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Was zur Hölle geht eigentlich mit 'oe24'?

Geschäftsführer Fellner meint, auf 'oe24' werde besser recherchiert als bei so manchem Qualitätsmedium. Wir haben uns die Seite genauer angesehen.

Alle Screenshots via oe24.at

"Geimpfte Kinder fangen an zu masturbieren", "Ziege mit Menschengesicht gibt Rätsel auf" oder "Droht Weltuntergang durch mysteriösen Kometen?": Hält man sich hin und wieder mal auf oe24, dem Onlineportal der Tageszeitung Österreich, auf, kann man schon mal Angst bekommen. Angst vor dem Weltuntergang, vor diversen, meist als mysteriös bezeichneten Monstern, vor geflüchteten Menschen, dem sogenannten Islamischen Staat und auch ein bisschen vor dem Dritten Weltkrieg. 

Darauf angesprochen, erklärte Niki Fellner, Sohn von Österreich-Herausgeber Wolfgang Fellner und Leiter der Online-Plattform, kürzlich im Interview mit dem Nachrichtenmagazin profil, dass er diese Angst nicht nachvollziehen könnte. Grundsätzlich würde man auf oe24 lediglich "datengetrieben" arbeiten – und außerdem besser recherchieren als bei den "selbsternannten Qualitätsmedien". Das bedeutet in diesem Fall, dass vor allem über Facebook jene Storys ausgespielt würden, von denen man wisse, dass sie Interaktionen bringen; also geklickt, kommentiert, geliket und gesharet werden.

Die journalistische Einordnung würde aber immer noch erfolgen, so Fellner; zwar weniger auf der Facebook-Seite des Portals, aber dafür auf der Website selbst. "Was wir nicht tun, ist frei erfundene Geschichten zu posten. (…) Wenn eine Story auf Facebook viral geht, machen wir sie", sagte Niki Fellner weiter – ohne zu erklären, wie er Viralität definiert oder wo etwas viral gehen muss, um relevant für oe24 zu sein. Trotzdem ist es das wahrscheinlich prägnanteste Statement des ganzen profil-Interviews, weil es zeigt, wie die Plattform vorgeht.

Eine kleine Auswahl der oe24-Weltuntergangsszenarien. | Alle Screenshots via oe24.at

Was die Aussagen von Niki Fellner in der Praxis für oe24 bedeuten, wird schnell klar, wenn man einen Blick auf die Website wirft. Ein wiederkehrendes Thema ist hier beispielsweise der Weltuntergang, der uns laut verschiedensten Artikeln mal mehr, mal weniger nah bevorsteht und von dem sich nicht einmal die oe24-Redaktion sicher ist, in welcher Form er uns treffen wird. Einmal soll Jesus höchstpersönlich auf die Erde herabsteigen und uns holen, ein anderes Mal wird ein Meteorit die Erde zerstören, der noch nicht einmal entdeckt wurde. 

Die Quellen der Exklusiv-Infos zum Ende der Welt sind – vorsichtig gesagt – zumindest immer fragwürdig: Manchmal ist von "selbsternannten Experten" die Rede, manchmal von einzelnen nicht näher definierten Personen, die den Weltuntergang hervor sagen; und andere Male von Prophezeiungen von Nostradamus. 

Auch zum Zeitpunkt der Entstehung dieses Artikels findet sich ein Artikel auf der Startseite, der voraussagt, dass die Erde noch 2017 untergehen soll: "In regelmäßigen Abständen prophezeien selbst ernannte Experten den Weltuntergang. So soll unser Planet beispielsweise von gigantischen Asteroiden getroffen oder von tödlichen Epidemien heimgesucht werden. Dieses Mal berufen 'Experten' und Fanatiker allerdings auf die Bibel," heißt es im Einstieg des Artikels. 

Schon im ersten Absatz schafft es oe24 hier also, den nachfolgenden Artikel völlig zu relativieren. Das könnte man journalistische Einordnung nennen; wäre da nicht der Umstand, dass das Besserwissen der Redaktion niemanden daran zu hindern scheint, die nicht ernstzunehmende Information trotzdem in einen reißerischen Artikel zu verpacken. oe24 macht damit bewusst Versprechungen, die es im Text nicht einlöst und versucht, User mit falschen Erwartungshaltungen zu ködern – zumindest in der gängigen Vorstellung also die Definition von "Clickbait".

