GAMES

Mit diesen Spielen lernt man, sich von Paranoia abzulenken

Diese Games aus unserem neuen Heft sind perfekt für eure dissozialen Feiertage: 'Hotline Miami 2: Wrong Number', 'Ori and The Blind Forest' und 'A Fragment of Her'.

von Josef Zorn
03 April 2015, 12:20pm

Screenshot 'Hotline Miami 2' (c) Devolver Digital

Meine Wohnung wurde von Prostituierten und Einsatzkräften terrorisiert. Das klingt jetzt vielleicht nach einer reißerischen Headline, aber tatsächlich hat mir am Sonntag ein anonymer Anrufer drei Escort-Mädchen zur Wohnungstür bestellt—was mir komplett unbekannte Erklärungs-Skills abverlangte. Ein paar Tage später standen dann auch Einsatzkräfte vor und in meiner Wohnung wegen einem fake Notruf, dass sich jemand den goldenen Schuss bei mir setzen würde. Das Ganze habe ich schon unter einem Pseudonym in einem VICE-Bericht behandelt, aber die Angst vor einem crazy Stalker hat sich mittlerweile gelegt.

Hotline Miami 2: Wrong Number

Warum ich wieder entspannt bin und das überhaupt erzähle? Über diese Vorfälle, die wirklich schlimmste Paranoia und obskure Mutmaßungen losgetreten hatten, bin ich hauptsächlich wegen einem ganz besonderen Spiel hinweg gekommen: Hotline Miami 2: Wrong Number. Lieber falsch verbunden als falsche Adresse! Nichts hilft besser um einer erschreckenden Wirklichkeit zu entfliehen als Amok mit Techno-Soundtrack.

Wenn ich als Pigman ein ganzes Polizeipräsidium auslösche, denke ich gar nicht mehr an die netten Brigittenauer Beamten, von denen ich zum ersten mal im Leben als "Opfer" bezeichnet wurde. Miami 2, dieser Short Cuts der meta-gewalttätigen Videospiele, ist alles geworden, was wir uns erträumt haben. Der Vorbehalt, den manche Kritiker haben, dass es lediglich neue Levels mit anderer Musik und ein bisschen mehr Geschichte geworden sind, könnte mir nicht mehr am Arsch vorbei gehen. Ich bin nicht so anspruchsvoll. Mir reichen ein mit Blut getränkter Großstadtdschungel, Abwasserkanäle und ein Hawaii, das von den Kommunisten zurückerobert werden muss, völlig.

Vom Soundtrack schwärmen sowieso alle. Endlich wieder Partys, auf denen besoffen der DJ-Stecker an sich gerissen werden kann, um Perturbator-Nummern durch die Anlage zu blasen. Und den meditativ-glucksenden Startscreen von Hotline Miami 2 könnte ich sowieso den ganzen Tag durchlaufen lassen.

Die Story des Sequels ist verwirrend, aber ergibt "gefühlten" Sinn. Du spielst mehrere schizophrene Freaks und in einem der neuen Spielmodi, die man am besten mit einem verschmitzten Lächeln rezensieren kann, kontrollierst du sogar zwei Typen auf einmal—you never chainsaw it coming!

Der Dude aus dem ersten Teil ist im gleichen Apartment fett und noch irrer geworden. Die Selbstjustizler mit den Tiermasken bringen aus Langweile Russenmafiosi und Kiffer um. Ein paar Army-Buddies befreien Hawaii von den Kommunisten. Derweil ermittelt ein komplett kaputter Cop à la Bad Lieutenant die Gewalttaten—dabei natürlich ebenso begeistert mordernd— und ein Journalist Evan zeichnet sich durch einen eher ungewohnten Humanismus aus. Er prügelt Gegner (meistens) nur kampfunfähig, anstatt sie in purpurne Springbrunnen zu verwandeln.

Auch das Pause-Menü ist hervorzustreichen, da man bei diesem Videokassetten-Stillframe für einen Moment tatsächlich denkt: „Was ist mit dem Fernseher? Hab ich mich auf die Fernbedienung gesetzt?" Einige Bugs des Spiels scheinen absichtlich belassen worden zu sein, da man damit unpackbar schwere Abschnitte leichter überwinden kann—ich empfehle als Sniper außerhalb des Levelrands alle Invasoren abzugrasen.

Das Schöne an Pixel-Gewalt ist ja, dass du abstrahierst und dir den wahren brutalen Psycho-Scheiß im Kopf konstruieren darfst. So hat mir ein grausames Game, das geistige Bilder des Schreckens erzeugt, über Zeiten der Unsicherheit im echten Leben hinweg geholfen. Wahrscheinlich hatte ich ohnehin nichts von diesem Stalker zu befürchten. Moment. Mysteriöse Anrufe, die nur psychotische Amokläufer hören können? Ist das ein Typ mit einer Hahnen-Maske vor meiner Haustür??

