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Diese Frau kämpft dafür, den nackten, weiblichen Oberkörper zu normalisieren

"Ich schreibe mir keine Slogans auf den Körper. Ich rufe keine Parolen. Wenn du Barbusigkeit normalisieren willst, musst du normale Sachen machen."

von Nick Keppler
12 Mai 2016, 4:00am

Chelsea Covington plaudert mit der Polizei in Washington, D.C. | Alle Fotos via Breasts Are Healthy

Langsam wird es Sommer und mit steigenden Temperaturen werden auch Klamotten immer lästiger. Selbst in einem dünnen T-Shirt wird es vielen zu warm und eine gleichmäßige Bräunung am Oberkörper ist ein Schönheitsideal. Da scheint es nur fair, endlich Ideen zu begraben, die den freien Oberkörper für bestimmte Menschen kriminalisieren. Auch Frauen sollten oben ohne in der Öffentlichkeit herumlaufen dürfen, ohne dafür sexualisiert oder bestraft zu werden—so wie es für Männer schon lange akzeptiert ist.

Auch wenn es für Frauen in den meisten Teilen der Vereinigten Staaten legal ist, oben ohne rumzulaufen (eine genaue Karte findest du hier), fühlen sich viele Amerikaner mit zuviel nackter weiblicher Haut nicht gerade wohl. Chelsea Covington kämpft jetzt dafür, das zu ändern. Die 27-Jährige fing vor etwa drei Jahren damit an, barbusig durch die Gegend zu laufen. (Sie bevorzugt den Ausdruck "barbusig" gegenüber "oben ohne", da "oben ohne impliziert, dass irgendwas fehlt.") Jetzt gärtnert, radelt, picknickt, läuft und sonnt sie sich überall da ohne Oberteil, wo es erlaubt ist und sie sich damit wohl fühlt. Sie führt auch einen Blog mit dem Namen Breasts Are Healthy, in dem sie die täglichen Ausflüge ihrer Nippel dokumentiert. Ich habe mich mit Covington darüber unterhalten, wie Polizei und Normalbürger auf ihre nackten Brüste reagieren—und natürlich auch, was sie damit zu erreichen hofft.

VICE: Wie viel Zeit verbringst du pro Woche barbusig?
Chelsea Covington: Das Wetter ist natürlich ein wichtiger Faktor. Im Winter gibt es definitiv weniger [barbusige] Aktivitäten, aber eigentlich ergreife ich jede Gelegenheit, die sich mir bietet. Die kalten Temperaturen stören mich auch nicht so sehr. Ich mache das jetzt allerdings auch nicht nur zum Selbstzweck. Ich mache es, weil ich mich damit wohl fühle. Wenn es also draußen schneit und du auch nicht ohne T-Shirt rumlaufen würdest, tue ich das auch nicht.

Wie kalt ist denn zu kalt?
Das beginnt wahrscheinlich bei unter 10 Grad. Ich bin recht warmblütig und kann dementsprechend auch kältere Temperaturen aushalten.

Wo in Amerika bist du überall schon barbusig rumgelaufen?
In Washington, D.C.—hier ist das seit 1986 legal. In New York—seit '92. Ich bin an beiden Orten schon oft gewesen. [Und] Pennsylvania—Philly und Pittsburgh, Maine, New Hampshire, Vermont. Also so ziemlich in den meisten Bundesstaaten im amerikanischen Nordosten.

Und vorher sicherst du dich immer rechtlich ab, nicht wahr?
Ich recherchiere zuerst, was eigentlich genau im Gesetz steht—falls es denn mal einen Präzedenzfall gegeben hat. Dann gehe ich entweder bei der zuständigen Polizeibehörde vorbei oder rufe dort an. Oft heißt es dann: "Moment, ich hole gerade mal den Title IX-Verantwortlichen." Sie haben alle ziemliche Angst. Es ist auch ziemlich faszinierend, die Unterschiede zwischen den verschiedenen Polizeibehörden zu beobachten—es ist niemals das gleiche. Manchmal lesen sie [das entsprechende Gesetz], beraten sich dann mit der Rechtsabteilung und sagen dann: "OK, es gibt hier keinen Hinweis darauf, dass eine entblößte, weibliche Brust gegen das Gesetz verstößt. Viel Spaß!" Und es gibt Fälle, da brauchen sie Monate, bis sie sich wieder bei dir melden. Natürlich haben sie auch dringendere Probleme, um die sich kümmern müssen. Nichtsdestotrotz ist das eine Frage, die beantwortet werden muss.

