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Willkommen bei deinem ersten beschissenen Bürojob

Passiv-aggressive Zettel am Kühlschrank, idiotische Kollegen und gehirnerweichender Smalltalk. Oder: der Rest deines Lebens.

von Joel Golby
29 Juni 2015, 4:14am

Machen diese Leute auf dich auch nur ansatzweise einen glücklichen Eindruck? Achtung Spoiler: So sieht vielleicht schon bald dein Alltag aus. (Foto: Alan Cleaver | Flickr | CC BY 2.0)

Du studierst noch, bist bald fertig oder begibst dich gar als frischgebackener Uni-Absolventen gerade auf Arbeitsuche: Mit deinem Abschlusszeugnis in der Hand und deinen Taschen voller Träume bist du jetzt bereit, dich voll ins Leben zu stürzen. Ich habe ein kleines Update für deine Träume: Sie sind geplatzt. Du wirst nicht als Philosoph, Kunsthistoriker, Menschenrechtsaktivist oder Stiftungs-Vermögensverwalter enden. Diese Vorstellungen kannst du getrost in den Wind schießen.

Und so ergeht es dir im Sommer 2015 wie so vielen anderen Absolventen auch: Ihr habt drei oder mehr Jahre damit verbracht, wie Hochleistungssportler über bürokratische Uni-Hürden zu springen, nur um jetzt zu erkennen, dass ihr eigentlich nur als untergeordnete Verwaltungsangestellte geeignet seid. Falls du keine Ahnung hast, was „Verwaltung" bedeutet: Im Grunde ist das nur eine schöne Bezeichnung für das Abwickeln von unwichtigen Dingen—und davon gibt es wirklich unglaublich viele. Und jetzt rate mal, wer sich damit beschäftigen darf.

Alles klar, du hast bei einem Zeitarbeitsunternehmen vorgesprochen, die Krawatte sitzt und du fängst jetzt eine Arbeit an, bei der du im Grunde nur ein bisschen auf einen Computerbildschirm starren musst. Folgende Dinge werden dir in deinem neuen Bürojob passieren:

GEWÖHN DICH SCHON MAL AN SCHLECHTEN KÜCHEN-SMALLTALK

Keine Büroküche dieser Welt war jemals wirklich als Küche ausgelegt. Es handelt sich dabei immer um irgendeine Abstellkammer, die willkürlich mit einem riesigen Kühlschrank und einem winzigen Waschbecken ausgestattet wurde. Deshalb ist es beim Zubereiten einer Tasse Kaffee auch unumgänglich, dass sich irgendein Kollege auf dem Weg zum Kühlschrank an dir vorbeiquetscht und dabei einen schlechten Witz reißt. „Mann, echt ungünstig eingerichtet hier", heißt es dann im Fips-Asmussen-Tonfall. „Den Innenarchitekten würde ich gerne mal sehen!" Dann kommt eine Lawine an beschrifteten Tupperware-Dosen voller beschissener Nudelgerichte aus dem Kühlschrank geschossen und ein ganzer Stapel Teebeutel fällt in das Waschbecken. Und schließlich erblickt dein Kollege den einzigen sauberen Teelöffel irgendwo im hintersten Eck der Küche—natürlich genau hinter dir. Daraufhin erfolgt der Klassiker aller Büroküchen-Sätze: Darf ich mal schnell ... ?

Darf ich mal schnell ist eine Frage ohne Antwort. Darf ich mal schnell ist eine Frage ohne Gewicht. Eigentlich ist Darf ich mal schnell nicht mal eine wirkliche Frage, es hat nur einen solchen Tonfall. „Sorry, darf ich mal schnell ... ?" bedeutet eigentlich: Ich muss nur kurz an dir vorbeihuschen. Oder: Unsere Ellenbogen werden sich in den nächsten eineinhalb Sekunden wohl leicht berühren. Einem Darf ich mal schnell schwingt immer eine gewisse Dringlichkeit mit. Im Grunde wird dir damit gesagt, dass du für das Auswringen deines Teebeutels viel zu lange brauchst. Küchen-Smalltalk, schlimmer gehts nicht.

