Anzeige
Popkultur

Illegal Musik runterladen: Funktionieren die Websites von früher noch?

Was ist mit Napster, Kazaa, Soulseek und Co. passiert? Wir haben es getestet.

von Tom Usher
28 Juli 2016, 7:00am

Die glorreichen Tage der illegalen Downloads

Alles begann mit Lars Ulrich. Bevor er im Jahr 2000 Napster verklagte und den Gerichtsprozess gewann, wusste so recht niemand, um was es sich dabei eigentlich handelte. Nach dem Gerichtsprozess versuchten dann Hunderte erzürnte Musiker, Musiklabels und Länder, Menschen wie mich davon abzuhalten, zum Beispiel die komplette Diskografie von Limp Bizkit kostenlos herunterzuladen. Erst vor Kurzem hat sich der einstige Betreiber des ehemaligen Torrent-Portals Isohunt mit Vertretern der kanadischen Musikindustrie auf eine Schadensersatzzahlung in Höhe von umgerechnet rund 45 Millionen Euro geeinigt. Und die britische Regierung plant, die Höchststrafe für Online-Piraterie auf bis zu zehn Jahre Gefängnis hochzuschrauben.

Damals, als Napster aufkam, musste man noch 175 Schilling für ein Album hinblättern. Filme und Serien waren oftmals noch teurer. Im Allgemeinen ging die Unterhaltungsindustrie mit dem Konsumenten ziemlich rücksichtslos um und die Kundschaft fühlte sich dementsprechend abgezogen. Also hatte es schon fast etwas von Genugtuung, sich an dieser Industrie zu "rächen" und sich Unmengen an Musik kostenlos zu downloaden.

Irgendwann haben die Musiklabels dann erkannt, dass es nichts bringt, ständig nur Abmahnungen rauszuschicken. Und so stampfte man legale Streaming- und Download-Portale wie etwa Spotify aus dem Boden und ließ gleichzeitig die ganzen Websites schließen, die die Industrie fast zu Fall gebracht hätten.

Diese Taktik ist quasi perfekt aufgegangen und ich bin heute genauso wie wohl jeder andere Mensch mehr als froh, die riesigen Datenbanken von YouTube oder eben Spotify durchsuchen zu können, anstatt meinen Computer mit zwielichtiger Software zuzumüllen. Ich frage mich jedoch auch manchmal, was eigentlich aus diesen ganzen Websites von damals geworden ist. Existieren sie noch auf einer Art Internet-Friedhof oder sind sie wirklich nicht mehr zugänglich?

Als mich letztens mal wieder der Blues packte, entschied ich mich deswegen dazu, Simon & Garfunkels Hit "The Sound of Silence" zu downloaden—und zwar auf jeder alten, illegalen Download-Seite, die ich kannte. Vielleicht ist irgendeine in meiner Abwesenheit ja von den Toten auferstanden.

Den Anfang machte dabei das Programm, das auch damals die ganze Welle losgetreten hatte—nämlich Napster.

So sieht es aus, wenn man heutzutage auf die Napster-Website geht. Das Ganze ist zu einer ziemlich typischen Streaming-Seite im Fahrwasser von Apple Music und Spotify geworden. Nach vielen kräfte- und geldraubenden Gerichtsprozessen haben sich die Macher von Napster wohl dazu entschieden, das ursprüngliche Download-Portal zu schließen und sich mithilfe der US-amerikanischen Elektronikmarkt-Kette Best Buy als Bezahl-Streaming-Service neu zu definieren. In anderen Worten: Dort finde ich garantiert keine kostenlose Version des Folk-Balladen-Klassikers.

Als Nächstes versuchte ich es mit Pirate Bay. Auf der Seite ließ sich jedoch nur eine Liste von Links zu anderen Websites finden.

Ich klickte auf einige der verführerisch klingenden Varianten wie etwa "fastpiratebay.co.uk" oder das ziemlich offiziell daherkommende "thepiratebay.uk.net" (ich bin in London), aber überall fand ich lediglich eine "Seite nicht verfügbar"-Meldung vor. Wie sich herausstellen sollte, hat man die schwedische Originalseite nach mehreren Razzien, Klagen und Festnahmen in verschiedenen Ländern geblockt. Und auch auf diversen Social-Media-Plattformen dürfen User das Ganze nicht mehr erwähnen. Nun, solche Blocks könnte ich mithilfe von Darknet-Browsern wie etwa Tor leicht umgehen, aber ich bin jetzt auch kein Superhacker. Ich wollte doch eigentlich nur mein Bedürfnis nach Simon & Garfunkel stillen, um meine aufgewühlte Seele zu beruhigen. Deshalb versuchte ich mein Glück anderswo.

