Alkohol

Wir haben Billig-Wodka mit Russen getestet

"Ich liebe Alkohol, aber wenn es das Einzige wäre, was ich jemals wieder trinken dürfte, würde ich aufhören."

von Tim Geyer
09 August 2017, 12:03pm

Alle Fotos: Josefine Lippmann

Jelzin, Gorbatschow, Puschkin und vier andere stehen vor uns auf einem Tisch, um uns etwas über russische Trinkkultur beizubringen. Sieben Sorten billigen Wodka wollen wir verkosten – nach dem großen VICE-Billig-Bier-Test und unserer Billig-Wein-Degustation mit einem Sommelier erschien uns das als logische Steigerung.

Um auch dieses Mal einen professionellen Rahmen zu schaffen, fiel uns nichts Besseres ein, als zwei Russen einzuladen: Der Schriftsteller Wladimir Kaminer, Autor des Bestsellers Russendisko, ließ sich überreden, ebenso wie Ilja Kaplan, Berliner Gastronom und unter anderem Betreiber des russischen Cafés Gorki Park. "Wenn Menschen einen Russen sehen, wollen sie sofort mit ihm einen Wodka trinken, das ist halt so", sagt Kaminer mit gütigem Blick in die Runde.

Als er jedoch die aus umliegenden Supermärkten herbeigeschleppte Wodka-Auswahl begutachtet, muss er lachen. "Sieben Flaschen für 20 Gäste. Das ist nix", sagt er. Normalerweise trinke jeder Russe an so einem Abend mindestens eine Flasche. Aber es werde schon gehen. Wir wissen es halt nicht besser: Deutsche tranken laut Bundesverband der Deutschen Spirituosen-Industrie und -Importeure im ganzen Jahr 2015 durchschnittlich gerade mal 1,11 Liter Wodka pro Kopf.


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Doch bevor wir unsere kultivierte Verkostung beginnen, ist es Zeit für einen Vortrag. Die Entstehung des Wodkas habe viel damit zu tun, dass der russische Staat schon früher überall mitmischen wollte, sagt Kaminer. "Deshalb hatten die Russen keine Zeit, um anständigen Schnaps zu machen. Wodka ist das Getränk eines Volkes auf der Flucht. Und bevor der Staat kommt und dir alles abnimmt: schnell kippen und weg." An dieses russische Motto wollen wir uns als kultursensible Menschen am heutigen Abend halten.

Wodka Gorbatschow (7,49 Euro)

Gläser werden befüllt, Essiggurken verteilt, Schnittchen geschmiert und Kaminer muss noch etwas loswerden. Das Wichtigste sei nicht das Essen davor, sondern der Trinkspruch: "Auf die Völkerverständigung!"

Die Gläser klirren aneinander. Dann: Stöhnen, schweres Atmen, geweitete Augen. Eine Atmosphäre wie in einer sibirischen Schwitzhütte. Ein Kollege notiert auf seinem Bewertungsbogen unter Geruch "Mofatank", eine andere "Abiparty". Allgemein fällt das Urteil aber wohlwollend aus. Um den Geschmack loszuwerden, machen wir uns über Essiggurken und Butterschnittchen her, als wären sie aus Bacon. Wenn man nichts zu essen hat, um den Geschmack zu neutralisieren, kann man auch an seiner Achselhöhle riechen, erklärt uns eine russisch-stämmige Kollegin – oder an den Haaren anderer Leute. Einige der Anwesenden versuchen daraufhin die Shampoomarken ihrer Nachbarn zu erschnuppern. "Russian Tinder", sagt einer.

Es ist Zeit zu reden. Denn: Wodka sei Kommunikation, doziert Ilja Kaplan, und Wladimir Kaminer pflichtet bei: "Wenn du zu lange brauchst, um der Welt etwas Wichtiges mitzuteilen, einen Gedanken zu Ende zu denken oder wenn der Tag zu lang wird, dann trink einen. Wodka ist ein Beschleuniger."

Doch was ist eigentlich die Definition eines Billig-Wodkas, fragt eine Kollegin. Gorbatschow sei mit 7,95 Euro für die 0,7-Liter-Flasche viel zu teuer für Billig-Wodka, gibt sie zu bedenken (für unsere billigsten Flaschen gaben wir 4,99 Euro aus). Er sei eher Mittelklasse, philosophiert Kaminer, und so was wie der Reformator des Billig-Wodkas: "Der Geist des Namensgebers, der mit Perestroika ein skurriles, kaputtes System reformiert hat, ist also auch in diesem Wodka vorhanden." Das beantwortet unsere Frage noch nicht, ab wann billiger Wodka Billig-Wodka ist, aber zum Glück hat Kaminer zur Bedingung für sein Kommen gemacht, seine 20-jährige Tochter Nicole mitbringen zu dürfen. Sie hat noch zwei ihrer Freundinnen dabei und jetzt sitzen sie schnatternd nebeneinander auf dem Sofa, eine Art lebende WhatsApp-Gruppe. Worauf achtet die Billigfusel-Zielgruppe? "Nur auf das Preis-Liter-Verhältnis."

