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Attentat von Las Vegas

Das sind die deutschen Firmen, die den Waffen-Wahnsinn in den USA fördern

Deutsche Waffenbauer lieben den US-Markt – und Massenmörder lieben deutsche Waffen.

von Matern Boeselager
06 Oktober 2017, 12:26pm

Ein Mann mit einer Pistole von Heckler & Koch. Foto: imago | ZUMA Press

"I'm addicted to watches, Heckler and Koches" – Jay-Z

16. April 2007: Der 23-jährige Seung-Hui Cho eröffnet mit zwei halbautomatischen Pistolen auf dem Campus der Virginia Tech das Feuer. In den nächsten zwei Stunden tötet der Student 32 Menschen, anschließend schießt er sich selbst in den Kopf. Es ist der schlimmste Amoklauf, den die USA bis dahin erlebt haben.

12. Juni 2016: Der 29-jährige Omar Mateen betritt den Nachtclub Pulse in Orlando, Florida, bewaffnet mit einem halbautomatischen Gewehr und einer Pistole. Er eröffnet das Feuer und tötet zahlreiche Club-Besucher, dann verbarrikadiert er sich. Bis die Polizei ihn knapp vier Stunden später erschießt, hat er 49 Menschen getötet. Es ist der schlimmste Amoklauf, den die USA bis dahin erlebt haben.

1. Oktober 2017: Der 64-jährige Stephen Paddock verschanzt sich mit über einem Dutzend selbstladenden Gewehren im 32. Stock eines Hotels mit Sicht auf den berühmten Strip von Las Vegas. Mindestens zwölf der Gewehre hat er so modifiziert, dass er damit Dauerfeuer abgeben kann. Um fünf nach zehn beginnt er, in das Publikum eines Open-Air-Countrykonzerts unter ihm zu schießen. In den nächsten 75 Minuten erschießt Paddock 58 Menschen und dann sich selbst. Es ist der schlimmste Amoklauf, den die USA bis jetzt erlebt haben.

Was diese drei Amokläufe gemeinsam haben, ist nicht nur, dass sie jeweils den Rekord für das schlimmste "Mass Shooting" in den USA gebrochen haben. Sondern auch, das alle drei Täter mindestens eine deutsche Waffe benutzten. Cho eine halbautomatische Walther P22 und eine Pistole der österreichischen Marke Glock. Omar Mateens Hauptwaffe war eine halbautomatische Sig Sauer MCX (und eine Glock-Pistole). Und in Stephen Paddocks Arsenal fanden sich gleich mehrere von Sig Sauer gebaute Gewehre. "Für amerikanische Waffen-Junkies ist Deutschland die Nummer zwei der europäischen Dealer", schrieb ein Kolumnist 2012 in der Washington Post – nach Österreich. "Die amerikanische Waffenkultur existiert in Symbiose mit Europas eigener Kultur der Präzisionsfertigung."

Was man bei der aktuellen Empörung über das "Waffenproblem" in den USA leicht übersieht: Deutsche Waffenhersteller verdienen daran – und sie tun einiges dafür, dass sich an der waffenverliebten Kultur der Staaten nichts ändert.

Ein boomender Markt

Die USA sind der größte Absatzmarkt für zivile Waffen auf der Welt, für deutsche Waffenhersteller wird er immer wichtiger. "Wenn die Politik uns zwingt, dass wir praktisch keinen Umsatz mehr im Mittleren Osten machen, müssen wir Alternativen suchen", erklärte Andreas Heeschen, der Mehrheitseigentümer des schwäbische Waffenherstellers Heckler & Koch, der Welt im Januar letzten Jahres. Und das scheint funktioniert zu haben: Laut der US-Behörde für Alkohol, Tabak und Feuerwaffen wurden 2015 über 250.000 deutsche Schusswaffen in die USA importiert. Ein Jahr später hat sich die Zahl Exporte fast verdoppelt – auf knapp eine halbe Million.


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Die Waffen von H&K haben einen guten Ruf in den USA: "Auf diesem Markt sind wir der Waffen-Porsche," erklärte Heeschen stolz. Heckler & Koch macht mittlerweile fast 40 Prozent seines Gesamtumsatzes mit Verkäufen auf dem zivilen US-Markt, 2016 waren das 80 Millionen Euro. Das ist mehr, als die Firma in dem Jahr mit der deutschen Bundeswehr und allen Polizeikräften zusammen verdient hat. Das Geschäft lohnt sich so sehr, dass H&K jetzt voll in die Produktion in den USA einsteigen will: Im Mai wurde bekannt, dass die Schwaben ein Pistolenwerk in Columbus, Georgia, bauen, für 23 Millionen Euro. Das Werk wird ausschließlich Pistolen, Sport- und Jagdgewehre für den zivilen Markt produzieren.

Damit geht Heckler & Koch einen Schritt, den der deutsch-schweizerische Waffenbauer Sig Sauer schon vor Jahrzehnten gemacht hat. Die 1985 in Virginia gegründete SIGARMS funktionierte ursprünglich als Import-Firma, sieben Jahre später begann die Produktion auf amerikanischem Boden. Mittlerweile ist Sig Sauer Inc. der fünftgrößte Waffenproduzent in den USA, jedes Jahr bauen hier 1.200 Angestellte eine halbe Million Schusswaffen. Die US-Firma ist längst von der deutschen GmbH getrennt, aber beide Firmen gehören der deutschen L & O Holding mit Sitz im nordrhein-westfälischen Emsdetten.

