Ein Liebesbrief an McDonald's

Der Fast-Food-Riese steckt in der größten Krise seit Jahren. Warum es trotzdem nichts besseres als Cheeseburger gibt, wenn man betrunken ist.

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30 Jänner 2015, 9:00am

Foto: Aws Al-Jezairy

Liebes McDonald's,

ich schreibe diesen Brief, weil er mir auf der Seele brennt. Es tut mir weh, dich als Konzern, als Bastion des Fritteusenfetts, so wanken zu sehen. Von einer „Krise" sprechen die Medien, nicht nur in den USA, sondern auch in Europa und Asien. Von einem „herausfordernden Jahr" sprach Don Thompson, der mittlerweile seinen Posten als Konzernchef räumen musste.

Deine Geschichte, McDonald's, ist eine Geschichte voller Widersprüche, abstrusen Werbespots und billigem Plastikspielzeug. Kein Ernährungswissenschaftler würde behaupten, dass ein Big Mac irgendetwas Wertvolles zur Gesundheit beiträgt und jeder, der durch deine großen Glastüren geschritten ist, wusste genau, was er da tut. Dann kam allerdings die große Fitness-Welle und du wurdest unsicher. Irgendwo zwischen dem Farbwechsel von Rot zu Grün hattest du deine Identität verloren. Mit zitternder Hand wolltest du uns Salat reichen, anstatt uns gütig bei schambelasteten Fressorgien zu beobachten. Das warst einfach nicht du.

Aus irgendeinem Grund verbinde ich mehr Kindheitserinnerungen mit dir, als ich eigentlich zugeben will. Aber bei McDonald's zu essen, war damals noch eine vollkommen andere Sache. Da war es eine richtiggehende Familienunternehmung, die wir meiner Mutter nur unter größten Anstrengungen aufzwingen konnten. Ich glaube, es hat sie wirklich verletzt, dass wir labbrige Brötchen und fetttriefenden Käse, Grünkernbratlingen und Rohrzucker-Cornflakes vorgezogen haben. Wir sind damals viel umgezogen und wahrscheinlich werde ich für immer dein großes gelbes M mit Autobahnraststätten und Staus in Verbindung bringen. Mit dem Happy Meal hast du außerdem das perfekte Kindermenü etabliert—auch heute noch wünsche ich mir, in sämtlichen Restaurants furchtbar verarbeiteten Plastikschrott zu aktuellen Filmen zu bekommen. Um ihn tagelang wie einen Schatz zu hüten, bevor er schließlich weggeworfen wird.

Trotzdem muss ich zugeben: Auch ich habe mich in den vergangenen Jahren von dir abgewandt. Weil ich versuche, ein besseres, bewussteres Leben zu leben. Und weil ich die vorwurfsvollen Blicke der Leute in Bus, Bahn und Öffentlichkeit nicht mehr ertragen konnte. Nach 75 Jahren, über 35.000 Filialen weltweit und jeder Menge Herzinfarkte und verfetteter Organe mag es vielleicht nicht mehr so viele Burger-Fans in deine, immer etwas abstrus durchdesignten Hallen, ziehen, aber—und das sage ich mit dem größtmöglichen Respekt: Es gibt nichts Besseres als dich, wenn man betrunken ist. Und diese Aussage werde ich auch dann noch verteidigen, wenn deine Filialen aus S-Bahn-Stationen, Fußgängerzonen und Industriegeländen verschwunden sind.

Diese Mischung aus Selbstkasteiung und Orgasmus, die man nur dann erfährt, wenn man extrem besoffen in der U-Bahn hängt und sich einen Cheeseburger ins Gesicht stopft, gehört wahrscheinlich zu den intensivsten Empfindungen, zu denen ein Mensch überhaupt imstande ist. Und wenn einem schlecht wird, weil die arg gebeutelte Leber nicht auch noch mit purem Fett umgehen kann—oder man nach einer halben Flasche Wodka un-be-dingt noch an diesem Joint ziehen musste—lieferst du in dezentem Erdbraun noch gleich die perfekte Kotztüte mit.

Hör nicht auf die Slow-Food-Bewegung oder all die Lifestyle-Blogger, die nur noch in angesagten, moralisch und biologisch vertretbaren Restaurants Burger essen gehen. Du gibst den Menschen da draußen so viel, McDonald's. Und sei es auch nur der besoffene Bodensatz der Gesellschaft, der sich früh morgens an die Tresen deiner Filialen krallt und mit leeren Augen versucht, die Preistafeln zu entziffern. Du wirst diese Krise überstehen und aus der Asche deiner verkohlten Pommes zu neuer Größe aufsteigen. Ich bin mir sicher.

In ewig währender Liebe,

deine Ilona

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