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Unterwegs mit Junkies, die Fleisch stehlen, um ihre Sucht zu finanzieren

Immer wieder gibt es Medienberichte über Drogenabhängige, die wegen Ladendiebstahls vor Gericht landen. Wir haben ein paar britische Supermarktdiebe begleitet, um einen Einblick in ihre Welt zu bekommen.

von Max Daly, Fotos von Jake Lewis
21 November 2015, 5:15am

Scott und Luke mit Fleisch in einem Supermarkt, in dem Scott eigentlich schon Hausverbot hat


An einem Sonntagmorgen vor drei Wochen verließ Scott einen Supermarkt außerhalb der englischen Stadt Leicester mit 2 Rinderbraten, 14 Packungen Hühnerbrust und 4 Rindersteaks, die er sich in Jacke und Hose gestopft hatte. Er ging um die Ecke zu einer Kfz-Werkstatt, wo er die gesamte Ladung für 30 Pfund [etwa 43 Euro] verkaufte.

Scott holte sich von dem Geld ein paar Briefchen Heroin und einen Crack-Stein, während die Mechaniker die Fleischstücke zum Sonntagsessen nach Hause brachten. Im Supermarkt wurden die Regale neu gefüllt.

Scott hatte es geschafft, all das Fleisch zu stehlen und zu verkaufen, ohne aufzufliegen—gut, bei der Inventur am Monatsende würde man natürlich den Diebstahl bemerken—, doch viele haben nicht so viel Glück. Alle paar Wochen gibt es aus ganz Großbritannien Berichte über Heroinabhängige, die vor Gericht erscheinen müssen, weil sie beim Fleischdiebstahl erwischt wurden.

In Großbritannien, wo sehr viele Menschen mit gekürzten Sozialleistungen zu kämpfen haben, nimmt die Zahl der Ladendiebstähle zu. Da eine Packung Schweinebauch in der Manteltasche ein wenig unauffälliger ist als zum Beispiel eine Digitalkamera in einer elektronisch gesicherten Verpackung, ist es wenig überraschend, dass bei einer Studie von Global Retail Theft Barometer festgestellt wurde, dass Fleisch eines der am häufigsten aus Supermärkten gestohlenen Produkte ist. Es ist tatsächlich schon so schlimm, dass manche Läden dazu übergegangen sind, ihr Fleisch in Schachteln zu packen und elektronisch zu sichern.

Angesichts der Rezession und der steigenden Preise ist Fleisch zu einem Luxusprodukt geworden, das sich viele nicht leisten können—außer, es wird von jemandem gestohlen, der bereit ist, das Risiko einzugehen. Doch dieses Phänomen wird von Heroin angetrieben und nicht von Hunger.

„Früher waren es elektrische Zahnbürsten und Rasierer, aber heute ist Fleisch das beste Diebesgut", sagt Scott, ein 42-jähriger Heroin- und Crackkonsument, der mich durch die Supermärkte im Zentrum von Leicester führt. „Ich muss bis 10 Uhr mit Klauen fertig sein—da geht das Gezittere los—, also stehe ich an einem normalen Tag um 7 Uhr auf. Manche Läden haben vor 10 Uhr auch keine Securitys, weil sie denken, die ganzen Heroinsüchtigen sind faul und liegen noch im Bett."

Geschnittenes Rindfleisch, kein besonders lukratives Produkt für Ladendiebe

Wir betreten eine Filiale der Supermarktkette Sainsbury's, wo Scott schnell die Fleischregale in Augenschein nimmt und eine Lammkeule für 21 Pfund aufhebt. „Das hier ist das Beste", sagt er. „Steck es dir ins Hosenbein, verkaufe es ans Pub an der Ecke und schon hast du ein Briefchen Heroin." Er legt das Fleisch zurück; ein Security beobachtet uns bereits. „Lammkeulen sind schwieriger zu bekommen—die sind bei allen beliebt. Die Leute fühlen sich gut, sie können es für die Familie mitbringen." Als Nächstes hebt er 10 Packungen hochwertigen Specks auf. „Das würde einfach in die Jacke wandern. Ich würde meine Weste in die Hose stecken, damit es nicht rausfällt." Er sagt, er ziehe den vakuumverpackten Speck vor, denn davon könne er doppelt so viel unterbringen.