IRGENDJEMAND NIMMT ES MIT DER ZEIT IMMER SEHR GENAU

„Das war aber eine ziemlich lange Mittagspause!" Irgendwann wirst auch du diesen Satz zu hören bekommen. Wahrscheinlich von Sandra. Verdammt, Sandra, wie viele beschissene Bilder deiner Kinder willst du eigentlich noch auf deinem Schreibtisch aufstellen? Wenn, dann ist das höchstens eine Beleidigung, dass deine Sprösslinge gerade inspirierend genug sind, um Kostentabellen aufzustellen oder um komplizierte HR-Anträge auf neue und weniger zerbrechliche Plastiklöffel auszufüllen. Hey Sandra, hasst du deine Kinder etwa?

Wie dem auch sei, Sandra macht ein Riesengezeter, weil du deine Mittagspause um zehn Minuten überzogen hast. Aber was kannst du schon machen, die Schlange in der Trafik um die Ecke war eben etwas länger. „Muss ziemlich angenehm sein, nichts Dringendes erledigen zu müssen, oder?" Solche Aussagen kommen von einer Frau, die während der Arbeitszeit versucht, ihr Haus zu verkaufen. Sie hat seit Wochen keinen Anruf getätigt und keine E-Mail verschickt, die nichts mit ihrer Immobilie zu tun hatten. Bis jetzt. Du hast eine neue Nachricht im Postfach: „Hey", schreibt Sandra in einer Rundmail. „Nur zur Erinnerung: Wir sollen um 9:30 Uhr im Büro sein und die Mittagspause dauert nur eine Stunde. Alle Kollegen respektieren diese Regeln, also gebt in Zukunft bitte etwas mehr acht." Und das Ganze von einer Frau, die sich ständig die kompliziertesten Ausreden einfallen lässt, um ihre Kinder von der Schule abzuholen, und zehn Minuten vor Feierabend schon ganz langsam und akribisch anfängt, ihre Handtasche zu packen, um dann sofort aus dem Büro zu schießen, wenn es an der Zeit ist. Gebt bitte etwas mehr acht.

Eigentlich ist es doch folgendermaßen: Wenn du erst einmal damit anfängst, genau auf deine Arbeitszeit zu achten, dann strengst du dich zu sehr an. Wir sind nur eine begrenzte Zeit auf dieser Erde. Sollten wir da wirklich zehn oder zwölf Minuten verschwenden, indem wir an unserem Schreibtisch sitzen, unseren E-Mail-Eingang aktualisieren und so tun, als würden wir arbeiten? Sollte es uns wirklich kümmern, ob wir lieber ein kleines bisschen Zeit für uns hernehmen, anstatt sie für unseren Chef aufzuwenden? Wir werden alle irgendwann sterben. Also scheiß auf die Arbeitszeiterfassung und scheiß auf Sandra.

Motherboard: Feierabend per Flaschenzug

DU WIRST DEINE MITTAGSPAUSE ZU EINER NACHMITTAGSPAUSE VERLÄNGERN

Dir ist schon bewusst, dass du deine Mittagspause locker auf drei Stunden ausdehnen kannst, oder? Es ist nämlich so, dass in der einen wertvollen Stunde nach der Mittagspause sowieso niemand richtig arbeitet. Jeder macht Mittagspause, isst dabei irgendein günstiges Lunch-Angebot und befindet sich anschließend in einem stundenlangen Food-Koma, in dem man lieber auf beliebten Websites wie dieser hier abhängt. Ja, auch du machst das. Und damit bist du nicht alleine—auch dein Chef macht es, deine Kollegen machen es und sogar Sandra macht es.

Hier nun die ultimative Anleitung zur Verlängerung deiner Mittagspause: Mach sie um 12:00 Uhr. Fahr dir dein Sandwich ein, stöbere dich durch ein paar Geschäfte und setze dich schließlich um 13:00 Uhr wieder an deinen Schreibtisch. Wenn dann deine Kollegen Mittag machen, kannst du eine Stunde lang nach Herzenslust faulenzen. Irgendwann wird das Büro wieder voll besetzt sein, aber nachdem dann jeder selbst erstmal ordentlich die Seele baumeln lässt, kannst du das ebenfalls tun, weil es niemanden schert. Und um 15 Uhr ist der Arbeitstag im Grunde eh schon vorbei und du kannst dich im Leerlauf schon mal auf den Feierabend vorbereiten. „Warum geht es mit der Wirtschaft den Bach runter?", werde ich oft gefragt. Ich habe keine Ahnung.

