Nazi Chic: Das asiatische Modephänomen, das einfach nicht aussterben will

Seit Jahren verkleiden sich Jugendliche von Indonesien bis China als Nazis, kaufen sich Hitler-Fanartikel und erfreuen sich am „Swastikawaii".

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16 Februar 2015, 5:00am

Foto oben: Flickr | upyernoz |

Letzten November handelte sich die koreanische Girlband Pritz jede Menge Kritik ein, weil sie in provokanten Outfits aufgetreten war. K-Pop-Stars werden akribisch durchkonzipiert, in der Regel wird also jedes neue Outfit und jede Songtextzeile den prüfenden Blicken sowohl der Manager als auch der Öffentlichkeit unterzogen. Aber die Kritik an diesen neuen Outfits war anders als die normalen Fragen über Unschuld und Vermarktung. Diesmal ging es darum, wie sehr sie an Naziuniformen erinnerten .

Die Outfits von Pritz bestanden aus schnittigen und doch schweren schwarzen Kleidern, hohen Kragen und roten Armbinden mit einem schwarzen Kreuz auf weißem Grund—vier kleine Striche von einem Hakenkreuz entfernt. Inmitten der unausweichlichen Vorwürfen für ihre Pietätlosigkeit seitens der Südkoreaner sowie des Auslandes behauptete der Manager der Band, niemand im Kreativ-Team des Managements habe geahnt, dass die Aufzüge als Nazi-artig wahrgenommen werden könnten. Sie behaupteten, die Armbinde solle an ein Verkehrsschild erinnern, auf dem vier Pfeile nach außen zeigen, was ihren Drang, „sich ohne Einschränkung in vier Richtungen auszudehnen" repräsentiere.

Wenn man bedenkt, wie wenig Anlass ein koreanischer Teenager, mehrere Jahrzehnte und tausende Kilometer von den Nazi-Ideologien des Zweiten Weltkriegs entfernt, dazu hat, an Adolf Hitler zu denken, dann ist es vielleicht verlockend, der Erklärung des Pritz-Teams Glauben zu schenken und das Ganze als Zufall abzutun. Aber der Pritz-Vorfall war nur ein Tropfen in einer Flut von (oft noch eindeutigeren) Nazieinflüssen au Mode und Kultur Südkoreas.

Bereits 2000 schrieb Time über die südkoreanischen Themenbars im Nazi-Look. Dieser Trend setzte sich niemals wirklich durch, aber es ist bei koreanischen Jugendlichen relativ verbreitet, Cosplay als Gestapo-Agenten zu betreiben.

Allgemein als „Nazi Chic" bekannt, unterscheidet es sich von dem Skinhead- und Punk-Looks, die man im Westen findet. Der Trend existiert nicht nur in Korea: In China galt es als modisch, auf Hochzeitsfotos als Nazi-Offizier zu erscheinen, und ein Laden in Hong Kong verteilte einst Nazi-Banner im ganzen Geschäft. In Indien eröffnete 2012 in Ahmedabad eine Hitler-Boutique (mit einem Hakenkreuz als i-Pünktchen). In Bandung, Indonesien gibt es seit 2011 (trotz vorübergehender Schließung aufgrund des öffentlichen Anstoßes) das Soldatenkaffee, eine Bar, die nach einem Pariser Nazitreffpunkt benannt ist und mit Hitlerzitaten und Drittes-Reich-Fahnen ausstaffiert ist. Der indonesische Popstar Ahmad Dani trat 2014 bei einer Wahlkampfveranstaltung für den Präsidentschaftskandidaten Prabowo Subianto mit Nazi-Insignien auf.

Doch der schlimmste Missetäter in Asien ist Thailand. Im Jahr 2007 veranstalteten thailändische Studenten eine Nazi-Parade und 2012 hielt eine Schule eine SS-Sport-Veranstaltung ab. Einige thailändische Sprachlernbücher verwenden Hitler in ihren Übungen und ein Kentucky-Fried-Chicken-Abklatsch in Bangkok nannte sich für kurze Zeit Hitler und ersetzte das Gesicht von Colonel Sanders mit dem des Diktators. Die führende Universität Thailands musste sich 2013 entschuldigen, als Studenten ein gigantisches Wandgemälde mit Superhelden schufen, auf dem auch Hitler zu sehen war und neben dem sie mit Hitlergruß posierten. Natürlich gibt es auch dort Popgruppen im Nazi-Look.

