Im Gespräch mit der 86-Jährigen, die "Geld für Waffen tötet!" an die Schweizer Nationalbank sprühte

"Alles ging gut. Ich konnte im Polizeiauto eine Stadtrundfahrt machen."

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11 April 2017, 3:52pm

Titelfoto von Klaus Petrus

Die Schweiz rühmt sich gerne für ihre Neutralität. Das hält sie aber nicht davon ab, jedes Jahr Kriegsmaterial in Millionenhöhe zu exportieren – auch in Länder wie Saudi-Arabien, Katar, Jordanien oder den Iran, die offenkundig Menschenrechte missachten und direkt oder indirekt in Kriege involviert sind. 2015 haben Schweizer Unternehmen gemäss dem Staatssekretariat für Wirtschaft (SECO) Kriegsmaterial für 446.6 Millionen Franken in 71 Länder exportiert. Auch die Schweizer Nationalbank sowie diverse Stiftungen und Pensionskassen sind in Form von gehaltenen Aktien und gewährten Krediten ins Waffengeschäft involviert. 

Um diesen Umstand anzuprangern, hat die 86-jährige Friedensaktivistin Louise Schneider heute Morgen in roter Farbe "Geld für Waffen tötet!" an die Wand der Schweizer Nationalbank gesprayt – pünktlich zur Lancierung der Kriegsgeschäfte-Initiative der Gruppe für eine Schweiz ohne Armee (GSoA) und den Jungen Grünen. Die Initiative will Schweizer Finanzakteuren Investitionen in die Rüstungsindustrie verbieten. Wir haben Louise Schneider in ihrem Haus in Köniz bei Bern besucht, um mehr über den Hintergrund ihrer Aktion zu erfahren:

Liegt der Frieden am Herzen, seit sie Hitler zum ersten Mal im Radio gehört hatte: Louise Schneider | Foto: Philippe Stalder

VICE: Sie haben heute Morgen "Geld für Waffen tötet!" an eine Bauwand vor der Nationalbank gesprayt. Was war der Beweggrund für diese Aktion?
Louise Schneider: Mein Beweggrund ist die Friedensarbeit. Es ist meine Überzeugung, dass jede Waffe auf dieser Welt eine zu viel ist. Jeder Franken, der ins Waffengeschäft fliesst, trägt zum Übel bei. Dass die Schweizer Nationalbank ins Waffengeschäft investiert und daraus sogar noch Gewinn schlägt, konnte ich so einfach nicht hinnehmen. Auf der ganzen Welt sind Waffen aus der Schweiz im Umlauf. Wenn du mir erklären kannst, dass das etwas mit Neutralität zu tun hat, bist du ein Künstler. 

Jetzt muss ich aber doch einmal fragen: In welchem Auftrag bist du da?

Für VICE.
Wie heisst das?!

V.I.C.E. – ein Jugendmagazin.
Oh, dann musst du unbedingt versuchen, die grösseren Zusammenhänge aufzuzeigen, damit die Jungen das begreifen. Das Problem der Medien ist, dass sie oft nur über einzelne Kategorien berichten, aber nie aufzeigen, wie die Sachen zusammenhängen. Es gibt nichts, das nicht zusammenhängt. Hunger hat mit Geld zu tun, Waffen haben mit Geld zu tun. Geld regiert die Macht. Da muss man sehr konsequent sein. Da kann man nicht nur über ein Gewehr diskutieren. Das muss man grundsätzlich diskutieren. Das ist mein Leben.

An welche Zusammenhänge denken Sie?
Naja, die Politiker veranstalten momentan eine Polemik um die Flüchtlinge und Asylsuchenden, aber dass hinter jedem Flüchtling eine Waffe steht, kapieren die nicht. Man kann nicht auf der einen Seite Waffen in Kriegsgebiete exportieren und sich auf der anderen Seite über Menschen aufregen, die vor diesem Krieg flüchten. Diese Zusammenhänge meine ich, die oft nicht verstanden oder vermittelt werden.

Sind Sie zufrieden mit der Aktion von heute?
Sehr, alles ging gut. Ich konnte im Polizeiauto eine Stadtrundfahrt machen, während die anderen wie wild Unterschriften gesammelt haben. Das Geschäft lief sehr gut.

Wurden Sie verzeigt?
Nein, die haben mich bloss abgeführt. Aber ich bin mit fröhlichem Herzen ins Polizeiauto eingestiegen. Ich wollte ja, dass sie mich abführen. Erst sah es ganz danach aus, dass sie mich nicht abführen würden, aber als der Polizeichef kam, sagte er den Jungen, sie sollen mich abführen. Aber die Polizisten waren sehr lieb. Die haben mich wie ihre eigene Grossmutter behandelt.

Der Jugend wird ja oft vorgeworfen, unpolitisch zu sein und sich nicht mehr für die Gesellschaft zu engagieren. Haben Sie heute bloss gesprayt, weil es sonst niemand gemacht hatte?
Nein, im Gegenteil. Ich habe heute gesprayt, weil auf derselben Wand ein Kein-Mensch-ist-illegal-Graffiti entfernt wurde. Das hat wohl ein jüngeres Semester gesprayt, obwohl das genauso gut auch von mir hätte stammen können (lacht). Die neue Wand war dann komplett weiss, fast schon keusch. Das hat mich in den Fingern gekitzelt. Ich konnte nicht akzeptieren, dass die Banker das Anliegen anderer Menschen einfach so weggeputzt hatten.