Josef Zorn vergibt 5 Milliarden von 5 Milliarden Tode, die er freudig über sich ergehen lässt—auch wenn die Null bei "Time Bonus" immer wieder weh tut

Publisher: Devolver Digital
Platform: PS4, PS3, PC, Mac, Linux, PS Vita

Ori and the Blind Forest

Moon Studios ist ein quer über den Erdball verstreutes Entwicklerteam mit Firmensitz in Wien, angeführt vom österreichischen Ex-Blizzard-Mitarbeiter Thomas Mahler. Beim ersten Blick auf ihr nach vier Jahren fertiggestelltes Debütwerk, den Puzzle-Plattformer Ori and The Blind Forest, fällt aber vor allem eines sofort auf: die Grafik.

Man möchte mit der Nase immer noch näher an den Fernseher, um wirklich jedes kleinste Detail der spektakulären handgemalten 2D-Umgebungen genießen zu können. Vor vergleichbaren Spielen mit hochauflösender Cartoon-Optik wie Child of Light oder Valiant Hearts muss sich Ori nicht verstecken—im Gegenteil. Dass hier generell Leute am Start sind, die ihr Handwerk verstehen, merkt man auch schnell an der flüssigen Spielbarkeit, den clever designten Platforming-Passagen und einem Upgrade-System, das unterschiedlichen Spielstilen entgegenkommt.

Obwohl man sich durch die spürbare Design-Kompetenz immer gut aufgehoben fühlt, beginnt man aber auch schnell, die Reißbrett-Ansätze hinter der hübschen Fassade zu erkennen. Der Spielablauf fällt in das populäre „Metroidvania"-Modell, das ein zweidimensionales Jump'n'Run in einer offenen Welt ansiedelt, die sich durch regelmäßig erweiterte Fähigkeiten nach und nach erkunden lässt, erst jüngst zum Beispiel vertreten durch Guacamelee! und Apotheon.

Dazu kommt der „Wie Rayman Legends, nur viel besser"-Grafikstil und eine von Hayao Miyazaki inspirierte Öko-Fantasy-Geschichte. Wer auf der Suche nach einer ähnlichen, fast sogar spannenderen „Metroidvania"- Variation mit Österreich-Cred ist, dem sei auch Secrets of Raetikon vom Wiener Studio Broken Rules ans Herz gelegt. Ori ist auf jeden Fall ein Muss für Grafikfetischisten.

Andreas Capek vergibt 4 von 5 visuellen Orgasmen

Publisher: Moon Studios
Plattform: PC, Xbox One

A Fragment of Her

Und noch ein Grund für patriotische Wallungen: Mit dem Freeware-Adventure A Fragment of Her betritt das frischgebackene Ösi-Studio chronerion entertainment die Bühne. Mit dessen Gründer und Spieleentwickler Christian Haumer haben wir auch direkt ein Pixel verherrlichendes Interview geführt.

Man übernimmt die Rolle der frisch gebackenen Kunststudentin Selina, die um jeden Preis in den Malerei-Kurs des legendären Professors Seligmann möchte. Dass der ein ziemlicher Ungustl ist, erschwert die Sache mehr als alle universitären Zugangsbeschränkungen zusammen. Selina stellt sich vor die unmöglich schei- nende Aufgabe, den alten Herrn so richtig sprachlos zu machen.

Fragment sieht zwar dank der stilecht-prachtvollen Low-Res-Grafik aus wie ein klassisches Adventure der LucasArts-Tage, nennt sich aber bewusst eine „interaktive Kurzgeschichte ". Hirnverknotungen der Sorte „Benutze Schraubenzieher mit Wasserballon" gibt es hier nicht, vielmehr werden die Ästhetik und die Mechaniken des Point-&-Click-Adventures genutzt, um eine Geschichte zu erzählen, die den Spieler nicht groß mit Hindernissen oder Herausforderungen aufhalten will.

Verschämte Blicke in eine Komplettlösung wird also auch der ungeübteste Spieler nicht nötig haben. A Fragment of Her stellt einen sehr schmackhaften Appetizer dar und wir hoffen auf mehr in dieses Richtung, gerade weil es Handlung es auch schafft ganz nebenbei schafft auch noch Themen wie Kunst als Ausdrucksform und patriarchale Machtstrukturen anzuschneiden.

Andreas Capek vergibt 3 von 5 pixeligen Pinselstrichen

Publisher: Chronerion Entertainment
Plattform: PC


Alle Screenshots aus den jeweiligen Spielen