Guten Wodka erkennt man am Geruch, sagt Kaplan. "Bei billigem Wodka riecht ihr sofort, wenn Ethanol drin ist." Guter Wodka werde aus Weizen gemacht, billiger aus Kartoffeln und ganz billiger aus Spiritus. "Da kostet die Flasche mehr als der Inhalt." Russen hätten früher oft schwedischen oder französischen Wodka getrunken, weil der eigene so schlecht war, sagt Kaplan, und Kaminer ergänzt: "Eigentlich muss Wodka nach nichts schmecken, nach nichts riechen und nach nichts aussehen." Ob er Lust macht zu tanzen, sei außerdem ein wichtiges Qualitätsmerkmal.

Jelzin (6,99 Euro)

"Wäh", "Wuaaah" und "Bäh" sind drei der eloquenteren Einschätzungen unserer Tester, als die Verkostung von Jelzin läuft. Das passt, findet Kaminer. "Sehr viele Russen mögen Jelzin nicht. Also nicht den Wodka, den Präsidenten." Kaplan dagegen notiert: "Guter Politiker, schlechter Wodka." Und was sagt die Tochter? "Wir kaufen immer Jelzin, aber wir mischen ihn mit Fanta."

Achmatov (4,99 Euro)

Dieser Wodka kommt ein bisschen besser an. "Aromatisch, aber entfaltet dann doch seine Fuseligkeit", schreibt ein Kollege in den Bewertungsbogen. Auch Kaminer findet ihn besser als Jelzin. Doch laut Nicole Kaminer liegen beide völlig falsch. Überraschend vergibt sie die Durchschnittsbewertung 1,6 (nach Schulnoten). Wir fühlen uns bereit, um eine weitere wichtige Frage zu klären. "Wodka-Tampons: schlaue Idee oder dumme?", will ein Kollege wissen. "Bei uns in der Armee haben das Leute mit einem Klistier gemacht, mit dem man sich Wodka unten rein spritzen konnte, damit man keine Fahne hat", sagt Kaminer. Man sei dadurch aber nicht schneller, sondern langsamer betrunken geworden: "Das ist wie bei Space Cakes."

Die Soldaten der glorreichen russischen Armee haben aber noch andere Tricks entwickelt. "Unsere Familien haben uns immer Gurken geschickt. Aber sie waren nicht in Salzlake, sondern in Wodka eingelegt", erzählt Kaminer. Nach drei Tagen hatten die Gurken den ganzen Alkohol aufgenommen. "Ein Soldat bekommt von zu Hause also so ein Gurkenglas. Der Offizier riecht daran, alles sauber. Aber wenn du reinbeißt, bist du von einer halben Gurke betrunken."

"Wenn du richtig schnell besoffen sein willst", sagt Kaplan, "kannst du Wodka mit Bier trinken." Davon rate er aber aus eigener Erfahrung ab. Und dann, während wir so über die verschiedenen Arten reden, auf die sich Menschen sinnlos betrinken, sagt Kaplan etwas, das wir an diesem Abend nicht erwartet hätten: "Ich trinke heute das erste Mal seit zwei Jahren." Der Raum wird ganz still. "Ich musste nach einem Gläschen immer weitermachen und habe nicht verstanden, wo die Grenze ist. Deshalb habe ich aufgehört." Kaplans Begleiterin macht ein ernstes Gesicht und uns wird klar, warum er den Wodka nach dem verkosten den ganzen Abend ausgespuckt hat. Was machen wir hier eigentlich?

Kaplan, sagt, er habe nichts gegen das Wodkatrinken an sich, ihm sei nur wichtig, dass jeder seine Grenzen kenne. "Manche Russen trinken eine Flasche und fahren weiter Auto oder gehen am nächsten Tag ganz normal arbeiten, so wie ich das gemacht habe, bis es nicht mehr ging." Gerade junge Leute müssten beim Wodka sehr vorsichtig sein, sagt er. Und wenn uns das noch nicht die Sinnhaftigkeit unseres Vorhabens hinterfragen lässt, so tut es spätestens die nächste Runde.

Etalon (6,99 Euro)

"Nastrovje!", sagt Kaminer, was eigentlich polnisch ist, aber das ist jetzt auch schon egal. "Das ist doch kein Alkohol, das ist Lampenöl!", sagt ein Kollege, als er daran riecht. In stummer Pflichterfüllung heben wir trotzdem die Gläser. "Etalon, das klingt wie Ethanol, haha, das passt", krakeelt jemand über die Schlürfgeräusche hinweg. Das "Idealbild", wie Etalon auf Deutsch heißt, gibt es im Supermarkt für 6,99 Euro.

