Anzeige
Sex

Meine Beziehung hat mir gezeigt, wie sehr ihr Schwarze Menschen sexualisiert

"Stimmt es, was sie über Schwarze Männer sagen? Zwinkersmiley."

von Rebecca Baden
08 Jänner 2019, 7:51am

Fotos, sofern nicht anders angegeben: Rebecca Rütten

Sonntag, ein Tag vor Heiligabend: Schlammige Pfützen umranden den Dorfweihnachtsmarkt wenige Kilometer hinter der deutsch-luxemburgischen Grenze. Ich begleite meine Mutter, um ihre Freundinnen kennenzulernen. Wir trinken an einem Stehtisch Sekt und weißen Glühwein. Auf einer Bühne singt ein Chor deutsche Weihnachtslieder, die ich nicht kenne. Eine der Frauen reicht ihr Smartphone rum, auf dessen Bildschirm ein Baby mit schwarzen Locken und dunkelbraunen Augen lachend über der Schulter seiner Mutter hängt.

Die Mutter des Kindes sei Weiß, erzählt die Frau, der Vater Schwarz. "Du hast doch auch einen dunkelhäutigen Freund", sagt eine andere Frau aus der Runde und schaut mich dabei an. "Mein Freund ist Schwarz, ja", sage ich, irritiert darüber, wie gut sie sich mit meinem Privatleben auskennt. "Und …? Wie ist es?", fragt sie und schaut mich erwartungsvoll an. "Was willst du wissen, ob er gut im Bett ist?", sagt eine dritte. Sie kichern.

Ich kenne die Vorurteile über die Körper Schwarzer Menschen, seit ich ein Teenie bin: Frauen haben einen üppigen Hintern und alle Männer einen Penis bis mindestens zur Hälfte des Oberschenkels, mit denen sie Frauen stundenlang bearbeiten und garantiert zum Orgasmus bringen können. Den Spruch "Once you go black, you never go back" habe ich zum ersten Mal gelesen, als ich mit zwölf in MSN Messenger mit älteren Teenagern gechattet habe. Doch seit ich vor anderthalb Jahren anfing, meinen Freund zu daten, fällt mir immer öfter auf, dass viele Weiße ihn eher als Verkörperung eines sexuellen Fetischs sehen als als meinen mir ebenbürtigen Partner.

"Stimmt es, was sie über Schwarze Männer sagen?", fragte eine Freundin per WhatsApp, als ich ihr nach den ersten Treffen mit meinem Freund ein Foto von dem mysteriösen guten Tinder-Date aus England schicke. An ihre Frage hängte sie einen Zwinkeremoji, als machte das freundliche gelbe Gesicht die Frage nach der Penisgröße eines fremden Mannes weniger merkwürdig. Eine meiner Omas schrieb mir eine SMS, in der sie meinen Freund als "das Virilste, was ich mir hätte nehmen können" beschrieb. Ich hatte ihr auf ihre Nachfrage hin ein unspektakuläres Foto von uns beim Autofahren geschickt. Und ich vermute, dass sie die Männlichkeit meines Freundes nicht daran abgelesen hat, wie seine Hände das Lenkrad umfassen.

Eine Frau hält lachend ihren Freund in den Armen
Mein Freund und ich lachen, wenn jemand fragt, wie ich zu Schwarzen Penissen stehe

Mein Freund sagt, ihm sei bewusst, dass andere Menschen in ihm etwas sehr Maskulines, manchmal sogar Bedrohliches sehen. Als er als Jugendlicher in einem Klamottenladen gearbeitet hat, hätten ihm oft Leute gesagt, dass er aggressiv aussehe – auch wenn er ausdruckslos zwischen Kleiderständern und gefalteten T-Shirts stand. Noch heute achtet er manchmal automatisch darauf, nicht das rassistische Stereotyp des wütenden Schwarzen Mannes zu bedienen, sagt er. Doch dagegen, dass er vor unserer Beziehung bei Tinder immer wieder auf Profile stieß, in denen weiße Frauen nach "Chocolate Boys only" verlangten, kann er nichts tun. Und auch nicht dagegen, dass viele mich für eine dieser Frauen halten, die ausschließlich mit Schwarzen Männern schlafen wollen.

