Warum traut sich niemand zuzugeben, dass er auf Dicke steht?

Das geht raus an alle Typen, die laut eigener Aussage nicht auf fette Frauen stehen, aber dann trotzdem mit mir geschlafen haben.

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21 Juli 2015, 4:00am

Die Autorin

Ich schäme mich nicht für meinen fülligen Körper. Ich sehe das Ganze so: Wenn du mit meinen Dehnungsstreifen nicht zurechtkommst, dann hast du auch meine Cellulite nicht verdient. So habe ich allerdings nicht immer gedacht. Früher war ich das Mädchen, das beim Sex darauf bestand, dass das Licht ausgemacht wird. Wenn ich danach aus dem Bett gestiegen bin, habe ich meinen Körper immer mit irgendetwas bedeckt. Ich wollte während des Aktes nie oben sein, weil ich befürchtete, dass mein Bauch aus dem Blickwinkel meines Partners dann total schrecklich aussieht. Meine Herren, die frühere Version meiner selbst tut mir inzwischen richtig leid.

Mein Selbstvertrauen erfuhr einen riesengroßen Schub, als mir einfach nur klar wurde, dass ich meine Körperfülle sowieso nicht verstecken kann—warum sollte ich es also überhaupt erst versuchen? Mir kam beim Sex irgendwie nie der Gedanke, dass meinem Partner bewusst war, auf was er sich da einlässt. Irgendwie dachte ich wohl, dass sie mir immer nur ins Gesicht geschaut haben, bevor wir uns unserer Klamotten entledigten. Dazu kommt noch, dass den meisten Männern, mit denen ich schlafe, mein Körper gefällt und sie Dinge wie „Ich stehe auf Frauen mit Kurven" oder „Molligere Mädels gefallen mir sowieso besser" sagen. Ich bin immer davon ausgegangen, dass sie mir mit solchen Kommentaren nur einen Gefallen tun wollen, so nach dem Motto „Ich rede lieber von Kurven und bezeichne sie mal nicht nicht als fett". Ich finde die Worte „fett" oder „dick" allerdings gar nicht schlimm und verstehe auch nicht, warum man es nie aussprechen will.

Seine Antwort überraschte mich dann doch: „Glaub mir, du bist nicht dick. Ich stehe nämlich nicht auf Dicke."Vor Kurzem habe ich einem Typen von diesem Gedankengang erzählt, nachdem er mich im Bett „kurvig" genannt hatte. „Bezeichne mich ruhig als dick", sagte ich zu ihm. „Das macht mir nichts aus, denn es ist halt einfach so."

Und da wurde mir auf einmal alles klar: Ach, du spielst gar nicht mir etwas vor, sondern nur dir selbst. Dieser und noch viele andere Typen wollen einfach nur nicht akzeptieren, dass sie eine Vorliebe für dicke Frauen haben.

Ich verstehe das vollkommen. Es sind ja auch nicht nur Männer, die in dem Glauben aufwachsen, dass nur eine bestimmte Körperform „heiß" ist. Wenn man ganz offen auf einen Menschen steht, dessen Körper von der gesellschaftlich akzeptierten Norm abweicht, dann geht damit auch ein gewisses Schamgefühl einher. Selbst diejenigen, die sich nicht für ihre Vorlieben schämen, finden es manchmal dennoch angebracht, das Ganze geheim zu halten.

Der Genderforscher Hugo Schwyzer meint, dass Männer in heterosexuellen Gefilden „beigebracht bekommen, das ‚heiß' zu finden, was andere Männer ebenfalls als ‚heiß' ansehen." Im Grunde funktionieren heterosexuelle Vorlieben auf einem gesellschaftliche Level und Frauen sind die Grundbausteine für das Selbstvertrauen ihrer männlichen Sexpartner. Dicke Partnerinnen gelten dabei als „Schritt zurück" und genau dieser Umstand führt dazu, dass sich viele heterosexuelle Männer nicht eingestehen wollen, auf diese Art Frau zu stehen.

Das trifft jetzt selbstverständlich auch nicht auf alle heterosexuellen Typen zu. gibt sehr viele „Fettliebhaber". 2011 wurde Dan Weiss, der Schöpfer von „Ask A Guy Who Likes Fat Chicks" und ausgesprochener Fettliebhaber, vom Magazin Village Voiceporträtiert. Dabei entkräftet Weiss auch die Mythen, warum ein Mann dicke Frauen vorziehen könnte: Dicke Frauen sind nicht leichter ins Bett zu bekommen und es entspricht auch nicht der Wahrheit, dass Männer, die mit dicken Frauen zusammen sind, nur wenig Selbstvertrauen haben. Allein die Tatsache, dass die Allgemeinheit automatisch von so etwas ausgeht, sagt doch schon viel darüber aus, wie dicke Frauen in einem sexuellen Kontext angesehen werden.

