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Gaming

Wir haben Simulationsspiele nach Absurdität sortiert

Rennpferde, Angeln und Verfolgungsjagden mit der Autobahn-Polizei: Gegen diese acht Games ist der 'Landwirtschaftssimulator' Spielspaß pur.

von Lisa Ludwig
12 November 2018, 12:58pm

Collage: VICE || Foto: imago | Blickwinkel || Screenshots: YouTube

Wir müssen da mal ein großes Missverständnis aus dem Weg räumen: Deutsche gehen nicht zum Lachen in den Keller, sie gehen in den Keller, um mit ihrer Modelleisenbahn zu spielen. Wenn es nämlich etwas gibt, das den klischeehaften Deutschen entspricht, dann eine Freizeitgestaltung, die sie sehr ernst nehmen. Nun leben wir im Jahr 2018, eine komplette Generation von Deutschen lebt aufgrund akuten Wohnraummangels in Wohnungen, die keine Keller mehr haben. Wohin gehen sie also jetzt, um maximal wenig Spaß zu haben? Sie kaufen Simulationsspiele.

Während Ubisoft, Rockstar Games oder EA versuchen, sich mit immer aufwändigeren Spielwelten gegenseitig zu übertrumpfen, produzieren Entwickler wie Aerosoft am Fließband Titel, in denen wir zu Hause am PC Dinge tun können, die andere nicht einmal bezahlt im echten Leben machen wollen. Wir haben uns in die Untiefen der Simulationswelt begeben und haben acht Perlen spielerischer Tristesse ausgegraben.

8. 'Dovetail Games Euro Fishing', oder: Angeln ist Krieg

Angeln. Eine dieser "Sportarten", bei denen man sicherlich irgendwas können muss, die aber ganz oberflächlich betrachtet ähnlich spannend wirken wie Spülmaschineeinräumen oder Steuererklärungmachen. Klar, wenn alles gut läuft, hat man nach Stunden des zunehmend frustrierten (oder meditativen!) Aufswasserstarren einen Fisch gefangen, den man essen, sich an die Wand hängen oder für Facebook fotografieren kann (Menschen, die angeln, haben Facebook). Aber seine Steuererklärung macht man im Zweifel ja auch, weil man auf eine ordentliche Rückzahlung hofft – das muss aber nicht bedeuten, dass alles davor Spaß gemacht hat. Und wenn man nur virtuell angelt, hat man am Schluss nicht mal die Chance, an echten Gräten zu ersticken!

So gesehen ist es ein bisschen lustig, dass der Angelsimulator Dovetail Games Euro Fishing im Trailer damit beworben wird, dass sich nun "jeder den Nervenkitzel des Angelns in die eigenen vier Wände holen" könne. Nervenkitzel, das verrät der Trailer, wird vor allem dadurch aufgebaut, dass es ein "physikbasiertes System zum Auswerfen und Einholen der Angel" gibt – was die Frage aufwirft, auf was das Spielsystem eines möglichst realistischen Simulators denn sonst basieren soll, wenn nicht auf Physik. Aber vielleicht ist das auch gar nicht so wichtig. Dafür geht über den Angeltümpeln immer gerade die Sonne unter, es lässt sich wahlweise als Mann oder Frau spielen und wer ganz wild ist, hat sogar die Möglichkeit, außerhalb ausgewiesener Angelplätze zu fischen. Mehr Open World geht mit Rute in der Hand und Würmern im Rucksack nicht. Bringt die "Boss-Fische", ich bin bereit für den Multiplayer-Modus. Denn: "Bei Dovetail Games Euro Fishing hört der Wettkampf nie auf!"