Und das sind nur die großen Fälle, die international Schlagzeilen machen. Von Kambodscha über Japan bis Myanmar trifft man häufig Verkäufer auf Märkten an, die Fahrradhelme mit Hakenkreuzen, T-Shirts mit Hitlers schnurrbärtiger Visage, und Ché-artige Adolf-Poster aller Art feilbieten.

Es ist auch nicht so, als seien asiatische Jugendliche die ersten, die sich Nazikram aneignen. Europäer und Nordamerikaner verwenden in ihrer Mode (und als schlechten Witz—man denke an das Nazikostüm des britischen Prinzen Harry von 2005 ) seit Jahren Hakenkreuzen, martialisches Rot-auf-Schwarz und andere Nazisymbole.

Rassistische Skinheads [in Europa] nutzen Nazisymbolik und –motive bewusst, um ihre rassistische Einstellung mitzuteilen", erklärt Laura Kidd, Dozentin für Modedesign und Merchandising an der Southern Illinois University Carbondale. Kidd ist eine der weltweit führenden Expertinnen im Bereich der Nutzung von Nazisymbolen in der modernen Mode.

„Doch Nazi Chic als Phänomen in der Mode und Popkultur hatte seinen Anfang mit der Punkrock-Bewegung in Großbritannien. Bis in die 1990er scheint die Naziästhetik keine Quelle der Inspiration für Modedesigner [außerhalb der Punkszene] gewesen zu sein", sagt sie. „Allerdings begannen einige Modedesigner, Couture-Kollektionen zu zeigen, die von der Naziästhetik beeinflusst schienen. Obwohl die Designer jede Verbindung zu faschistischer Ideologie abstritten ... die meisten Menschen finden es geschmacklos, Nazisymbolik in der Mode verwenden.

„Mode wurde schon immer dazu eingesetzt, Menschen zu schockieren und Aufmerksamkeit zu erregen", erläutert Kidd. „Und Nazi-Chic-Mode ist darin sehr effektiv, vor allem in westlichen Ländern."

Doch die Motive hinter der Nazisymbolik sowie deren Formen in der Mode Asiens, wo laut Kidd der Nazi-Chic viel rasanter wächst als in europäischen Märkten, sind anders—hier hat Hitler nicht so viel kulturellen Ballast und in der Öffentlichkeit ein Hakenkreuz tragen ist an sich weniger schockierend.

„Nazi Chic wird [in Asien] spätestens seit Ende der 1980er vermehrt eingesetzt", sagt Kidd. „Zwei beliebte Stile des asiatischen Nazi Chic sind Swastikawaii oder ‚niedliches Hakenkreuz', welches das Hakenkreuz als Hauptmotiv verwendet, und der andere Stil wird ‚Führer Chic' genannt. Hier kommen weiche, kuschlige und niedliche Karikaturen von Adolf Hitler zum Einsatz."

Obwohl einige asiatische Jugendliche, wie die mongolische Dayar-Mongol-Bewegung, steife und strenge Nazi-Insignien kaufen, weil sie sich einer faschistischen Ideologie verschrieben haben, sind die meisten an den absurden Styles interessiert, die Kidd beschreibt. In Thailand zum Beispiel ist es nicht ungewöhnlich, Hitlers mürrisches Gesicht als Ronald-McDonald-, Panda- oder Teletubby-Hybrid zu sehen.

„Es ist nicht so, als würde ich Hitler mögen", sagte ein thailändischer Führer-Chic-Designer, der sich Hut nennt, 2012 der JerusalemPost, „aber er sieht lustig aus und die Shirts sind bei jungen Menschen sehr beliebt."

Die Beliebtheit des Nazi Chic hat wenig überraschende Entrüstungsstürme bei westlichen Besuchern und Diplomaten in Asien ausgelöst. Insbesondere israelische und jüdische Organisationen haben den Aufstieg des Nazi Chic in Asien verurteilt und offizielle Entschuldigungen und Rückrufe verlangt. Vor ein paar Jahren wurde der israelische Botschafter in Thailand, Itzhak Shoham, so wütend darüber, dass der Designer Hut sich nicht von ihm überreden ließ, mit dem Verkauf von Führer Chic aufzuhören oder wenigstens seine Adolf-Hitler/Ronald-McDonald-Hybrid-Schaufensterpuppe (die Shoham oft auf dem Arbeitsweg sah) aufzugeben, dass er Hut konfrontierte und seine Schaufensterdekoration beschädigte. Anstatt sich zu entschuldigen, fing Hut anscheinend an, einfach seine Hitler-Artikel herunterzunehmen oder den Laden zu schließen, wenn er sah, dass Ausländer die Straße entlangkamen.