Ein Bild von Fernando Botero im Palacio de Bellas Artes von Mexiko Stadt (Foto: Enrique Vázquez | Flickr | CC BY 2.0)

Die Autorin und Körperaktivistin Virgie Tovar erläutert auch noch einen weiteren Irrglauben: „Männer mit einer Vorliebe für dicke Frauen werden als sexuell deviant oder pervers angesehen, weil ihre Objekte der Begierde nicht dem Schönheitsideal der westlichen Welt entsprechen. Es allerdings so, dass menschliche—und auch männliche—Bedürfnisse total unterschiedlich ausfallen, und wenn wir in einer vorurteilsfreieren Welt leben würden, dann wäre auch offensichtlich, wie vielfältig unsere Vorlieben sind. Leider sieht es in der Realität jedoch ganz anders aus: In der westlichen Welt muss man quasi dünn sein."

Vielleicht wäre alles komplett anders, wenn dicke Frauen in den Mainstream-Medien ein anderes Bild hätten. Hollywood könnte schon etwas mehr machen, als nur Melissa McCarthy für ein paar witzige, aber komplett entsexualisierte Rollen zu casten. Und auch in der Musikindustrie werden dicke Frauen nur selten zum Thema gemacht—Ausnahmen bilden dabei Lieder wie „Only" von Nicki Minaj, in dem Drake davon rappt, dass er auf BBWs (Big, Beautiful Women) steht, weil die dir erst einen lutschen und dann noch mit dir essen gehen wollen. Da werden wir von einem beliebten Künstler schon mal in einem positiveren Licht dargestellt und dann macht er sich trotzdem noch über uns lustig. Vielen Dank auch, Drake.

Wir müssen wohl trotzdem dankbar sein, wenn man bedenkt, wie selten man so etwas überhaupt zu Ohren bekommt. Es ist eigentlich richtig komisch, dass das Ganze als ein solches Tabuthema angesehen wird, denn in der kulturellen Geschichte der westlichen Welt wurden dicke Frauen einst als begehrenswert empfunden.

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Die Soziologie-Forscherinnen Samantha Kwan und Jennifer Fackler von der University of Houston haben sich in einer Abhandlung namens „Women and Size" mit der Veränderung des Körperideals im Laufe der vergangenen Jahrhunderte beschäftigt. Laut ihnen wurden Frauen bis zum 19. Jahrhundert in Bildern von Künstlern wie Ruben oder Renoir als „fleischig" und „üppig" dargestellt. Ich persönlich finde diese Adjektive zum Kotzen, denn sie klingen wie etwas, das direkt aus einem schrecklichen Erotik-Groschenroman entnommen wurde (genau deshalb kann ich auch die Worte „Höschen" und „pulsierend" nicht ausstehen). Dennoch wurden schlanke Körper zur Wunschvorstellung, nachdem angefangen wurde, Mode für die Massen zu vermarkten, und Diät-Trends aufkamen.

Der Gastronomin Sarah Lohman zufolge wurden zur ungefähr gleichen Zeit auch Kleidergrößen genormt und die Entdeckung der Kalorien ließ die Öffentlichkeit plötzlich aufs Gewicht achten. In anderen Worten: Diäten entwickelten sich zu vermarktbaren und gewinnbringenden Produkten. Während der 20er Jahre machten viele westliche Frauen entweder eine Diät oder hatten Schuldgefühle, weil sie eben keine Diät hielten. Der Rest ist dann Geschichte. Unsere ganze Wahrnehmung von Schönheit in Zusammenhang mit Schlankheit wird im Grunde von den Leuten manifestiert, die mit unserem Selbstbewusstsein Profit machen wollen—und wir spielen ihr Spiel einfach so mit.

„Wir sind die Opfer schrecklicher Fehlinformationen geworden", meint Ken Page, ein Psychotherapeut und der Autor des Buches Deeper Dating: How to Drop the Games of Seduction and Discover the Power of Intimacy. „Unsere Vorstellung von Attraktivität und die Art und Weise, wie wir aussehen und uns verhalten sollen, haben den Anschein, als wären sie von einer Gruppe unsicherer Teenager festgelegt worden. Das Ganze ist gefährlich, töricht und zum Großteil auch nicht wissenschaftlich belegt."

Wie sich herausstellt, hat Attraktivität viel weniger mit dem Aussehen zu tun, als wir uns es vielleicht vorstellen. Laut der Wissenschaft wird unsere sexuelle Anziehungskraft vor allem davon bestimmt, wie vermehrungsfähig wir riechen und wie stark Persönlichkeitsmerkmale wie Freundlichkeit oder Intelligenz ausgeprägt sind. Aber auch etwas, das Page „emotionale Attraktivität" nennt, ist entscheidend (im Grunde bestimmt diese Attraktivität, wie gut man mit einer anderen Person klarkommt). „Zu denken, dass man nur wegen seines Körperbaus oder seines Gewichts nicht als attraktiv wahrgenommen wird, ist schlichtweg falsch."

