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Was machen Apokalypsen-Prediger eigentlich, wenn die Welt nicht untergeht?

Es muss schon ziemlich niederschmetternd sein, wenn das prophezeite Höllenfeuer ausbleibt und die apokalyptischen Reiter fernbleiben.

von Pascale Day
03 Dezember 2015, 5:00am

Titelfoto: Stephen McCulloch | Flickr | CC BY 2.0

Wir können uns echt glücklich schätzen. Allein in diesem Jahrhundert haben wir schon mindestens 20 Entrückungen überlebt—die letzte dabei vor knapp zwei Monaten. Am 7. Oktober 2015 hätte die Welt eigentlich in einer lodernden Feuersbrunst aufgehen und der Großteil der Bevölkerung zu Asche und Staub zerfallen sollen, denn Gott ist natürlich besonders wählerisch, wenn es um das Verteilen der goldenen Tickets in den Himmel geht.

Diese fröhliche Botschaft wurde durch Chris McCann, den Anführer der in Philadelphia ansässigen religiösen Gruppierung eBible Fellowship, verkündet. Er meinte gegenüber dem Guardian: „Laut dem, was wir der Bibel entnehmen können, scheint es so, als ob es sich beim 7. Oktober um den Tag handelt, von dem Gott gesprochen hat und an dem die Welt untergehen wird."

Und es kam, wie es kommen musste. Der 7. Oktober brach an und von einem Flammeninferno war nicht zu sehen. Keine vier geisterhaften Reiter sind gekommen, um die bösen Seelen abzuholen und in die Hölle zu bringen. Eigentlich war das einzige Aufregende an diesem Tag ein doch ziemlich verunglücktes Titelbild einer Berliner Tageszeitung.

Für die meisten Menschen sind solche fehlgeschlagenen Apokalypse-Voraussagen nur Twitter-Kanonenfutter: Alle posten den gleichen Witz, dann gerät alles schnell in Vergessenheit und das Leben geht normal weiter. Aber für die Leute, die wirklich davon ausgegangen sind, ihre Mitmenschen nie wieder zu sehen, und denen dann der Zutritt in den Himmel (mal wieder) verwehrt wurde, ist es doch bestimmt nicht so einfach, das alles hinter sich zu lassen. Was passiert also mit diesen Leuten? Wie können sie noch weiter an die Folgen einer nicht eingetretenen Prophezeiung glauben?

Eine Entrückung muss gut vorbereitet sein—so wie jede andere gute Party auch. Zuerst werden die Einladungen verteilt. 2011 nutzte der Apokalypsen-Prediger Harold Camping zum Beispiel seinen Radiosender Family Radio dazu, um die Kunde über den bevorstehenden Weltuntergang am 21. Mai zu verkünden (das Datum korrigierte er dann auf den 21. Oktober, als am 21. Mai nichts passiert ist).

Je nach Prediger kann es auch zu einer Generalprobe kommen. So wählte David Berg, der Gründer der religiösen Bewegung Children of God (die nach einer Reihe an Kontroversen und vorgeworfenem Kindesmissbrauch in The Family International umbenannt wurde), einen etwas aktiveren Weg, um seine Anhänger auf die verschiedenen, von ihm vorhergesagten apokalyptischen Szenarien vorzubereiten.

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Flor Edwards als Kind—damals war sie noch Teil der Children of God-Bewegung.

Flor Edwards wuchs während der 80er und 90er Jahre in den Kreisen der Children of God auf. Deshalb habe ich sie kurz nach McCanns falscher Vorhersage per Mail kontaktiert, um mehr über das Leben nach einer fehlgeschlagenen Prophezeiung herauszufinden. Sie erzählte mir, dass bei der Vorbereitung auf den Weltuntergang oft Männer aus dem Camp, in dem sie wohnte, in ihr Zimmer stürmten, während sie schlief.

„Vor der Entrückung sollte es zur sogenannten ‚Great Tribulation' oder den ‚Last Days' kommen. Die mit Waffen und Schlagstöcken bewaffneten, hereinstürmenden Männern stellten die Armee des Antichristen dar, glaube ich", erklärte sie mir.

