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Drogen

Ich habe für meinen Vater mit MDMA gedealt – und wäre fast durchgedreht

Eines Tages rief er an und fragte: "Wo ist mein Geld?" In dem Augenblick war ich nicht seine Tochter, sondern eine Handlangerin.

von Sarah Bird
06 Februar 2018, 2:13pm

Symbolfoto: Wikimedia | Psychonaught | Public Domain

Die meisten denken wohl an die Mafia, wenn sie "Drogen" und "Familiengeschäft" im selben Satz hören. Oder vielleicht an Familien, die so arm sind, dass sie ums Überleben und gegen die Obdachlosigkeit kämpfen. Meine Familie ist dagegen ziemlich normal. Und trotzdem habe ich für meinen Vater mit MDMA gedealt.

Anfangs war mein Dad einfach nur mein Dealer. Mit 20 ging ich mit ihm auf ein großes mehrtägiges Musikfestival. Er erkannte, dass ich zu schüchtern und unbeholfen war, um mir selbst Drogen zu organisieren, also gab er mir mein erstes MDMA. Mein Vater ist ein ehemaliger Silicon-Valley-Guru und war schon immer ein wenig rebellisch, also bestellte er sich dicke MDMA-Pakete im Dark Web.

Ich glaubte, Drogen würden meine ständige Anspannung und Unsicherheit kurieren. Dass sie mich lauter, mutiger und zu einer besseren Tänzerin machten. Tatsächlich feierte ich auf dem Festival auch ausgelassen – aber die Wirkung von Ecstasy hält nicht ewig. Als ich wieder zu Hause war und runterkam, wurde mein Zimmer zur Hölle. Ich konnte nur noch auf den Boden starren und "scheiß Teppich" murmeln.


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Mein Dad sah darin keinen Anlass zur Sorge. Er freute sich und fand, das Erlebnis auf dem Musikfestival habe uns einander nähergebracht. "Keine Angst vorm Runterkommen", sagte er, ganz der Kumpel. "Du entwickelst schon noch eine Toleranz."

Nach dem ersten Versuch wurde MDMA für mich schnell zur Gewohnheit. Anfangs nahm ich nur an den Wochenenden eine Kapsel, um mich im Club lockerer zu fühlen. Der Tag danach war immer eine Qual, meine Depressionen nahmen zu. Ich verließ mich immer mehr auf die künstlich angeregte Ausschüttung von Serotonin. Irgendwann rieb ich mir etwas MDMA aufs Zahnfleisch, wann immer ich vorhatte, mit anderen zu interagieren.

Meinem Dad fiel auf, wie viel ich feiern ging. Eines Tages sagte er: "Wenn du dir sicher sein willst, dass deine Freunde nur gutes Zeug kaufen, warum verkaufst du ihnen dann nicht das, was ich online bestelle?"

Er meinte es wohl gut. Wenn man MDMA auf der Straße kauft, weiß man nie so genau, wie rein es ist und was sonst noch drinsteckt. Dazu kam das Angebot von meinem Vater – der in dem Moment mit einer Bratzange Tofu auf meinen Teller legte. Es kam mir nicht in den Sinn, dass ein Vorschlag von diesem Mann verheerend ungesund für mich sein könnte.

Dealen für Papa

Wir einigten uns darauf, dass ich meinen Freunden MDMA-Kapseln für umgerechnet 16 Euro das Stück verkaufen würde. Dabei machte er 14 Euro Reingewinn, denn pro Kapsel zahlte er selbst nur 2 Euro. Ich steckte keinen Anteil ein; mir war einfach nur wichtig, hochwertige Drogen für mich und meine Freunde zu haben. Ich hatte noch eine Motivation, die mich wohl wenigstens in die Nähe der Menschen rückt, die aus Armut dealen: Mein Vater bezog Sozialleistungen, und so konnte er sich etwas dazuverdienen, ohne dass sein Arbeitslosengeld gekürzt wurde.