Seit wann setzen Sie sich als Friedensaktivistin ein?
Ich habe den Krieg als achtjähriges Mädchen sehr intensiv miterlebt – mit grosser Angst. Bei uns am Tisch wurde viel politisiert. Ich hatte als Kind Hitlers Reden im Radio gehört und gesehen, wie verängstigt die Erwachsenen auf das Gebrüll reagiert hatten. Dann wurde mein Vater gegen seinen Willen eingezogen. Wer damals das Militär verweigert hatte, wurde erschossen. Das habe ich als Kind bereits mitbekommen. Meine Lehrerin sagte, ich hätte die Flöhe husten und das Gras wachsen gehört. Auf Grund meiner Erfahrung war für mich schon sehr früh klar, dass die Welt Frieden braucht. Mein Vater hatte mir beigebracht: "Jeder Schlag kommt zurück." In welcher Form auch immer. Diese Philosophie hat mich ein Leben lang begleitet.

Welche Rolle hat die Schweiz im Waffenhandel des Krieges gespielt?
Die Schweiz hatte damals für Hitler Waffen produziert. Deswegen wurde sie ja bewahrt, weil sie Hitler ins Gilet-Täschchen gewirtschaftet hatte. Die Geschichtsprofessoren hatten ihre Forschung ja unter Todesdrohungen publiziert. Dass man Juden an der Grenze zurückgeschickt hatte und in den Tod jagte, ist nochmals eine andere Geschichte. Die Schweiz hat eine lange Geschichte mit der Waffenproduktion. Ob man die jetzt Hitler, Assad oder den Saudis verkauft macht für mich keinen grossen Unterschied. Da müsste doch jeder vernünftige Mensch zum Schluss kommen, dass die Schweiz auf den Gewinn aus der Waffenproduktion auf Kosten der Kriegsopfer verzichten müsste.

Genau das fordert ja auch die heute lancierte Kriegsmaterial-Initiative. In welchem Zusammenhang steht Ihre Spray-Aktion mit der GSoA-Initiative?
Ich habe unabhängig von der GSoA beschlossen, die Nationalbank zu besprayen. Die Verantwortung dafür trage ich selbst. Eigentlich wollte ich das schon vor einem Jahr in einer Nacht und Nebel Aktion machen. Mein Mann hatte zu dieser Zeit jedoch einen Herzinfarkt hinter sich, weswegen das zu viel Aufregung bedeutet hätte. Dass die Aktion zeitgleich mit der Lancierung der GSoA-Initiative stattfand, kam dem Komitee natürlich nicht ungelegen.

Wie hat sich die Rolle der Schweiz im internationalen Waffenhandel über die Zeit verändert?
Nach dem Krieg war man für kurze Zeit etwas schlauer geworden. Man erkannte das Übel, das Krieg anrichten kann. In der Nachkriegszeit ist der Pazifismus als organisierte Bewegung aufgekommen. Aus dieser Zeit stammen auch die religiösen Sozialisten, die es heute noch gibt, oder Karl Barth, kennen Sie den?

Nein, sollte ich?
Das ist wieder die ewige Frage. Der Typ weiss noch nicht mal wer Karl Barth ist! Oder Kurt Marti. Das waren Hochintellektuelle, die gegen das Waffengeschäft Friedensarbeit geleistet haben. Das war pickelharte Arbeit, das ist nicht einfach zuhause rumzusitzen und warten, bis etwas Lustiges passiert. Weisst du, wie viel Arbeit es brauchte, um aufzudecken, dass Schweizer Pensionskassen unser Geld in die Waffenproduktion anlegten?

Sie sprachen von den religiösen Sozialisten. Welche Rolle spielt Religion in Ihrem Leben? Sehen Sie den Friedensaktivismus auch als christliche Aufgabe?
Nein, das ist keine Aufgabe. Es gibt ein Buch, das heisst das Evangelium. Das ist eines der revolutionärsten Bücher der Welt. Dort gibt es einen Bergprediger, der verkündet, dass die Schwächsten die Ersten, und die Ersten die Letzten sein werden. Das deckt sich mit meiner Überzeugung. Aber ich bin kein Bekehrungschrist. Ich glaube nicht, dass Jesus für unsere Erlösung verbluten musste. Aber es gibt eine Ordnung, die ihren Lauf nimmt und eines Tages zur Erfüllung kommt. Und innerhalb dieser Ordnung habe ich eine Aufgabe, die ich ausführen muss. Dafür investiere ich Treu und Glauben, Kraft und Zeit, Blut und Schweiss.

Deswegen sind Sie heute auch zur Nationalbank gegangen?
Genau, mein Protest ging an diese Adresse, um zu zeigen, dass das Geld der Schweiz nicht in die Waffenproduktion gehört.

Was wollen Sie jungen Aktivisten von ihrer Lebenserfahrung mitgeben?
Die sind nicht auf meine Anweisungen angewiesen, die wissen schon, was sie tun. Ich bin über die GSoA ja im Kontakt mit den Jungen. Die stehen voll für ihre Sache ein. Besser geht es eigentlich gar nicht. Die haben mich bis heute noch nicht aus dem Verein geschmissen (lacht). Wenn die Stadt Bern nur begreifen würde, was für ein Potential in ihrer Jugend steckt, anstatt in den Zeitungen immer so ein Gestürm zu veranstalten. Seit mein Mann verstorben ist, war ich nicht einen Tag einsam. Die Jungen unterstützen mich, wo sie nur können, und nehmen Anteil, das ist wunderbar.

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