Dieser Typ hat garantiert nicht die Aufgabe, einen Adler zu illustrieren. Er schlägt einfach nur die Zeit tot. (Foto: Startup Stock Photos | Flickr | CC BY 2.0)

DU WIRST DEN LUNCH-DEAL VOM SUPERMARKT UM DIE ECKE LIEBEN LERNEN, WEIL DU DIR MIT DEINEM BESCHISSENEN GEHALT NICHTS ANDERES LEISTEN KANNST

Irgendwann wirst du in Tränen ausbrechen, weil der Supermarkt in Laufnähe deines Büros den Hühnchen-Chorizo-Wrap aus dem Sortiment genommen hat und jetzt stattdessen irgendein Fleisch-Baguette anbietet. Glaub mir, du wirst deswegen vollkommen durchdrehen, denn du warst mir dem Hühnchen-Chorizo-Wrap quasi verheiratet. In Gedanken hast du damit ganz unappetitliche Dinge angestellt. Du wirst heulend vor dem Backwaren-Regal knien und hoffen, dass das Thunfisch-Gurken-Sandwich die klaffende Lücke füllen kann—insgeheim weißt du aber, dass das einfach unmöglich ist. Versuch ruhig, dem günstigen Lunch-Angebot des Supermarkts zu entkommen. Du wirst es nicht schaffen.

IN DER KÜCHE WERDEN PASSIV-AGGRESSIVE NOTIZEN ANGEBRACHT, DIE SICH DANN QUASI SOFORT ZU RUNDMAILS MIT DEM THEMA KÜCHE ENTWICKELN, WEIL IRGENDJEMAND, DER SICH JEDEN TAG SEIN MITTAGESSEN VON ZU HAUSE MITBRINGT, SEINE TUPPERWAREN-DOSE VERLEGT HAT UND DANN DAVON AUSGEHT, DASS SEIN EKELHAFTES ESSEN VON EINEM KOLLEGEN GESTOHLEN WURDE, WORAUFHIN ER EINE LAMINIERTE DIN-A4-NACHRICHT ALA „LEUTE, BITTE RESPEKTIERT DAS MITTAGESSEN EURER MITMENSCHEN" AM KÜHLSCHRANK ODER—NOCH SCHLIMMER—Im Waschbecken ANBRINGT

Ich will damit wohl sagen, dass jeder Mensch, der länger als fünf Jahre in einem Büro arbeitet, verrückt wird und sich zu einem langweiligen Arschloch entwickelt, das ernsthaft glaubt, dass sich irgendjemand für so was interessiert.

MAN MUSS WIE EIN NORMALER MENSCH ANS TELEFON GEHEN

Ich weiß nicht, wie du das siehst, aber da ich im Zeitalter des Internets aufgewachsen bin, finde ich jegliche Kommunikation, die nicht über irgendein Chat-Programm abläuft, vollkommen überflüssig und beängstigend. Ist dir eigentlich bewusst, wie häufig in Büros das Telefon klingelt? Und dann stellen die Leute immer nur irgendwelche Fragen, die man auch per Mail hätte klären können. Aber nein, sie müssen dich ja anrufen. Dabei schaut dich dann jeder Kollege an, du kriegst es nicht auf die Reihe, deinen eigenen Namen richtig auszusprechen, du weißt nicht genau, ob man kurz vor 12:00 Uhr noch „Guten Morgen" sagen soll, und du fängst das schwitzen an. Deswegen rutscht dir das Telefon aus der Hand und eigentlich war der Anruf auch gar nicht für dich gedacht. Also schreibst du auf, wer angerufen hat und was diese Person wollte. Schließlich kommt der betroffene Kollege aus der Mittagspause zurück, schaut sich kurz deine Notiz an und meint dann nur: „Was? Ich soll zurückrufen? Niemals! Ich schreib denen einfach schnell eine Mail." Ich bin dafür, Telefone rigoros zu verbieten.