In meiner Jugend war der Star des Download-Universums irgendwie immer Limewire. Klar, durch das Programm fing man sich schneller einen Virus ein als im Wartezimmer einer Arztpraxis und das Ganze war dazu noch unglaublich langsam, aber eine solche User-Freundlichkeit fand man eben nirgendwo anders. Dementsprechend war ich auch ziemlich enttäuscht, als ich auf die Homepage ging und mir erneut eine "Seite nicht gefunden"-Meldung entgegenschlug. Also suchte ich nach herunterladbaren Versionen des Download-Portals und ließ mich sogar fast von der unten zu sehenden Option verführen. Dann fiel mir jedoch wieder ein, mit wie vielen Viren ich damals meinen Computer zerstörte, und ich überlegte es mir doch anders.

Nach ein wenig Recherche fand ich heraus, dass man Limewire schon im Jahr 2010 vom Netz genommen hat—natürlich auch hier nach diversen Klagen und Gerichtsprozessen. Dementsprechend gibt es auch keine funktionierenden Versionen mehr. Und ich konnte auf mehreren Seiten lesen, dass die alten Versionen nicht nur nicht mehr laufen, sondern auch noch eine ganze Reihe an Trojanern enthalten. Also hielt ich es für schlauer, lieber die Finger davon zu lassen, denn ich wollte ja diesen Artikel fertig schreiben können.

Und so ging ich über zu Kazaa, der mit noch viel mehr Viren verseuchten Limewire-Alternative.

Und täglich grüßt das Murmeltier.

Letztendlich blieb mir nur noch eine Wahl und ich musste mich an den letzten Strohhalm namens Soulseek klammern. Ah, das gute alte Soulseek, der hässlichste und benutzerunfreundlichste Vertreter aller Download-Portale. Soulseek ist immer das illegale P2P-Netzwerk gewesen, das dein älterer Bruder benutzt hat. Vielleicht stört sich auch deswegen niemand daran, dass die Seite immer noch zu bestehen und auch zu funktionieren scheint.

Ich konnte das Programm tatsächlich kostenlos downloaden. Nachdem ich die Datei geöffnet hatte, schlugen meine Firewall und mein Virenscanner zwar ein wenig Alarm, aber ich wollte jetzt garantiert auch keinen Rückzieher mehr machen—so kurz vor den lieblichen Klängen von Simon & Garfunkel. Also machte ich einfach weiter und suchte nach dem gewünschten Lied. Und meine Herren, die Belohnung für meine Beharrlichkeit ließ nicht lange auf sich warten, denn gleich mehrere Varianten erschienen auf meinem Bildschirm.

Im Gegensatz zu damals musste ich allerdings keine Ewigkeit mehr warten, bis der Download komplett war. Nein, 30 Sekunden später bekam ich folgendes Bild angezeigt:

Heureka! Nach drei Stunden voller alter und nicht mehr funktionierender Download-Plattformen hatte mich Soulseek an die Hand genommen und ganz freundlich wieder zurück in die Welt des illegalen Herunterladens geführt. Ich konnte jetzt die zärtlichen und herzzerreißenden Töne von "The Sound of Silence" genießen—genauso wie es vor vielen Jahren mit Limp Bizkit der Fall war.

Was haben wir jetzt aus dieser ganzen Sache gelernt? Als Erstes will ich mich bei Simon & Garfunkel entschuldigen. Ich habe das Lied natürlich wieder von meinem Computer gelöscht und höre es mir gerade bei YouTube an. Dadurch gehen bestimmt 0,0003 Cents an die Band. Dann habe ich erkannt, dass die Musikindustrie echt ganze Arbeit geleistet hat. Illegales Downloaden ist so nervig und legales Streamen so einfach geworden, dass die Betreiber der verbliebenen Portale in Bezug auf Klagen und so weiter wohl nichts mehr zu befürchten haben. Ich meine, wer hat schon die Zeit und die Nerven, sich jedes mal drei Stunden hinzusetzen und herauszufinden, welche Seite jetzt funktioniert und welche nicht mehr. Und zuletzt ist mir mal wieder klar geworden, dass es keinen besseren Song gibt als diesen hier: