The Power and Privilege Issue

Verschwende deine Privilegien nicht: Nutze sie

Auch Menschen aus unterdrückten Bevölkerungsgruppen können in gewisser Hinsicht privilegiert sein. Das ist kein Grund, sich zu schämen, sondern eine Chance.

von Blair Imani
25 Dezember 2018, 5:00am

Symbolfoto: Imago | Westend61 

Aus der Power and Privilege Issue.

Ich bin eine Schwarze Frau. Ich bin außerdem bisexuell und zum Islam konvertiert. Ich bewege mich in Systemen, die rassistisch, sexistisch, homofeindlich und antimuslimisch sind. Aber ich habe helle Haut, einen männlichen Partner und relativen Wohlstand. So habe ich Zugang zu Räumen, die ansonsten eher Weißen, Heteros und Wohlhabenden vorbehalten sind. Dadurch bin ich in gewisser Hinsicht privilegiert, genau wie eine Weiße Person von der rassistischen Gesellschaftsordnung profitiert, auch wenn sie selbst Rassismus ablehnt. Man kann gegen ein System sein – und auch etwas dagegen tun – und trotzdem Vorteile daraus ziehen.


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Macht wird seit jeher eher denen zuteil, die den bevorzugten, privilegierten Eigenschaften näher sind. Je mehr unser Typ dem jeweiligen Ideal der Macht entspricht, desto privilegierter ist unser Leben, desto weniger Nachteile versperren uns den Weg. Dieses moderne Verständnis von "Privileg" geht auf einen Artikel von 1988 zurück, in dem die feministische Gelehrte Peggy McIntosh Weiße und männliche Privilegien erklärte. "Da neben Hautfarbe und Geschlecht weitere Vorteilssysteme im Spiel sind", schrieb McIntosh, "müssen wir auch erforschen, was es im Alltag bedeutet, Vorteile aufgrund anderer Faktoren zu haben: Alter, Ethnie, physische Fähigkeiten, Nationalität, Religion und sexuelle Orientierung."

In anderen Worten: Auch Mitglieder einer unterdrückten Bevölkerungsgruppe können privilegiert sein. Dazu gehöre ich, auch wenn ich Aktivistin bin, und dazu gehörst vermutlich auch du. Es ist nun mal ein komplexes Thema.

Wenn ich als Kind an Aktivisten dachte, kamen mir die Menschen in den Sinn, die gegen den Vietnamkrieg demonstrierten. Ich dachte an Black Panthers wie Angela Davis, die sich für eine Umverteilung des Wohlstands an die Ärmsten in unseren Communitys einsetzte. Ich dachte auch an meine Eltern. Meine Mutter ist Schwarz, hat aber so helle Haut, dass sie sich als Weiß ausgeben könnte. In unserer Welt herrschen Weiße Schönheitsvorstellungen. People of Color mit hellerer Haut werden von der Weißen Gesellschaft als weniger "bedrohlich" wahrgenommen. Die Schriftstellerin und Aktivistin Alice Walker definierte den Begriff "Colorism" als Vorurteile gegenüber Menschen mit dunklerer Haut, sowohl innerhalb einer Kultur als auch zwischen Kulturen. Ich bin neben meiner Mutter die Hellhäutigste in der Familie. Dafür wurde ich gehänselt, aber meine Mutter erinnerte mich immer wieder daran, dass Weiße mich aufgrund meiner Hautfarbe zugleich eher akzeptieren würden.

Meine Mutter zeigte mir, dass meine helle Haut kein Passierschein in die Assimilierung ist, sondern die Chance, ein abgeschottetes System zu unterwandern.

Wenn wir damals in die Mall gingen oder nach Disneyland, machten Fremde immer nur mir und meiner ebenfalls hellhäutigen kleinen Schwester Komplimente. "Was für ein hübsches Kind!" Ich verstand Colorism damals schon und zeigte auf meine älteren Geschwister: "Sie sind auch hübsch!" Als eine Kusine sagte, ich hätte "gutes Haar", im Gegensatz zum krauseren, "schlechten Haar" meiner Geschwister, verbrachte meine Familie weniger Zeit mit ihrer. Meine Mutter zwang uns, diese schädlichen Denkweisen zu überwinden. Colorism abzulehnen, selbst wenn er von unseren Verwandten kam. Sie zeigte mir, dass meine helle Haut kein Passierschein in die Assimilierung ist, sondern die Chance, ein abgeschottetes System zu unterwandern: Wir können uns dafür einsetzen, dass alle in unserer Community Zugang zur Mehrheitsgesellschaft bekommen, und nicht nur die Hellhäutigen unter uns.

Ich lernte, mich nicht vor der ungerechten Wahrheit zu verstecken oder Schuldgefühle zu haben, weil ich unverdiente Vorteile genieße. Stattdessen muss ich, müssen wir zum Wohle aller "unser Privileg ausgeben", wie die Schwarze Feministin Brittany Packnett sagt.

Meine Eltern haben mir das vorgelebt. Mein Vater war früher in Los Angeles bei den Black Panthers, danach studierte er und machte seinen Abschluss an der Harvard Business School. Er gehörte nicht zu denen, die im Vietnamkrieg einberufen wurden, stattdessen trat er dem Friedenscorps bei. In Kenia grub er Latrinen und impfte Kinder, zu Hause in den Staaten eröffnete er ein Wohnheim für Menschen mit kognitiven Behinderungen.

Damals galt das Wohnheim als radikal progressiv, weil es ein Gemeinschaftsmodell umsetzte, das Menschen mit psychischen Krankheiten in die Community integrierte, statt sie einzusperren. Letzteres war damals in den USA üblich und wird noch heute praktiziert. Zu Weihnachten und Thanksgiving nahm mein Vater uns mit ins Wohnheim, damit wir mit diesen Brüdern und Schwestern Zeit verbrachten. Er bezeichnete die Menschen dort nicht als Patienten, sondern als Kunden – so wollte er uns klarmachen, dass seine Einrichtung nicht einfach "wohltätig" war. Es handelte sich vielmehr um eine notwendige Dienstleistung.

Rückblickend sehe ich noch deutlicher, wie revolutionär der Ansatz meines Vaters war. Er ließ nicht zu, dass wir opportunistische Wohltäterinnen wurden, die Menschen mit Behinderungen bemitleideten und entmenschlichten. Stattdessen zeigte er uns ein nachhaltiges Modell der Fürsorge. Ich sah, wie studierte und wohlsituierte Menschen ihre Position nutzen können, um ausbeuterische Systeme zu untergraben und Leben zu verbessern. Mein Vater verschwendete sein Privileg nicht, sondern teilte es.

Heute nutze ich diese Lektionen, um dunkelhäutige Schwarze Aktivistinnen und Autorinnen zu fördern: Mars Sebastian, Clarkisha Kent, Valerie Complex, Serena Sonoma und viele mehr.

Ob es uns gefällt oder nicht: Die meisten von uns sind in gewisser Hinsicht privilegiert, und das hat einen Einfluss darauf, wie unsere Umwelt uns behandelt. Wir haben die Pflicht, nicht mit dem Strom zu schwimmen, sondern ihn so umzuleiten, dass es allen gut geht.

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