MAN WIRD TEIL VON BESCHISSENEN BÜRO-WITZEN, DIE VIEL ZU LANGE BREITGETRETEN WERDEN

Ich fasse den Büroalltag mal kurz zusammen: Vier graue Wände, ein paar Raumteiler, minimale Beleuchtung mit fluoreszierendem Licht, wenige Schreibtisch-Ventilatoren und Hunderte metallgraue Computer, die mit einem lahmen Betriebssystem ausgestattet sind, das so programmiert wurde, dass sich niemand Pornos herunterladen kann—anscheinend ist man als Arbeiter nicht vertrauenswürdig genug, um ganz normal mit Windows arbeiten zu dürfen. In anderen Worten: Die Arbeit im Büro ist so ungefähr das Trostloseste, mit dem man sich beschäftigen kann. Deshalb werden diese kleinen Momente der Freude im tristen Büroalltag rückblickend total aufgeblasen und es ist jedes Mal das Lustigste der Welt, wenn jemand mit zwei Tassen Tee in der Hand stolpert und sich von oben bis unten einsaut. Auch acht Monate später werden darüber noch Witze gemacht und der Zwischenfall bleibt für immer ein beliebtes Thema bei den After-Work-Bierchen.

Eigentlich sind Büros der Ort, wo sich Witze vollkommen abnutzen, dann von verzweifelten Notärzten wiederbelebt werden, schließlich wieder sterben und so weiter—dieser Kreislauf geht dann jahrelang so weiter.

Dein Schreibtisch aka der Ort, wo Träume platzen (Foto: David Marsh | Flickr | CC BY 2.0)

IRGENDWANN IST DIR EINFACH ALLES EGAL

Das glaubst du nicht? Nun ja, zumindest in der ersten Woche wirst du dir noch Mühe geben und genau das Outfit anziehen, das in deinem Arbeitsvertrag vorgegeben wird. Aber dann bemerkst du schnell, dass sich da eigentlich niemand dran hält und Krawatten sowie komplett zugeknöpfte Hemden quasi nirgendwo zu sehen sind. Schließlich schlurfst du irgendwann mit derbem Kater ins Büro und spielst im Grunde nur so lange Minesweeper, bis der Feierabend kommt. Und dann bist du gefangen: Du bist nicht motiviert genug, um dich auch nur ein kleines bisschen um den Job zu scheren, aber so beeindruckst du eben auch niemanden, um auf der Karriereleiter nach oben zu klettern. Eigentlich kann man das Ganze auch als Fegefeuer mit Papierkörben und von Händedesinfektionsmittel besessenen Kollegen bezeichnen—garniert mit ständig kaputten Druckern und Leuten, die Versandtaschen ganz vorsichtig aufmachen, um sie irgendwann wiederverwenden zu können. Willkommen in der Welt der niederen Büroarbeit.


WENN DU DEN TEE ODER KAFFEE IRGENDWIE ANDERS ZUBEREITEST, ALS ES IRGENDEIN DAHERGELAUFENER TEE- ODER KAFFEE-SNOB HABEN WILL, DANN DARFST DU DIR FÜNF MINUTEN LANG ANHÖREN, WARUM DU DEN TEE ODER KAFFEE FALSCH ZUBEREITEST

Für diese Misere mache ich Starbucks verantwortlich, denn seitdem man bei Starbucks diese riesige Auswahl mit geschäumter Milch, steuerlichen Schlupflöchern und unendlichen Variationen hat, gibt jeder Büro-Trottel Sachen wie „Oh, kannst du das Ganze bitte mit etwas Sojamilch zubereiten?" oder „Du musst den Tee ganz vorsichtig in einem speziellen durchsichtigen Teekessel aufbrühen und dann die Agave zugeben" von sich.

Eigentlich setzt man nur einen Kaffee auf, um mal kurz von seinem Schreibtisch wegzukommen und um sich die Beine zu vertreten, und plötzlich muss man mit Süßstoff, Rooibos sowie komischen tragbaren Milchaufschäumern herumjonglieren und das Arschloch mit der „I [KAFFEEBOHNE IN HERZFORM] COFFEE"-Tasse bittet dich um irgendwelchen komplizierten Scheiß, weil „ohne Kaffee einfach gar nichts geht!"

Kurz gesagt: Wenn man im Büro irgendetwas anderes als stinknormalen Tee oder Kaffee trinkt, dann ist man zu sehr von sich selbst eingenommen und sollte mal einen Gang zurückschalten.

DAS WHITEBOARD

Irgendwo befindet sich immer ein Whiteboard, auf das man keinen Penis malen darf.

