, um sie später beim Sex als Turn-On anzuhören. Damals war das das schlimmste Verbrechen, von dem ich je gehört hatte. Deshalb ordnete ich es auch dementsprechend ein. Weil es aber Abstufungen gibt, entwickelte ich die sogenannte "Gradations of Evil"-Skala.

David Parker Ray bei seiner Gerichtsverhandlung im Jahr 1999 | Foto: AP Photo/Adolphe Pierre-Louis, Pool

Für Ihr Buch haben Sie sich über die Jahre mit mehr als 600 Gewaltverbrechern beschäftigt. Wer war dabei der böseste Mensch?
Wohl David Parker Ray. Er hat einen großen Autoanhänger in eine Folterkammer umgebaut. Darin fesselte er Frauen und las ihnen anschließend ein 17-seitiges Dokument vor. Darin standen alle schrecklichen Dinge, die er ihnen dann wirklich antat. Aber auch John Ray Weber aus Wisconsin hat bei seinen schrecklichen Verbrechen zum Beispiel die Geschlechtsteile seiner Opfer zerstückelt.

Was Bosheit und Brutalität angeht, die man anderen Menschen antun kann, sind mir diese beiden Männer besonders stark im Gedächtnis hängengeblieben. Im neuen Epilog meines Buchs schreibe ich auch über Verbrechen, die so vorher noch nie passiert sind. Seit 1987 hat es beispielsweise ungefähr 21 Frauen gegeben, die Hochschwangere getötet und dann das lebende Baby aus dem Bauch rausgeschnitten haben. Vor 1987 hat es meinen Recherchen nach keinen einzigen solchen Fall gegeben. Das Ganze ist also eine neue Form des Bösen.

Wo auf der Skala liegen berüchtigte Mörder wie Charles Manson oder der "Killer-Clown" John Wayne Gacy?
Manson eher weiter unten, weil er "nur" andere Menschen zum Töten animiert hat. OK, ein oder zwei Morde gehen auch auf sein Konto, aber er war dennoch mehr eine Inspiration für die Anhänger seines Kults, die die hochschwangere Schauspielerin Sharon Tate mit den Worten "Stirb, Schlampe!" umbrachten. Diese Tat ist schon sehr böse und gehört auch ans extreme Ende der Skala. Manson selbst zeigte nie so viel Herzlosigkeit und Hang zur Folter. Es war gar nicht so einfach, ihn einzuordnen.

Gacy entführte [mindestens 33, Anm. d. Red.] Jungen und junge Männer, vergewaltigte und tötete sie bei sich zu Hause und versteckte die Leichen dann unter seiner Veranda. Mörder wie Gacy sind auf der Skala schon weit oben anzusiedeln, aber nicht ganz so weit oben wie beispielsweise David Parker Ray. Der baute ja extra eine Folterkammer, fügte seinen Opfern unvorstellbare Schmerzen zu und ging in der Folter richtig auf.

Ein Diagramm aus The Anatomy of Evil | Bild: bereitgestellt von Prometheus Books

Wie würde sich ein besseres Verstehen der Ursachen des Bösen auf das Justizsystem auswirken?
Man muss sich hundertprozentig sicher sein, dass der Täter auch wirklich der Täter ist. Ich finde, bei Menschen mit extremem Hang zur Folter – wie David Parker Ray – ist eine tatsächlich lebenslange Haftstrafe oder die Todesstrafe schon angebracht. Und das, obwohl solche Höchststrafen für Verbrechen dieser Art in den vergangenen 30 oder 40 Jahren immer weniger gefordert werden. Dem Justizsystem sind unsere Diagnosen leider relativ egal.

Wie steht es um Menschen, die schon in jungen Jahren zum Bösen tendieren?
Richter sind oft der Meinung, dass Jugendliche niemals viele Jahre oder gar ihr ganzes Leben hinter Gittern verbringen sollten. Sie können sich ja noch bessern. Das trifft jedoch nicht immer zu, es gibt auch Kinder, die abgestumpft und emotionslos sind. Diese Kinder sind dazu fähig, anderen Menschen unglaublich schlimme Dinge anzutun. Wenn diese Kinder dann 17, 18 oder Anfang 20 sind, entwickeln sie sich zu Psychopathen – ohne Chance auf Besserung. Diese Tatsache sollten Richter berücksichtigen.

Was bedeutet das für die Verurteilung und Behandlung von jungen Straftätern?
Wir sollten solche Kinder strenger bestrafen. Bei jungen Straftätern, die wirklich eine Chance auf Besserung haben, könnte man milder vorgehen, aber nicht bei denen, die kaltherzig und mit psychopathischen Tendenzen schlimme Dinge tun. Man muss psychiatrischen Diagnosen mehr Beachtung schenken, nicht nur dem Alter.

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