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The Hot Box Issue

Jackpot in der Hölle

„Fick mein Leben, fick mein Leben!“ Zack. Zack. Und wieder sind 20 Euro für immer verschwunden. Eine Geschichte über Spielsucht.

von Josef Bauer
29 Oktober 2013, 8:00am

Josef Bauer veröffentlicht diesen Text aus Rücksicht auf seine Familie unter Pseudonym. Bevor er freier Schriftsteller wurde, arbeitete er in den Innenpolitik-Redaktionen von namhaften österreichischen Magazinen und Tageszeitungen.


„Fick mein Leben, fick mein Leben!" Zack. Zack. Und wieder sind 20 Euro für immer verschwunden. Goran hat ein beschissenes Leben. Er kommt aus einer Zuwanderer Familie aus Serbien, spricht gebrochen deutsch und verdient sein Geld in einem Automatenkasino, wo er es nach Dienstschluss auch wieder an den Automaten verspielt. Seine Mutter hat wegen ihm einen Kredit von 150.000 Euro laufen.

Ich verdiene in einem ordentlichen Job etwas mehr als mein Jugo-Kumpel, habe aber auch nur einen Bruchteil seiner Schulden. Letztlich egal, Geld hat kein Mascherl. Jetzt sitzt er neben mir an einem Novomatic-Gerät und drischt wie ich auf die Tasten ein. Soeben hat er die Wahl: Nimmt er die 20 Euro Gewinn plus 180 Euro Bonus oder kennt er die richtige Taste. Rot oder schwarz? „Fick mein Leben", jubelt er und drischt auf die schwarze Taste. Richtig, 400 Euro!

Wir schauen uns kurz an und grinsen. „Soll ich nehmen?", fragt er mich. Ich zögere mit der Antwort. Ich bin im Gegensatz zu ihm der Sicherheitsdirektor. „Nimm die 400", sage ich. „Fick dein Leben", schreit der junge Mann und wählt nochmal schwarz. 800 Euro. Er ist im Rausch, Dionysos hat ihn fest im Griff. Nochmal schwarz, wieder richtig. Jetzt steht er bei 1.600 Euro. 20 Euro Fixgewinn und 158 Action Games. Er grinst mich an wie mein Bruder: „Unter 100 AGs höre ich nicht auf zu gambeln."

Er nimmt das Geld. Der Automat belohnt ihn jetzt mit 20 Euro Gewinn und 158 AGs. Pro AG gibt das Glücksrad im Bonusgame zehn Euro oder gar nix, weil es eine Niete ist. Manchmal bleibt die Uhr auch auf dem Sechser stehen, dann kommen nochmal sechs AGs, also 60 Euro, dazu. Für den Moment steigt also Gorans Gesamtkontostand auf 1.700 Euro. Und Goran hat das Gefühl, ein leibhaftiger Halbgott zu sein.

Soeben hat er mit Glück, Instinkt und Nervenstärke in 30 Sekunden Gottspielen aus 40 Euro 1.600 Euro gemacht. Er wird an diesem Abend so wie ich ohne einen Cent nach Hause gehen. Und das wissen wir in diesem Moment beide. Zumindest ahnen wir es. Aber andererseits: Manchmal sind wir auch Halbgötter. Vielleicht geht doch noch was. Wir spielen weiter. Diese Geschichte ist wahr. Ich bin ein ehemaliger Spieler, Zocker, Novomatic-Förderer, Irrer. Süchtiger.

Sieben Jahre habe ich diesen Wahnsinn mitgemacht und mein Leben und das meines Umfelds ruiniert. Nicht nur ich war betroffen, auch meine Familie, meine Freunde, mein Arbeitsplatz. Co-Abhängigkeit nennt man das wissenschaftlich, und die ist nicht zu unterschätzen, sie fordert alles von den betroffenen Angehörigen. Geklaut habe ich nie, aber selbst diese Gedanken waren mir am Ende des Wahnsinns nicht mehr fremd. Ich kann verstehen, warum Menschen sich prostituieren oder stehlen, um an Kohle für den Rausch zu gelangen.

Der Rausch, immer schon enger Freund und schwieriger Feind des Menschen, ist ein Hund. Rational kann man ihm nicht begegnen, man denke bitte kurz an Sex. Aber zurück zur Sucht. Ich bin also raus. Vorläufig, muss man wohl dazu sagen. Weil erstens ist im Leben nichts fix und zweitens kennen wir das von der ersten Zigarette oder dem ersten Bier nach 20 Jahren. Bumm, zack, und es ist wieder vorbei. Also Obacht! Allerdings muss ich dazu sagen: Ohne Sucht ist das Leben einfach herrlich.