Seems legit.|  Screenshot via oe24.at

Aber nicht nur die permanent bevorstehende Apokalypse, sondern auch diverse Monster finden in der Berichterstattung von oe24 immer wieder Platz. Zum Beispiel ist einmal von einem mysteriösen Seemonster mit Dreadlocks die Rede, das sich im letzten Absatz lediglich als Treibholz entpuppt. Manchmal schafft es oe24 sogar, ein tierisches Monster und ein schreckliches Naturereignis zu kombinieren: Zum Beispiel in dem Fall, als ein mysteriöses Meeresungeheuer aufgetaucht sein soll, das laut Überlieferungen nur dann erscheint, wenn ein schlimmes Erdbeben bevorsteht. 

Besonders genau beschrieb oe24 den Ziegenmann, der angeblich 2,13 Meter groß sein und sein Unwesen im amerikanischen Maryland treiben soll. Auch hier bezieht oe24 seine Informationen mal von "selbsternannten Experten", manchmal wiederholt man lediglich den Inhalt viral gegangener YouTube-Videos oder anderer Social-Media-Postings. So generiert oe24 Klicks mit urbanen Legenden und völlig abstrusen Gruselgeschichten.

Eine kleine Auswahl der sehr mysteriösen oe24-Monster. | Alle Screenshots via oe24.at

Is this real life? | Screenshot via oe24.at

Auch Verschwörungstheorien um Adolf Hitler werden auf oe24 immer wieder thematisiert, vor allem dessen Verbleib scheint die Plattform des Öfteren zu beschäftigen. So wird zum Beispiel die Frage aufgeworfen, ob Hitler von Aliens entführt worden oder auf den Mond geflüchtet sei. Auch hier sollen wieder "angebliche Experten" von Hitlers Flucht nach Argentinien berichten. 

Hitler auf der Flucht? Für oe24 eine wichtige Frage. | Alle Screenshots via oe24.at

Neben einer ausgeprägten Vorliebe für die immergleichen Archivbilder von Adolf Hitler setzt man bei oe24 immer wieder auch auf bestimmte Formulierungen – zum Beispiel den "Wirbel". Egal, worum gestritten, diskutiert oder bloß geredet wird, die Wahrscheinlichkeit, dass man auf oe24 vom großen Wirbel liest, ist ziemlich hoch. 

Wirbel, Wirbel, und noch mehr Wirbel. | Screenshots via oe24.at

Hin und wieder werden auch ganze Artikel sinngemäß wiederverwertet und lediglich einzelne Jahreszahlen ausgetauscht: Mindestens drei Mal verwendete oe24 für einen Artikel über die Terrormiliz IS den selben Aufhänger – nämlich dass diese den "totalen Krieg" plane. In den Artikeln wurde der 7-Stufen-Plan der Miliz erläutert und als die "totale Konfrontation" auch 2016 nicht eintreten wollte, wurde sie eben für 2017 noch einmal prophezeit. 

Schon seit 2015 plant ISIS den "totalen Krieg" und oe24 berichtet darüber. | Screenshots via oe24.at

Vor allem in letzter Zeit machte oe24 mit seiner Berichterstattung rund um Jugendbanden, die in Wien unterwegs sein sollen, und angebliche Crime-Hotspots auf sich aufmerksam. So veröffentlichte das Online-Portal von Österreich im Januar 2017 beispielsweise eine Wien-Karte, auf der sie alle angeblichen Hotspots der Innenstadt einzeichneten. 

Laut der Karte soll beispielsweise der Karlsplatz eine "regelrechte Renaissance" als Hotspot erleben; Banden von Afghanen sollen dort ihr Unwesen treiben und Revierkämpfe mit anderen Banden ausfechten, hieß es. Bei unserem Lokalaugenschein konnte sich dieser Eindruck in keiner Weise bestätigen. Als wir bei der Polizei nachfragten, ob es am Karlsplatz in letzter Zeit gehäuft zu derartigen Vorfällen gekommen sei, ernteten wir am Telefon ein Lachen und bekamen die Auskunft, dass der Karlsplatz überhaupt nicht auffällig sei.

