El Chapo: 10 unfassbare Momente aus dem Prozess gegen den Drogenboss

Hirnverbrannte Hubschrauber-Manöver, Elite-Hacker und tonnenweise Kokain – vor Gericht werden haarsträubende Details bekannt.

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31 Jänner 2019, 2:59pm

Der Drogenboss El Chapo (links) posiert mit seinem Sturmgewehr | Foto: U.S. Attorneys Office for the Eastern District of New York

Er gilt als mächtigster Drogenboss der Welt: El Chapo, eigentlich Joaquín Guzmán Loera, Chef des berüchtigten mexikanischen Sinaloa-Kartells. Die Chapo-Saga war lang und abenteuerlich, unter anderem machte der heute 61-Jährige Schlagzeilen mit spektakulären Gefängnisausbrüchen und einem Dschungel-Date mit Sean Penn. Seine Biografie mag an einen Hollywoodfilm erinnern, doch seine mutmaßlichen Verbrechen sind echt und grausam: El Chapo soll 33 Menschen ermordet haben. Für diese Morde und für Drogenhandel und Geldwäsche im großen Stil muss er sich aktuell in New York vor Gericht verantworten.

Inzwischen läuft der Prozess seit fünf Wochen, das Urteil könnte schon am 1. Februar verkündet werden. El Chapo selbst nutzte sein Recht zu schweigen, seine Verteidigung befragte nur einen einzigen Zeugen, 30 Minuten lang. Die New Yorker Staatsanwaltschaft, die El Chapo wegen Verbrechen auf amerikanischem Boden ausliefern ließ, lud dagegen mehr als 50 Zeuginnen und Zeugen vor. So kam es zu einigen haarsträubenden Enthüllungen über Bestechung, Mord und Verrat. Die krassesten Geschichten haben wir hier gesammelt.


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Ein gut getimter Witz im Gerichtssaal

Während des Prozesses gingen die Lichter im Gerichtssaal kurz aus. Nach angespannten Sekunden im Stockdunkeln flackerten die Lampen wieder auf. Daraufhin rief ein alteingesessener New Yorker Gerichtsreporter: "Er ist weg!" El Chapo, der für seine ausgeklügelten Fluchtmanöver bekannt ist, saß weiterhin am Tisch der Verteidigung. So gut wie alle Anwesenden brachen in Gelächter aus. Nur die Wachen des Gerichtssaal wirkten wenig amüsiert.

Der vergiftete Maisfladen

Jorge Cifuentes war einer von El Chapos wichtigsten Kokain-Schmugglern. Anfangs war er nur ein junger Häftling in einem kolumbianischen Gefängnis, doch er wollte im Medellín-Kartell aufsteigen. Also bot er an, einen Mithäftling zu ermorden, mit dem das Kartell eine Rechnung offen hatte.

Laut Cifuentes gab ihm das Kartell drei Optionen für den Mord: Er habe ein Messer, eine Granate oder Zyanid benutzen dürfen. Cifuentes entschied sich dafür, das Gift in die Gefängnisküche zu schmuggeln, um eine Arepa, einen Maisfladen, zu vergiften. Doch der Mithäftling hatte an jenem Tag kaum Hunger und rührte den Fladen nicht an. Auch als Cifuentes es mit der Granate versuchen wollte, scheiterte er. Das mit dem Messer probierte er nie. Als Auftragskiller versagte er zwar, später schmuggelte Cifuentes jedoch Hunderte Tonnen Kokain von Mexiko in die USA.

Der Hubschrauber-Absturz auf der Straußenfarm

El Chapo ließ seine kriminellen Partner meist mit einer Cessna in sein Versteck in der Gebirgskette Sierra Madre Occidental im Westen Mexikos bringen. Der Schmuggler Cifuentes fand den Flug mit der kleinen Maschine so unbequem und verstörend, dass er El Chapo versprach, ihm einen Helikopter zu schenken. So könne der "auf zivilisiertere Art fliegen". Er hielt Wort und besorgte dem Verbrecherboss einen Hubschrauber im Wert von einer Million Dollar, die Maschine war speziell dafür gebaut, auf engem Raum zu manövrieren. Cifuentes' Bruder empfahl El Chapo, Flugstunden zu nehmen, um bei einer Razzia jederzeit entkommen zu können.