Egal, was man so im Allgemeinen von der Welt oder den eigenen Problemen halten mag. Zu atmen, zu lieben, zu essen, zu tanzen und zu schlafen, und das alles angstfrei und suchtfrei, erzeugt ein Glücksgefühl, das ich kaum beschreiben kann. Aber über die Sucht, die Spielsucht, wollen Goran und ich noch einiges sagen. Ob Goran auch heute noch zockt, weiß ich nicht. Er hat mich auf Facebook gefunden, ich hab ihn geadded und habe so ein wenig Teilnahme an seinem Leben.

Er postet zumindest keine „geilen Bilder", wie's in der Zocker-Sprache heißt. Das ist ein beliebter Zeitvertreib unter Spielern, die Erfolge der vergangenen Nacht in die Welt zu verbreiten. Fünf Siebener oder mehrere Action Games in Folge, die allesamt den Kontostand in jenseitige Höhen treiben. Bei dem Einsatz, mit dem Goran spielt, ist man da schnell auf 3.000 Euro, 5.000 Euro oder noch mehr. Das lässt das Adrenalin steigen, das Belohnungssystem im Gehirn spielt völlig verrückt.

Und wie gesagt, Dionysos, jener Gott der griechischen Mythologie, der für den Rausch zuständig ist und seine Anhänger allesamt in den Irrsinn treibt, ist in diesen Stunden unser ständiger Begleiter. Wenn der Rausch vorbei ist, lässt uns der Gott der Ekstase wieder allein und ohne Euro zurück. Ich glaube, Goran zockt noch immer. Ich habe in den sieben Jahren niemanden getroffen, der so kompromisslos und berauscht sein Leben verspielt. Er arbeitet in einem Wettlokal und die Quoten auf seine Zukunft stehen schlecht.

Dabei verhalten sich Goran und ich nicht anders als die Investmentbanker mit ihrer Zockerei auf Lebensmittel und lebensnotwendige Ressourcen wie Kohle, Öl und Gas. Nur mit dem Unterschied, dass die Gambler an der Börse fast immer vom Staat gerettet werden. Aber das Suchtverhalten, angetrieben von der Gier nach mehr und dem Nicht-aufhören-Können, ist das gleiche. Ich habe einmal gelesen, dass der Kokainpreis in der City of London der weltweit höchste ist.

Ob diese Aussage stimmt, weiß ich nicht mit Sicherheit. Glauben würde ich es aber allemal. Zurück zu den kleinen Idioten, Typen wie Goran und mir. Goran ist in seiner Gier nach mehr eher die Ausnahme. Es gibt auch andere Spielertypen, gemütlichere. Die nehmen jeden Gewinn, und sei er noch so klein, sofort mit. Das steigert zwar das Konto nur um wenige Cent oder Euros, aber es ist die sichere Variante. Dennoch sind sie im Rausch vereint mit Goran und meinem Suchttypus. Verlieren tun wir alle. Und wir alle können, wir wollen nicht aufhören.

Wir schwitzen, fluchen, schreien, weinen manchmal und ruinieren unser Leben. Wir wissen das auch. Aber aufhören? Sicher nicht. Der nächste Gewinn kommt bestimmt. Wir haben es schließlich schon oft erlebt. Die Maschinen geben ja auch immer wieder hohe Gewinne her. Eigentlich, so wissen wir, müssten wir nur den Zeitpunkt erkennen, an dem wir aufhören und heimgehen sollten. In den sieben Jahren, von denen ich berichten kann, habe ich es gezählte zehn Mal geschafft. Grob geschätzte 1.000 Versuche schlugen fehl. Und der letzte Weg nach Hause ist immer ein kleiner Tod.

Die Gedanken dabei sind dunkel, finster und zukunftslos. Am Ende ging es immer nur noch darum, wenigstens den Körper, diese leere Hülle, ins Bett zu legen. Und dann für ein paar Stunden den Horror zu verschlafen. Aber der nächste Morgen kommt – leider – immer. Ohne Cent, ohne Freunde, ohne Welt. Ich habe in den Tagen, in denen ich alleine und komplett pleite zu Hause im Bett lag, viel im Internet gesurft und nach Antworten gesucht.

Ich habe sogar ein paar mal Google gefragt, wie man aus der Sucht rausfindet. Google wusste es auch nicht. Ich habe sehr bald verstanden, dass es nicht lustig ist, die Zigarettenstummel vom Vortag zu rauchen und vom angeschimmelten Brot und Leitungswasser zu leben. Was in diesen Stunden und Tagen in mir vorgegangen ist, kann ich auch heute schwer in Worte fassen. Der Tod ist der eine Weg, den man gehen kann.

Aber irgendwo erwacht im Alleinsein, in der Angst, in der Verzweifl ung ein Überlebenswille, der sich gegen den Tod sträubt. Es ist also eine Entscheidung, im tiefsten Schmerz und in der tiefsten Isolation, für das Leben und gegen den Tod. Es war ein einsamer Weg, ein sehr dunkler. Die üblichen Geschichten, in die Kneipe auf ein Bier, meine Frau einzuladen zum Abendessen, ins Kino zu gehen oder auf einen Sprung an den Wörthersee nach Kärnten zu fahren, daran war sowieso nicht zu denken. Ich war schon froh, zu atmen und zu leben. Mehr war, nachdem sich der ewige Rivale von Zeus verabschiedet hatte, einfach nicht drin.

