Die nervigsten Fragen, die Schwule und Lesben nicht mehr hören können

Haben die Leute keinen Anstand? Oder kein Google?

|
19 August 2016, 11:34am

Illustration: Lili Emtiaz

"Ich habe mal eine etwas komische Frage."

Meine heterosexuelle Bekannte hatte mich per FaceTime kontaktiert, um eine dringende Angelegenheit zu klären: "Turnt es Schwule an, wenn sie sich nackt im Spiegel betrachten?"

Ich lachte und meinte: "Ich glaube nicht. Vielleicht aber schon. Auf einige der heißen Typen, denen ich bei Instagram folge und die sich immer oben ohne ablichten, trifft das vielleicht zu." Diese Antwort schien meine Bekannte zufriedenzustellen. Ich fügte aber noch hinzu: "Zum Glück hast du mich angerufen. So etwas kann man nämlich nicht jeden Schwulen fragen."

Als homosexueller Sohn eines muslimischen Immigranten stellen mir fremde Menschen oft ziemlich unangebrachte Fragen. Und ich bin da nicht alleine. Um besser zu verstehen, wie es im Jahr 2016 um dieses Thema steht, habe ich mit verschiedenen Personen aus dem LGBT-Umfeld darüber gesprochen, was die wohl beleidigendste Frage war, die sie je gehört haben, und wie sie darauf reagierten.

Jason Collins, 37, ehemaliger professioneller Basketballspieler, Los Angeles

Als ich mich vor drei Jahren outete, fragte man mich ständig, ob ich mir meiner Homosexualität denn überhaupt sicher sei. Diese Frage konnte ich immer ganz gut kontern: "Bist du dir denn sicher, dass du hetero bist?" Einmal kam ich jedoch aus Puerto Rico zurück und kaufte mir am Flughafen von Houston eine Flasche Wasser. Die Verkäuferin wollte dann etwas Smalltalk machen und fragte, wie mein Urlaub war. Nachdem ich ihr geantwortet hatte, sagte sie: "Ah, Puerto Rico, da unten gibt es ja eine Menge hübsche Frauen und Sie hatten somit sicher viel Spaß."

Daraufhin meinte ich etwas schnippisch: "Da unten gibt es auch eine Menge hübscher Männer!" Sie musterte mich und sagte dann, dass ich ja gar nicht schwul aussehen würde. Das höre ich übrigens oft. Ich meinte jedoch nur, dass das halt so sei, zahlte mein Wasser und ging.

Ich hätte in dieser Situation sicher auch ruhig bleiben können, aber es ist nun mal auch wichtig, mit Vorurteilen aufzuräumen. Vielleicht sagt die Verkäuferin das nächste Mal ja, dass es in Puerto Rico viele hübsche Menschen gibt.

Liana M. Douillet Guzmán, 33, Marketing- und Kommunikations-Direktorin bei Blockchain, New York

Ich trage vor allem Kleider und High Heels und man hat mir deshalb auch schon oft gesagt, dass ich ja gar nicht aussehe wie ein Lesbe. Inzwischen drehen sich die Fragen jedoch mehr um das Kind, das ich zusammen mit meiner Partnerin habe. Ein Beispiel, das mich immer ziemlich aufregt, wäre folgendes: "Wer von euch beiden übernimmt denn die Vaterrolle?" Bei uns gibt es keinen Vater und genau darum geht es ja auch.

Aber auch meine Schwangerschaft ist häufig das Thema. Das stört mich zwar nicht wirklich, aber man würde doch auch ein heterosexuelles Pärchen nicht unbedingt fragen, ob es Probleme bei der Empfängnis gab oder wie sie das Ganze überhaupt gemacht haben. Ich höre aber auch oft Dinge wie etwa "Wer war der Samenspender?", "Warum habt ihr euch gerade für ihn entschieden?" oder "Wie habt ihr bestimmt, wer das Kind austrägt?". Also doch sehr ins Details gehende Fragen. So wollten Kollegen aus komplett anderen Abteilungen bei Cocktailpartys auch wissen, ob wir die künstliche Befruchtung selbst durchgeführt hätten. So etwas wirkt natürlich erst mal schon ziemlich unangebracht, aber böse Absichten stecken da eigentlich nie dahinter.