7. 'Thief Simulator', oder: Gangster sein, aber seriös

Zugegeben: Ich habe länger überlegt, ob der Thief Simulator wirklich eine klassische Simulation ist. Schließlich gibt es viele Spiele, bei denen die Ausübung von Verbrechen elementarer Teil der Aufgabenstellung ist – GTA zum Beispiel und das ist ja auch kein "Gangster-Simulator". Warum es Thief Simulator trotzdem auf die Liste geschafft hat? Es gibt keine klar erkennbare missionsüberspannende Handlung und die jeweilige Aufgabenstellung muss so korrekt und technisch gelöst werden, dass das Ganze trotz vielversprechender Prämisse nach durchschnittlich viel Spielspaß aussieht. Außerdem trägt das Spiel "Simulator" im Titel und wer bin ich, den Macherinnen und Machern diese Selbsteinschätzung abzusprechen?

Vor jedem Einbruch müsst ihr euer Zielobjekt ausspionieren und das passende Equipment besorgen (Kameras, Dietrich, Brechstange), um unentdeckt ins Gebäude zu kommen. Anschließend packt ihr alles ein, was nach viel Geld aussieht, und verscherbelt es anschließend an einen weißen, rauchenden Mann mit vielen Tattoos, der aussieht, als würde er rechtspopulistische Parteien wählen, aber "nur aus Protest, um es denen da oben zu zeigen". Von dem Geld könnt ihr dann wiederum besseres Equipment kaufen und in besser gesicherte Häuser einbrechen und … Das war es dann wohl auch. Wozu soll ich im Thief Simulator einen Supersportwagen klauen, wenn man ihn anschließend nicht in einer dramatischen Verfolgungsjagd schrotten kann? Keine Ahnung. Aber bei Simulationsspielen geht es ja auch nicht um Spaß.

6. 'Schiff-Simulator: Die Seenotretter', oder: Titanic mit Happy-End

Seien wir ehrlich: Eigentlich wären wir doch alle gerne Heldinnen und Helden. Die Art von Mensch, die dem Tod ins Auge blickt und sagt: "Heute nicht, Tod. Heute entreiße ich dir die Kinder/Hundewelpen/schlecht animierten Pixelpersonen, die du schon fest in deinen Klauen hältst!" Weil das aber ziemlich anstrengend und ziemlich gefährlich ist, bleiben viele von uns lieber auf der Couch sitzen und gucken, welcher guten Sache man gerade auf Twitter seine Unterstützung aussprechen kann. Schiff-Simulator: Die Seenotretter ist das perfekte Spiel für diese Menschen.

Die Animationen sind absolut unterirdisch, die Menüführung kommt direkt aus der Hölle und dass es sich laut Trailer um eine "spannende Simulation und emotionale Erzählung" handelt, muss irgendein Insiderwitz seitens des Entwicklerstudios sein. Warum sonst sollte man kurz danach eine Situation zeigen, in der die emotionsloseste Stimme der Welt verkündet "Ja. Wir. Fahren. Die Stellen. Am. Besten. Nochmal. Genau. Ab"? Aber: Ihr rettet Schiffbrüchige! Zu "orchestralem Soundtrack" (O-Ton Trailer)! So heroisch werdet ihr euch erst wieder fühlen, wenn ihr jemanden an der Supermarktkasse vorlasst, der oder die weniger auf dem Band liegen habt als ihr. Und wann macht man das schon?

5. 'PC Building Simulator', oder: Pornografie zum Selberbasteln

Es gibt im Gaming-Bereich eine seit Jahren schwelende Debatte darum, wer sich denn nun wirklich als ernstzunehmende Gamer bezeichnen dürfen: die, die auf teuren Highend-PCs zocken (bessere Grafik), oder die, die eine Konsole ihr eigen nennen (wegweisende Spiele, die nicht für PC erscheinen). Für alle Vertreter der PC-Masterrace-Fraktion dürfte der PC Building Simulator eine Offenbarung darstellen – und sie möglicherweise darüber hinwegtrösten, dass sie niemals The Last Of Us spielen können. Hier können sie nämlich selbst Hand anlegen, Computer reparieren und ohne die finanziellen Grenzen der Realität die Maschine ihrer Träume zusammenbauen. Um sie dann anschließend wohlwollend anzugucken, das Spiel zu schließen, und weiter auf ihrem echten, realen PC zocken zu müssen. Geil!

