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Wie du deinen Eltern beichtest, dass du in Pornos mitspielst

Wir haben Pornostars nach ihrem Coming Out gefragt.

von Elyssa Goodman
28 Oktober 2015, 5:00am

Auf dem Cover des demnächst erscheinenden Sammelbandes Coming Out Like a Porn Star sieht man, wie Jiz Lee aus einer pinken Vulva steigt—das T-Shirt verführerisch nach oben geschoben und die Hose runter zu den Knöcheln gezogen. Es ist eine Metapher: Der genderqueere Pornostar kommt aus der Dunkelheit ans Licht—im Porno und im Leben.

Bis heute ist Lee in über 200 Pornofilmen und Webseiten aufgetreten und hat sich damit ihren Respekt als queere Pornolegende verdient. „Pornos gehören zu dem Besten, was ich je gemacht habe, aber sie sind auch derartig stigmatisiert, dass ich nicht wirklich wusste, wie ich meiner Familie davon erzählen kann", sagte Lee in einer E-Mail. „So habe ich dann angefangen, andere nach ihren Erlebnissen zu fragen."

Coming Out Like a Porn Star, das am 20. Oktober erschienen ist, enthält mehr als 50 Geschichten von einigen der bekanntesten Pornodarsteller—Joanna Angel, Stoya, Nina Hartley, Conner Habib und vielen anderen—und sie alle berichten, wie sie sich vor ihren Familien, ihren Freunden und Partnern als Pornodarsteller geoutet haben. „Auch wenn es schon ein paar Artikel darüber gibt, wie Pornodarsteller ihren Eltern von ihrer Berufswahl erzählen, oder wie sie in ihrem 08/15-Job geoutet werden, so haben die Mainstream-Medien die Geschichten in der Regel sensationalistisch aufgezogen und diese Tätigkeit dadurch nur weiter stigmatisiert", so Lee.

Ihr Buch möchte dagegen ein ehrliches Porträt der Pornobranche zeichnen—einige der Beiträge verweisen auf die befreienden Eigenschaften des Geschäfts und andere verdammen es auf moralischer Ebene. Wie Lee in ihrem Buch schreibt: „Wenn wir diese kulturellen Schranken überwinden und Rechte für SexarbeiterInnen erkämpfen wollen, dann müssen wir erst einen Dialog schaffen, der auf der Tatsache basiert, dass Menschen, die sich dafür entscheiden, in Pornos mitzuspielen nicht anders als alle anderen sind"—positive oder negative Erfahrungen und Ansichten gehören ebenfalls dazu.

Ich habe mich mit einigen der Mitwirkenden des Buches über ihre Coming Out Erfahrungen unterhalten, über die sich verändernde Sexualkultur und darüber, was sie sich von dem Buch erhoffen.

Foto von Rishio

Milcah Halili

VICE: Wann bist du an den Punkt deiner Karriere angekommen, an dem du das Gefühl hattest, dich als Pornostar „outen" zu müssen?
Milcah Halili: Als die Leute mein Interview [auf The Rumpus] lasen, fing ich an, offen damit umzugehen. Meine Freunde waren eigentlich schon alle eingeweiht, also war es weniger ein Coming Out. Meine Familie stellte aber zwischendurch immer mal wieder Fragen zu meiner berufliche Tätigkeit und so sagte ich es ihnen irgendwann. Mein Vater reagierte ein bisschen patriarchalisch und meine Mutter aus einer sehr kapitalistischen Perspektive. Sie meinte nur so was wie: „Oh, jetzt wirst du wohl eine Menge Geld verdienen!" Ich habe im Vorhinein nur meine beste Freundin deswegen um Rat gefragt und sie sagte so ziemlich das, was viele Menschen zu sagen tendieren: „Bist du dir sicher? Du weißt, dass das für immer ist, oder?" „Ich weiß, ich weiß", sagte ich nur. Der Rest meiner Freunde war allerdings direkt total angetan oder hatte diese unglaublich glamouröse Vorstellung von meinem neuen Beruf.