Fremde fragen mich bei Twitter, ob ich mit ihnen über "interracial Sex" sprechen will

Für manche Menschen scheint die Hautfarbe meines Partners ein Indiz für meine sexuellen Vorlieben zu sein, das sie unbedingt empirisch überprüfen müssen – selbst, wenn unsere Unterhaltungen noch nicht über die Begrüßung hinausgegangen sind.

"Stehst du auf Schwarze?", fragte mich eine Nachbarin, deren Namen ich nicht kenne, nachdem mein Freund und ich zum ersten Mal mit vollen Einkaufstüten an ihr vorbeigelaufen gelaufen waren. In meiner alten Beziehung hatte nie jemand gefragt, ob ich eine Vorliebe für weiße Männer mit Bärten habe. Oder ob der Penis eines weißen Typen die Form einer Kartoffel hat.

Screenshot einer Twitter-Nachricht, in der jemand über multiethnische Beziehungen spricht
Screenshot aus dem Twitter-Postfach der Autorin

Seit ich einen Artikel darüber geschrieben habe, wie mein Freund in Deutschland Rassismus erfährt, schreiben mir fast wöchentlich fremde User und Userinnen in den Sozialen Medien. Sie wollen wissen, ob ich gerne mit Schwarzen Männern intim werde oder mit ihnen ein paar Erfahrungen über "Interracial Sex" und "Black and white dynamics" austauschen möchte. Andere schicken mir GIFs von Pornodarstellern mit langen, baumelnden Penissen oder einem Zug, der sich durch einen viel zu engen Tunnel presst. Ein Typ schrieb bei Facebook: "Vulva jetzt so groß wie eine Turnhalle."

Für die Nachrichtenschreiber mag das eine Allegorie dafür sein, wie sie sich mein Sexleben vorstellen. Für mich ist es der Beweis dafür, dass sie sie nicht wissen, wie eine Vagina funktioniert – und dafür, wie sich rassistische Stereotypen aus der Kolonialzeit eingeprägt haben.

Bereits orientalistische Kunstschaffende hätten im 19. Jahrhundert das "rassifizierte sexuelle Andere" portraitiert, schreibt die Professorin für Gender und Postcolonial Studies, Sandra Ponzanesi, in einer Forschungsarbeit. Schwarze Frauen wie Sarah Baartman – die "Hottentot Venus" – wurden nach Europa gebracht und teilweise nackt ausgestellt. In der Kolonialzeit habe die rassistische Ideologie einen Höhepunkt gehabt, so Ponzanesi. Besonders weibliche Körper seien in Gedichten und auf Fotos als sexuell verfügbar, primitiv und bedrohlich dargestellt worden.

Auch heute noch machen Aktivisten und Journalistinnen immer wieder darauf aufmerksam, wie Weiße die Körper Schwarzer Menschen sexualisieren und fetischisieren. Most cringeworthy pop culture reference: die Weißen Mittfünfzigerinnen aus dem Film Paradies: Liebe, die als Sex-Touristinnen nach Kenia reisen.

Wenn Menschen nach intimen Details über den Körper meines Freundes fragen, meinen sie es vielleicht nicht böse. Es sieht auch nicht so aus, als ob sie sich abends schlaflos in ihrem Bett wälzen, weil es ethnisch gemischte Paare gibt. Und wahrscheinlich ist ihnen nicht einmal bewusst, wie sie damit unsere Grenzen überschreiten. Dennoch zeigen sie mit ihren Fragen, welche Vorurteile sie haben, weil mein Freund nicht Weiß ist.

Mein Freund und ich lachen, wenn profilbildlose Twitter-Accounts fragen, wie ich zu Schwarzen Penissen stehe oder fremde Frauen wissen wollen, wie lange wir durchschnittlich Sex haben. Eine detailreiche Beschreibung davon, wie wir Sex haben, wird sicher niemand als Antwort erhalten. Nur soviel: Penisse und Vaginen gibt es in allen unterschiedlichen Farben, Längen und Formen. Quelle: Google-Bildersuche.

Folge Rebecca auf Twitter und VICE auf Facebook, Instagram und Snapchat.