Gedenkstätte in der Innenstadt von Bratislava | Foto vom Autor

"Ich möchte, dass seine Arbeit weiterlebt" – Der Chefredakteur des ermordeten Journalisten Jan Kuciak im Gespräch

Peter Bardy zeigt sich im Interview furchtlos gegenüber den politischen Verhältnissen in seinem Land und will sicherstellen, dass Jan Kuciaks Idealismus weiterlebt.

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02 März 2018, 10:57am

Gedenkstätte in der Innenstadt von Bratislava | Foto vom Autor

Vor dem gläsernen Gebäudeblock des Ringier Axel Springer Verlags weht die schwarze Fahne. Drinnen in der Lobby stehen mehrere bewaffnete Polizisten. In den dritten Stock, wo sich die Redaktion des Medienportals Aktuality befindet, gelangt kein Außenstehender ohne die persönliche Abholung des Unternehmenssprechers. Im Großraumbüro herrscht eine ruhige Stimmung, doch die Arbeit der auffallend jungen Redakteursbelegschaft muss weitergehen.

Einer ihrer Kollegen, der erst 27-jährige Jan Kuciak aus dem Investigativteam, wurde vor wenigen Tagen tot aufgefunden. Er und seine Freundin waren erschossen worden und niemand hat mehr Zweifel, dass es ein grausames Attentat war, das mit Kuciaks Arbeit in Verbindung steht.

Jan Kuciak steckte in der Endphase der Recherche zu seiner bisher größten Geschichte: Es ging um die Verbindungen zwischen der 'Ndrangheta, der kalabresischen Mafia, zu PolitikerInnen im nahen Umfeld des slowakischen Regierungschefs Robert Fico. Gemeinsam mit einem internationalen Reporterteam hatte er darüber Informationen gesammelt, die Recherche wurde in den vergangenen Tagen posthum in Teilen veröffentlicht.

Politiker, die von Kuciak in seinen Recherchen genannt wurden – der Abgeordnete Viliam Jasan, sowie Ficos Beraterin Maria Troskova – traten mittlerweile zurück, weisen die Vorwürfe jedoch von sich. Zuletzt wurden auch sieben mutmaßliche Mafiosi in der Ostslowakei festgenommen, es sind überwiegend Männer aus Italien, allen voran der Unternehmer Antonino Vadala, der früher Geschäftsbeziehungen zu Troskova und Jassin pflegte.

Aktualtity wird derzeit mit Anfragen aus aller Welt überschwemmt. Unternehmenssprecher Peter Porubsky sieht man eine dementsprechende Erschöpfung an. Chefredakteur Peter Bardy kommt gerade aus einem spontanen Meeting mit den Chefredakteuren aller slowakischen Medien. Man will nun angeblich Geschlossenheit zeigen und zusammenarbeiten – angesichts der Regierung und ihres Premiers, der Journalisten noch vor eineinhalb Jahren als "Huren" bezeichnete.

VICE: Hallo Peter, zunächst möchte ich dir mein aufrichtiges Beileid aussprechen. Wie geht es dir heute?
Peter Bardy: Mittlerweile geht es schon besser. Die ersten zwei oder drei Tage waren wirklich schlimm. Mit Sicherheit die schlimmsten in meinem bisherigen Berufsleben. Aber nun gilt es auch, weiter zu arbeiten. Im Sinne von Jan. Er war natürlich nicht nur ein Kollege, sondern ein Freund. Unsere Redaktion ist ja nicht so groß, wir sind alle ein befreundeter Haufen.

Wie hast du von seinem Tod erfahren?
Das war am Montag, gegen halb 7 Uhr Früh. Ein Kollege rief mich an. Jemand aus der Familie von Jans Freundin schickte zuvor eine Nachricht an Leute aus der Redaktion auf Facebook, dass sie tot seien. Ich konnte es nicht fassen und musste auf die Bestätigung der Polizei warten. Die kam dann eine Stunde später.

Was ging dir durch den Kopf?
Ich betete, dass das nichts mit seiner Arbeit zu tun hatte. So etwas kann und darf in einem demokratischen Staat mitten in Europa doch nicht passieren! An den ersten Tag kann ich mich jedoch schwer erinnern, ich war sehr im Schock.