Screenshot: Detail aus "Tango Down", der von Sig Sauer produzierten YouTube-Miniserie

Lobby-Arbeit für Donald Trump, den "wahren Freund" der Branche

Um diesen großen Markt am Leben zu halten, beteiligen sich die deutschen Firmen rege an den Kampagnen der amerikanischen Pro-Gun-Lobby, unter anderem auch an jenen der National Rifle Association (NRA). Die NRA gilt als mächtigste und aggressivste Lobby-Gruppe der USA, und sie arbeitet vor allem für ein Ziel: die Waffengesetze in den USA so schwach wie möglich zu halten. Die NRA ist dafür verantwortlich, dass es immer noch keine Background-Checks bei Waffenkäufen gibt, obwohl 90 Prozent der Amerikaner dafür sind. Einen solchen Check hätte zum Beispiel Seung-Hui Cho, der Täter von Virginia Tech, aufgrund seiner bekannten psychischen Probleme vermutlich nicht bestanden.

Mit einem Jahresumsatz von 430 Millionen Dollar finanziert die NRA massive PR-Kampagnen, übt Druck auf amerikanische Abgeordnete aus und unterstützt die Kandidaten auf dem Weg ins Weiße Haus, die auf ihrer Seite stehen – so wie Donald Trump. Und deutsche Firmen unterstützen sie dabei.

Im April 2011 fielen der NGO Violence Policy Center interne NRA-Unterlagen in die Hände, inklusive einer Liste aller Spender aus der Waffenindustrie. Wie die Süddeutsche recherchierte, haben vor allem die Firmen der deutschen L & O Holding (Sig Sauer) großzügig gespendet: Sig Sauer überwies zwischen 25.000 und 49.999 Dollar. Blaser USA (auch L & O) spendete sogar zwischen 250.000 und 499.999 Dollar – und 100 Jagdgewehre. Auch heute ist Sig Sauer der NRA noch eng verbunden: Auf der Webseite bewirbt die Firma ein Rabatt-Programm für zertifizierte "NRA-Schießlehrer". Im März traten sie als Hauptsponsor der "NRA Outdoors Tactical Carbine Class" auf und stellten 32 Gewehre zur Verfügung.

Ähnlich engagiert ist die Walther Arms Inc., die 2012 gegründete Import-Firma der deutschen Carl Walther Sportwaffen – die Hersteller von James Bonds berühmter "Walther PPK". Laut den Recherchen der Süddeutschen spendete die Walther Arms Zehntausende Dollar an die NRA.

Auch Heckler & Koch unterhält gute Beziehungen zur NRA, immer wieder bekommt die Lobby kleinere Sachspenden von den Deutschen. Der Präsident von H&K in den USA, Wayne Weber, ist Mitglied in der NRA. Obwohl sich die Firma bedeckt hält, was die Verbindungen zur NRA angeht, ist die Position der Firma in der Debatte ziemlich klar: "Heckler & Koch ist schon lange auf dem US-Zivilmarkt präsent und glühender und leidenschaftlicher Verfechter des Zweiten Verfassungszusatzes sowie des zivilen amerikanischen Schützen", zitiert die Süddeutsche einen Facebook-Post der Firma, der mittlerweile nicht mehr zu finden ist.

Offener engagiert ist H&K im NSSF, dem Branchenverband der Schusswaffenhersteller, in dem die Firma stimmberechtigtes (und zahlendes) Mitglied ist. Obwohl die NSSF gemäßigter auftritt als die NRA, hat sie dieselben Ziele. 2016 startete der Verein die Initiative #GUNVOTE, um möglichst viele Waffenbesitzer zu mobilisieren, für den waffenfreundlicheren Kandidaten zu stimmen. Sig Sauer, ebenfalls Mitglied, unterstützte die Initiative mit 100.000 Dollar.

Wer der richtige Kandidat ist, war schon früh klar: Beim NRA-Jahreskongress im März 2016 sprach nur Donald Trump, nicht seine Gegenkandidatin. "Hillary Clinton will euch die Waffen wegnehmen", rief er, und: "Ich liebe Waffen!" Die NRA erwiderte die Liebe und unterstützte Trumps Wahlkampf mit 30 Millionen Dollar. Im Messesaal daneben hatten die Hersteller ihre Stände aufgebaut. Sig Sauer, Heckler & Koch, Walther Arms und Blaser waren auch dabei.

Auch das Massaker in Las Vegas wird voraussichtlich nichts Grundlegendes an den Waffengesetzen in den USA ändern. Donald Trump hat sich dafür ausgesprochen, sogenannte "bump stocks" zu verbieten – Anbauteile, die es ermöglichen, eine halbautomatische Waffe für wenig Geld in eine vollautomatische umzurüsten. Die Teile sind aber eher ein Nischenphänomen, die kaum jemand gekauft hat und an denen die großen Firmen auch kein Geld verdienen. Jede weitere Verschärfung der Waffengesetze, das hat sie jetzt schon mitgeteilt, lehnt die NRA strikt ab. Für die deutschen Firmen ist das eine gute Nachricht.

Am 2. Oktober, einen Tag nach dem Vegas-Massaker, postete die Facebook-Seite von Heckler & Koch übrigens folgendes Facebook-Video:

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