Ich meinte zu ihr, dass es doch schrecklich gewesen sein muss, bereits in einem so jungen Alter mit der Vorstellung von einem frühen Tod konfrontiert zu sein. „Natürlich war das schrecklich", schrieb sie daraufhin. „Wir dachten, dass wir gerettet seien, aber dazu mussten wir ins Reich des Todes übertreten und vielleicht hätten wir auch als Märtyrer sterben sollen. 1993, also das Jahr der vermeintlichen Apokalypse, war ich dann ein ganz normales junges Mädchen aus Amerika. Ich fürchtete mich nicht mehr länger vor dem Tod."

Es gibt zwangsläufig auch eine Reihe an Hürden, mit denen sich eine solche Gruppierung nach einer fehlgeschlagenen Prophezeiung konfrontiert sieht. Zuerst einmal muss das große Problem der nicht eingetretenen Apokalypse vernünftig erklärt werden. Dabei darf man nicht vergessen, dass Gott niemals falsch liegt. Eine solche falsche Vorhersage lässt sich einzig und allein auf einen menschlichen Fehler zurückführen und nicht auf einen göttlichen. So heißt es im Deuteronomium, Kapitel 18, Vers 21 bis 22: „Wenn du aber in deinem Herzen sagen würdest: ‚Wie kann ich merken, welches Wort der Herr nicht geredet hat?' Wenn der Prophet redet in dem Namen des Herrn und es wird nichts daraus und es tritt nicht ein, dann ist das ein Wort, das der Herr nicht geredet hat. Der Prophet hat's aus Vermessenheit geredet; darum scheue dich nicht vor ihm."

Was für dich und mich jetzt vielleicht wie eine faule Ausrede klingt, ist ein Irrtum, der auf die Kappe des Propheten geht. Der wird sich dann wieder ganz in die Bibel vertiefen und nach neuen Hinweisen auf den richtigen Termin des Weltuntergangs suchen. Viele Leute—darunter auch der Apostel Matthäus—haben jedoch schon gesagt, dass es ein Fehler ist, dieses Datum festlegen zu wollen. So heißt es bei Matthäus, Kapitel 24, Vers 36: „Von dem Tage aber und von der Stunde weiß niemand, auch die Engel nicht im Himmel, sondern allein mein Vater."

Wenn das erstmal geklärt ist, geht es weiter zur Schadensbegrenzung. Wenn man das Versagen direkt zugibt, gefährdet das das Fortbestehen der Gruppierung. Deshalb verschieben viele Propheten das Datum der Entrückung einfach ein wenig nach hinten und halten sich dabei sehr vage. Nachdem es 1993 keinen Tag des jüngsten Gerichts gab, begann der Children-of-God-Gründer David Berg Flor zufolge damit, seine Anhänger mit Newslettern zu versorgen, die den etwas orakelhaften Titel „It Could Happen This Year" trugen.

Ich fragte Flor, was dann schließlich zum Zusammenbruch der Gruppierung geführt hat. „Das war auf jeden Fall der ‚Zusammenbruch der Gruppierung'", antwortete sie. „Es war uns fast schon peinlich, dass die Vorhersagen des ‚Propheten' nicht eintraten. Das war für die meisten seiner Anhänger die Sache, mit der sie am wenigsten klarkamen."

Wenn so etwas passiert, dann werden viele Leute gehen—wie zum Beispiel Flor und ihre Familie. Nach 1993 bestand Berg darauf, dass sie von Thailand zurück in die USA ziehen, um dort wieder das Evangelium zu predigen. Sie hatten jedoch die Nase voll. „Man muss hier im Hinterkopf behalten, dass Vater David seine Ideen und Vorstellungen den Anhänger erst später mitteilte", erzählte mir Flor. „Eigentlich begann ja alles nur als unschuldige, hippie-eske Bewegung—junge Leute, die die Welt zu einem besseren Ort machen und etwas verändern wollten."