Auf meinen einsamen Reisen durch das Internet habe ich alle Novomatic-Geschichten in den Medien aufgesaugt. Und die Postings dazu gelesen. Darin fand sich immer ein Grundtenor: Drogensüchtige und Alkoholsüchtige sind irgendwie schon bemitleidenswert, aber wie kann jemand nur so dumm sein, sein Geld in die Maschine zu stecken? Die Antwort, Spielsucht ist eine Sucht wie jede andere, greift nicht. Auch, weil sie noch zu kurz als Phänomen existiert. Und weil sie mit Geld zu tun hat. Da steigen ein paar Checker aus.

Die Antworten darauf sind komplizierter: Die Automaten sind diabolisch gebaut. Dafür braucht es mephistophelische Kenner der menschlichen Psyche. Zweitens, auch jeder Raucher weiß, dass die Zigarette sein Leben verkürzt. Dennoch greift er nach einer Stunde oder zwei zur nächsten Tschick, obwohl die Konsequenzen bestens bekannt sind. Drittens ist es eine Sucht. Die bedeutet immer, wo auch immer sie auftritt, dass etwas im Leben durcheinandergeraten ist. In der Vergangenheit oder eben im Hier und Jetzt.

In diesen turbulenten Zeiten, in denen wir leben, tritt die Sucht, die auch etwas mit Beziehungsunfähigkeit und Angst vor dem unsicheren Leben zu tun hat, immer häufiger auf. Und viertens meldet sich irgendwann Thanatos, ein böser und guter Freund von Dionysos, der dich aus dem Leben haben will. Ich bin mir ziemlich sicher, dass wir ihn alle in uns tragen. Thanatos hat nur einen Reim: Raus, weg, weit weg von hier und der gesamten Scheiße rundum. Hat alles keinen Sinn. Depressive Menschen kennen ihn gut, den Gott des Todes.

Im Internet habe ich aber auch Konstruktives gefunden. Online-Selbsthilfegruppen zum Beispiel. Die haben mir geholfen, sind aber auch kein Honiglecken. Auf Mitleid und Verständnis, wie erhofft, bin ich dort nicht gestoßen. Im Gegenteil, der Ton ist rau, realitätsnah und beinhart. Ich bin also vorläufig aus dem Todestriebspiel raus. Mir hat vor wenigen Wochen eine Frau, die mit einem Süchtigen verheiratet war, folgende Formel mit auf den Weg gegeben: Der Weg aus der Sucht besteht aus vielen Faktoren.

40 Prozent sind die eigene Kraft, die die Sucht überwinden will, ja muss. Es gibt, wie erwähnt, keine andere Alternative außer dem Tod. 30 Prozent sind ein soziales Umfeld, das den Süchtigen lange, sehr lange nicht fallen lässt. Aber irgendwann fallen lassen muss. Was meine Partnerin, meine Eltern, Geschwister und Freunde erleiden mussten, will ich mir heute nicht mehr ausmalen. Und nur 30 Prozent machen Therapie und psychologische Beratung aus.

Ich kann aus eigener Erfahrung noch hinzufügen: Das stimmt, aber es braucht auch noch persönliche Veränderungen im Leben. Partnerwechsel, Ortswechsel, Jobwechsel oder Verwandtes. Es muss ein Schnitt mit dem alten her und es braucht, wie ich in meinen Therapien gelernt habe, eine völlige Fokussierung auf die eigenen Kompetenzen. Die Vergangenheit ist vorbei—sie war schlimm genug. Was zählt ist das Heute.

Ein Gedanke, den mir kein Psychologe, Berater oder Psychiater mit auf den Weg gab, sondern der von einem lebenserfahrenen Freund kam, bildet den Abschluss meiner Geschichte: in keiner anderen Sucht ist man so alleine mit sich selbst. Der Alkoholiker betäubt sich, wenn der Schmerz und die Realität zu stark werden, mit dem nächsten Bier. Der Drogensüchtige mit dem nächsten Schuss. Die Shoppingsüchtige shoppt und das sexsüchtige Wesen vögelt.

Der Spieler hat kein Geld mehr. Er muss, wenn er nicht klauen oder Freunde anpumpen will, durch die eigene Hölle schnurstracks durch. Und Süchtige haben, wie jeder andere auch, eine eigene dunkle Seite, die sie durchs Leben schleppen. In der Sucht muss man aber nicht nur an Thanatos vorbei, sondern auch noch an Dionysos. Alles Gute für dich, Goran! Ich bin mal raus hier. Kapier oder krepier!

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In der Spielhölle
Jahrgang 7 Ausgabe 8