Supermärkte sehen durch die Augen eines Fleischdiebs ganz anders aus. Alles dreht sich nur noch um das Verhältnis von Masse zu Qualität und Preis. Scott hebt angewidert ein ganzes Huhn auf. „Sieh dir an, wie groß und schwer das ist, und es kostet nur 4,50 Pfund, also würde ich etwa 2 Pfund verdienen", sagt er. „Hackfleisch oder Schinkenscheiben sehe ich erst gar nicht an—das ist zu billig und niemand will es kaufen."

Ich frage ihn nach den Top 5 der Produkte zum Stehlen. So sieht seine Liste aus:

1. Rinder- oder Lammbraten
2. Hähnchenbrust oder –keule
3. Rindersteak
4. Schweinekoteletts
5. Würstel und Speck

(„Wenn der ganze Scheiß weg ist, nehm' ich den Schinken—den edlen.")

Für Heroinkonsumenten, die ein regelmäßiges und zuverlässiges Einkommen brauchen, ist Fleisch das beste Diebesgut. Es ist leichter zu stehlen und lässt sich schneller verkaufen als Elektrogeräte, die schwer zu entwenden sind und dann noch bei einem Pfandleiher gegen Bares getauscht werden müssen.

„Die Leute können den Preis und das Verfallsdatum sehen. Ich kriege den halben Ladenpreis, was echt gut ist—viele andere Dinge müssen für einen kleineren Prozentsatz verkauft werden", sagt Scott. „Alle brauchen Fleisch, aber es ist teuer, also geraten die Leute schnell in Versuchung. Einmal war ich in einem Laden und hatte mir einen ganzen Stapel edler Schinken für 6 Pfund das Stück in die Jacke gestopft. Leider fielen sie unten wieder raus, direkt einer alten Dame vor die Füße. Ich schwöre, sie war keinen Tag jünger als 70. Sie hob sie auf, gab sie mir zurück und sagte: ‚Wenn du vorhast, das zu verkaufen, warte draußen auf mich.' Und dann hat sie den ganzen Stapel gekauft."

Scott verkauft seine Diebesgut in Pubs, an Marktständen, in Taxizentralen und auf Baustellen. Manchmal spricht er Passanten an und fragt sie, aber nur, wenn sie den richtigen Eindruck machen. Andere Diebe gehen mit einer Tasche voll Fleisch in ihren Sozialbausiedlungen von Tür zu Tür. Scott und die Tausenden anderen Fleischdiebe da draußen sind Teil eines verborgenen Schwarzmarkts, der in jeder britischen Stadt oder Ortschaft existiert—eine halb kriminalisierte Zone aus Wettbüros, Spelunken und Laden-„Fassaden", in denen Menschen ohne reguläre Arbeit illegale Verkaufsgeschäfte machen, um irgendwie über die Runden zu kommen.

„Die Leute, die es kaufen, haben nicht viel Geld", sagt Scott. „Ich habe ein paar Pubs, die Stammkunden von mir sind. Die meisten davon liegen in Sozialbaugegenden. In manchen davon verlangt der Wirt, dass er sich zuerst etwas zum Kauf aussuchen darf, bevor ich den Kunden etwas verkaufe. Manchmal muss ich mich reinschleichen und meine Verkäufe machen, ohne dass es die Betreiber der Kneipe mitbekommen."

Der Fleischverkauf in Pubs, der heutzutage hauptsächlich von Heroinsüchtigen betrieben wird, ist nichts Neues, weswegen viele Arbeiterklassegegenden die Praktik auch tolerieren. Ein Pub im Londoner East End der 1960er hatte den Spitznamen „Dewhursts", nach einer Kette von Metzgereien, weil in der Kneipe so viel aus dem Hafen entwendetes Fleisch verkauft wurde.

Für Scott ist der Fleischdiebstahl eine reine Geldsache: Das Fleisch, das er stiehlt, isst er nie. Seltsamerweise geht er für sich selbst immer am „Zahltag"—wenn er seine Sozialhilfe erhält—einkaufen und bezahlt ordentlich an der Kasse.