Motherboard: Das Reboot Manual ist die ideale Anleitung für den Neustart nach der Apokalypse

Es gibt aber auch immer wieder Menschen, die sich durch so etwas nicht vom Kurs abbringen lassen und bleiben. Überzeugte Gläubige verlieren ihren Glauben nicht so schnell. So wie Abraham gehen auch viele Anhänger davon aus, dass sie von Gott geprüft werden—und deshalb ist jedes Scheitern nur eine Möglichkeit, seine Loyalität unter Beweis zu stellen. Also geht es weiter und es wird mehr missioniert, mehr gebetet und sich mehr engagiert als jemals zuvor. Und es wird immer wieder neue Entrückungsdaten geben, denn wenn es kein Ziel gibt, wird die Gruppierung zerfallen. Dieser Funke der Hoffnung—egal wie klein er auch sein mag—macht es Propheten möglich, ihr Schaffen fortzuführen, ohne zu großen Druck auszuüben.

Nehmen wir doch nur mal den am Anfang erwähnten Harold Camping als Beispiel: Irgendwie hat er es geschafft, auch nach ganzen sechs falsch vorhergesagten Weltuntergängen nicht als Betrüger bezeichnet zu werden, und sein Radiosender wird auch nach seinem Tod noch weitergeführt.

Chris McCann ist selbst großer Fan von Campings Lehren. Seine Gruppierung eBible Fellowship—die er als Online-Organisation und nicht als Kirche bezeichnet (obwohl monatliche Treffen abgehalten werden)—hat nach der falschen Vorhersage des 7. Oktobers ebenfalls nur wenige Anhänger einbüßen müssen.

eBible Fellowship wollte sich für diesen Artikel nicht wirklich dazu äußern. Auf meine Frage, was sie denn tun würden, wenn die Welt dann doch nicht untergeht, erhielt ich nur folgende Antwort: „Ich befürchte, dass wir zu langweilig für Ihren Artikel wären. Wir wenden uns dann einfach wieder dem Wort Gottes zu und studieren weiter die Bibel. Das war's."

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„Die Apokalyptischen Reiter" von Wiktor Michailowitsch Wasnezow | Bild: Wikimedia Commons | Public Domain

Auf ihrer Website oct7thlastday.com heißt es jedoch: „eBible Fellowship hat vielleicht beim genauen Datum des Weltuntergangs daneben gelegen, aber wir haben Recht damit, dass es mit der Welt schon bald zu Ende geht ... Die Welt scheint ein vorübergegangenes Datum ihres Untergangs als eine Art Sieg anzusehen und feiert das Ganze so, als würde das bedeuten, dass sie für immer bestehen wird. Trotzdem sieht die Realität doch so aus, dass die Welt bereits mit dem Tod ringt ... Nur das Wann steht noch nicht fest."

Zum Zeitpunkt des Schreibens dieses Artikels liegt die Fehlerquote beim Vorhersagen der Apokalypse immer noch bei 100 Prozent. Wie mir Lorenzo DiTommaso, ein Professor für Religion an der Concordia University, jedoch mitgeteilt hat, sehen die Anhänger von Endzeit-Predigern nicht einfach nur das Licht. „Wie jede tief verwurzelte Weltanschauung sind auch die theologischen Ansichten eines Menschen ein Ausdruck der grundlegenden Meinung", erklärte er mir. „Normalerweise ändern Menschen ihre Weltanschauung nicht einfach so von heute auf morgen."

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Religion und unsere Beziehung dazu sind komplexe und widerstandsfähige Dinge. Genau deshalb wird man auch in Zukunft den Weltuntergang immer wieder neu festlegen und daran glauben. Und mal ehrlich: Auch wenn es vielleicht leicht fällt, solche inbrünstig gläubigen Leute als Spinner abzutun, gibt es kaum jemanden, der nicht selbst schon mal etwas Ähnliches gemacht oder an irgendetwas Absurdes geglaubt hat. Ich habe zum Beispiel 27 Dollar für einen Stapel „KONY 2012"-Poster ausgegeben, weil ich damals fest davon überzeugt war, damit irgendwie einen Einfluss auf die ethischen Entscheidungen der ugandischen Guerilla-Armeen zu haben. Im Nachhinein ist mir das zwar ziemlich peinlich, aber ich habe es dennoch überlebt.

Und trotz der Vorhersage der Weltuntergangs-Propheten hat es den Anschein, als ob deren Anhänger ebenfalls überleben werden.

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