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Wir haben einen Politologen, eine Hellseherin und eine Schildkröte zur Wien-Wahl befragt

Wer wird Bürgermeister? Welche Partei landet auf welchem Platz? Welche Koalition wird es geben? Wir haben uns die Antworten geben lassen.

Wahlprognosen weichen gerne vom tatsächlichen Wahlergebnis ab, was nicht wirklich verwunderlich ist—schließlich bräuchte man für richtige Prognosen, wie es sie im angloamerikanischen Raum gibt, ganze Horden von Politikwissenschaftlern und anderen Forschern. Und selbst die können nur schwer in die Zukunft blicken.

Deshalb setzen wir hier in Mitteleuropa der Einfachheit halber lieber auf Umfragen, die in den Monaten vor einer Wahl fast tagtäglich veröffentlicht werden und eigentlich nur drei Funktionen haben: Erstens sind sie Momentaufnahmen, zweitens dienen sie dazu, sich mental auf den Horror des Wahlsonntags einzustellen, und drittens helfen sie beim strategischen Wählen.

Wirklich vorhersagen, was bei der Wahl passieren wird, können aber auch Meinungsforschungsinstitute und Politikwissenschaftler natürlich nicht. Aber es gibt Menschen, die sehr wohl behaupten, die Zukunft vorhersagen zu können: Hellseher nämlich.

Und weil wir wirklich ziemlich dringend wissen wollen, worauf wir uns am Sonntag einstellen müssen und Wahlprognosen zu einem gewissen Grad sowieso irgendwie Hokuspokus sind, haben wir uns überlegt, sowohl einen Politikexperten als auch eine eine Hellseherin dazu zu befragen. Für den Fall, dass das Problem mit den Prognosen am Störfaktor Mensch liegt, haben wir uns außerdem im Tierreich umgesehen und uns das österreichische Äquivalent zur uralten Morla in Die Unendlichen Geschichte als Dritte in die Expertenrunde geholt.

Dr. Laurenz Ennser-Jedenastik, Politologe

Laurenz Ennser-Jedenastik hat uns schon einmal dringende Fragen zur Wien-Wahl beantwortet. Nämlich als wir wissen wollten, was mit Wien passieren würde, wenn Strache Bürgermeister würde. Im Gegensatz zu anderen Politikwissenschaftlern schreckt er nicht davor zurück, eine Wahlprognose zu machen, schließlich saugt er sich die Infos nicht aus dem Fingern, sondern nimmt seine Informationen aus den Ergebnissen verschiedener Umfragen: „Am besten ist es, man legt nicht zuviel Wert auf eine einzelne Umfrage, sondern aggregiert alle aus der jüngeren Vergangenheit. Dann steigt die Vertrauenswürdigkeit der Information."

VICE: Welche Partei wird wie viel Prozent bekommen?
Laurenz Ennser-Jedenastik: Sämtliche veröffentlichte Umfragen der letzten drei Monate sehen die SPÖ vor der FPÖ, weit dahinter dann Grüne, ÖVP und Neos. Die SPÖ liegt derzeit etwa zwischen 34 und 39 Prozent, die FPÖ zwischen 30 und 35, die Grünen bei etwa 11 bis 14, die ÖVP bei rund 8 bis 11, die Neos bei 6 bis 8.
Wichtig dabei ist Folgendes: All das sind Momentaufnahmen. Umfragen mit 400 Befragten haben Schwankungsbreiten von fast plus/minus fünf Prozent. Die meisten Umfragen können also wenig Aufschluss darüber geben, wer derzeit auf Platz 1 liegt, ob die Grünen vor der ÖVP sind oder ob die Neos über der Fünf-Prozent-Hürde liegen.

Wer wird Bürgermeister?
Unmittelbar nach der Wahl fast sicher Michael Häupl. Der Bürgermeister wird von einer Mehrheit im Wiener Landtag/Gemeinderat gewählt. Die SPÖ wird es viel leichter haben als die FPÖ eine solche Mehrheit zu finden—selbst dann, wenn die FPÖ am Wahltag vor der SPÖ liegt. SPÖ, Grüne und Neos haben ausgeschlossen, mit der FPÖ zu koalieren. Bleibt die ÖVP, mit der sich nach derzeitigem Stand eine blau-schwarze Mehrheit bei weitem nicht ausginge. Sollte die SPÖ stark verlieren, dann könnte Häupl schon bald sein Amt an einen Nachfolger übergeben.

