LGBTIQ

Wie es ist, als Schwuler im Schweizer Militär Karriere zu machen

Patrick ist schwul und Oberleutnant in Zürich. Wir haben uns mit ihm über Homophobie und sein Leben in der Armee unterhalten.

von Matthias von Wartburg
09 August 2017, 1:37pm

Fotos von Jojo Schulmeister

Als Zivildienstler war ich mit Infotag und Aushebung insgesamt genau drei Tage im Militär: Am Infotag erzählte unser Gruppenleiter, wie es an der Aushebung ablaufen wird. Einen Satz habe ich bis heute nicht vergessen: "Ja klar, auch die Frauen müssen an dieses Gespräch. Da werden dann zum Beispiel noch Doppelstecker aussortiert."

Wie homophob ist das Militär? Wie erleben Schwule die Armee? Wie ist die offizielle Haltung der Schweizer Armee? Und wie sieht es in der Realität wirklich aus?

Ich melde mich beim Verein "Queer Officers", der sich für Schwule und Lesben in der Schweizer Armee einsetzt. Der Präsident schickt mir per SMS zwei Kontakte. "Das wären zwei, die noch mitten im Militär sind und als junge schwule geoutete Offiziere sicher was beitragen können."

Ich schreibe dem Jüngeren eine SMS. "Ich bin grundsätzlich interessiert an einem Interview", schreibt er zurück, "Ich muss jedoch zuerst Rücksprache halten, da ich nicht nur Milizoffizier, sondern auch Berufsoffizier bin und somit beim Kommissariat V betreffend des Compliance zuerst ein OK einholen muss. Ich bin aber guter Dinge, dass wir trotzdem diese Woche einen Termin finden."

Vier Tage später schreibt der Berufsoffizier per Mail, dass er wegen dem Interview von der Kommunikationsstelle ins Bundeshaus beordert wurde. "Der Verantwortliche hat am Telefon gesagt, dass er mir das Interview nicht verbieten kann, will und wird. Allerdings möchte er noch mehr über meine Beweggründe wissen." Zu meiner Beruhigung schreibt der Berufsoffizier weiter unten: "Ich werde den klaren Standpunkt vertreten, dass ich das Interview durchführe, das weiß der Verantwortliche auch."

Nach dem Gespräch im Bundeshaus ruft mich der junge Berufsoffizier an: "Ich mache es doch nicht." Ich bin sicher, mich verhört zu haben. Aber er sagt: "Sie haben es mir nicht verboten, aber sie haben aufgezeigt, dass man bei so einer Berichterstattung die Entwicklung nicht abschätzen oder kontrollieren kann." Es könne ruhig über die Bühne gehen, es könne aber auch einen Sturm auslösen. "Ich wäre momentan nicht in der Lage, dies zu bewältigen."

Ich rufe Patrick an, den zweiten Kontakt von Queer Officers. Er will Bedenkzeit.

Unterdessen frage ich bei der Schweizer Armee um eine Stellungnahme zum Thema Homosexualität. "Die sexuelle Ausrichtung spielt in der Schweizer Armee keine Rolle. Es gelten für alle die gleichen Rahmenbedingungen. Die Gleichstellung aller Mitarbeitenden und Armeeangehörigen, ist der Schweizer Armee sehr wichtig."

Patrick sieht sein Coming-Out im Militär als Kosten-Nutzen-Rechnung. Nutzen sieht er dabei kaum, die Kosten aber können hoch sein.

Vor neun Jahren hat die Armee das sogenannte "Diversity Management" eingeführt. Dieses sieht vor, dass alle Angehörigen der Armee gleich behandelt werden. Hierbei sind nicht nur Homosexuelle oder Transgender gemeint. Im "Diversity Management" ist auch definiert, dass alle Personen unabhängig von Herkunft, Religion und Hautfarbe gleich behandelt werden sollen.