IRGENDJEMAND SCHICKT AUS VERSEHEN EINE RUNDMAIL RAUS, AUF DIE DU MIT EINEM WITZ ANTWORTEST UND DARAUFHIN IN EINER RUNDMAIL ABGESTRAFT WIRST UND VON DEINEM VORGESETZTEN WEGEN MISSBRAUCHS DES RUNDMAIL-SYSTEMS ZUSÄTZLICH NOCH MÜNDLICH VERWARNT WIRST

Das liegt daran, dass die Rundmail heilig ist—ein heiliges Allzweckmittel bei verlorenen Gegenständen, die auf der Toilette gefunden werden („Goldene Halskette, kann am Empfang abgeholt werden"; „Ein Ehering wurde in der Kloschüssel gefunden, kann (ohne Fragen) am Empfang abgeholt werden"; „Aus irgendeinem Grund befand sich auf der Herrentoilette eine Sporttasche voller Klopapier, kann am Empfang abgeholt werden"). Die Büro-Rundmail ist nicht für Späße gedacht und darf niemals missbraucht werden.

Munchies: Wie du deinen Kaffee nicht verschüttest

DU SCHLIESST DICH DER FEIERABEND-FUSSBALLGRUPPE AN UND DIR WIRD KLAR, DASS DU FAST DEN GANZEN TAG MIT DEN SELBEN LEUTEN VERBRINGST

Eigentlich kann das auf jede Feierabend-Aktivität angewendet werden, die darauf abzielt, dass man sich noch etwas mehr mit den Kollegen beschäftigt (zum Beispiel das berühmte Feierabend-Bierchen, komische Theaterbesuche oder öde Wohnungseinweihungen), aber Fußball gibt es eben quasi überall. Fußball macht doch Spaß, oder? Ein wenig Frotzeleien, ein bisschen Fünf-gegen-fünf? Natürlich war es für den Typen, der sich dabei ein Bein brach, nicht so witzig, aber ansonsten ist es doch ganz cool, stimmt's?

Es gibt auch immer diesen einen total durchorganisierten Veranstalter (hat immer die Position des Allzweckverteidigers inne, besitzt eine Sammlung an Fußballtrikots aus den 90ern und trägt beim Spielen eine Sportbrille, damit seine Alltagsbrille beim Kopfball nicht kaputt geht), der am Anfang der Woche eine Mail rausschickt: „Jungs, diese Woche müssen mal wieder richtig viele am Start sein. Denkt dran, ein weißes und ein buntes Trikot mitzubringen. Außerdem sind Kunstrasen-Schuhe angesagt und der Platz kostet acht Euro pro Nase." Das Ganze soll ja auch wirklich stattfinden. Ehe du dich versiehst, bist du dann jede Woche dabei. Und natürlich ist danach ein Bierchen Pflicht. Irgendjemand schlägt dann noch vor, Pizza essen zu gehen, und schon steht man kurz vor Mitternacht an der U-Bahn-Station und sagt: „Alles klar, wir sehen uns dann in ... achteinhalb Stunden?"

Spätestens da wird dir klar: Du wurdest von der Aussicht auf einen spaßigen Zeitvertreib geblendet, hast auf der Arbeit Freunde gefunden und triffst dich mit ihnen womöglich auch am Wochenende. Dein Leben ist jetzt davon bestimmt, dass du ständig nur mit den gleichen sechs Leuten interagierst, die bei der Arbeit zufällig in deiner Nähe sitzen. Du hast keine richtigen Freunde und keine eigene Persönlichkeit. Fußball ist die Nadel, die deinen verkümmerten Arm mit Arbeitsplatz-Heroin vollpumpt. Fall nicht auf diese Masche herein und lass das mit dem Feierabend-Kick von Anfang an bleiben.

IRGENDEINEM KOLLEGEN WIRD ETWAS MEHR VERANTWORTUNG ZUGESPROCHEN UND DER MACHT DANN GLEICH EINEN AUF OBERCHEF

„Hey. Mir ist aufgefallen, dass du ein Dokument dreimal ausgedruckt hast, weil es das erste Mal im A3-Format rausgekommen ist und beim zweiten Mal in A5-Größe auf einem A4-Papier ausgespuckt wurde. Wie du weißt, wurde mir bei meinem letzten Gespräch mit den Vorgesetzten die Zuständigkeit für das Papier und das Recycling übertragen—nein, damit bekomme ich nicht mehr Gehalt, trage aber mehr Verantwortung. Und das ist für meinen Beförderungs-Fünfzehnjahresplan extrem wichtig. Ich wollte dir nur schnell mitteilen, dass ich dein Verhalten in der Personalabteilung melden muss und dass das in Kombination mit deinem Zuspätkommen vielleicht zu einer Abmahnung führen könnte. Tut mir echt leid."