Das Coming Out kann eine furchtbare
Erfahrung sein, die einen von den Menschen um einen herum entfremdet. Ich möchte den Leuten einfach sagen, dass es vollkommen OK ist, diese schwierigen Erfahrungen zu machen und dass sie nicht allein sind.—Milcah Halili


Bei wem fiel dir das Coming Out am schwersten?
Bei meiner Mutter. Ihre erste Reaktion war ziemlich cool, aber vor Kurzem hatten wir eine weitere Unterhaltung, bei der ich das Gefühl hatte, dass sie einfach sehr impulsiv reagierte. Wir redeten über die Sachen, die ich für meinen Job mache, und meine Mutter wusste das eigentlich schon alles, aber fing dann an, mich darüber auszufragen. „Warum musst du dich testen lassen? Was machst du genau?" Sie machte daraus dann so eine Frage unserer sozialen und ethnischen Zugehörigkeit: „Ich bin eine Filipino-Mutter. Ich will von solchen Sachen nichts hören." Das war wirklich hart für mich. Ich konnte nicht aufhören, zu weinen. Es ging sogar so weit, dass meine Mutter meinte: „Und, warum suchst du dir nicht einfach einen anderen Job?" Und ich sagte ihr nur: „Dieser Job ermöglicht mir, dass ich schreiben kann, also ... Ich will das weiter machen."

Davor waren Pornos für mich einfach nur ein Job. Nach dieser Unterhaltung aber und weil ich so tief und emotional davon getroffen war, merkte ich plötzlich, dass die Tätigkeit auch ein Teil meiner Identität ist. Ich identifiziere mich wirklich mit dem, was ich mache, und als ich nach dem Streit mit meiner Mutter darüber nachdachte, mir einen anderen Job zu suchen, erkannte ich, dass das nicht wirklich zu mir passen würde.

Warum wolltest du die Geschichte über dein Coming Out mit anderen teilen?
Ich habe das Gefühl, dass es ein Teil meiner Persönlichkeit ist. Ich bin generell ein sehr offener Mensch. Ich gehe gerne an meine Grenzen und locke andere Menschen aus ihrer Komfortzone. Außerdem hatte ich auch einfach das Gefühl, dass nichts Schlimmes daran war. Ich hatte nicht das Gefühl, dass ich irgendwas verstecken oder mich für irgendetwas schämen sollte.

Das Coming Out kann eine furchtbare Erfahrung sein, die einen von den Menschen um einen herum entfremdet. Ich möchte den Leuten einfach sagen, dass es vollkommen OK ist, diese schwierigen Erfahrungen zu machen und dass sie nicht allein sind. Jiz hatte mich kontaktiert und da er_sie in dem ersten Porno mitgespielt hat, den ich gesehen habe, musste ich nicht lange überlegen. Ich hoffe, dass die Menschen [nachdem sie das Buch gelesen haben] die Darstellerinnen und Darsteller menschlicher wahrnehmen. Weil wir in einer sehr pornografisierten Gesellschaft leben, ist mir das sehr wichtig. Das Anschauen von Pornos muss als OK gelten und nicht als Tabu. Wie soll es auch ein Tabu sein, wenn es alle machen?

Foto von Victor Jeffries II

Dale Cooper

VICE: Wann bist du an den Punkt deiner Karriere angekommen, an dem du das Gefühl hattest, dich als Porno-Star „outen" zu müssen?
Dale Cooper: Es gab mal eine Zeit in meinem Leben, da lebte ich allein von dem Geld, das ich mit meiner Sexarbeit verdient habe. Wenn ich jemanden kennenlernte und gefragt wurde, was ich mache, war ich immer sehr ehrlich. Meiner Meinung nach ist das nichts, für das ich mich schämen sollte, und deswegen versuche ich, hier eine Art guter Botschafter zu sein und mich nicht zu verstecken. Das war also irgendwie auch die Zeit, in der ich mich am meisten geoutet habe.