Patrick sagt zu. Wir treffen uns zu Mittag in Zürich. Sonnenbrille, weißes Shirt, die Jeans über den Sneakers einmal hochgefaltet. Er begrüßt mich mit einem kräftigen Händedruck. Auf dem Weg zum Asiaten um die Ecke erzählt der 27-Jährige, dass er Mathematik studierte, jetzt aber als Programmierer arbeitet.

Über einer Schüssel Reis erzählt er von seiner Militärlaufbahn. Er ist Oberleutnant in der Führungsunterstützung. "Bei uns in der Familie ist das fast klar, dass man ins Militär geht. Schon meine Schwester hat es gemacht", sagt Patrick. Er sei Armeebefürworter. "Das ist etwas, was man später im Leben nicht mehr machen kann. Militär, Waffen und so weiter."

Auf die Frage, warum er sich, nach Bedenkzeit, dann doch für ein Interview bereit erklärte, sagt Patrick: "Ich bin beim Verein Queer Officers im Vorstand. Wir wollen ja zeigen, dass es gut möglich ist, als schwuler Militärdienst zu leisten. Wenn dann aber niemand von uns hinsteht, und das sagt, dann wäre das schon komisch"

Sein Coming-out im Militär hatte Patrick erst nach etwa einem Jahr im Dienst. Er habe lange nicht gesagt, dass er schwul ist, weil er nicht sicher gewesen sei, wie die Kameraden reagieren. Bis er dann in einer Pause mit ein paar anderen in einem Kreis stand und gefragt wurde: "Und du Patrick, stehst du eigentlich auf Frauen oder auf Männer?" Patrick kann sich noch gut an die Situation erinnern: "Ich dachte: 'Oh shit! Was soll ich jetzt sagen?' Ich wollte nicht lügen, hatte aber doch Hemmungen, oder Respekt vor den Reaktionen." Dann sagte der Typ, der ihn gefragt hatte, dass er eine Zeit lang selber unsicher war, ob er nicht doch auf Männer stehe. "Da wusste ich, dass es zumindest für ihn kein Problem sein wird. Und da er in dieser Gruppe sozusagen das Alphatier war, sagte ich dann: 'Ja, ich bin schwul.'" Keine Reaktion der anderen Soldaten.

Mit der Zeit hätten es dann alle gewusst. "So was sickert dann halt schnell durch", sagt Patrick während er in seinem Reis stochert.

Wäre er nicht gefragt worden, hätte er wohl nie etwas gesagt.
"Es ist ein Abwägen von Nutzen und Kosten. Der Nutzen ist gering. Aber die Kosten können schon hoch sein. Wenn es die anderen scheiße finden und es eine Gruppendynamik gibt, kann das äußerst unangenehm werden." Deshalb seien auch die meisten Schwulen im Militär nicht geoutet. "Ich kann aber sagen, ich wurde nie runtergemacht."

Auch sei es bei ihm zu keinen unangenehmen Situationen gekommen, zum Beispiel in der Gemeinschaftsdusche. "Das ist vielleicht eine Frage der Persönlichkeit, es gibt Leute die machen das halt einfach nicht gerne, und andere haben keine Probleme damit. Ich habe ja auch in der Schule nach dem Turnen schon immer mit anderen Männern geduscht."

Klar, im Militär seien hauptsächlich Männer zusammen und da sei die Sprache ruppiger, sagt Patrick. Aber wenn das Wort schwul in den Mund genommen werde, dann passiere das oft unüberlegt. "Wirklich gezielt schwulenfeindliche Sprüche habe ich nie erlebt. Ich sage nicht, dass es das nicht gibt, aber ich habe das nie erlebt."

Auf die Nachfrage, ob es wirklich nie Sprüche bezüglich seiner sexuellen Ausrichtung gab, zögert Patrick. "Im Militär macht man viele Sprüche. Und ich hatte es wirklich gut mit den anderen. Da habe ich dann auch selber mal einen Spruch in diese Richtung gemacht. Wie zum Beispiel: 'Jetzt musst du aufpassen, jetzt komme ich dann von hinten.'" Von da an hätten die anderen gewusst, dass diese Art von Humor für ihn in Ordnung sei. "Solche Sprüche sind dann schon gefallen, aber nie so, dass es mich verletzt hätte."