Chopper
Einen ähnlichen Hubschrauber schenkte der Kokainschmuggler Jorge Cifuentes dem Kartellboss El Chapo | Foto: U.S. Attorney's Office for the Eastern District of New York

El Chapo hörte nicht auf diesen Rat; vielleicht hätte einer seiner Männer die Flugstunden auch nötiger gehabt: Ein Pilot des Kartells baute einen Unfall mit dem Hubschrauber, als er damit im Inneren eines Hangars abhob. Der Hangar befand sich auf einer Straußenfarm am Rande der Großstadt Culiacán. Später schob Cifuentes den Helikopter von einer Klippe, um die Versicherung zu betrügen.

Der Hacker, der El Chapo half, seine Frau und seine Geliebten auszuspionieren

Christian Rodriguez war erst 21, als das Sinaloa-Kartell ihn wegen seiner Hacker-Skills anheuerte. Laut der Verteidigung hatte Rodriguez sich zu diesem Zeitpunkt bereits "zum Spaß" in das Stromnetz der USA gehackt. Er entwarf und verschlüsselte ein Telefonnetzwerk für das Kartell – und wurde danach zum FBI-Informanten. So bekam die US-Regierung Zugang zu Hunderten Anrufen, die das Kartell belasten.

Davor zeigte Rodriguez El Chapo auch noch, was Spyware ist. Der Hacker installierte sie für den Kartellboss auf den Handys von dessen Frau und Geliebten. Der Kartellboss verfolgte so die Bewegungen der Frauen, er las ihre Textnachrichten und aktivierte die Mikrofone ihrer Handys, um sie zu belauschen. Rodriguez hatte zu der Zeit Beziehungsprobleme, dazu kam die ständige Anspannung, die er als FBI-Informant spürte. Schließlich brach er zusammen. Er unterzog sich einer Elektroschocktherapie, die Gedächtnisstörungen bei ihm auslöste – allerdings wusste der Hacker noch genug, um El Chapo vor dem New Yorker Gericht zu belasten.

Der versunkene Kokain-Schatz

Unter den denkwürdigsten Zeugen gegen El Chapo war Juan Carlos Ramírez Abadía, besser bekannt als Chupeta, was "Lolly" bedeutet. Chupeta ist einer der Bosse des kolumbianischen Kartells Norte del Valle. Er hat so viele kosmetische OPs machen lassen, dass er inzwischen recht seltsam aussieht. Vor Gericht erzählte er die Geschichte von 20 Tonnen Kokain, die vor der mexikanischen Küste versanken.

Chupeta
Juan Carlos Ramírez Abadía, aka Chupeta, vor und nach seinen kosmetischen Operationen | Foto: U.S. Attorney's Office for the Eastern District of New York

Chupeta sagte, der Kapitän eines mexikanischen Schmugglerschiffs habe zu viel von seiner eigenen Fracht gekostet, er "fing an, Geister zu sehen" – die aussahen wie Boote der US-Küstenwache. Er versenkte das Schiff mit seiner gesamten Drogenlieferung. Der Kapitän hatte aber noch die Geistesgegenwart, die Koordinaten des Wracks aufzuschreiben, doch als Chupeta mit einem Mitglied des Sinaloa-Kartells die Stelle überflog, fanden sie "nichts als Meer". Taucher des Kartells entdeckten nach mehr als einem Jahr suchen den versunkenen Schatz, Chupeta schickte daraufhin einen kolumbianischen Chemiker, der das verwässerte Kokain retten sollte. Was mit dem voreiligen Schmuggler-Kapitän passiert ist, erwähnte Chupeta vor Gericht nicht.

Eine Handvoll Dreck

Von den späten 80er bis Mitte der 90er Jahre war Miguel Angel Martinez die rechte Hand von El Chapo. In seiner Zeugenaussage ging es um die Hochzeiten des Kartells, in denen El Chapo eine ganze Flotte an Privatjets, mehrere Strandhäuser an der Küste Mexikos und sogar einen Privatzoo mit Tigern, Löwen und Panthern besaß. Als Martinez alias El Gordo hinter Gitter kam und El Chapo ihn des Verrats verdächtigte, kam die Freundschaft allerdings zu einem abrupten Ende.

