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Warum fliegt Russland jetzt Luftangriffe in Syrien?

Die Gründe für die russische Militärintervention sind alles andere als klar, doch Geopolitik ist dabei vermutlich genau so wichtig wie Terrorismusbekämpfung.

von Landon Shroder
30 September 2015, 8:36am

In den letzten Wochen hat es zunehmend Spekulationen über die russische Militäraktivität in Syrien gegeben, wobei Politik- und Militärbeobachter vor allem zwei Fragen stellen: Was zur Hölle wird Russland in Syrien tun? Und warum hält Russland es für eine gute Idee, sich in einen der anhaltendsten und blutigsten Konflikte der Welt einzumischen?

Die erste Frage ist jetzt geklärt: Vor ein paar Stunden haben russische Bomber ihren ersten Luftangriff in Syrien durchgeführt, in der Nähe der Stadt Homs. Wer genau angegriffen wurde, ist noch unklar—laut den USA handelte es sich aber nicht um Stellungen des Islamischen Staats (IS). Die USA, die schon seit Monaten Luftangriffe gegen den Islamischen Staat in Syrien durchführen, wurden offenbar eine Stunde vor Beginn der Angriffe von einem russichen General per Telefon informiert. Außerdem seien die Amerikaner gebeten worden, den syrischen Luftraum zu verlassen, was sie jedoch nicht tun werden.

Eine totale Überraschung stellt die russische Intervention jedoch nicht dar: Auch vorher galt schon als sicher, dass Russland innerhalb von Syrien seine Truppen aufbaut, um dem geplagten Präsidenten Baschar al-Assad zu unterstützen. Die Sprecherin des US-amerikanischen Regionalkommandozentrums US Central Commando (Centcom), Major Genieve David, bestätigte VICE News gegenüber, das der Einsatz des russischen Militärs aus „modularen Behausungen für Angehörige des Militärs, Jagd- und Bodenkampfflugzeugen, Hubschraubern, Flugabwehrraketensystemen, Panzern, Transportpanzern, und Unterstützung für den Flugbetrieb" bestehe, und das all das am Aéroport International de Bassel El Assad in Latakia stationiert sein werde.

Angesichts dieser Eskalation bedauern einige Beobachter der Lage den Verlust des US-amerikanischen Einflusses in der Region. Der ehemalige US-General David Petraeus hat sogar behauptet, Wladimir Putin würde „das russische Kaiserreich wiederauferstehen lassen".

Allerdings wirkt es kaum wie eine durchdachte Strategie, sich in einen Konflikt zwischen unzähligen verfeindeten Fraktionen zu stürzen, die allesamt von externen Mächten wie den USA, der Türkei, Saudi-Arabien und dem Iran beeinflusst werden. Daher handelt es sich bei der russischen Intervention in Syrien vielleicht nicht unbedingt eine Machtdemonstration, sondern um einen Versuch, die wenigen strategischen Vorteile zu bewahren, die dem Land noch bleiben.

„Das Blatt des Kriegs hat sich gegen Assad gewendet, und es ist in den vergangenen Monaten deutlich geworden, dass er ernsthafte Rückschläge hat einstecken müssen", sagte Jeremy Shapiro, Fellow für Außenpolitik am Brookings Institute, VICE News gegenüber. „Russland legt sehr großen Wert darauf, dass die USA nicht im Alleingang Regimes stürzen. Sie wollen an Lösungen von Konflikten beteiligt sein und dabei ihre Partnerregimes schützen."

Und hier wird die Sache ein wenig kompliziert, denn die russische Intervention in Syrien bringt Russland in einen direkten Interessenskonflikt mit den USA, die eine Machtenthebung Assads verfolgen. Zwar haben die USA und Russland im Islamischen Staat (IS) einen gemeinsamen Feind, doch offenbar planen die beiden Staaten, diesen Feind auf unterschiedliche Weise zu besiegen.

Der Sprecher des US-Außenministeriums Mark Toner ging bei einer Pressekonferenz am 18. September genauer auf diese Position ein. Er sagte: „Wir haben sehr deutlich gemacht, dass wir in keiner Weise die russische Haltung teilen, dass Assad irgendwie zu einem glaubhaften Partner im Kampf gegen ISIL [den IS] werden könnte."

Doch für Russland bedeutet der Kampf gegen den IS, das Assad-Regime und seinen Sicherheitsapparat zu unterstützen, in dem die russische Regierung die einzige legitime Staatsgewalt sieht, die erfolgreich extremistische Mächte bekämpfen kann.

„Das lehnen wir ab", sagte Toner weiter. „Wir müssen noch über einen zukünftigen Prozess sprechen, wie eine politische Lösung für die Situation in Syrien gefunden werden kann, allerdings eine, in der letztendlich Assad keinen Platz hat."

Doch höchstwahrscheinlich sind weder die USA noch Russland geneigt, Kompromisse einzugehen, um eine gemeinsame Strategie zu finden, vor allem nicht auf kurze Sicht. Im besten Fall können wir darauf hoffen, dass die Aktivitäten derart ausgeglichen sein werden, dass Russland und die USA nicht wegen ihrer entgegengesetzten Ziele in direkten militärischen Konflikt geraten.

