Popkultur

Wir haben mit Menschen gesprochen, die in einer Fernbeziehung leben

Wie weit weg sich 1.500, 12.000 oder auch nur 230 Kilometer wirklich anfühlen können, weiß man erst wirklich, wenn dich genau diese Kilometer von deinem Partner trennen.

von Anna Weismann
29 November 2016, 9:36am

Bild: Doris Himmelbauer | Dhimmelbauer Photography


Liebe auf Distanz—auch wenn es dank Skype, WhatsApp & Snapchat mittlerweile ja grundsätzlich recht einfach geworden ist, in Kontakt zu bleiben—bedeutet dann meistens doch Wochen geprägt von unrasierten Beinen, horrenden Telefonrechnungen, weil die Internetverbindung wieder mal zu schlecht für Free Calls war, trauriges Junkfood im Bett und viele kurze Nächte, weil man die neueste Folge House of Cards doch noch irgendwie gemeinsam unterbringen musste. Trotz Zeitverschiebung.

Jeder 12. Österreicher hat laut Studien schon eine Fernbeziehung geführt—die wenigsten davon freiwillig. Man braucht Vertrauen—in die Beziehung, den Partner, in sich selbst. Dabei geht es oft weniger um Treue, als um das Zusammengehörigkeitsgefühl. Die Angst davor, sich zu entfremden, ist immer im Hinterkopf. Den fünfzehnten Tag hintereinander eine Guten Morgen-Nachricht zu schreiben, die ewig gleiche Frage, wie der Tag war—egal wie sehr man es sich schön redet; es zehrt.

Was auf den ersten Blick so kompliziert und anstrengend wirkt, hat aber auch durchaus Vorteile. Wir haben mit jungen Pärchen gesprochen, die in genau dieser Situation sind und sie nach Tipps und Herangehensweisen gefragt, wie man eine Fernbeziehung nicht nur zu meistern, sondern sogar genießen kann.


jseliger2 | flickr | by CC 2.0


Katharina (27) und Patrick (32) | 265,40 Kilometer

seit drei Jahren große Verfechter ihrer Wochenendbeziehung

Katharina: Wir bemühen uns immer, Alltag in unsere Beziehung reinzubringen. Wir schauen zum Beispiel gern gemeinsam Serien oder lesen dasselbe Buch. Das bringt nicht nur Gesprächsstoff, sondern auch das Gefühl von Nähe. Einmal haben wir auch "zusammen" ein neues Rezept ausprobiert und hatten dann via Skype ein Dinner-Date.

Ich glaube, es geht echt um banale Dinge. Schickt euch Bilder von eurem Mittagessen, nehmt euch mit in alltägliche Situationen—das schafft Verlässlichkeit, Sicherheit und das, was wir eigentlich alle wollen, auch wenn wir es nicht immer zugeben: Alltag.

Was sich blöd anhört, aber auch wichtig ist: Streitet euch! Gerade in Fernbeziehungen, bleiben viele Dinge unausgesprochen, weil man sich die gemeinsame Zeit nicht verderben will, was aber absoluter Blödsinn ist. Irgendwann gibt es dann die eine Kleinigkeit, die das Fass zum Überlaufen bringt, und es kommt erst recht zum Eklat.

Wir sind beide beruflich viel unterwegs, schauen aber schon, dass wir uns jedes Wochenende sehen. Irgendwann geht es da auch um die Geldfrage; es ist zwar einfacher, wenn Patrick immer zu mir nach Tirol kommt, aber wir teilen uns mittlerweile die Fahrtkosten, weil das sonst irgendwann auch unfair wäre. Wie gesagt, es geht um Kleinigkeiten.

Was würden wir bitte ohne Skype machen?

Doris (25) und Carol (24) | 1272,63 Kilometer

seit über zwei Jahren auch offiziell ein Paar

Doris: Ich glaube es ist wichtig, sich regelmäßig Zeit füreinander zu nehmen. Mittlerweile ist es ja relativ einfach. Die Brieftauben-Ära ist vorbei und mit WhatsApp und durch Social Media ist man sowieso immer in Kontakt. Wir schreiben uns ständig und wissen jederzeit, was der andere so macht oder was ihn gerade beschäftigt. Wenn das nicht genügt, kann man immer noch eine Skype-Session starten oder den nächsten Flug nach Hause nehmen. Mit dem Flugzeug kommt man schneller von Linz nach London als mit dem Zug nach Wien—und meistens sogar billiger.