"Schöne Idee, wenn sich sowieso niemand Komponenten wie eine GPU oder RAM leisten kann, dann baut man sich das eben virtuell lol", schreibt jemand in den Kommentaren zum Trailer. Wenn einem die Realität Grenzen aufzeigt, dann sprengt man sie eben in der Virtualität. Hätten wir alle so bescheidene Wünsche wie Simulationsspiel-Fans, wir wären alle glücklichere Menschen und hätten die Achtsamkeits- und Hygge-Industrie im Keim erstickt.

4. 'G1 Jockey' (Die Wii Version), oder: Wendy auf Amphetaminen

Ihr denkt, Red Dead Redemption 2 ist der Gipfel der simulierten Liebe zu einem Pferd? Ihr habt keine Ahnung. Da draußen gibt es einen ganzen Markt mit Spielen, die keine andere Aufgabe haben, als traurigen Pferdemädchen und -jungs zumindest die Illusion zu vermitteln, auf einem Reiterhof abzuhängen und ein eigenes Pferd vom Fohlen zum Turnierchampion aufzuziehen – inklusive Ausmisten, Putzen, Füttern und tägliches Training.

Schon hier musste man den Gesundheits-, Zufriedenheits- und Ausdauer-Status seines Pferdes im Blick behalten, damit es seine bestmögliche Leistung abrufen kann. G1 Jockey, eine Galopprenn-Simulation, nimmt das alles noch ein bisschen ernster. Um Rennen gewinnen zu können, müsst ihr auf die ganz individuelle Bedürfnisse eures Pferdes eingehen. Manche mögen es nicht, wenn ihnen andere zu nahe kommen, manche hassen es, von Anfang an an der Spitze des Feldes zu laufen und wehren sich, wenn man sie dazu zwingt. Wie echte Tiere, nur ohne alles, was an echten Tieren Spaß macht.

Die Wii-Version des Spiels geht noch einen Schritt weiter: Ihr drückt nicht einfach nur Knöpfe, sondern sollt das Gefühl bekommen, echte Zügel in der Hand zu halten. Das soll dadurch simuliert werden, dass ihr den Wii-Controller bewegt und schüttelt, als wolltet ihr in schnellstmöglicher Zeit ein ernstzunehmendes Karpaltunnelsyndrom entwickeln. Falls jemand fragt, warum ihr eure Hände nur noch unter Schmerzen bewegen könnt, sagt einfach, ihr hättet die letzten Tage exzessiv masturbiert. Ist vielleicht ein bisschen weniger peinlich.

3. 'Autobahnpolizei-Simulator 2', oder: 'GTA', aber mit Polizisten

Ihr steht auf adrenalingeladene Verfolgungsjagden, euer PC packt aber die letzten drei unterirdischen Teile von Need for Speed nicht? Ihr wollt geile Open World und schnelle Karren, könnt es aber mit eurem moralischen Kompass nicht vereinbaren, GTA V zu spielen? Ihr habt noch nie eine Folge von Alarm für Cobra 11 verpasst? Dann habe ich gute Nachrichten für euch: Autobahnpolizei-Simulator 2 ist der feuchte Traum eurer nicht ganz so schlaflosen Nächte. (Diese Redewendung habe ich sowieso nie verstanden: Entweder man hat einen feuchten Traum, weil man eben schläft, oder man ist schlaflos und ejakuliert sich bewusst in die Schlafanzughose.)

Schlüpft in die Uniform und den 5er BMW einer Autobahnpolizistin (oder eines -polizisten) und bringt Recht und Ordnung zurück auf Deutschlands Straßen. Erkundet, wie im Trailer angekündigt, "auf eigene Faust das Leben bei der Autobahnpolizei", erstellt euren ganz persönlichen Spielcharakter und lacht euch anschließend darüber tot, wie absurd er oder sie aussieht, wenn ihr ernste Polizeigespräche mit Kolleginnen und Kollegen führt. Lauft frei durch die Polizeiwache und versucht, mit zweidimensionalen Aktenschränken zu interagieren, bis ihr irgendwann feststellt: Hey, so richtig viel Freiraum habe ich in dieser vermeintlich offenen Welt ja doch nicht! Bei der Autobahnpolizei sein ist, was ihr draus macht.

