Let me google "Feminismus" for you

Feminismus hat nichts mit Männerhass oder Achselhaaren zu tun und um das zu verstehen, muss man auch nicht erst Judith Butler lesen.

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Aug. 25 2016, 3:00pm

Foto: Screenshot Google

Kaum steht im Fall Gina-Lisa Lohfink ein Urteil fest, wird es von den antifeministischen Trollen im Netz als Gewinn gefeiert—und vor allem als Argument gegen Feminismus. Das ist irreführend. Doch auch abseits des Jahrhundert-Politikums sprechen sich in letzter Zeit wieder vermehrt Menschen stolz gegen Feminismus aus.

Dazu gehören nicht nur jene Cis-Männer, die bewusst und gerne misogyn, reaktionär und sexistisch sind. Es sind auch nicht nur jene privilegierten weißen Frauen, die sich wie Ronja von Rönne undankbar auf den feministischen Errungenschaften der vorhergehenden Generationen ausruhen und ihnen mit Aussagen wie "Der Feminismus ekelt mich an" sprichwörtlich ins Gesicht spucken.

Es geht hier um diejenigen anderen, die sich gegen Feminismus aussprechen, weil sie offensichtlich einfach nicht wissen, was Feminismus eigentlich bedeutet. Erster Hinweis: Feminismus hat in seiner Tradition nichts mit Körperbehaarung, sexuell frustrierten Amazonen, brennenden Barbies und Hass auf Make-up und Männer zu tun.

Der Begriff lässt sich selbstverständlich ganz leicht googlen—als erster Eintrag bietet Wikipedia auch gleich eine schöne Übersicht zum Thema. Weil aber ziemlich viele Menschen genau das anscheinend trotzdem nicht getan haben und lieber laut peinliche Dinge sagen wie "Wegen euch Feministinnen werde ich mich nicht mehr für Feminismus einsetzen" oder "Ich bin für Gleichberechtigung, aber Feminismus ist mir zu radikal" soll ihnen mit diesem Text geholfen werden.

Was ist also Feminismus? Keine Angst, wenn ihr an dieser Stelle ratlos sein solltet. Auch Sarah Jessica Parker und Kim Kardashian wissen es nicht und behaupten in Interviews, sie seien keine Feministinnen—obwohl ihre darauf folgenden Aussagen sie als genau diese identifizieren. Im Kern geht es um die (sexuelle) Selbstbestimmung von Frauen, um die Gleichberechtigung der Geschlechter und um den Kampf gegen Sexismus.

Das sind die erschreckend einfachen Grundpfeiler der feministischen Bewegung. Man muss, um diese zu verstehen, nicht studiert und weder das Gesamtwerk von Simone de Beauvoir, noch alle Artikel von Judith Butler gelesen haben. Es ist wirklich so simpel. Es sollen keine sozialen, politischen und ökonomischen Unterschiede zwischen den Geschlechtern gemacht werden.

In dem Song "Flawless"—den die meisten inzwischen wenigstens von den Pulli-Sprüchen großer Modeketten kennen—sampelt Beyoncé Ausschnitte aus einem beeindruckenden TEDxTalk der nigerianischen Autorin Chimamanda Ngozi Adichie, dessen Abschluss eine Wörterbuchdefinition ist, die sie als junge Frau gefunden hat: "Feminist: a person that believes in the social, political and economical equality of the sexes."

Das heißt vor allem Folgendes: Hört auf, Frauen in allem, was sie tun, zu sexualisieren, ihnen lineare und stereotype Rollen—wie die der Mutter und der Hure—zuzuschreiben, sie nicht sprechen zu lassen in Politik und Wirtschaft, ihnen weniger Lohn für gleiche Arbeit zu bezahlen, sie verrückt zu nennen oder hormongesteuert oder hysterisch oder zu emotional.

Hört auf, zu behaupten, gendergerechte Sprache und Political Correctness würden die Rhetorik kastrieren. Findet euch damit ab, dass sich Sprache entwickelt, gönnt es anderen Geschlechtern, angesprochen zu werden. Hört auf, euch angegriffen zu fühlen, eingeschnappt zu sein, wenn Frauen bei Ungerechtigkeit den Mund aufmachen. Hört auf, sie bei Diskussionen offensiv zu einem unsinnigen rhetorischen Duell aufzufordern, das sich nur um ihre Weiblichkeit oder ihre Abweichung von männlichen Positionen dreht, und hört auf, sie besiegen zu wollen. Hört auf, sie zu beschimpfen, ihnen zu drohen, ihnen Vergewaltigungen zu wünschen und zur Rape Culture beizutragen. Fangt stattdessen an, euch zu fragen, wie unverhältnismäßig solche Anwandlungen sind und wie wenig normal ihr sie gegenüber anderen Bevölkerungsgruppen finden würdet.

Wir werden uns immer wieder skurrile Dinge von Alice Schwarzer anhören müssen.

Glaubt ihr an Gleichberechtigung? Seid ihr für Selbstbestimmung und gegen Sexismus? Gratulation, dann seid ihr Feministinnen und Feministen. Ihr musstet dafür weder eure Rasierer wegschmeißen, noch zurück auf die Uni gehen. Ihr musstet keine eurer Privilegien und Rechte aufgeben und keinen Hass auf das andere Geschlecht schüren.

Leider werden wir immer wieder auf Texte, Sendungen, Videos und Aussagen stoßen, die unter dem Deckmantel des Feminismus agieren, ihn aber nicht leben. Es wird immer wieder radikale Aktivistinnen geben, die es im Gegensatz zu moderaten in die Presse schaffen. Wir werden uns immer wieder skurrile Dinge von Alice Schwarzer anhören müssen, immer wieder auf Menschen treffen, die davon überzeugt sind, dass Feminismus mehr spaltet, als vereint.

Das ist natürlich Blödsinn, vorausgesetzt, man versteht den Begriff richtig. Und nein, es gibt nicht die eine richtige Definition aus dem Lehrbuch. Das muss es auch nicht. Es reicht vorerst, die Bewegung als das zu akzeptieren, was sie ist. Als das, wozu sie von unzähligen Frauen der jüngeren Geschichte gemacht wurde. Wir verdanken ihnen so viel von dem, was wir heute als Selbstverständlichkeit ansehen.

BROADLY: Was junge Menschen wirklich über Feminismus denken

Falls ihr jetzt doch mehr wissen wollt, weil ihr denkt, dass Feminismus sich nicht nur von selbst verstehen sollte, sondern auch ziemlich spannend ist, lest de Beauvoir, Butler und Adichie, Gloria Steinem und Flo Kennedy, folgt Emma Watson, Laura Bates und Kübra Gümüşay,beschäftigt euch mit Kathleen Hanna, Viv Albertine und der feministischen Punk-Bewegung, blättert hin und wieder im Missy Magazine und in den an.schlägen, schaut mehr Filme von und mit Frauen, lasst historische Dokus wie She's Beautiful When She's Angry auf euch wirken.

Das ist es im Grunde. Ihr braucht keine Angst zu haben, dass euch Frauen, die für ihre Rechte einstehen, die euren wegnehmen. Wenn sie gerecht aufgeteilt sind, ist nämlich genug für alle da.

Nicole auf Twitter: @nicole_schoen

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