Rückblickend war meine psychische Abhängigkeit von MDMA wohl fast vorprogrammiert. Immerhin schmiss ich mir jedes Wochenende die Drogen meines Vaters ein, ohne einen Cent zu bezahlen. Schließlich merkte er, dass Gewinn fehlte. Eines Tages rief er an und fragte mich direkt: "Wo ist mein Geld?" In dem Augenblick war ich nicht seine Tochter, sondern eine Handlangerin, eine Dealerin, die sich etwas abgezwackt hatte. Ich sagte, ich hätte selbst zu viel genommen und könne mich nicht erinnern. Nach kurzem Schweigen räusperte er sich und sagte: "Sieh zu, dass das nie mehr vorkommt." Dann legte er auf.

Nach dieser Unterhaltung verließ ich mich nur noch mehr auf Drogen. Ich verkaufte weiter für meinen Vater und überwand meine Angst und Unsicherheit, indem ich mich maximal zudröhnte. Aus einer Kapsel wurden zwei, aus zwei Kapseln wurde eine Dosis aufs Zahnfleisch, bevor ich mich mit Freunden zum Essen traf.

Der Hund kam immer näher. Er starrte mir direkt ins Gesicht. Dann setzte er sich – das Zeichen, dass er etwas gefunden hatte.

Ein paar Monate später ging ich mit meinem Freund auf einen Rave. Wir feierten einige Stunden, bis wir eine große Gruppe in der Nähe des Eingangs bemerkten. Sie trugen alle weiße Stoffschuhe und beige Jacken. Jemand sagte uns, das seien Polizisten in Zivil. Bevor wir reagieren konnten, brachten sie zwei riesige Schäferhunde rein. Mein Partner und ich waren extrem high, und ich hatte noch zwei Kapseln MDMA bei mir. Ich stand wie gelähmt am Rand der Tanzfläche, der Hund kam immer näher. Er starrte mir direkt ins Gesicht. Dann setzte sich der Hund – das Zeichen, dass er etwas gefunden hatte. Ich war am Ende, da war ich mir sicher.

Es stellte sich heraus, dass der Typ vor mir ein Gramm Gras im Rucksack hatte. Den Rest der Nacht waren meine Beine beim Tanzen schwer vor Schuldgefühl.

Am folgenden Tag wachte ich mit verfilztem Haar und verschmiertem Make-up auf. Ich machte mir eine Vitaminbrause, ging zu meiner Mutter und setzte mich ans Fußende ihres Betts. Sie fragte mich, was los sei, warum ich tagelang weg sei und voller Weinflecken zurückkäme. Es war vorbei. In einem erschöpften Atemzug gestand ich ihr, dass ich für Dad dealte. Sie versuchte zu antworten, bekam aber keinen zusammenhängenden Satz heraus. Stattdessen weinte sie, und ich weinte mit. Dann schrieb ich meinem Vater: "Mum weiß Bescheid."

Aufarbeiten statt Flucht in die Abhängigkeit

Ich hörte mit dem MDMA auf und beendete alle parasitären Pseudofreundschaften – darunter die mit meinem Dad. Wir waren beide recht verbittert. Irgendwann schrie ich ihm entgegen, ich würde ihn nicht mehr lieben. Ich suchte mir eine Therapeutin. Sie sagte, meine ernsteren psychischen Probleme hätten mit meinem Vater zu tun und die Drogenphase sei nur ein Symptom meiner eigentlichen Probleme.

"Er wollte dir über Drogen näherkommen, wie ein Freund", sagte sie. "Vielleicht habt ihr beide ineinander einen Freund gesucht, den ihr sonst nicht hattet."

Heute gehe ich nüchtern in den Club. Ich quatsche mit, wenn meine Freunde mit weiten Pupillen und mahlendem Kiefer von ihren Zukunftsplänen quatschen, oder mir erzählen, warum sie mich lieben und wie froh sie sind, mich zu kennen. Mineralwasser zu trinken und eine distanzierte Beziehung zu meinem Vater zu pflegen, ist meine Form von Selbstbestimmung. Inzwischen sehe ich, dass es ein gesundes, glückliches Gleichgewicht gibt, irgendwo zwischen Kontrolle und Chaos. Hauptsächlich bestelle ich nur noch alkoholfreie Getränke, und wenn ich Drogen kaufe, dann immer nur von Freunden.

Beim Namen der Autorin handelt es sich um ein Pseudonym.

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