Wie Niki Fellner im Interview mit dem profil schon sagt, wird in der Redaktion vor allem darauf Wert gelegt, welche Storys in den sozialen Medien ziehen und bei den Lesern die meisten Emotionen hervorrufen – welche Emotionen das letzten Endes sind, scheint zweitrangig. Über geflüchtete Menschen wird beispielsweise überwiegend negativ, alarmistisch und sensationalistisch berichtet, ohne einen Gedanken an die Konsequenzen der eigenen Berichterstattung zu verschwenden. Jedes für die Leser erdenkliche "Horrorszenario" wird zu Klicks gemacht. 

Für den Wiener Journalismusforscher Fritz Hausjell sind hochemotionale Themen zwar prädestiniert für journalistische Berichterstattung, aber es ginge vor allem um weiterführende Recherche, wie er im Gespräch  mit VICE erklärt: "Auf Emotionen sollte im Journalismus nicht mit Gleichem reagiert werden. Das ist weder lösungsorientiert noch besonders spannend, schon gar nicht ist es intelligent." 

Vor allem für die Menschen, die diese Berichterstattung besonders betrifft, stellt sie laut Fritz Hausjell ein Problem dar: "Was hilft es Betroffenen oder sich ängstigenden Menschen nach einer Geschichte über eine vermutliche oder tatsächliche Vergewaltigung durch einen oder mehrere Asylwerber, in der Folge laufend ähnliche Storys zu lesen, die hier, in Deutschland, Schweden oder den USA gerade passieren oder – wie auch auf oe24 dazu zu finden – vor vielen Jahren passiert sind? Eine derartige Anhäufung von ähnlichen Berichten ist übrigens eine beliebte Strategie von Propagandisten unterschiedlichster Couleur. Damit erweckt man via Medien den Eindruck, dass das Problem noch viel größer ist als etwa eine Statistik oder die Befragung einer Expertin es hergeben würde. Derartige journalistische Verfahrensweisen helfen natürlich klar jenen populistischen Politikern, die sich an den von etlichen Medien und Politikern befeuerten Ängsten hocharbeiten."

"Ein journalistisch anspruchsvolles Medium würde keinen Zweifel darüber aufkommen lassen, dass die aufgegriffenen Geschichten meist grober Unfug sind."

Auf der fast 200.000 Fans starken Facebook-Page des Portals wird per Live-Video gevotet, ob das Kreuz in den Klassenzimmern bleiben soll, die neuesten Terrorpläne der IS-Miliz werden ausgebreitet, es wird tagesaktuell vor allem über Flüchtlinge, Sex und das Wetter berichtet, weil diese Themen bei den Lesern ankommen. Unter den zahllosen Kommentaren unter einem Artikel zur Flüchtlingsthematik, findet sich zum Beispiel auch folgender: "Man muss was dagegen tun. Das Militär muss unbedingt aufgestockt werden. Und eventuell mit solchen Gummigeschossen in diesen Massenansturm schiessen. Und wenn das zu wenig ist … härtere Massnahmen ergreifen". Ein anderer Nutzer schreibt: "Warum werden die denn nicht einfach erschossen. Macht es euch doch nicht so schwer." Die Kommentare stehen seit mehreren Stunden auf der Seite. Es scheint, als würde das Modell von oe24 aufgehen: Die Berichterstattung löst Emotionen aus – egal welche.

Fellners Aussage, bei oe24 werde besser recherchiert als bei so manchem Qualitätsmedium, bezeichnet Hausjell als "steil": "Diese These möchte ich gerne in einer empirischen Studie überprüfen. Er sollte mir ein paar 'selbst ernannte Qualitätsmedien' nennen, mit denen er konkret verglichen werden möchte. Wer weiß, vielleicht hat er Recht. Das wäre aber noch nicht zwingend ein Qualitätsbeweis."

Dass die Berichterstattung im Fellner-Medienhaus nicht immer nach den Grundsätzen der journalistischen Sorgfalt ablaufen, verdeutlichten zuletzt mehrere Artikel der Aufdecker-Plattform Dossier, die im August 2016 erschienen. So wurde im Rahmen eines Österreich-Schwerpunkts beispielsweise thematisiert, unter welchem großen Druck die Mitarbeiter dort stünden. Interviews würden einfach so umgeschrieben, für Recherche bliebe oft nur wenig Zeit. 

Eine ehemalige Mitarbeiterin von oe24, die anonym bleiben möchte, erzählt VICE gegenüber, dass im redaktionellen Tagesgeschäft bei oe24 kaum Zeit für tiefergehende Recherche bleibt: "Mir wurde gesagt, dass ich am besten 10 bis 15 Artikel pro Tag machen soll. Ich habe den ganzen Tag auf verschiedenen Seiten gescrollt und die Themen einfach umgeschrieben. Es wird natürlich gesagt, 'wir recherchieren', aber es gilt vor allem die Devise: je mehr du schreibst, desto besser. Da geht natürlich die ganze Qualität verloren."

Wie beim Boulevard häufig der Fall, ist es nicht nur die Auswahl der Themen, sondern vor allem die Art der Berichterstattung, mit der sich auch oe24 an allem Tagesaktuellen abarbeitet. Dass auf oe24 keine Geschichten aktiv erfunden werden, mag stimmen. Aber wenn es darum geht, Klicks zu generieren, wird in Hinblick auf die faktische Richtigkeit und ethische Verantwortung gerne ein Auge zugedrückt – oder man überlässt das Erfinden der Geschichten einfach jemand anders. Solange ein US-Autor über den bevorstehenden Dritten Weltkrieg spricht oder "selbsternannte Experten" wieder einmal die Apokalypse vorhersagen, ist laut Fellner-Knigge alles sauber. 

Für Hausjell macht es sich oe24 damit ziemlich einfach: "In einer Zeit, in der Verschwörungstheorien und Weltuntergangsszenarien in der Timeline von Social Media-Usern in großer Dichte auftauchen, könnte man mit Recht es als journalistische Herausforderung begreifen, darauf in klassischen Medien – und dazu zähle ich mittlerweile auch Online-Medien – zu reagieren. Aber oe24 reagiert darauf zumeist nicht publizistisch anspruchsvoll, sondern vollführt einen Eiertanz, wohl um es sich aus geschäftlichen Gründen mit einem mehr oder weniger großen Teil der Nutzer nicht zu verscherzen: Ein journalistisch anspruchsvolles Medium würde durch Recherchetiefe keinen Zweifel darüber aufkommen lassen, dass die aufgegriffenen kolportierten Geschichten zumeist grober Unfug sind. Die oe24-Texte hingegen gehen den Fake News zumeist nicht an die Wurzel, sondern lassen mehrere Lesarten – absichtlich – zu." Damit würden Storys mit großem Unfug-Charakter medial weitergetragen, so der Experte gegenüber VICE.

Der Artikel mit dem Titel "Geimpfte Kinder fangen an zu masturbieren" wurde nach heftiger Kritik in den sozialen Medien kommentarlos von der Seite genommen. Zu diesem Zeitpunkt hatte ihn nicht nur längst jeder gesehen und geklickt; die Geschichte hatte sich längst verselbstständigt und als Screenshots im Netz fortgepflanzt. Derartige Berichterstattung verleugnet nicht nur die Konsequenzen, die sich gerade der Journalismus normalerweise bewusstmachen sollte; sie ist auch gefährlich, weil sie mit ihrer oft reißerischen Aufmachung jedem User eine Projektionsfläche bietet und die Fakten in den Hintergrund rückt.

Die Heilpraktikerin, auf die sich zum Beispiel der "Geimpfte Kinder fangen an zu masturbieren"-Artikel bezieht, ist radikale Impfgegnerin und ihre Annahme in keiner Weise wissenschaftlich belegt. All das blieb in dem Artikel unerwähnt. Die Geschichte grundsätzlich aufzugreifen, ist nicht per se falsch – sie ohne journalistische Einordnung wiederzugeben, hingegen schon. Egal, wie viral die Story zuvor vielleicht schon auf anderen Plattformen war.

Gerne hätten wir auch Niki Fellner selbst dazu befragt, wo die journalistische Einordnung im Falle des Impf-Artikels blieb, wo bei 10 bis 15 Artikeln, die ein Redakteur pro Tag unseren Informationen zufolge schreiben solle, Zeit für Recherche bleibt, warum oftmals offensichtlich unseriöse Infos aufgegriffen werden oder von nicht-existenten Bandenkriegen berichtet wird. Leider blieben unsere Fragen trotz einer ersten positiven Rückmeldung von Niki Fellner auch nach zwei Wochen noch unbeantwortet.

Verena auf Twitter: @verenabgnr

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