Das beste Sperma kommt aus dem Internet

Spermabörsen sind je nach Motiv eine Mischung aus Onlinedating, Grindr und Samenbank. Ein Spender aus der online Samenspende-Szene erzählt uns von seinen neun Kindern und über unregulierte Fortpflanzung im Internet.

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18 März 2014, 2:11pm

„Karottensaft ist gut für die Fruchtbarkeit.“ Martin (Name geändert) lächelt. Er hat sich eine große Orangen-Möhren-Mischung bestellt. Wir sitzen in einem Café in einer sehr kinderfreundlichen Ecke Deutschlands. Er will nicht, dass die Stadt erwähnt wird. Die Samenspenderszene ist klein, und Journalisten sind nicht besonders beliebt. Vor dem Fenster des Cafés gibt es eine Spieldecke, an den Wänden hängen bunte Bilder. Martin achtet auf seine Ernährung, um die Qualität seiner Spermien konstant hoch zu halten. Gerade ist sein sechstes Kind zur Welt gekommen. Drei sind unterwegs, an einem arbeitet er aktuell. Mehr sind in Planung.

Auf den ersten Blick würde man Martin gar nicht zutrauen, dass seine Gene sich dermaßen erfolgreich verbreiten. Er ist ein sanfter Typ und erinnert eher an die bildungsbürgerlich-deutsche Version von Jack Black in Schwer verliebt als an Gerard Butler in 300: Mitte 30, glatt rasiert, Hemd, Wollpullover, Segelschuhe, Bauchansatz.

Martin erzählt zum Beispiel folgende Geschichte über eins seiner Kinder: Ein Paar will nach jahrelanger Beziehung Kinder kriegen. Die Frau setzt die Pille ab, bereitet sich auf das Kind vor. Der Typ kriegt kalte Füße und will doch lieber nicht. Die Beziehung geht in die Brüche. Sie ist enttäuscht und findet Martin im Internet. Ein Jahr später verstehen Ex-Freund und Ex-Freundin sich wieder besser—wenn er zu Besuch kommt, nimmt er Martins Kind auf den Arm. Martin wird auch manchmal eingeladen.

Martin ist Yes-Spender. Er pflegt Accounts auf Seiten wie Spermaspender.de, Samenspender4.com oder Pollentree.com. Wie bei einer Partnerbörse legt man dort als Mann oder Frau ein Profil an: Alter, Bilder, Spermaqualität, Brillenträger, Erbkrankheiten, natürliche Besamung oder Becher-Methode, anonym oder später Kontakt zum Kind, Gesundheitszeugnisse und Reisebereitschaft. Je nach Perspektive und Motiv eine Mischung aus Onlinedating, Grindr und Samenbank. Wenn eine Frau ihn dort interessant findet, schreibt sie ihm. Wenn alles passt, telefoniert man oder trifft sich. Martin bringt dann seine Gesundheitszeugnisse mit, eine Ejakulatanalyse, die die Qualität seines Spermas bestätigt und, je nach Methode, einen Plastikbecher aus dem Krankenhaus und eine Spritze (ohne Nadel). Er ejakuliert dann in den kleinen Plastikbecher oder direkt in die Spritze, die Frau führt sich die Spritze ein und drückt sich seinen Samen Richtung Gebärmutter. „Ich find ‚natürlich‘ schöner, aber das überlass ich der Frau,“ sagt er.

„Natürlich“ bedeutet, er fährt über das Wochenende zu einer Frau, sie gehen ins Kino, vielleicht mit Freunden was trinken, etwas Essen. Er wirkt dann wie eine Fernbeziehung. Später schlafen sie miteinander, wie ein ganz normales Hetero-Paar. Sonntags fährt er wieder nach Hause. Vor „natürlich“ prüft Martin allerdings auch ihre Gesundheitszeugnisse.

Er bevorzugt lesbische Paare, damit das Kind mit zwei Elternteilen aufwächst. Weil lesbische Frauen meist keine Lust auf Hetero-Sex haben, sagt er, „läuft es zu 90 Prozent auf den Becher hinaus.“

Drei, vier, fünf Anläufe braucht er in der Regel—die Wahrscheinlichkeit einer Schwangerschaft in den Tagen kurz vor dem Eisprung liegt bei 20 Prozent. Als Yes-Spender möchte er die Kinder später kennenlernen. Aber ob und wie oft er sie sieht, entscheiden die Mütter. Alles geht, nichts muss. Martin hat kein festes Ziel vor Augen, wie viele Kinder es werden sollen. Aber bald, glaubt er, reicht es. „Man will ja auch kein Massenprodukt sein,“ sagt er.

Mittlerweile reist er nicht mehr so gerne zu den Frauen, er ist etwas ruhiger geworden. Aber wenn sie in ein Hotel in seiner Nachbarschaft kommen, ist er gerne bereit, zu spenden. Gegen eine Familie hat er eigentlich auch nichts, erzählt er. Das hätte sich nur bisher nicht ergeben. „Ich wollte dann aber auch nicht weiter warten, bis die Richtige kommt und es irgendwann losgeht,“ sagt Martin.