Meine Antworten fallen dann auch immer sehr genau aus. Ich lege alle Gründe dar, warum wir uns für unseren Spender entschieden haben und warum ich die Schwangerschaft austrug. Ich ließ mir die Eizelle meiner blonden Partnerin einpflanzen und unser Kind sieht deswegen auch mehr aus wie sie. Dieser Umstand macht die Leute neugierig und ich freue mich dann immer, wenn ich alle Fragen klären kann. Ignoranz basiert oft auf fehlendem Wissen und der Angst davor, Fragen zu stellen. Und indem ich alles geduldig beantworte, will ich ja auch nicht mehr so "anders" wirken.

Tayte Hanson, 26, Tänzer, Fotograf und Porno-Star, New York

Im Porno-Geschäft gibt es quasi keine Rückzugsmöglichkeiten. Jeder hat schon mal mein Arschloch gesehen und deswegen bestehen bei Fragen auch keine Hemmungen. Die meisten schwulen Männer reagieren auf oberflächliche Fragen in Bezug auf sexuelle Präferenzen oder ein feminines Gefühl bei Bottom-Rollen sehr gereizt. Ich habe da jedoch kein Problem damit, denn der Porno-Alltag hat mich da schon abgehärtet.

Was mich allerdings stört, sind Gespräche, die meine Homosexualität in Frage stellen. Ein Beispiel? "Wenn du die Wahl hättest, wärst du dann lieber hetero?" Das impliziert, dass es falsch ist, schwul zu sein. Bei solchen Frage schwingt auch immer totale Ahnungslosigkeit mit. Die Fragesteller gehen von Anfang an davon aus, dass ich mich mit meiner sexuellen Orientierung nicht wohl fühle. Dabei halte ich mein Leben für perfekt und bin verdammt glücklich.

Bezüglich meiner Arbeit kommen nicht mehr viele unangebrachte Fragen. Das beinhaltet jetzt aber nicht irgendwelche Online-Kommentare. Die lese ich schon seit Jahren nicht mehr.

Sarah Meyer, 33, Künstlerin und Teilzeit-Uber-Fahrerin, Chicago

Ich lege mich nicht auf ein Geschlecht fest und reagiere auch auf alle Pronomen. Wenn man mich dann fragt, was ich nun bin, antworte ich immer: "Ich bin eine riesige menschliche Person, die fast immer von Angstgefühlen erfüllt ist. Und du?" Unangebrachte Fragen kommen aber nicht immer nur von Fremden.

Meine Therapeutin wollte zum Beispiel mal von mir wissen, wie zwei Frauen miteinander Sex haben. Bitte was? Wo ist denn deine Fantasie abgeblieben? Warum sollte ich dir da auf die Sprünge helfen? Ist dir eigentlich klar, dass deine sexuelle Erfahrung bis zu diesem Zeitpunkt anscheinend nur Penisse beinhaltet hat, die in Vaginas eindringen? Das macht dich doch ziemlich langweilig. Und langweilig ist nicht gut.

Die Antwort, die ich meiner Therapeutin und allen anderen Stellern dieser Frage (Warum passiert das eigentlich immer wieder?) gebe, ist eigentlich eine Gegenfrage: "Wie würdest du den Sex mit einer Person ohne Penis haben?" Komischerweise kann jeder, der sich schon mal Gedanken zu homosexuellem Geschlechtsverkehr gemacht hat, diese Gegenfrage beantworten.

John Targon, 33, Mode-Designer, New York

Ich hatte mein Coming-out mit 14. Ich arbeite im Fashion-Bereich. Ich lebe mein Leben. Man stellt mir jetzt nicht wirklich viele Fragen, die total daneben sind, aber ich muss mir dennoch oft anhören, dass mein Kollege Scott Studenberg und ich ja schon miteinander geschlafen haben müssen, weil wir ja befreundet sind. Nein, wir hatten noch keinen Sex.

Da ich mich in Sachen Astrologie ziemlich gut auskenne, weiß ich auch, dass wir als Geschäftspartner perfekt zusammenpassen. Ich kenne Scott jetzt schon seit 12 Jahren. Er ist mein Kollege, mein bester Freund und mein Mitbewohner. Man könnte uns schon fast als Brüder bezeichnen. Dieses Gefühl habe ich bei vielen attraktiven Schwulen, mit denen ich befreundet bin. Diese Brüderlichkeit hat mit Sex jedoch rein gar nichts zu tun.

Ähnlich ist es, wenn jemand herausfindet, dass ich schwul bin, und mich dann sofort mit irgendjemanden verkuppeln will. Nein, bei uns Homosexuellen geht es nicht immer nur um Sex. Wir stehen auch nicht auf alle anderen homosexuellen Männer. Irgendwie vergisst man oft, dass auch Schwule vielschichtig sind.

Mehr VICE
VICE-Kanäle