„Die USA sind dazu bereit, mit Russland weitere Mechanismen zu besprechen, um Konflikte bei Aktivitäten in Syrien zu vermeiden, die Ziele der Anti-IS-Koalition zu erreichen und die sichere Durchführung der Einsätze der Koalition zu gewährleisten", sagte Major Genieve David von Centcom.

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Diese Art der Deeskalation ist letztlich vorteilhafter für Russlands Intervention, doch nur in dem langsam schrumpfenden Einflussbereich um das Assad-Regime. Bei der vermehrten militärischen Intervention dreht es sich dann nicht länger so sehr um einen Machtbeweis innerhalb Syriens als um die Sicherung der russischen Position im In- und Ausland, falls es jemals zu der Übereinkunft kommen sollte, Assad zu stürzen.

Laut Nick Heras, Associate Fellow bei der Jamestown Foundation und Nahostforscher am Center for a New American Security, ist dies der Grund, warum Russland dem geschwächten Regime Unterstützung bietet.

„Russland kann seine Militärpräsenz in Syrien eskalieren, um sicherzustellen, dass [Russland] in jeglicher Entwicklung weg vom aktuellen Assad-Regime eine mächtige Rolle spielen kann", bemerkte Heras.

Im Zuge dieser Entwicklung wird auch Zugang zu dem russischen Marinestützpunkt in Tartus und zum Aéroport International de Bassel El Assad benötigt werden, der Berichten zufolge gerade zur Unterstützung des russischen Militäreinsatzes renoviert wird.

Russland ist zum Teil dadurch motiviert, eine Demontierung der syrischen Regierung zu vermeiden, wie sie der Irak nach der US-Invasion erlebte, was ein Machtvakuum nach sich ziehen könnte, das wiederum für Gruppen wie den IS sehr attraktiv wäre. Laut dem russischen Inlandsgeheimdienst FSB haben sich bereits 2.500 Russen dem IS in Syrien und im Irak angeschlossen, hauptsächlich aus der unruhigen Kaukasusregion.

Diese militanten Kämpfer, speziell die Tschetschenen unter ihnen, gehören zu den wertvollsten Kommandanten und Kriegern des IS, weshalb sich der russische Einsatz genau so um Terrorismusbekämpfung dreht wie um die Unterstützung des Assad-Regimes.

„Die Situation mit dem islamistischen Staat bereitet ihnen immer mehr Sorgen", sagte Shapiro, der erklärte, dass die Vorstellung eines „islamischen Staats" als ein sehr schlechtes Ergebnis gesehen werde, zum Teil weil dies für gewisse Gruppen aus dem Kaukasus attraktiv wäre, die die innere Sicherheit in Russland bedrohen würden.

Putins Rede vor der UN-Generalversammlung diesen Montag bestätigte dies.

„Die weltweite terroristische Bedrohung nimmt drastisch zu und verschlingt immer neue Regionen, vor allem, weil der IS in seinen Camps militante Kämpfer aus vielen Ländern ausbildet, darunter auch europäische Länder", sagte er. „Leider, sehr geehrte Kollegen, muss ich ehrlich sagen, dass Russland da keine Ausnahme bildet."

Es ist immer noch sehr fraglich, ob die russische Intervention den Verlauf des Konflikts deutlich ändern wird. Das hängt zu einem Großteil davon ab, wie sehr Russland die militärische Unterstützung des Regimes zur Priorität macht. Für Assad ist der IS vermutlich nicht die Hauptsorge, sondern eher Gruppen wie die al-Nusra-Front, die ihre Positionen in nordwestlichen Gebieten festigt und Regime-Hochburgen wie Latakia unter Druck setzt.

Völlig unabhängig vom Ergebnis stellt die Unterstützung Assads ein langfristiges Risiko dar, das auch logistischen und finanziellen Einsatz verlangt, und das möglicherweise noch für viele Jahre. Doch Russland scheint es das wert zu sein.

„Aus [der russischen] Sicht werden sie als Aggressoren und Expansionisten dargestellt, als würden sie das sowjetische Reich wieder aufbauen", sagte Ian McCredie, CEO der Forbes Research Group, einer Firma aus Washington, D.C., die sich auf politische Risiken spezialisiert, VICE News gegenüber. „Doch in Wirklichkeit haben sie mit Grenzen zu kämpfen, die seit 1917 nicht mehr so eng waren. Sie sind in der Defensive und nutzen asymmetrische Methoden, um nicht das zu verlieren, was sie haben."

Wenn man die wirtschaftliche Rezession, die internationalen Sanktionen wegen der Ukraine und die Entwertung des Rubels bedenkt, dann wirkt die russische Strategie nicht wie ein Streben nach vergangener Macht, sondern wie ein Festhalten der wenigen Macht, die noch verbleibt.


Titelfoto: Klimkin | Pixabay | Gemeinfrei

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