Die Frauen, die ihm dann schreiben, sind Ende 20 oder Mitte 30 und und haben das Gefühl, dass ihre biologische Uhr tickt. „Wenn bei einer Frau mit 30 die Beziehung endet, braucht sie Zeit, bis sie damit zurechtgekommen ist. Dann dauert es, einen neuen Partner zu finden, und mit dem ist man dann eine Weile zusammen, bevor man Kinder kriegt. Wenn der aber wieder vorher abspringt, wird’s schwierig,“ erzählt Martin. Viele seiner Frauen sind Akademikerinnen. Ihm ist wichtig zu prüfen, in welche Verhältnisse seine Kinder hineingeboren werden.

Morgen will er mit seinem ersten Kind und ihrer Mutter in den Zoo gehen. Seine erste Tochter erkennt ihn sogar und will ihn umarmen, wenn sie ihn sieht. Gelegentlich passt er auf sie auf, wenn der Babysitter keine Zeit hat und die Mutter ins Kino geht.  Manchmal geht er mit den Müttern und seinen Kindern auch spazieren oder ins Schwimmbad. Bei einer Taufe war er schon dabei. „Das schöne daran ist,“ findet Martin, „dass ich aber nicht verpflichtet bin, irgendetwas zu tun. Ich kann auch sagen: ‚Nein, heute will ich mit meinen Kumpels Bier trinken.'“

Ursprünglich kommt die Idee der Sperma-Börse aus der Homo-Szene. Lesbische Paare haben dort nach Vätern gesucht, schwule Paare nach einer Mutter. „Vorher hat oft ein schwuler Freund oder vielleicht der Bruder der jeweils anderen Partnerin das Kind gezeugt. Nach der Jahrtausendwende hat sich die Suche immer mehr ins Internet verlagert. Dann haben sich die Samenbanken für Single-Mütter und damit gewissermaßen auch für Homo-Paare geöffnet,“ erklärt Martin.

Im Internet ist mittlerweile alles vertreten: Hetero, Homo, Single, Paare und auch der ein oder andere Fetisch.  „Wir wünschen uns nach eingehender Überlegung beide (Frauenpaar) schwanger zu sein und selbst diese intensive Erfahrung machen zu dürfen,“ heißt es in einer Anzeige. Oder, etwas ausgefallen: „Wir sind ein Cuckoldpaar (er steril) und suchen einen Mann, gerne erfahren und reifer, welcher uns unseren Kinderwunsch erfüllt. Unbedingt solltest Du damit einverstanden sein, dass der Ehemann beim Zeugen zugegen ist!“ Ein Paar möchte gerne ein Kind im Schwimmbad zeugen. Ein Hotel sei zu teuer und zu Hause ist ihnen irgendwie unangenehm. In einer anderen Anzeige sucht ein HIV-infizierter Mann nach einer Frau. „Das würde dann über künstliche Befruchtung laufen,“ mutmaßt Martin. Irgendwo ist auch von einem „Schwängerungs-Fetisch“ die Rede. Hin und wieder verschwimmen eben die Grenzen von Sex und Fortpflanzung.

Ironischerweise sind auf dieser liberalsten aller Partnerbörsen konservative Werte entscheidend: Finanzielle Absicherung ist wichtig, vielleicht eine Immobilie, Jobs, geordnete Verhältnisse, ein hoher Bildungsgrad und Gesundheitszeugnisse.

Der Engländer Patrick Harrison betreibt eine Spender-Website. Von künstlicher Befruchtung bis hin zur Adoption wird auf Pollentree.com alles angeboten. Eine gute Freundin hatte ihm vor ein paar Jahren erzählt, dass sie abends in Pubs irgendwelche Männer abschleppt und auf diese Weise ein Kind bekommen wollte. Patricks Frau hörte die Unterhaltung aus der Küche und war schockiert. Sie beschlossen der Freundin zu helfen und zogen die Website PollenTree.com hoch. Rund 8000 Leute sind mittlerweile auf PollenTree aktiv, und soweit Patrick das überblicken kann, wurden dort Kontakte für rund 30 Kinder geknüpft.

Bisher sind auf den englischen Websites wesentlich mehr Frauen angemeldet (70 Prozent). Trotzdem besteht ein großer Teil von Patricks Arbeit darin, die Profile von verzweifelten Männern zu löschen, die nur versuchen irgendwen flachzulegen. Und die Profile wieder zu löschen, wenn sich die selben Typen wieder unter anderem Namen anmelden...

In Deutschland sollen mehr Männer registriert sein. Oft interessieren die sich aber weniger für den eigentlichen Zweck der Website. Auf den Samenspender-Seiten tummeln sich Typen, die schon mal Sex auf einem Autobahnparkplatz vorschlagen. Andere suchen unter Müttern mit Kindern und denen, die noch welche wollen, verzweifelt nach einer festen Beziehung. Wenn irgendwas in den Medien auftaucht (sorry dafür!) schwappt aber erstmal eine Welle verzweifelter Parkplatz-Typen durchs Internet, die jetzt ihre Chance gekommen sehen.

Die erfolgreicheren Samenspender, sagt Martin, seien aber die seriösen. Also diejenigen, die alle Arten von Gesundheitszeugnissen und vielleicht sogar ein Spermiogramm haben, und auch per Becher spenden. So Vatertypen eben, die zur Qualitätssicherung auch gerne mal einen Orangen-Möhren-Saft bestellen.