Ich versuche, [mich mit den Polizeibehörden abzuklären], weil die Streifenpolizisten nicht diejenigen sind, die die Entscheidungen treffen. Sie sind da, um das Gesetz so durchzusetzen, wie es ihnen aufgetragen wurde. Sie befinden sich oft nicht in der Position, selbst Entscheidungen zu treffen. Es wäre also unfair, sie so einem Druck auszusetzen.

Chelsea Covington auf einer Bank in Washington, D.C.

Du hast das mit den Demonstrationen für das Recht, offen Schusswaffen tragen zu dürfen, verglichen. Was sagt das deiner Meinung nach über das Verhältnis der amerikanischen Bevölkerung zu nackten Brüsten und wie sie dort wahrgenommen werden?
Nun, das ist ein schwieriges Thema. Ich bin der Meinung, dass man es manchmal auf eine Art angehen muss, zu der andere Menschen auch einen Bezug haben, damit sie es verstehen können. In D.C. gab es einen Officer, der hat zu mir gesagt: "Ich weiß, dass es legal ist, aber es ist unvernünftig." Ich erwiderte darauf: "Aber es ist legal." Wir hatten daraufhin eine ziemlich lange Unterhaltung. Es war nicht total feindselig eingestellt. Er versuchte einfach, es irgendwie zu verstehen. Er sagte dann, dass er sich wünschen würde, in Montana zu sein, wo er einfach überall offen mit seiner Waffe durch die Gegend laufen kann. Ich erklärte ihm dann: "Genau. Diese ganzen Menschen, die in den Supermarkt, ins Restaurant oder wohin auch immer gehen, um das Tragen von Waffen zu normalisieren, das ist das gleiche, was wir tun. Die normalisieren etwas, indem sie Dinge tun, die sie auch sonst tun würden—nur bewaffnet. Damit wollen sie Menschen an den Anblick gewöhnen, damit diese sich dadurch nicht mehr gestört fühlen." Mein Hauptanliegen ist es, den Anblick normal zu machen. Genau wie bei Männern. Wir diskutieren nicht über nackte Männeroberkörper, weil die als normal gelten.

Was für Reaktionen bekommst du von Passanten?
Die verhalten sich überwiegend neutral. Manche Leute gucken vielleicht, andere schauen noch nicht mal hin.

Wirklich? Versuchen sie, Augenkontakt zu vermeiden?
Ich versuche nicht, die Menschen herauszufordern. Ich will, dass die Menschen so reagieren, wie auch immer sie reagieren wollen, ohne dass sie Angst haben müssen, von mir dafür verurteilt zu werden. Ich will, dass sie das selbst für sich verarbeiten. Ich will nicht, dass sie das Gefühl haben, ich würde sie provozieren wollen. Das tue ich nicht. So bin ich nicht und das ist auch nicht mein Ziel. Sie werden sich so fühlen, wie auch immer sie sich fühlen werden. Ich will gleichzeitig allerdings auch als menschliches Wesen wahrgenommen werden—mit eigenen Rechten, die respektiert werden. Ich gehe jetzt also nicht auf Menschen zu, solange sie mich nicht ansprechend—und das passiert sogar ziemlich oft.

Ich werde ständig angesprochen. Wie oft bist du schon durch D.C. oder New York gelaufen und von Fremden angesprochen worden? Wahrscheinlich nie. Mir passiert das ständig. Sie stellen mir Fragen, ermutigen mich oder sagen so was wie: "Ich verstehe das nicht. Kannst du mir das erklären?" Und ich hatte dadurch einige der schönsten Unterhaltungen und Interaktionen meines ganzen Lebens. Es ist einfach wundervoll und herzerwärmend, wenn jemand zu dir sagt: "OK, ich war mir nicht sicher, was ich davon halten soll, aber jetzt verstehe ich, dass du nicht gruselig bist und versuchst, mir den Tag zu versauen—ich werde dir deinen Tag also auch nicht vermiesen", und es am Ende nichts ausmacht, dass ich kein T-Shirt anhabe. Das ist nämlich auch das Ziel.

"Ich schreibe mir keine Slogans auf den Körper. Ich rufe keine Parolen. Wenn du Barbusigkeit normalisieren willst, musst du normale Sachen machen."—Chelsea Covington

Welche war die schwierigste Begegnung, die du bislang dadurch hattest?
Da war dieses eine Mal im Prospect Park in Brooklyn—ich und mein Verlobter saßen dort und machten ein Picknick. Es war ein ruhiger Tag. Plötzlich geht dieser Mann vorbei und flucht laut vor sich hin: "Das ist ein verfickter Familien-Park!" Es war ziemlich absurd. Er redete eindeutig über mich, aber sprach mich nicht an und nannte mich verdammten Abschaum, eine Hure und eine Dirne.