Ein Grund für den asiatischen Widerstand gegen solche Kritiken kommt daher, dass die Einwohner hinterfragen, welches Recht Europäer denn überhaupt haben, zu bestimmten, was anstößig ist, oder welche Verantwortung sie überhaupt haben, sich an die Tabus um politische Ideologien wie Nazismus, die sich vor langer Zeit und in weiter Entfernung abspielten, zu halten.

„Wo ist die Verbindung zwischen deutschen Soldaten und Indonesien?", fragte der indonesische Popstar Dhani, selbst ein Nachfahre der winzigen jüdischen Bevölkerung des Landes, nachdem er für seine Nazi-artige Wahlkampfveranstaltung für den indonesischen Präsidentschaftsanwärter Prabowo Subianto 2014 heftig kritisiert wurde. „Wir Indonesier haben keine Millionen Juden ermordet, oder?"

„Nazismus ist ein europäisches Tabu", sagte der indonesische Historiker Zen Rachmat Sugito während das Soldatenkaffee in Bandung 2013 Gegenstand der Kritik war. „Es gibt in Indonesien kein Nazi-Tabu, aber das heißt nicht, dass wir abstreiten, dass der Holocaust stattgefunden hat."

Dann gibt es da das Argument, dass Nazisymbole ohnehin nur von weitverbreiteten mythologischen Motiven der Vor-Nazizeit, einige von ihnen asiatisch , gestohlen sind. Ist es da ein solcher Schock, dass Manche Hitler einfach als lustig sehen und das Hakenkreuz als einen Teil ihrer eigenen Kultur?

„In Asien ist die Swastika ein jahrhundertealtes Friedens- und Glückssymbol", erklärt Kidd, „und wird oft mit religiösem Glauben in Verbindung gebracht. Swastiken finden sich in vielen asiatischen Tempeln, ähnlich dem Gebrauch des Kreuzes in christlichen Kirchen."

Und im Westen eignen sich die Menschen alle möglichen politischen Symbole aus dem Ausland für ihre Mode an, ohne dass darauf internationale Kritik folge, so ein weiteres Argument vieler Leute, also warum sollte Asien die ganze Wut abkriegen.

„Warum ist das etwas Anderes als die westliche Ché-Guevara-Besessenheit?" fragte ein südostasiatischer Blogger 2013 während des Aufruhrs um das Hitler-und-Superhelden-Banner der thailändischen Universität.

Doch internationale Kritiker befürchten, dass Nazi Chic nicht nur tabu ist, sondern dass es zu einer besorgniserregenden Akzeptanz anderer Naziprodukte führt und beunruhigenden „starker Mann"-Ideologien in der Region in die Hände spielt. Zum Beispiel ist Mein Kampf ziemlich häufig auf denselben indonesischen Märkten, die Nazi Chic verkaufen, erhältlich und in Japan gibt es sogar eine halbwegs beliebte Mangaserie, die auf dem Buch basiert.

„Ich habe das mit eigenen Augen in den Straßen von Mumbai gesehen", sagt Rabbi Abraham Cooper, ein Nazi-Chic-Experte und stellvertretender Dekan am Simon Wiesenthal Center in Los Angeles. „Es gibt die Verkäufer an der Straßenecke, die die Autobiografie von Steve Jobs verkaufen, und direkt daneben ist Mein Kampf der große Bestseller. In Indien wurde das Buch als Reflexion eines hochgradig organisierten Geistes an Wirtschaftsstudenten vermarktet (und das wird es auch heute noch, glaube ich)."

Cooper fügt hinzu, dass er vor kurzem die Ansprache eines kambodschanischen Generalmajors an die Polizei von Phnom Penh und andere hohe Beamte gehört habe, worin er Hitler als Vorbild im Hinblick auf die Bevölkerungskontrolle gepriesen habe. Der Rabbi meint, dass Nazi Chic sich mit dieser Strömung faschistischer Sympathien noch nicht verbunden hat, aber die potentielle zukünftige Verbindung bereitet ihm Sorgen.