Was ich auch mag, sind kleine Kurztrips zu Zweit. Es ist einfacher, ungestört zu sein, wenn man weg vom normalen Umfeld, der Arbeit, der Familie und von Freunden ist. Also 5 Tage ans Meer oder zwei, drei Tage in eine andere Stadt und so weiter und alles ist gut. Generell finde ich, dass Fernbeziehungen viel komplizierter klingen, als sie eigentlich sind. In Wahrheit hat man dadurch auch weniger Zeit, sich in die Haare zu kriegen, viel Freiheit, kann sich vermissen und schätzt dafür dann auch die Zeit, die man gemeinsam hat, viel mehr.

Julia (26) und Emil (30) | 614,47 Kilometer

seit knapp einem Jahr ein Paar

Julia: Man braucht Etappen, gemeinsame Kurzurlaube und das nächste Treffen—das ist besonders wichtig. Nie sollte in der Schwebe stehen, wann man sich das nächste Mal sieht. Das macht unglaublich unrund. Was nicht heißt, dass man nicht auch spontan sein kann—ich hab Emil mal mit der SMS "Bock auf Vino im Zahnputzbecher?" überrascht. Ich hab ein Hotel in seiner Stadt gebucht und bin einfach hin. Ich war dann allerdings so nervös, dass ich den ganzen Wein schon vorher allein ausgetrunken hab und ihn reiernd im Hotel empfangen hab. Also—diesen Tipp vielleicht etwas besser umsetzen als ich. Aber ich glaube, man versteht, was ich meine.

Ansonsten sollte man echt die Vorteile sehen: Konzentriert euch auf Freunde, Hobbys und Job. Man muss die Situation eh annehmen, wie sie ist—das Leben geht ja normal weiter. Lieber auf einen Anruf warten als Freitagabend mit seinen Freunden auszugehen, ist definitiv die falsche Herangehensweise. Gerade in einer Fernbeziehung sollte man sich gegenseitig noch mehr Freiheiten geben—sonst sind beide unglücklich.

Solange man sich sicher fühlt, ist es auch halb so wild, mal länger voneinander getrennt zu sein.



Emil: Natürlich ist es trotzdem nicht immer einfach—wie in jeder Beziehung. Manchmal hat man zum Beispiel einfach keine Lust zu telefonieren, was ja eigentlich auch kein Problem ist—wenn sich die Gespräche aber ohnehin schon auf die halbe Stunde vorm schlafen gehen beschränken, fühlt sich ein harmloses "ich bin müde" oft an wie eine Zurückweisung. Da ist es wichtig, die Dinge sofort offen anzusprechen.

Theresa (25) und Stefan (29) | 9555,43 Kilometer

seit über 6 Jahren zusammen und mittlerweile wieder vereint

Stefan: Zuallererst und ganz wichtig—man muss sich von dem Gedanken verabschieden, jeden Tag, den man gemeinsam verbringt, etwas Besonderes sein zu lassen. Das hat keinen Sinn und geht meiner Meinung nach am Ziel vorbei—es ist viel gescheiter, wenig zu planen, als alles mit Essensdates, Kinobesuchen und Treffen mit Freunden vollzupacken. Es geht gerade bei so großen Distanzen, wo man allein schon aus Kostengründen nicht einfach mal schnell in den Flieger hüpfen kann, echt um Zeit zu Zweit. Alles andere stresst nur, und führt eher zu Konflikten, weil es am Ende doch nicht so schön und romantisch wird, wie man es sich vorgestellt hat.

Theresa: Natürlich braucht man viel Vertrauen. Man sollte dem Partner also nicht unbedingt unnötig Grund zur Sorge geben. Meldet euch so wie ausgemacht, schwärmt nicht stundenlang vom superhübschen Studienkollegen—auch nicht im Scherz. Solange man sich sicher fühlt, ist es auch halb so wild, mal länger voneinander getrennt zu sein. Sobald aber nur die kleinsten Zweifel aufkommen, können ein paar Stunden zwischen zwei Nachrichten die Hölle sein. Fantasie ist ein Hund!

Überhaupt—zeigt Gefühle. Schickt Carepakete, kleine Aufmerksamkeiten, vielleicht auch einfach mal einen handgeschriebenen Brief. Irgendwie muss man die ausbleibenden Gute-Nacht-Küsse und Nebenbei-Berührungen ja kompensieren.


Bild: Doris Himmelbauer | Dhimmelbauer Photography