2. Bus-Simulationen – egal welche, oder: Ein Lehrstück in Langeweile

An diesem Punkt kommen wir zur Königsdisziplin der Simulatoren: Spiele, die Jobs simulieren, die für unsere Gesellschaft sehr wichtig sind, auf die aber trotzdem niemand so richtig Bock haben dürfte. Deswegen gibt es Holzfäller-Simulatoren, U-Bahn-Simulatoren und Müllabfuhr-Simulatoren, Die Krone innerhalb der Königsdisziplin geht klar an die Spiele, in denen man sich hinter das Buslenkrad schwingt und nervige Passagiere durch lieblos animierte Straßen fährt. Inklusive DLC-Option, bei der man sich zusätzliche Strecken und Städte dazukaufen kann.

Nehmen wir zum Beispiel den Fernbus-Simulator, der trotz aufwendigem Trailer nicht viel mehr ist als eine spielbare Flixbus-Werbung. Liebevoll animierte Strecken mit "dynamischem Wetter" und "verbesserter Vegetation" kann man da fahren und parallel sogar Radio (!) hören. Zwar macht es schon keinen Spaß, als Passagier in einem Fernbus zu sitzen und da hat man zumindest noch beschissenes WLAN und kann schlafen. Dafür riecht es vor dem heimischen PC auch nicht die ganze Zeit nach dem Durchfall der Mitreisenden, weil die Toilettenkabine nicht richtig schließt.

Beim OMSI 2 – Busbetrieb-Simulator hingegen schaltet man ein paar Gänge runter und navigiert sich und sein realistisch nachempfundenes Gefährt von einer innerstädtischen Bushaltestelle zur nächsten. Mit "Schichtplänen von echten Disponenten" und "passender Vergütung auf Basis deiner Leistung". Wie ein richtiger, echter Job, nur eben ohne richtiges, echtes Geld.

1. Energiespiel Bayern, oder: CSU, aber als Videospiel

Bayern und Videospiele – zwei Dinge, die einfach nicht zusammenpassen. Egal wie oft sich die deutsche Digitalministerin Dorothee Bär auch auf der Gamescom herumtreibt. Schon 2012 wollte der Freistaat junge Bürgerinnen und Bürger für die wirtschaftliche Zukunft ihrer Heimat begeistern, indem er sie in dem Videospiel Aufbruch Bayern politische Entscheidungen treffen ließ. Das Ganze hat angeblich 100.000 Euro gekostet und … lief nicht so gut. Allem voran deshalb, weil das Spiel absolut keinen Spaß gemacht hat. Entmutigen ließ man sich davon in Bayern natürlich nicht. Miasanmia und so weiter. Deswegen versuchte man es einfach nochmal mit einem freistaatgeförderten Game: Energiespiel Bayern.

Dieses Mal wollte man die Energiewende cool und aufregend machen und hat deswegen eine Mischung aus Wirtschaftssimulation und Strategiespiel entwickelt. Die Aufgabe: den Freistaat mit möglichst umweltschonenden Energiequellen (Windrädern, Solarzellen etc. pp.) versorgen, ohne die Bevölkerung gegen sich aufzubringen. Klingt das nach Spaß? Nein? Macht nichts. Dafür wurde dem Spiel der beste Trailer der Welt spendiert, indem zwei psychotische Jugendliche vor einem Greenscreen so tun, als würde von verwackelt abgefilmten Bildschirmen die Zukunft ihres Bundeslandes abhängen. Way to go, Bayern. Dann doch lieber Modelleisenbahnen im Keller von Horst Seehofer aufbauen. Der dürfte demnächst ja Zeit haben.

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