Verpiss dich, Tim! Ich habe dir damals beim Umzug geholfen, du Arschloch!

„Kreatives Chaos" (Foto: Zinger | Flickr | CC BY 2.0)

ES WARTEN BESCHISSENE BETRIEBSAUSFLÜGE AUF DICH

Einmal im Jahr kommt irgendjemand aus der Chefetage auf die grandiose Idee, dass es unbedingt einen Betriebsausflug braucht—natürlich an einem Tag, an dem du gar keine Lust auf so etwas hast. Also versammelt sich die gesamte Belegschaft im Seminarraum irgendeines Hotels, wo zwei abgewrackte Schauspieler irgendwas von wegen „Ruhig auch mal über den Tellerrand blicken!" erzählen, bevor dann eine schreckliche Aufgabe ansteht, bei der man sich barfuß durchs Zimmer bewegen und dabei lächelnd mit den Kollegen Augenkontakt halten muss.

Danach tritt ein Typ vor, an den du dich vage von einem disziplinarischen Gespräch erinnern kannst, und hält eine 20-minütige Rede bezüglich der Zukunft des Unternehmens. Schließlich dürft ihr euch noch über eine Platte voller fader Sandwiches hermachen. Aber hey, immerhin ist schon um 16:00 Uhr Feierabend, also ist das Ganze doch irgendwie einer der besten Arbeitstage deines Lebens.

Du hättest bestimmt nicht gedacht, dass das alles mal so laufen würde, oder? Ernstgemeinte Freude darüber, dass man pünktlich zu langweiligen Vorabendserien zu Hause ist. Das Dasein als Erwachsener hat sich wirklich als ziemlich enttäuschend herausgestellt.

EIN ANDERER KOLLEGE MIT TRÄUMEN BRINGT DICH DAZU, DEINE WERTVOLLE FREIZEIT DAMIT ZU VERBRINGEN, IHN ZU UNTERSTÜTZEN

Du hast doch noch irgendwelche Träume, oder? Du willst doch bestimmt irgendjemand oder irgendwas Besonderes sein. Keine Ahnung, ein ... keine Ahnung. Ich habe keinen blassen Schimmer, welche Träume die Leute heutzutage haben. Gitarre? Gitarrist? Irgendetwas mit einer Gitarre. „Na, wie läufts mit dem Gitarre spielen?", wirst du ständig von deinen Kollegen gefragt, weil du beim Bewerbungsgespräch ganz beiläufig erwähnt hast, dass der Job nur ein Übergang ist, bis die Sache mit der Band richtig durch die Decke geht. „Schon ganz gut", antwortest du dann. Natürlich hast du deine Gitarre seit über einem Jahr nicht mehr angerührt. Moment, wo ist deine Gitarre eigentlich? Scheiße, hast du sie etwa in der alten Wohnung liegen lassen?

Das ist jetzt erstmal unwichtig, weil du nicht der einzige Jungspund im Büro bist, der die Taschen voller Träume hat. Da drüben in der Ecke sitzt Michael. Michael ist nicht nur jünger und sieht besser aus als du, er spielt dazu auch noch in einer Band. „Wir haben heute Abend einen Auftritt", meint er schüchtern und sieht dabei blendend aus. Er kratzt sich im Nacken und richtet seinen Blick auf den Boden. „Also falls irgendjemand Lust hat. Kostet auch nichts." Und schon findest du dich zusammen mit Katrin aus der Buchhaltung („Musste meinen Nachbarn extra zum Babysitten rüberholen, aber ich liebe es einfach, ein bisschen zu tanzen. Auf gehts!") in einer ranzigen Eckbar wieder. Dort sitzt du dann in Shirt und Jeans und beobachtest Michael dabei, wie er sich für den Auftritt fertigmacht. Und seine Band ist richtig gut. Sie machen genau die Musik, die du so gerne magst und eines Tages auch professionell spielen willst. Sie covern sogar eins deiner obskuren Lieblingslieder. Also verhaftest du ein Bier nach dem anderen, Katrins tanzender Körper kommt deinem immer näher und du fragst dich, was genau eigentlich schief gelaufen ist. Fick dich, Michael! Fick dich und deine Träume!