Und doch werden Schwule in der Schweizer Armee immer wieder diskriminiert. Bei der Frage, "Kam es im Zusammenhang mit Homosexualität zu Diskriminierungen in der Schweizer Armee?", weicht man bei der Medienstelle aus. Statt einer konkreten Antwort wird darauf hingewiesen, dass bereits vor neun Jahren mit dem "Diversity Management" definiert wurde, dass "die Mitarbeitenden und Armeeangehörigen unabhängig von ihrer Eigenart als Mensch mit all ihren Grundrechten ernst genommen und respektiert werden." Die Realität, fernab dieser Floskeln, sieht anders aus. Das bestätigt mir der schwule Oberleutnant Patrick.

"Es gab schon Leute im Militär, denen hätte ich nicht unbedingt gesagt, dass ich schwul bin." Er gehe aber davon aus, dass es in der Schweizer Armee gleich viel Diskriminierung gegen Schwule gibt wie auch sonst in der Schweiz. "Das vergisst man oft: die Armee ist mehr oder weniger ein Abbild der Schweizer Bevölkerung. Und in der Schweiz gibt es Rassisten, es gibt Homophobe und die hast du dann halt auch teilweise im Militär."

Der Verein Queer Officers, muss sich immer mal wieder mit solchen Fällen rumschlagen. Die Queer Officers werden beigezogen, wenn sich Schwule oder Lesben diskriminiert fühlen. "Wir haben bis jetzt immer eine gute Lösung gefunden. Wir gehen hin und sprechen mit den Leuten."

Mussten bereits schwule Soldaten wegen Diskriminierung versetzt werden? "Ja, das hat es leider auch schon gegeben." Jedoch nur im äußersten Fall, betont Patrick: "Es kann ja eigentlich nicht die Lösung sein, dass jemand aufgrund eines 'Problems', das eigentlich gar keines sein sollte, versetzt wird. Aber gegen die Gruppe kommt man halt manchmal schlecht an."

Die Queer Officers werden aber nicht nur dann gerufen, wenn es schon Probleme gibt. Der Verein mit rund 80 Mitgliedern berät auch Offiziere, die unsicher im Umgang mit homosexuellen Personen sind. Ein weiteres Ziel des Vereins: Jeder Kommandant soll seine Leute sensibilisieren und klar sagen, dass er keine Diskriminierung Andersartiger duldet.

Auch in Patricks Truppe wurde ein solcher Theorieblock durchgeführt. "Ich war extrem überrascht. Der Kommandant war so ein bulliger Typ. Ein Militärkopf würde man umgangssprachlich sagen. Der sagte: 'Hier in diesem Raum gibt es bestimmt einen, der schwul ist – mindestens. Und ihr müsst nicht meinen, nur weil jemand schwul ist, kommt der gleich zu euch und will euch anmachen. Ich will nicht sehen, dass hier jemand diskriminiert wird.'"

Gibt es eigentlich Unterschiede unter den Truppengattungen was Schwulenfeindlichkeit betrifft? "Kann schon sein, weiß ich aber nicht", sagt Patrick. Ein schwuler Panzergrenadier wäre also völlig problemlos? Patrick schmunzelt und sagt: "Kann ich nicht sagen, ich weiß es nicht."

Letzte Frage an Patrick: Was rät er einem schwulen jungen Mann der ins Militär möchte, sich aber davor fürchtet? "Wenn er wirklich gehen möchte, dann soll er es unbedingt machen." Soll er sich outen? "Das ist eine ganze andere Sache. Sicher nicht am ersten Tag. Man muss sich einfach bewusst sein, dass man mit diesen Leuten dann Tag und Nacht zusammen ist. Und wenn es Probleme gibt, dann hat man wirklich ein Problem."

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