Nach drei erfolglosen Versuchen, Martinez im Gefängnis erstechen zu lassen, wurde der Insasse in Schutzhaft verlegt. Eines Morgens hörte er allerdings, wie eine Blaskapelle das Lied "Un Puño de Tierra" spielte. Darin geht es im Grunde darum, dass man das Leben genießen soll, weil man nichts mitnehmen kann, wenn man stirbt – nicht mal eine Handvoll Dreck, wie der Titel besagt. Diesen Song soll El Chapo besonders gern gemocht haben, der Kartellboss sendete also eine eindeutige Botschaft. Als die Kapelle fertig gespielt hatte, warf ein Auftragsmörder eine Handgranate in Martinez' Zelle. Martinez überlebte den Anschlag nur, weil er hinter die Toilette hechtete, bevor die Granate explodierte. El Chapos Anwalt musste sich übrigens einiges vom Richter anhören, weil er nach Martinez' Aussage einen YouTube-Link zu "Un Puño de Tierra" twitterte.

100 Millionen Dollar Bestechungsgeld

Alex Cifuentes konnte im Zeugenstand eine Menge wilde Geschichten erzählen, immerhin hat er lange als El Chapos persönlicher Sekretär gearbeitet und zusammen mit dem Drogenboss in den Bergen gelebt. So wissen wir jetzt zum Beispiel, dass die Hell's Angels jemanden für El Chapo in Kanada umbringen sollten. Oder dass El Chapo einem Filmproduzenten erzählt hat, das mexikanische Militär habe ihn mal kopfüber aus einem Helikopter baumeln lassen. Die wirkliche Bombe ließ Cifuentes allerdings platzen, als er behauptete, dass El Chapo den ehemaligen mexikanischen Präsidenten Enrique Peña Nieto 2012 mit 100 Millionen Dollar bestochen habe.

Vor Gericht sagte Cifuentes aus, dass er Fotos von "Koffern voller Bargeld" in einem Flugzeug gesehen habe, das zu einem politischen Berater gehörte, der 2012 an Peña Nietos Kampagne mitarbeitete. Außerdem behauptete er, dass der damalige Präsident zuerst 250 Millionen Dollar von El Chapo verlangt hätte. Ein Sprecher Peña Nietos bestritt diese Vorwürfe.

Cifuentes beschuldigte außerdem Felipe Calderón, einen weiteren Ex-Präsidenten Mexikos, auf der Gehaltsliste eines rivalisierenden Kartells zu stehen. Auch der Name des jetzigen Präsidenten Andrés Manuel López Obrador war während der Verhandlung zu hören. Gerichtsunterlagen beförderten die Behauptung ans Licht, dass einer seiner Mitarbeiter während der gescheiterten Kampagne von 2006 von einem Kartell geschmiert worden sei.

Der Fluchttunnel mit eingebautem Motorrad

El Chapos Flucht aus einem Hochsicherheitsgefängnis in Mexico City war bereits vor der aktuellen Gerichtsverhandlung legendär. Der Zeuge Dámaso López hat jetzt aber neue Details zu dem Ausbruch preisgegeben, die die ganze Sache noch spektakulärer machen. Laut López, der während der 2000er Jahre ein enger Vertrauter El Chapos war, wurde der Fluchttunnel von den Söhnen und der Ehefrau des Kartellbosses konzipiert. Emma Coronel soll nach Gefängnisbesuchen Nachrichten von El Chapo weitergegeben und möglicherweise eine Uhr mit GPS-Funktion in die Haftanstalt geschmuggelt haben. López zufolge habe man so den fast anderthalb Kilometer langen Tunnel von einer Hütte außerhalb der Gefängnismauern bis hin zum Duschabfluss in El Chapos Zelle planen können.

Als es am 11. Juli 2015 gegen 21:30 Uhr soweit war, musste El Chapo für seine Flucht nur in das Loch unter seiner Dusche klettern. Unten wartete bereits sein Schwager auf einem umgerüsteten Motorrad, das auf Schienen fuhr. Auf einem Quad wurde der Kartellboss schließlich in eine nahegelegene Lagerhalle gebracht und anschließend per Flugzeug wieder in die Berge chauffiert. Kurz darauf feierte er zusammen mit seiner Familie und seinen Geschäftspartnern ein großes Fest in seiner Heimatstadt.