Es war interessant, weil er mich noch nicht mal anschaute, geschweige denn konfrontierte. Ich wartete darauf, dass er auf mich zukommt, um mich anzusprechen, aber er lief einfach laut schimpfend vorbei. Es war schon komisch. Da war auch eine Familie mit Kinderwagen, die aber definitiv mehr auf ihn [als auf mich] achtete, und ich erkannte, dass er mir damit eigentlich einen Gefallen tat. Wer von uns hatte jetzt im Familienpark weniger was zu suchen? Der wild fluchende Mann oder die barbusige Frau, die nur dasitzt und Weintrauben isst?

Chelsea Covington in Washington D.C.

Ist das auch einer der Gründe, warum du mit deinem Blog angefangen hast?
Das war vor allem eine Bitte von meiner Familie und Freunden, meine Geschichten zusammenzutragen und sie mit anderen Menschen zu teilen. Da waren Leute, die wussten, was ich mache, und sagten: "Du musst das aufschreiben. Du akkumulierst gerade dieses einzigartige Wissen." Es gab auch ein paar andere Frauen da draußen—meine Freundinnen gehören ebenfalls dazu—, die das auch machen wollten, aber nicht wussten wie. Wie verhält man sich barbusig in der Öffentlichkeit? Wie geht man mit den Menschen um? Deswegen.

Ich wollte kein großes Spektakel damit erzeugen. Ich schreibe mir keine Slogans auf den Körper. Ich rufe keine Parolen. Wenn du Barbusigkeit normalisieren willst, musst du normale Sachen machen.

Mir ist ein Kommentar bei deinem YouTube Channel aufgefallen, bei dem sich ein Typ für die kostenlose Peepshow "bedankt." Fühlst du dich jemals unsicher?
Nein, und ich sag dir auch warum: Ich und jede andere Frau, die du kennst, ist in ihrem Leben irgendwann mal körperlich oder verbal sexuell angegangen worden—ziemlich sicher mehr als nur einmal. Das passiert auch in der Schule. Ich erinnere mich noch, wie ich einmal die Treppe hochgegangen bin und mir jemand an den Arsch gegrabscht hat. Als ich mich dann umgedreht habe, konnte ich nicht sehen, wer es gewesen war. Und obwohl andere Menschen das mitbekommen hatten, hat mir niemand gesagt, wer es gewesen war. Barbusig bin ich noch kein einziges Mal unangemessen berührt worden—und das ist interessant. Ich glaube, das liegt an der vermenschlichenden Wirkung. Das merke ich an der Art, wie andere Leute mit mir interagieren. Ich übernehme die Kontrolle über meinen eignen Körper und das ermächtigt einen unglaublich.

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Wie fühlst du dich denn, wenn dich Menschen wie dieser Kommentarschreiber anschauen?
Es ist OK zu schauen. Aber es ist nicht OK, mich darauf zu reduzieren—oder jede andere Frau. Wir schauen euch auch an! Ich sehe mir auch einen oberkörperfreien Jogger an, der an mir vorbeiläuft! Natürlich mache ich das und das ist vollkommen OK! Wir haben Augen! Es ist aber nicht OK, jemanden einzig und allein auf seinen Körper zu reduzieren. Mit Frauen wird das sehr oft gemacht. Auch mit Männern wird das gemacht. Schau dir nur diese Superhelden-Charaktere mit ihren unnatürlichen Muskeln an, die kein Mann jemals erreichen kann. Männer leiden also auch unter einigen Dingen, die Frauen tun, aber bei Frauen ist es schlimmer. Die Männer, die mich ansprechen, um mit mir zu reden, wollen tatsächlich mit mir reden. Es geht ihnen dabei überhaupt nicht um die kostenlose Peepshow, wie mein YouTube-Typ behauptet. Ich weiß das wirklich zu schätzen. Wir brauchen die Unterstützung von Männern. Wir brauchen die Unterstützung von allen.

Mir ist klar, dass du ein politisches Statement machst und dich mit der Gesellschaft auseinandersetzt, aber was macht das Barbusigsein körperlich angenehm für dich?
Ich bin ein sehr warmblütiger Mensch und dementsprechend ist mir schnell zu heiß—so heiß, dass ich mir wünschte, ich könne meine Haut ausziehen. Typen können einfach oben ohne rumlaufen, wenn ihnen warm ist, und seit meiner Kindheit will ich das gleiche tuen können. Mir wird wirklich sehr warm, vor allem in BHs. Die sitzen sehr eng an deiner Haut und am Ende fühlt man sich einfach nur eklig.