Kidd ist der Meinung, dass eine Aufweichung Hitlers dazu führen könnte, dass die Menschen einen Widerstand dagegen verspüren, ihn und seine Ideologie mit realem Grauen in Verbindung zu bringen. „Hitler wird oft auf ‚niedliche' Art dargestellt, als Teddybär, auf einer Valentinstagskarte oder sogar als Mickey Maus", sagt sie. „Wenn Hitler auf so eine unbedrohliche Art gezeigt wird, finden die Leute es vielleicht schwierig sich vorzustellen, dass derselbe Mann Millionen Menschen in die Gaskammern geschickt hat."

Viele Beobachter sind der Ansicht, die Vorliebe asiatischer Jugendlicher für Führer Chic und Swastikawaii sei zurückzuführen auf Unwissenheit bezüglich der Geschichte und Politik hinter den Bildern, an denen sie sich kontextlos erfreuen.

„Ich denke, sie wissen es einfach nicht besser", sagte Jason Alavi, ein Englischlehrer in Bangkok, letzten Sommer der Chiang Mai City News. „Der Lehrplan ist im Hinblick auf Weltgeschichte und Geografie in Thailand furchtbar mangelhaft ... Die große Mehrheit der Thais, die ich bisher kennengelernt habe, verfügen über sehr wenig wirklich nützliches Detailwissen über den Rest der Welt."

„Es gibt keine böse Absicht", sagte Shoham 2012 der Jerusalem Post. „Seien wir realistisch: Thais kenne sich einfach nicht mit Geschichte aus, einschließlich ihrer eigenen."

Im selben Artikel fragte ein Journalist der Jerusalem Post einen Studenten, der sich gerade ein Führer-Chic-Shirt gekauft hatte, was er über Hitler wisse. Dies war seine Antwort:

„Hitler sieht cool aus, weil er aussieht wie eine interessante Figur. Ich weiß eigentlich nicht viel über ihn. In der Schule lernen wir nur Thai-Geschichte. Aber ich weiß, dass er ein kommunistischer Anführer war." Uuups.

Cooper und Kidd sind beide zuversichtlich, dass ein wachsendes Zeitalter der Information und der gezielten Bemühungen sowie Holocaust-Aufklärung in naher Zukunft das Grauen Nazideutschlands aufzeigen und asiatische Jugendlichen vom gesamten Konzept des Nazi Chic abbringen können. Aber so selbstverständlich ist das nicht.

Kidd räumt ein, dass sich im Laufe der 1990er das Stigma gegen Nazimode unter westlichen Jugendlichen verringerte und dass sogar im Jahr 2010 eine italienische Boutique kein Problem darin sah, eine Hitler-basierte Marketingkampagne zu starten. Und erst vergangenen Dezember brachte eine polnische Spielzeugfirma Lego-artige Spielsachen mit Nazi-Thema zu Weihnachten auf den Markt, mit dem Argument, es sei ein gutes Mittel, um Kindern Geschichte näher zu bringen. Dieses Unternehmen erntete noch lange nicht so starke Gegenreaktionen, wie man vielleicht meinen will, und die Firma brach ihre Kampagne auch nicht ab, als einige Geschäfte in Schweden aufhörten, ihre Produkte anzubieten.

Wenn Nazi Chic weiter Bestand hat und bei Jugendlichen in der informierten und kulturell betroffenen westlichen Welt akzeptabler wird, dann wird es um einiges schwieriger, Asiaten für ihren Führer Chic zurechtzuweisen. Und es untergräbt wirklich das Argument, dass Wissen allein die Flut des Swastikawaii aufhalten wird. Jugendliche auf der ganzen Welt lieben Wiederaneignung und Subversion, und das ist umso einfacher, wenn man weit entfernt vom Ursprung eines Objekts ist und die Stimmen der eigenen Gegner schnell auf stumm gestaltet sind. Die Welt wird also vielleicht mit Teletubby-Adolf leben müssen, bis asiatische Jugendliche von alleine das Interesse an ihm verlieren.

Foto oben: Flickr | upyernoz | CC BY 2.0

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