Ich hatte ziemliches Glück. Alle meine Freunde unterstützen mich sehr. Ich bin von vielen Menschen umgeben, die nichts mit Sexarbeit zu tun haben und die alle entspannt und akzeptierend sind—und sie sind stolz auf das, was ich mache, was wirklich super ist. Es ist auch toll mit Menschen wie Jiz und den anderen AutorInnen im Buch zusammenzuarbeiten. Es muss noch einiges getan werden [um das Stigma loszuwerden], deswegen ist es auch wirklich toll zu merken, dass es da draußen viele sehr intelligente und begabte Menschen gibt.

Wie gut musst du jemanden kennen, bis du das Gefühl hast, dass du dieser Person von deiner Arbeit als Pornodarsteller erzählen musst?
Ich glaube nicht, dass sich die Überlegungen in meinem Kopf dabei groß von dem unterscheiden, was andere Menschen durchmachen, wenn sie überlegen, ob sie jemandem von ihrer Arbeit erzählen sollen oder ob das, was man gerade miteinander hat, schon etwas Ernsteres ist und so weiter. Wenn man jemand Neues kennenlernt, geht man immer diese Art von Fragen in seinem Kopf durch: „Erkennt er mich? Wie viel glaubt er, schon über mich zu wissen?" Das trifft meiner Meinung nach aber auf jeden zu, der irgendwie in der Öffentlichkeit steht. Ich finde, dass wir gerade in eine Phase des Lebens eintreten, in der jeder sein Facebook-Profil sauberhalten und sich auf Instagram von seiner besten Seite zeigen muss.

Als Pornodarsteller sorge ich mich natürlich um meinen persönlichen Freiraum—um meinen sexuellen Freiraum. Mir ist sehr wichtig, dass diese Dinge sehr beständig mit jemanden sind ... Ich gehe sehr direkt und sehr ehrlich damit um. Ich glaube man entscheidet immer selbst, wie viel man über sich preisgibt, wenn man jemanden kennenlernt.

MUNCHIES: Deine Eltern sind an deiner Kaffeesucht schuld

Bei welcher Person fiel dir das Outing am schwersten?
Wahrscheinlich bei potentiellen Beziehungspartnern. Die Schwierigkeit besteht aber weniger darin, es ihnen zu sagen, [sondern darin, dass sie akzeptieren, dass ich Pornodarsteller bin]. Natürlich müsste jeder, mit dem ich zusammen bin, mich und meine Arbeit unterstützen. Sie ist mir einfach unglaublich wichtig. Ich kann immerhin sagen, dass ich zumindest in der Hinsicht großes Glück hatte, dass meine Partner immer cool waren und ziemlich cool damit umgegangen sind—das war schon ein Geschenk.

Was ist mit deiner Familie?
Meine Familie weiß davon nichts und ich fände es auch gut, dass das so bleibt—deswegen habe ich auch den Künstlernamen. Ich schäme mich nicht für meine Arbeit, aber ich denke nicht, dass unsere Gesellschaft schon so weit ist, dass alle Eltern sofort sagen würden: „Sehr schön, Sohn, spreiz deine Beine für die Kamera." Ich weiß, dass ich das zu meinem Kind [sagen würde], aber weißt du, es ist immer schon mehr ein Nebenjob für mich gewesen und es gibt ein vollständiges Leben, in dem ich nicht Dale Cooper bin. Das ist eigentlich auch ziemlich gut so.