Wann hast du Jan zuletzt getroffen?
Das war am Mittwoch davor. Er kam mit der Geschichte an. Es war das erste Mal, dass er mir davon erzählte. Am Vormittag erzählte er mir, dass er schon länger an der Geschichte mit der Mafia in der Ostslowakei dran sei. Er schickte mir einen ersten Entwurf. Es gab noch keine Reaktionen oder Statements in der Geschichte, sie war unvollständig, nur ein erster Entwurf. Aber es war natürlich eine große Sache. Das reichte für mehrere Artikel.

Weiß man, was danach passiert ist?
Wir wissen von der Polizei nur, dass der Mord wohl Donnerstag oder Freitag passiert sein muss. Mehr können wir nicht sagen.

Das Büro der Redaktion wird streng bewacht. Foto vom Autor.

Es scheint doch zumindest so, als ob der Mittwoch ein entscheidender Tag gewesen wäre. Er kam zum ersten Mal mit der Geschichte in der Redaktion an. Wie viele Personen wussten darüber bescheid?
In der Redaktion wusste tatsächlich niemand etwas davon. Vielleicht ein Kollege aus dem Investigativteam. Ich wusste bis Mittwoch jedenfalls gar nichts. Als Chefredakteur will ich bewusst nicht wissen, woran meine Leute arbeiten, speziell aus dem Investigativteam. Ich gebe ihnen ihre Freiheit. Außerdem schütze ich sie dadurch. Ich kenne viele wichtige Leute, Abgeordnete, Leute aus den Ministerien. Ich möchte eine Firewall dazwischen sein.

Irgendwo muss aber nach außen gedrungen sein, woran er arbeitet, oder?
Ich kann ausschließlich für meine Redaktion sprechen, alles weitere ist bisher Spekulation. Jan arbeitete natürlich schon längere Zeit daran. Jedoch ausschließlich mit Kollegen aus dem Ausland. Mit Investigativjournalisten aus Tschechien und Italien. Die betrieben gegenseitiges Factchecking. Und sie arbeiten als Netzwerk. Jan war in dieser Zusammenarbeit eben für die Slowakei zuständig. Am Anfang der Recherche stand wohl nur der Name Antonino Vadala, das war der erste Tipp.

Wie läuft die Zusammenarbeit mit der Polizei?
Der Polizeipräsident sagte mir, sie werden alles in ihrer Macht Stehende tun, um die Mörder zu finden. Ich vertraue ihnen. Aber ich habe auch gesagt, dass man etwaige Auftraggeber, Mitwisser und Hintermänner auch bekommen muss.

Wie sind die Sicherheitsvorkehrungen?
Sehr schlecht! (lacht) Nein, natürlich sehr gut – beziehungsweise hoch. Aber für mich und meine Freiheit ist das natürlich schlecht. Wir können darüber aber natürlich nicht genau sprechen.

Ich hab gehört, dass es auch ein Treffen mit Regierungschef Robert Fico gab. Jan versuchte ja, Verbindungen von seinem engsten Kreis zur Mafia offen zu legen.
Am Montag hat sich der Vorstand unseres Verlags mit Regierungsleuten getroffen. Am Dienstag dann mit uns. Fico kam jedoch auf uns zu, mir war das relativ egal. Er lud alle Chefredakteure der Slowakei ein, auch der Polizeipräsident und der Innenminister waren dabei.

Was wurde da besprochen?
Es ging natürlich auch um die Verbindungen, die Jan in seinen Recherchen darlegte. Sie bestritten natürlich, damit etwas zu tun zu haben. Schon gar nicht mit dem Mord. Es hieß nur: "Was ist das alles? Wir können uns das überhaupt nicht erklären! Diese Geschichte war doch keine allzu große Sache? Wieso ist das passiert?" (äfft mit lächerlicher Stimme nach, Anm.)

Gedenken an Jan Kuciak und dessen Freundin in der Lobby des Redaktionsgebäudes.