DU ZIEHST ENDLICH EINEN ANDEREN JOB AN LAND

Ich warne dich lieber schon mal vor: Es kann sein, dass das nie passieren wird. Vielleicht bist du für immer in dem sargähnlichen Büro gefangen, in dem du gerade diesen Artikel liest. Du könntest dort sterben. Weißt du eigentlich, wie viele Leute an ihrem Schreibtisch umkommen? Mehr, als du denkst. Du knallst einfach mit dem Kopf auf die Tastatur und bei deinen Aufgaben und deiner Menge an wirklicher Arbeit kann es womöglich Stunden oder gar Tage dauern, bis jemand etwas merkt. Und diese Person muss dann erstmal deinen Mitarbeiterausweis checken, weil sie keine Ahnung hat, wer du eigentlich bist. Und die IT-Abteilung ist total sauer, weil du es mit deinem Kopf irgendwie geschafft hast, dich aus dem System auszuloggen, und sie haben keinen Zugriff auf die Passwörter. Also landet dein Computer letztendlich einfach auf dem Müll. Das ist dann dein Vermächtnis: Ein PC auf der Müllhalde. Das bist du.

Blödsinn, natürlich wirst du einen anderen Job finden. Die Sache ist nur die, dass es ziemlich schwierig ist, dir eine neue Arbeit zu suchen, wenn dich die tägliche Hölle deines beschissenen Bürojobs total abstumpfen lässt. Das Ganze wird dann noch schwieriger, wenn dein Stundenlohn ein kleines bisschen angehoben wird, und du noch weiter in dieses Fegefeuer gezogen wirst: Einerseits hasst du deinen total unbefriedigenden und stinklangweiligen Job wie die Pest, aber andererseits kannst du auch nicht so einfach weg, weil das feste Einkommen irgendwie doch ziemlich angenehm ist. Und genau so kriegen sie dich: Mithilfe der winzigen Gehaltserhöhung befestigen sie ein Gewicht an deinem Hals und schon bleibst du noch ein weiteres Jahr im Unternehmen. Dann folgt natürlich noch ein Jahr und irgendwann wachst du morgens auf und denkst dir: „Oh, ich muss heute die eine Mail rausschicken." Und schon fängst du früher an, machst trotzdem Überstunden und checkst sogar noch im Bus deinen Mail-Eingang. Verdammt, du bist dann Mitte Zwanzig und plötzlich bedeutet dir dein beschissener Job etwas. Nein, das darf einfach nicht passieren.

Wie du einen guten Job findest? Keine Ahnung. Ich weiß aber eines: Jeder halbwegs gute Karrieresprung, den ich hingelegt habe, kam dadurch zustande, dass ich Leute kennenlernte und mich in Gesprächen immer ganz unterschwellig über meine Arbeit beschwert habe und durchsickern ließ, dass ich etwas Neues suche. Scheiß auf diese ganzen unendlich langen und unfassbar komplizierten Online-Bewerbungsformulare für Jobs, die man eigentlich sowieso nicht haben will. LinkedIn ist zwar auch ein beliebter Treffpunkt für Arschlöcher und Immobilienmakler, aber die Grundidee dieses Portals ist eigentlich ganz vernünftig: Der Kontakt zu echten Leuten ist für die Karriere nämlich tausendmal förderlicher als das lustlose Herumgesuche auf irgendwelchen Online-Jobbörsen.

Also kann ich euch eigentlich nur den Tipp geben, Kontakte zu knüpfen. Sucht euch neue Freunde und deutet dann an, wie gut ihr To-Do-Listen kopieren könnt. Oder sagt Sachen wie „Scheiße, ich kann heute nicht mit euch Saufen gehen. Ich habe seit drei Jahren das gleiche beschissene Gehalt und eine Veränderung fände ich eigentlich ganz gut". Das werden sie dann schon verstehen. Du kannst natürlich auch irgendeinen Mitarbeiter eines Zeitarbeitsunternehmens umbringen. Zeig ihnen, dass du es ernst meinst! Spieß den Kopf der Leiche dann auf einem Stock auf, schreib deine Botschaft auf ein Schild und laufe damit über einen öffentlichen Platz. Dabei musst du natürlich Folgendes laut herausschreien: „MIR IST ES VERDAMMT ERNST! EINEN GUTEN NEUEN JOB FÄNDE ICH ECHT SUPER!" Sei kreativ und blicke über den Tellerrand. Das bist du dir doch wert, oder?

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