Warum hat es deiner Meinung nach noch kein Buch in dieser Art gegeben?
Ich habe das Gefühl, dass das besondere an Coming Out Like a Porn Star ist, dass der Vorstand von Amnesty International gerade zugestimmt hat, eine Position für die Rechte von Sexarbeitern und Sexarbeiterinnen zu verabschieden. Das ist eine große und wichtige Sache. Es geschieht auch zu einem sehr interessanten Zeitpunkt und es ist wichtiger denn je, dass sich Menschen aus der Sexbranche zu Wort melden können, sie würdevoll dargestellt werden und einige der tollen Erfahrungen und großartige Talente vorstellen können, die es in diesem Bereich gibt.

Foto von Christine Dengate

Gala Vanting

VICE: Wann bist du an den Punkt deiner Karriere angekommen, an dem du das Gefühl hattest, dich als Pornostar „outen" zu müssen?
Gala Vanting: Als ich begann, in der Produktion zu arbeiten, war das eine große Veränderung in meinem Leben und ich zog auf einen anderen Kontinent—es gab also wenig Optionen, wie ich nicht hätte offen damit umgehen können. Klar, es gab immer die Option, einfach irgendetwas zu erfinden—und das habe ich in manchen Fällen auch getan—, aber es war eigentlich schon immer etwas, das ich zum Teil meiner Identität machen wollte. Seit meinen Anfängen als Darstellerin war mir das alles sehr ernst.

Ich habe die Entscheidung in einem ziemlich kurzen Zeitraum getroffen und sie fühlte sich zum Teil sehr überhastet an, aber es war etwas, auf das ich schon relativ lange hingearbeitet hatte. Als ich dann tatsächlich damit anfing, selber hinter der Kamera zu stehen, hatte ich schon drei Jahre vor der Kamera hinter mir und für das, was ich tat, eine ausgefeilte Ethik und Politik formuliert—es war also eine ganz natürliche Sache für mich.

Wie haben deine Freunde und deine Familie reagiert?
Im Großen und Ganzen reagierten meine Wahlfamilie und meine biologische Familie voller Unterstützung auf meine Entscheidung. Ich schätze, dass die Leute, auch wenn sie alles nicht wirklich nachvollziehen können oder noch ein paar stigmatisierende Fragen im Raum schweben, generell darauf vertrauen, dass ich für mich die besten Entscheidungen treffe. Mittlerweile ist es eine Art Voraussetzung für Personen, die in meinem Umfeld sind, dass sie sich für meine Art der Arbeit begeistern oder diese zumindest akzeptieren können. Ich habe es geschafft, in meinem sozialen Leben eine wunderschöne, sexpositive Blase um mich herum zu erschaffen—alles, was dem entgegenstand, ist mittlerweile ausgemerzt.

Warum wolltest du deine Erfahrung in dem Buch teilen?
Ich bin der Meinung, dass Beiträge, die von Menschen aus dem Bereich selbst erschaffen wurden, die mit Abstand beste Art sind, dem Stigma der Sexarbeit etwas entgegenzusetzen. Außerdem glaube ich, dass es für Sexarbeiter wichtig ist, diese Geschichten selbst zu schreiben, und sie nicht von den Medien konstruieren zu lassen. Momentan herrscht diese kulturelle Faszination für Sexarbeit und Pornos und die Entscheidung, eine Identität anzunehmen oder in einem Körper zu sein, der Sexarbeit macht oder in Pornos auftritt. Diese Geschichten sind oft aus einer Außenperspektive von Menschen konstruiert, die diese Dinge selbst nie erlebt haben. Für mich ist es wichtig, meinen Beitrag dazu zu beizusteuern—und aus dem gleichen Grund habe ich damit angefangen, Pornos zu machen.

Ich finde auch, dass [das Buch] eine sehr schöne Art ist, um dieses Völkchen als eins zu zeigen, dass auch etwas zu sagen hat—und etwas zu sagen hat, das über unsere Darstellung vor der Kamera, über unsere Publicity und über das Geld, das wir damit verdienen, hinausgeht. Es fügt der kulturellen Vorstellung darüber, was es heißt, als SexarbeiterIn oder DarstellerIn zu arbeiten, eine ganz neue Dimension hinzu.