Mittlerweile gab es ja auch Rücktritte. Die Beraterin von Fico und auch ein Abgeordneter sind zurückgetreten. Beide wurden in Jans Recherchen genannt. War das ein notwendiger Schritt?
Wir sind keine Politiker. Wir sind Journalisten. Und es geht mir nicht nur um einzelne Personen. Die Pressefreiheit ist ein wesentlicher Punkt in einer Demokratie. Ich glaube, dass dieser Zustand, in dem wir leben, nicht für immer ist. Dass die Korruption beseitigt werden kann, auch durch die Arbeit der Journalisten. Wir kämpfen mit unseren Geschichten dagegen an und es ist klar, dass dadurch auch die Personen ersetzt werden, wenn wir Erfolg haben.

Du wünscht dir auch, dass die EU hier tätig wird, richtig?
Das ist nun eine der wichtigsten Sachen, die passieren muss. Die EU muss sehen, was in der Slowakei passiert, dass es die Korruption gibt und was zum Beispiel mit den EU-Förderungen passiert. Das war ja auch der Kern von Jans Geschichte. Die EU oder Organisationen wie OLAF müssen Druck machen. Es geht auch um das miese Verhältnis der Regierung zu den Medien. Das ist hier besonders groß und es schafft ein dementsprechendes Klima. Vielleicht noch nicht wie in Ungarn oder Polen, aber dennoch.

Seit wann gibt es diese mafiösen Strukturen in der Slowakei?
Wir wissen, dass das vor vierzehn Jahren begonnen hat. Das steht auch im letzten Artikel von Jan. Antonino Vadal kam damals aus Italien. Und er und seine Leute suchten die Beziehungen zur Politik, was bei gewissen Personen auch klappte. Es gab gemeinsame Geschäftsbeziehungen. Und diese Personen schafften es auch ins nahe Umfeld des heutigen Regierungschefs. Das ist ein Fakt. Jan war ein nüchterner Analytiker und er checkte alles zweifach, dreifach. Er hätte niemals irgendwen einfach so angepatzt!

Jan war so verdammt jung. Wo lernte er seine Fähigkeiten und wie arbeitete er genau?
Er war hier eine One Man Show. Und ich sage immer, er war der Steve Jobs der Slowakei. Sein Ding war der Datenjournalismus. Schreiben hat er erst hier bei uns gelernt (lacht). Er hatte in Nitra studiert und auch an seinem PhD gearbeitet. Er machte weitere Kurse für Investigativjournalismus und orientierte sich vor allem an professionellen Leuten aus dem Ausland. So kam er auch in diese Netzwerke. Meist kam er ins Büro und saß zehn Stunden vor seinen zwei Bildschirmen, arbeitete durchgehend und ging wieder heim. Er war nicht der Typ, der ständig rausgeht und schnüffelt. Sein bester Kollege war sein Computer und seine wichtigste Quelle war er selbst. Es war alles in seinem Kopf.

Peter Brady. Foto mit freundlicher Genehmigung.

Wie war er als Person?
Er war ein ruhiger Typ, aber ungemein freundlich und lustig. An der Uni lernte er seine Freundin kennen und vor einem halben Jahr zogen sie von Bratislava in das Haus. Sie wollten heiraten und eine Familie gründen. Letztes Jahr im Juli kam er zu mir und meinte, dass er ein Angebot von einem anderen Medium hätte. Die würden ihm das Doppelte zahlen und ob ich das auch tun würde. Ich sagte nur: Ich kann dir zweihundert Euro mehr geben. Aber du bist 26 und wirst noch genug Zeit haben um Geld zu verdienen. Bleib bei mir und kämpfe für Demokratie und eine bessere Slowakei. Er blieb, er war ein Idealist.

Wie wollt ihr von Jan Abschied nehmen?
Am Samstag findet das Begräbnis statt. Wir werden natürlich alle da sein. Außerdem möchte ich einen speziellen Fonds einrichten. Unter seinem Namen. Der Fonds soll Daten- und Investigativjournalisten – und natürlich auch den Familien – helfen, wenn sie es wünschen. Ich möchte, dass seine Arbeit und seine Idee weiterleben.

Thomas auf Twitter: @t_moonshine

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