Vielleicht gibt es bei den Russen auch deshalb die Tradition, vor dem Trinken einen ausgedehnten Toast aufzusagen, weil man dann nicht so viel über das Trinken selbst nachdenkt. Wladimir Kaminer zeigt uns, wie das geht. Er steht auf, drückt das Kinn zur Brust, dorthin, von wo er seine Tiefe Stimme herzuholen scheint, und erzählt, während alle ihr Glas heben: "Ein alter Mann kauft seinem Enkelkind zur Einschulung eine Knarre. Nach einem Jahr fragt der Opa das Kind: 'Sag mal, wo ist die Knarre?' 'Ach Opa', sagt der Junge, 'vergiss die Knarre. Ich habe sie in der Schule gegen eine Rolex getauscht!' Da sagt der Opa: 'Du Dummkopf, wenn jetzt jemand kommt und sagt, deine Mutter ist eine Hure, dein Vater ist ein Dieb, dein Opa ist ein Idiot – was sagst du ihm dann? Viertel vor acht?' Also lasst uns darauf trinken, dass die Jungen immer auf die alten Hören", sagt Kaminer.

Puschkin (7,49 Euro), Rachmaninoff (4,99 Euro), Putinoff (4,99 Euro)

Wir kosten uns weiter durch die russische Geschichte und trinken einen Puschkin "auf die Zauberkraft der Kunst und darauf, dass die Künstler Politiker werden", sagt Kaminer. "Digga, ekelhaft!", urteilt ein Kollege und Kaminer notiert: "Billig-Wodka in Person, schmeckt nach Schule." Den Aggregatzustand des Rachmaninoff beschreibt ein Tester mit "sehr warm". Konkreter formuliert es ein Kollege: "bisher der schlimmste". Doch auch hier gibt es eine Überraschung: Nicoles Freundin Lena kürt Rachmaninoff zu ihrem neuen Lieblings-Wodka ("den kann man bestimmt gut mischen"). Je mehr wir trinken, desto öfter wechseln unsere russischen Gäste in ihre Muttersprache. Das einzige deutsche Wort, das wir raushören, ist "beschleunigen". Offenbar trinken wir zu langsam. Also machen wir uns über die letzten Flasche her: Putinoff. Er würde sich hervorragend für eine Kompresse eignen, sind sich Kaplan und Kaminer einig. Eine andere Testerin sieht das ähnlich: "Ich liebe Alkohol, aber wenn das das Einzige wäre, was ich jemals wieder trinken dürfte, würde ich aufhören."

Aber weil wir uns gerade erst warm getrunken haben, würden wir jetzt gerne noch ein bisschen weitermachen. Wladimir Kaminer schlägt vor, die Reste einfach zusammenzuschütten. "Ihr seid geisteskrank", sagt ein Kollege, und Kaminer antwortet: "Nein, das ist volkstümlich."

Das Ergebnis

Vor unserem Test hatten wir befürchtet, dass unser Urteil immer großzügiger werden würde, je mehr wir saufen. Doch das bestätigt sind nicht. Gorbatschow – unser erster Wodka – landet mit großem Abstand (Schulnote 2,5) auf dem ersten Platz – unter Vorbehalt, wegen Mittelklasse-Wodka-Verdachts –, gefolgt von Achmatov (3,5), Rachmaninoff (3,5), Jelzin (3,7) und Putinoff (3,8). Puschkin (4,1) belegt den vorletzten Platz, und Etalon (4,2) den letzten – beide können wir als Desinfektionsmittel empfehlen. Dabei ist Etalon neben Putinoff der einzige Wodka mit 40 Prozent Alkohol. Die anderen haben nur 37,5 Prozent und wären deshalb genau genommen keine richtigen Wodkas, sagt Kaplan.

Was haben wir also von diesem Abend gelernt? Der Preis eines Wodkas sagt wenig über seine Qualität aus, aber viel darüber, wie übel man sich damit zurichten kann – auch ohne Geld. Ilja Kaplan hat uns das unmissverständlich klargemacht und damit den vielleicht wichtigsten Beitrag an diesem Abend geleistet. Trotzdem: "Flaschen anschauen, Preise vergleichen – das bringt alles nichts. Wodka ist etwas, das du nur auf einem Wege begreifen kannst: indem du ihn trinkst", sagt Kaminer, bevor er sich mit seiner Tochter und deren Freundinnen verabschiedet. Wodka ist eben nur ein Getränk für Profis, und dass wir auch nach diesem Abend keine waren, lernten wir am nächsten Morgen.

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