Foto von Manuel Zingg

Ein Schweizer Psychiater erforscht Botox als Antidepressivum

Wir haben mit ihm gesprochen und nachgefragt, wieso ein Medikament zur Muskellähmung eigentlich gegen psychische Krankheiten hilft.

|
03 August 2017, 4:00am

Foto von Manuel Zingg

Botox wirkt nicht nur äußerlich, sondern auch nach innen: An der Universitätsklinik für Psychiatrie und Psychotherapie der UPD Bern erforschen Prof. Dr. med. Gregor Hasler und sein fünfköpfiges Team, wie sich die Substanz zur Muskellähmung auf die Psyche auswirkt. Botulinumtoxin A, besser bekannt als Botox, könnte als neues Heilmittel gegen leichtere Depressionen eingesetzt werden. Wir haben uns mit dem Forscher getroffen, um mehr über das Potential und die Risiken des neuen Wundermittels zu erfahren.

VICE: Wie kamen Sie darauf, dass Botox der Psyche helfen kann?
Prof. Dr. med. Gregor Hasler: Ein Dermatologe aus den Staaten hat herausgefunden, dass es manchen Patienten, die mit ästhetischen Problemen zu ihm kamen, nach einer Behandlung auch psychisch besser ging. Drei Forschungsgruppen weltweit, darunter eine aus Basel, haben den Zusammenhang infolgedessen getestet. 50 Prozent der Probanden bekamen ein Placebo gespritzt, zusammengesetzt aus Salzwasser oder Hyaluronsäure. Danach verglich man den Effekt, den das Placebo hatte, mit jenem der Substanz. Und die Ergebnisse haben gezeigt, dass Botox einen Einfluss auf die Psyche haben kann. Wir an der Universitätsklinik Bern sind die Ersten, die schauen, wie der Mechanismus genau funktionieren könnte. Wir erwarten, dass wir mit unserer Studie ab Herbst dieses Jahres beginnen können. Bereits jetzt bieten wir Botox bei Depressionen als ambulante Therapie an.

Wieso hilft ein Medikament zur Muskellähmung gegen psychische Krankheiten?
Weil die Lähmung von Gesichtsmuskeln sich auf die Wahrnehmung und die Entwicklung von Emotionen auswirkt. Deshalb kann man durch die Lähmung dieser Muskeln auf die Psyche, die Wahrnehmung und die Gefühle, Einfluss nehmen. Jeder und jede, die Yoga macht, weiss, dass nicht nur die Gesichtsmuskeln, sondern auch Körpermuskeln, einen Einfluss auf das Gemüt und die Konzentration haben. Ferner hat Botox wenige Nebenwirkungen. Man darf die Behandlung bei Depression außerdem nicht als kosmetische Verschönerung verstehen.

Wo wird das Botox gespritzt?
In die Stirn über der Nase. Das Botox verteilt sich im Stirnmuskel und wirkt lokal. Es geht nicht in den Kreislauf und nicht ins Gehirn, sondern in den Muskel. Deshalb entsteht die Lähmung. Genauer: Der Übergang zwischen Nerv und Muskel wird gelähmt. Das wirkt sich auf die Psyche aus. Der Muskel, der negative Gefühle verstärkt, wird gelähmt. Durch die Lähmung wird die Welt positiver wahrgenommen und es entstehen weniger negative Gefühle.

Können auch junge Depressive ohne Falten bei der Studie mitmachen?
Der Stoff wirkt auch bei Menschen, die keine Falten haben. Nehmen wir das Beispiel mit den Zornesfalten: Das Zusammenziehen der Zornesfalte, auch wenn dies sehr subtil ist, gibt dem Gegenüber eine oft unbeabsichtigte negative Meldung. Wenn man diese Falte mit Botox wegspritzt, hat der Patient eine bessere Ausstrahlung auf seine Mitmenschen. Wenn man sowas bewusst erlebt, trägt sich das auch auf die Psyche über. Das ist wie ein Feedback, ein Lerneffekt tritt ein. Stellen Sie sich vor, Sie stecken sich einen Bleistift zwischen die Zähne: Da zieht man automatisch das Gesicht hoch und schon fühlt man sich besser.

"Durch die Lähmung wird die Welt positiver wahrgenommen und es entstehen weniger negative Gefühle."

Wie schnell wirkt Botox?
Nach ein bis zwei Wochen sieht man das Ergebnis, beziehungsweise den Eintritt der Lähmung. Der Effekt hält zwei bis drei Monate an. Botox wirkt immer wieder, man wird nie immun dagegen. Wenn die Wirkung jedoch nachlässt, kommt aber zum Beispiel die oben erwähnte Zornesfalte wieder zurück.

Wirkt die Substanz bei jedem Patienten gleich?
Nein, sie kann bei jedem Menschen anders anschlagen. Das wird in der Studie geprüft. Wir haben noch keine harten Daten. Was man aber sagen kann: Leute, denen das Botox injiziert wurde, sagten aus, sie seien weniger anfällig auf Stress. Und weniger emotional. Botox ist eine Emotionsregulierung. Der Patient kann eher positive Gefühle erleben.

Sind die Langzeitschäden von Botox erforscht?
Es gibt keine. Das wurde zum Beispiel bei einem steifen Hals oder bei Spastikern getestet. Wir haben Erfahrung mit höheren Dosen. Dieser Stoff ist sehr sicher.

Wie kommt die Methode bei Ihren Kollegen an?
(Lacht) Sehr positiv, sie sind begeistert. Wir haben viele E-Mails erhalten, da in den Medien über unser Unterfangen berichtet wurde. Ein paar Stimmen aus der Branche warfen uns Verharmlosung vor, da sie befürchten, bei Schwer-depressiven könne man die Medikamente absetzen. Wir wollen die Depression aber nicht trivialisieren. Mittelschwere und schwere Depressionen sollten medikamentös und psychotherapeutisch behandelt werden. Botox ist dann nur eine Zusatzbehandlung.

Haben sich schon viele Interessenten gemeldet?
Es herrscht ein gewaltiges Interesse, wir haben durch die Medien ein massives Echo erhalten. Bisher muss man aber selber zu uns kommen und die Kosten für das Medikament selbst bezahlen. Wir sind nicht durch die Pharmaindustrie gesponsert. Wir haben viele Anfragen, viele Personen warten jedoch, bis die Studie läuft.

Folge VICE auf Facebook, Instagram und Snapchat.