Als Frau spaziert sie mit Familie durch Bayern und als Mann vertritt er die Rechte von Minderheiten im Landtag

In einem blauen Sommerkleid seiner Frau entdeckte Markus Ganserer vor zehn Jahren seine weibliche Identität. Das war nicht nur eine große Entwicklung für den 41-Jährigen, sondern auch eine Revolution für Bayern.

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Nov. 13 2018, 9:44am

Foto: Pressefoto Markus Ganserer

Dieser Artikel erschien ursprünglich auf VICE DE.

In der Politik ist vieles klar abgegrenzt. So auch Männer von Frauen. Trans-Menschen sucht man in der Politik vergeblich. Bis jetzt. Denn Markus Ganserer, Landtagsabgeordneter der Grünen, hat sich als erster Politiker in der Öffentlichkeit geoutet. "Ich bekenne mich heute dazu, Transgender zu sein", sagt Ganserer der Süddeutschen Zeitung . Er gehe mit seiner Frau und den beiden Kindern als Frau in Nürnberg spazieren und sitze als Mann im bayerischen Landtag.

In einem blauen Sommerkleid seiner Frau entdeckte der 41-Jährige vor zehn Jahren seine weibliche Identität. Diese Erkenntnis wurde für ihn zum Versteckspiel und ließ ihn depressive Phasen durchleben. Er sei daran fast zugrunde gegangen, sagt er der SZ. Ganserer hatte Angst vor einem Outing. Auch vor seiner Familie hielt er seine weibliche Seite geheim. Nach zwei Jahren vertraute er sich seiner Frau an. "Meine Frau reagierte sehr gefasst und positiv", sagt Ganserer der SZ. "Ich bin sehr dankbar, dass sie mich unterstützt und mich ermutigte, an die Öffentlichkeit zu gehen."

Spätestens seitdem die "Ehe für alle" in Deutschland rechtskräftig ist, ist das Land in Sachen LGBTQ einen Schritt weiter. Aber noch lange nicht am Ziel. Der nächste Schritt ist ein Gesetzentwurf für das dritte Geschlecht, also für Menschen, die weder eindeutig weiblich noch eindeutig männlich sind. Der Bundesrat gab dafür im Oktober mehrheitlich sein OK und beschloss, dass das dritte Geschlecht "Weiteres" heißen soll. In Österreich hat der Verfassungsgerichtshof die Ehe für alle geöffnet und vor Kurzem auch das Recht auf die Eintragung eines dritten Geschlechtsbestätigt. Darunter kann sich Markus Ganserer allerdings nicht einordnen, da er keine biologische Anpassung plane.

Ganserer sagt, er sei "transident". Das bedeutet, er wechsele zwischen den Geschlechtern Mann und Frau und wolle sich nicht auf eins festlegen. Etwa zweimal im Monat fühle er sich als Frau. In seinem Job im Landtag wolle er aber männlich bleiben. Mit seinem Coming-Out möchte der Grünen-Abgeordnete ein Zeichen setzen und in seiner politischen Arbeit aufzeigen, dass besonders für queere Menschen die Akzeptanz fehlt.

Als Erstes kritisiert Ganserer dann auch den Entwurf zum dritten Geschlecht, da die Änderung nur für Intersexuelle gelte, die mit beiden Geschlechtsmerkmalen geboren werden. Für ihn, als Transgender in einem männlichen Körper, trifft das nicht zu. "Ich bin nicht krank", sagt er und dass er sich vom Transsexuellengesetz "pathologisiert" fühle. Dieses Gesetz sieht strenge psychologische Gutachten vor für Menschen, die zwischen Geschlechtern wechseln.

Markus Ganserer ist der erste Trans-Mensch, der sich öffentlich in der Politik geoutet hat, und wird im bayerischen Landtag auch auf die AfD treffen. Für die AfD sind Transgender immer noch ein Rätsel und eine Minderheit, die sich laut AfD wie eine Mehrheit aufspiele. So formulierte es mal der Berliner AfD-Abgeordnete Georg Pazderski. Ähnlich sieht das auch die FPÖ. Das Urteil des Verfassungsgerichtshofs kommentierte FPÖ Verfassungssprecher Harald Stefan als "völlig unverständlich".

Markus Ganserer rechnet mit Gegenwind. "Mir graut vor dummen Kommentaren. Die Erleichterung, endlich offen leben zu können, ist aber größer", sagt er und der Meilenstein, den er mit seinem Coming-Out gelegt hat, dürfte noch größer sein.

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