Welche Koalition wird es geben?
Bei fünf Parteien im Gemeinderat gibt es theoretisch (2^5)-1 = 31 mögliche Regierungen. Von diesen 31 können wir einmal alle Varianten ausschließen, die
- keine Mehrheit im Gemeinderat haben (das weiß man mit Sicherheit erst nach der Wahl, also sind wir einmal großzügig ...)
- mehr Parteien haben als für eine Mehrheit notwendig (also zum Beispiel SPÖ-Grüne-ÖVP-Neos)
- von den Parteien vor der Wahl ausgeschlossen wurden (also alle Kooperationen der FPÖ mit SPÖ, Grünen oder Neos)

Somit bleiben folgende Möglichkeiten:
- SPÖ-Grüne (Mehrheit unsicher)
- SPÖ-ÖVP (Mehrheit sehr unsicher)
- SPÖ-Grüne-Neos
- SPÖ-Grüne-ÖVP
- SPÖ-ÖVP-Neos

Der SPÖ sind alle Varianten mit zwei Parteien wohl lieber als die mit drei. Wenn sich davon Rot-Grün noch einmal ausgeht, dann ist in meinen Augen eine Fortsetzung durchaus wahrscheinlich. Falls eine Dreier-Koalition nötig ist, halte ich SPÖ-Grüne-Neos für die wahrscheinlichste Variante, aber auch SPÖ-Grüne-ÖVP ist möglich.

Rosalinde Haller, Energetikerin, Hellseherin & Medium

Screenshot von Rosalinde Hallers Website

Rosalinde Hallers Homepage ist so vielversprechend, dass es eigentlich gar keine andere Wahl geben konnte. 2014 beispielsweise hat sie die Umweltkatastrophen für 2015 vorhergesagt. „Das Eis an den Polen geht weiter zurück. Die Treibhaus-Entwicklung schreitet weiter voran," steht da zum Beispiel. Als wir sie anrufen, hebt ihr Mann ab und fragt—nicht so ganz höflich—was wir denn wollen.

Wir erklären, dass wir für einen Artikel eine Vorhersage über die Wien-Wahl brauchen. Er bespricht sich mit seiner Frau und ein bisschen später meldet sie sich. Rosalinde Haller ist um einiges freundlicher, erklärt, sie habe jetzt noch ein Telefonat und in zirka eine Stunde Zeit für uns. Was sie in der Stunde tut, können wir nur mutmaßen, wir können schließlich nicht das Universum befragen.

VICE: Wie werden Sie die Fragen beantworten?
Rosalinde Haller: Medial, rein mit der Hilfe des Universums. Ich frage im Universum an und bekomme meine Antworten vom Universum und weil es dort weder Zeit noch Raum gibt, kann man dadurch auch in die Zukunft sehen.

Aber Sie fragen keine bestimmte Person ...
Ich habe eine riesige Gruppe von Verstorbenen, ich hole mir dann immer eine Gruppe von verstobenen Fachleuten, die sich mit dem Thema gut ausgekannt haben. Immer eine kleine Gruppe, die aus zirka 20 Seelen besteht. Die Gruppe beratschlagt dann und eine Stimme gibt mir die Antwort, die kann ich dann hören und wiedergeben.

Wer wird Bürgermeister bei der Wahl?
(Vielleicht eine wichtige Information hier: Alle Antworten bis auf die vorletzte, kamen wie aus der Pistole geschossen). Es wird nochmal Häupl, aber mit sehr viel Bauchweh.

Welche Partei wird wie viel Prozent bekommen?
Mandate oder Prozente?

Prozente.
Ich habe mich jetzt eher auf die Mandate konzentriert, die Prozente können Sie sich dann eh ausrechnen.

OK.
SPÖ hatte 49 Mandate und ich sehe 44, die FPÖ hat 27 und ich sehe dieses Mal 30. Die Grünen hatten 11 und werden sich in etwa halten. Die ÖVP hatte 13 und ist jetzt auf 11.