Scott, der aus Leicester stammt, erzählt mir, er lebe seit 12 Jahren mit Unterbrechungen vom Klauen. Genau so lange versucht er bereits, seine Heroin- und Cracksucht, die ihn täglich 50 bis 100 Pfund kostet, zu besiegen. Er stiehlt an fünf von sieben Tagen in der Woche, wobei er an jedem dieser Tage im Durchschnitt 20 Packungen Fleisch für insgesamt etwa 75 Pfund mitnimmt. Dann verkauft er das Fleisch für ungefähr die Hälfte. Er stiehlt auch Käse, Spirituosen und Haushaltsgegenstände, aber hauptsächlich geht es immer um Fleisch. Ich frage ihn, wie oft er schon wegen Ladendiebstahls im Gefängnis war. „Ich habe aufgehört zu zählen, aber sagen wir einfach, mehr als 20 Mal."

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Letztes Jahr bekam Scott 36 Wochen, weil er in einem Supermarkt Fleisch und in einem anderen Supermarkt Alkohol geklaut hatte. „[Die Supermarktkette] Co-op ist der beste Ort zum Stehlen, weil ihre Vorschriften besagen, dass Diebe nicht gejagt werden", sagt er. Man muss es also nur durch die Tür schaffen. Die meisten großen Supermärkte in Leicester haben ihm ein Hausverbot ausgesprochen und er darf keine einzige Filiale des Supermarktgiganten Tesco mehr betreten. „Theoretisch kann ich für Ladendiebstahl eingesperrt werden, wenn ich einfach nur einen Tesco betrete", sagt er, „aber das hält mich nicht davon ab reinzugehen."

An dieser Stelle stößt Luke zu uns, der vor ein paar Jahren 30 geworden ist und zu diesem Zeitpunkt mit dem Fleischdiebstahl aufgehört hat, weil er seine Heroinsucht besiegen konnte. Er wurde 60 Mal des Ladendiebstahls schuldig befunden, obwohl er laut eigener Aussage „jedes hundertste Mal" erwischt wurde. Luke stahl Fleisch, weil er ein „schmächtiger weißer Junge" war und deswegen nicht vom Heroinverkauf leben konnte, „denn mich hätten sie sofort als Ziel zum Ausrauben gesehen".

Die besten Pubs für den Fleischverkauf, so erzählen mir Scott und Luke, seien jene, in denen es billige Drinks gibt. In Kneipen, die zu einer Kette gehören, müsse man vorsichtig sein. Scott und Luke zeigen mir und dem Fotografen ein paar Pubs im Stadtzentrum, in denen bereits offen Fleisch verkauft wurde, doch als ich mit den leitenden Angestellten spreche, streiten diese jegliches Wissen darüber ab.

„Es kommen jeden Tag ein paar Leute an, die versuchen, Fleisch zu verkaufen, aber ich schicke sie weg", sagte die Wirtin des Hansom Cab. „Das ist in Pubs hier in der Gegend aber weit verbreitet."

In der Nine Bar, die in der Studentengegend liegt, sagt mir der leitende Angestellte Ben, die Fleischverkäufer würden sich den Außenbereich zunutze machen, indem sie den Studenten und Studentinnen dort Speck verkaufen würden, „wahrscheinlich fürs Katerfrühstück am nächsten Tag". Er ignoriert sie jedoch meist, da sie die Gäste nicht stören und auch nicht aggressiv sind.

Jude Duncan von Criminal Justice Drugs Team, einer Organisation in Leicester, die Drogenstraftätern auf Bewährung hilft, hat 450 Heroinkonsumenten in ihrem Verzeichnis und gibt zu, dass die meisten von ihnen stehlen, um ihre Sucht zu finanzieren. Sie sagt, abgesehen von Fleisch würden die Süchtigen auch häufig in Apotheken stehlen, wenn sie dort seien, um ihre offiziellen Methadon-Rezepte vorzulegen.

„Für viele Heroinkonsumenten ist das Stehlen etwas, das ihnen einen Sinn im Leben gibt—es ist, als hätten sie einen Job", sagt sie. „Das Katz- und Maus-Spiel gibt ihnen einen Kick. Doch es ist ein trauriges Armutszeugnis für die Gesellschaft, dass die Leute sich Fleisch zu normalen Preisen nicht mehr leisten können und andere es aus ihrer Hose verkaufen."