Wenn Attraktivität wissenschaftlich gesehen wirklich so funktioniert, wieso läuft dann in meinem Leben alles anders ab? Warum will meine herrische Mutter ständig, dass ich Gewicht verliere, damit sie mich mit einem Zahnarzt verkuppeln kann? Warum erzählen mir fremde Leute im Internet immer wieder, dass ich meine große Liebe finden würde, wenn ich nur etwas schlanker wäre?

Ich weiß, dass das nicht stimmt. Ich habe viele Freundinnen, die auf jeden Fall als „heiße Mädels" durchgehen würden und aus diesen ganzen Freundschaften mit großen, schlanken und vom Schönheitswahn besessenen Frauen habe ich vor allem eine Sache gelernt: Deren Liebesleben ist genauso beschissen wie meins. Egal ob dick oder dünn, wir sitzen alle im selben Boot, wenn es ums Fremdgehen oder um Nachrichten mit dem Inhalt „Ich mag dich zwar echt gerne, aber ... " geht. Der einzige Unterschied besteht darin, dass meine Freundinnen für solche Dinge nicht automatisch ihr Gewicht verantwortlich machen. Warum wird mir also ständig eingeredet, dass meine Pfunde das Problem meines Liebeslebens wären?

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Mich für mein Gewicht zu schämen, ist etwas, das ich nur allzu gut kenne. Tovar erklärte mir jedoch, dass ich meine Scham anders verarbeite als die Männer, mit denen ich schlafe. „Wenn Frauen Scham empfinden, dann sind sie quasi angewiesen, diese Scham nach innen und damit gegen sich selbst zu richten", meinte die Autorin. „Männer hingegen sind oft in der Lage, einen Teil der Scham von sich abzulenken. Bei Frauen kommt es viel häufiger vor, dass sie alles in sich hineinfressen—und zwar nicht nur die Schamgefühle wegen ihres Gewichts, sondern auch die Schamgefühle, weil ihr Partner Unbehagen verspürt."

Das beste Beispiel dafür sind wahrscheinlich Frauen, die sich nicht wohl dabei fühlen, beim Sex ihren ganzen Körper zu zeigen—selbst nachdem ihr Partner seine Lust dadurch zum Ausdruck gebracht hat, ihr die Klamotten vom Leib zu reißen. Es scheint so, als wollen die Frauen damit sagen: „Ich schäme mich dafür, dass du dich vielleicht für meinen Körper schämst."

Um solchen Schamgefühlen ein Ende zu setzen, müssen Frauen (und ich meine damit jetzt nicht nur dicke Frauen) ihren Körper so akzeptieren, wie er ist—nicht nur für sich selbst, sondern damit sich ihre Liebespartner ebenfalls weniger schämen. Page erklärte das Ganze folgendermaßen: Die Teile unseres Körpers, für die wir uns am meisten schämen, sind vielleicht die Teile unseres Körpers, die unser Partner am attraktivsten findet.

Natürlich ist das Ganze leichter gesagt als getan. Es ist unglaublich schwer, sich nicht für das zu schämen, was ständig als fehlerhaft oder als hässlich bezeichnet wird. Um das mit der Unbeschwertheit schneller voranzutreiben, könnten sich Männer auch mal ein bisschen mehr anstrengen, ihre Vorliebe für dicke Frauen besser auszudrücken—und zwar nicht nur hinter verschlossenen Türen, sondern auch in der Öffentlichkeit. Versucht doch zum Beispiel mal, einen Rap-Text über uns zu schreiben, in dem nicht nur vom Essen die Rede ist. Das wäre schon mal ein Anfang.

Alle heterosexuellen Männer, die noch nicht ganz den Mut aufgebracht haben, offen zuzugeben, dass wir dicken Frauen genauso attraktiv wie unsere schlanken Gegenstücke sein können, sollten sich mal folgende Fragen stellen: Warum genau ist das so? Wovor habt ihr denn Angst? Vor der Reaktion eurer Freunde? Sind das wirklich gute Freunde, wenn sie so darauf bestehen, dass ihr nicht glücklich seid?

Unterm Strich kann man sagen, dass dicke Frauen die Nase voll davon haben, wie Freaks behandelt zu werden. Und Männer, die auf dicke Frauen stehen, haben genauso die Nase voll davon, dass man sie als Sonderlinge abstempelt. Attraktivität hat ein breites Spektrum und es ist an der Zeit, dass dieses Spektrum endlich alles von sich zeigt—inklusive Speckröllchen.