(Das Universum muss hier auf alte Zahlen zurückgegriffen haben, durch den Wechsel von Akkilic im März hat die SPÖ nämlich 50 und die Grünen haben nur noch 10 Mandate. Die Neos sind offenbar keine Erwähnung wert, es fehlen aber 4 Mandate in der Rechnung des Universums, vielleicht sind die für die Neos vorgesehen.)

Welche Koalition wird es werden?
Es wird eine Koalition mit den Grünen und es wird eine sehr starke Einbindung der ÖVP geben. Vielleicht wird es sogar eine Ampel, aber sicher ist, es wird eine Koalition mit Grün und sehr starker Einbindung von Schwarz, bis hin zu einer Dreierkoalition.

Wie lang wird diese Koalition stehen?
Aha. (Jetzt fragt sie in Richtung des Universums). Wie lang wird das halten? Wie lang wird das halten? Die Koalition, die sie da eingehen, wird die weniger als ein Jahr halten? Nein. Ein Jahr? Zwei Jahre? (Jetzt wieder zu mir) Zwischen ein und zwei Jahren wird diese Koalition dann sehr wacklig.

Was halten Sie von Prognosen von Politikwissenschaftlern?
Ich muss in meinen 40 Jahren Erfahrung sagen, dass ich meistens näher dran war als die Politikwissenschaftler.

Schurli, Schildkröte



Fotos: VICE Media

Falls ihr noch nicht von der Kompetenz unseres gepanzerten Freundes überzeugt seid: Schurli ist eine Galapagos-Riesenschildkröte und in etwa 120 Jahre alt. Er lebt seit den 1950ern in Schönbrunn, was bedeutet, dass er ungefähr drei mal so viele Wien-Wahlen miterlebt hat, wie die meisten von euch (und uns). Außerdem weiß jeder Volksschüler, wie weise Schildkröten sind. Ihr seht: Es gibt wohl kaum ein Lebewesen in Wien, das man eher zum Ausgang des kommenden Wahlsonntages befragen sollte als Schurli die Schildkröte.

Wer wird Bürgermeister?

Die Methode, mit der wir Schurli voraussagen lassen haben, wer Bürgermeister wird, ist denkbar einfach: Wir sind todesmutig (aber in Begleitung von Tierpflegern) in sein Gehege geklettert, haben dort Bilder der beiden Spitzenkandidaten von SPÖ und FPÖ platziert und jeweils ein paar Karotten dazugelegt (Schurli liebt Karotten).

Etwa eine Minute lang ist Schurli vor den Bildern von Michael Häupl und Heinz-Christian Strache gestanden, ohne sich für die Karotten auf einer der beiden Seiten entscheiden zu wollen. Vielleicht haben wir es uns eingebildet, aber es hat zumindest so ausgesehen, als würde es in seinem gar nicht so kleinen Reptilienkopf ziemlich rattern. Dann traf Schurli sehr zielstrebig eine Entscheidung: Dr. Michael Häupl bleibt seiner Prognose nach Bürgermeister.

Welche Partei belegt welchen Platz?



Nun wollten wir es genauer wissen und haben unserer Schildkröte die Logos der fünf größten Parteien vorgelegt, inklusive jeweils einer Karotte. Hier die Reihenfolge, in der Schurli seine Karotten aß:

1. Karotte: SPÖ
2. Karotte: Grüne
3. Karotte: FPÖ
4. Karotte: ÖVP
5. Karotte: NEOS

Dieses Ergebnis erstaunt. Erstens ist sich Schurli schon wieder zweifellos sicher, dass Michi Häupls Sozialdemokraten an der Spitze bleiben (wir sagen ja, Schurli weiß ganz genau, was er da tut). Zweiter werden seiner Meinung nach die Grünen, und nicht wie in den Umfragen die FPÖ. ÖVP und NEOS sieht die Schildkröte klar auf den hinteren Plätzen. Wir vermuten, dass Schurli politisch eher auf der linken Seite des Spektrums steht, oder seine persönlichen Interessen bei den Grünen einfach besonders gut vertreten sieht.

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