Vor Gericht behauptete López außerdem, dass El Chapo nach seiner erneuten Festnahme im Jahr 2016 den Chef des mexikanischen Gefängnissystems mit 2 Millionen Dollar bestochen und bereits einen neuen Fluchttunnel geplant haben soll. Dann wurde er für die Gerichtsverhandlung jedoch nach New York gebracht.

Die nackte Flucht

Ein Zeuge sagte aus, dass El Chapo in seinen Verstecken in den Bergen Sinaloas ein Warnsystem eingerichtet hatte. Der Kartellboss soll seinen Wachen außerdem befohlen haben, ihn fünf Minuten, bevor das mexikanische Militär wirkliche nahe sei, anzurufen. Dann würde er "sogar nackt" einfach fliehen. Anscheinend machte El Chapo da keine Späße, er musste später wirklich im Adamskostüm aus einem seiner Unterschlüpfe in Culiacán abhauen.

Eine von El Chapos Geliebten, die Ex-Abgeordnete Lucero Sanchez, gab vor Gericht an, dass der Kartellboss dank einer verstärkten Tür genug Zeit hatte, um während eines frühmorgendlichen Zugriffs der amerikanischen Drogenbehörde und der mexikanischen Armee einen versteckten Schalter im Bad umzulegen. Dadurch soll die Badewanne mit Hydraulikpumpen angehoben worden sein, El Chapo habe durch einen darunter liegenden Tunnel entkommen können. Allerdings reichte die Zeit laut Sanchez nicht mehr, um sich auch noch anzuziehen. In anderen Worten: El Chapo war bei seiner Flucht runter in die Kanalisation komplett nackt. Das klingt selbst mit Klamotten ziemlich ekelhaft.

In den verschiedenen Unterschlüpfen von El Chapo fanden die Beamten einen ganzen Haufen an Beweisen – darunter Panzerfäuste, eine Pistole mit den in Diamanten gefassten Initialen El Chapos auf dem Griff, mehr als 2.800 Päckchen Meth und einige Plastikbananen voller Kokain. Wenige Tage später wurde der Kartellboss zusammen mit seiner Frau in einem Strandhotel festgenommen.

Die grausame Folter

Die grausamsten Details von El Chapos Herrschaft hob sich die Staatsanwaltschaft bis zum großen Finale auf. Isaias Valdez Rios gehörte früher einer militärischen Spezialeinheit an, arbeitete später aber als Auftragsmörder für El Chapo. Er wurde als Letzter in den Zeugenstand gerufen. Dort beschrieb er den Alltag eines Sicarios in den Reihen des Kartells – und wie El Chapo persönlich mindestens drei Menschen brutal gefoltert und ermordet haben soll.

Valdez Rios erzählte von einem Angehörigen des verfeindeten Arellano-Felix-Kartells (auch bekannt als Tijuana Kartell), der bereits Brandwunden von einem Bügeleisen am ganzen Körper aufwies, als er in die Hände El Chapos fiel. Der soll sein Opfer dann so lange in einer hühnerstallartigen Hütte eingesperrt haben, bis der Geruch des verbrannten Fleisches unerträglich wurde. Da befahl El Chapo seinen Angestellten, auf einem nahegelegen Friedhof ein Loch zu graben. Anschließend verhörte der Kartellboss den Mann laut Valdez Rios noch ein letztes Mal, schoss dann mit einer Pistole auf ihn und ließ ihn schließlich vergraben, während der Mann noch nach Luft rang.

Chapo's person handgun. (Photo: U.S. Attorneys Office for the Eastern District of New York)
El Chapos personalisierte Waffe | Foto: U.S. Attorneys Office for the Eastern District of New York

Valdez Rios zufolge soll El Chapo bei einem anderen Zwischenfall zwei bis drei Stunden lang mit einem dicken Ast auf zwei gefangene Mitglieder des Los-Zetas-Kartells eingeprügelt haben, bis "alle Knochen in ihren Körpern" gebrochen waren. Valdez Rios gab an, dass El Chapo seine Männer anschließend ein Loch graben und ein großes Lagerfeuer entzünden ließ. Die beiden Opfer seien zur Feuerstelle gebracht worden. El Chapo soll dann einfach still sein Sturmgewehr geladen und ihnen mit einem "Chinga tu madre" (auf Deutsch so viel wie "Fick deine Mutter") in den Kopf geschossen haben. Die Leichen sollen anschließend so lange ins Feuer gelegt worden sein, bis nur noch ein Haufen Asche übrig war.

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