Illustration: Janina Kepczynski | www.janinski.com

Wie ein Grazer Aufklärungsverein gegen Falschinformationen von Rechtspopulisten kämpfen muss

Die Empörung über einen steirischen Sexualunterricht reichte von der FPÖ über die 'Kronen Zeitung' bis zum russischen Staatsfernsehen. Wir haben uns die Sache näher angeschaut.

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07 August 2017, 4:00am

Illustration: Janina Kepczynski | www.janinski.com

"Was fällt euch zum Thema Liebe, Beziehung und Sexualität ein?", fragt Corinna Ortner, während sie die Begriffe auf ein großes Blatt Papier schreibt. "Doggy-Style!", ruft einer, der die Füße über die Armlehne baumeln lässt. "Blowjob", sagt der nächste.

Es fallen im Sekundentakt Begriffe aus Popkultur und Pornoindustrie. "69", "Brazzers", "Kamasutra" "Xnxx", "Squirting". Corinna Ortner und ihr Kollege Lukas Wagner kommen mit dem Schreiben nicht nach. "Wie schreibt ihr 'Wixen' – mit 'x' oder 'chs'?", fragt Ortner nur. Selbst bei "Tittenfick" verziehen die Sexualpädagogen keine Miene.

"Das Wort 'Tittenfick' würde ich persönlich nicht verwenden", sagt Wagner in einer Pause. "Aber uns ist wichtig, eine unaufgeregte Atmosphäre zu schaffen. Deshalb schreiben wir auch wirklich jedes Wort auf." In diesem Workshop gibt es kein Richtig oder Falsch – solange das Gesagte gesetzlich erlaubt ist und im freiwilligen Konsens der Beteiligten passiert. Die Pädagogen agieren mehr als Moderatoren denn als Lehrer. "Masturbation ist in Ordnung", sagt Ortner nur einmal, als einer andeutet, dass man von zu häufiger Masturbation sein Sperma verlieren könne. "Es ist aber auch OK, sich selbst nicht befriedigen zu wollen."

Es herrscht eine losgelöste Atmosphäre in der Wohnküche von Liebenslust im Grazer Bezirk Gries. Vergangenes Jahr erreichte der zehnköpfige Verein mit seinen Workshops 54 Schulklassen und 11 außerschulische Jugendgruppen in der Steiermark. 2017 soll der Verein auf die doppelte Anzahl kommen, die Warteliste ist lang. Rund 10 Jugendliche des Sozialprojekts Heidenspass sind es dieses Mal, die es sich auf der Sitzbank und den verschiedenen Stühlen gemütlich machen.

Es gibt Wasser, Kaffee und Apfelkuchen zur freien Entnahme. Als ich einen Witz über den warmen Apfelkuchen in American Pie (1999) mache, versteht ihn von den Jugendlichen, die alle über 18 Jahre alt sind, niemand. Ich lerne, dass "altersgerechter Sexualunterricht" weniger mit dem Alter, sondern mehr mit der persönlichen Lebensrealität der Gruppe zu tun hat. Und ich lerne, dass sehr viel in Wirklichkeit anders ist als es von österreichischen Tageszeitungen dargestellt wurde (dazu später mehr).

Lukas Wagner (links) und Corinna Ortner. Foto: Christoph Schattleitner | VICE Media

In diesem Kurs soll kein Jugendlicher wegen seiner Fragen ausgelacht werden. Hier soll niemand zu etwas gezwungen werden. Die Workshop-Teilnehmer haben von Anfang an die Macht: Sie entscheiden, ob sie geschlechtergetrennt, innerhalb von Freundesgruppen oder alle gemeinsam über Sexualität sprechen wollen. Niemand muss teilnehmen. Jeder kann jederzeit grundlos gehen. "Es ist auch okay, über Sexualität nicht sprechen zu wollen", sagt Ortner, "ihr müsst die genannten Begriffe nicht selbst erklären." Es werden so lange Begriffe aufgeschrieben und gemeinsam besprochen, bis die Jugendlichen keine Lust mehr haben.

Dazwischen streuen die Pädagogen Informationen: "50 Prozent aller 17-Jährigen hatten noch keinen Sex", sagt Wagner. Viele wirken überrascht. In meiner Jugend hätte mich dieses Wissen beruhigt, Druck rausgenommen. "Was ist das Wichtigste an Sex?", fragt Wagner. "Hygiene", sagt jemand, "Verhütung", sagt jemand anders. "Auch", nickt Wagner, "aber wichtig ist, dass es beide wollen."

Wir reden über persönliche Grenzen. Und darüber, wann welche Dinge erlaubt sind: Sexuelle Mündigkeit ab 14 Jahren, Unvereinbarkeit von Sex mit Vorgesetzten, Kollegen oder Älteren (unter 14), Pille ab 14, Bordell und Pornographie ab 18. Wagner, der auch als Medienpädagoge arbeitet, hält einen Impulsvortrag über die Inszenierungen in Pornos: "Seht das nicht als Film-Dokumentation, sondern eher als Action-Film an. Dort ist auch fast nichts echt." Er zählt auf, was alles gefaket oder in der Realität oft anders sei: Ton, Größe des Penis, scheinbar unlimitiertes Sperma, die Spritzweite beim Squirting. Ortner redet über die bedenklichen Bedingungen, anhand denen viele Frauen in die Prostitution geraten. Beides sei ab 18 Jahren erlaubt, man solle nur über die Hintergründe Bescheid wissen.

Erst später wagen sich die Kursteilnehmer zu den Themen Liebe und Partnerschaft vor. Wörter wie Familie, Kinder, Nähe, Händchen-Halten, Kuscheln, Partnerschaft, Vertrauen und Liebe fallen. In Kleingruppen schreiben wir die 10 wichtigsten Eigenschaften für eine gute Beziehung auf. "Treue" verwendet jede Gruppe. Beim Vortrag über die verschiedenen Verhütungsmittel hören alle gespannt zu. "Zur Sicherheit", grinst einer.

Auf dem Tisch liegen verschiedene Verhütungsmittel, bunte Genitalien aus Gips und Stoff, das Plakat mit den Begriffen und ein Stück Apfelkuchen. Foto: Christoph Schattleitner | VICE Media

Für viele wird das gerade Beschriebene nicht wahnsinnig aufregend klingen. Es ist ein Aufklärungsunterricht wie jeder andere. Möchte man zumindest meinen. Und dennoch ist dieser Rahmen – über 18 Jahre und außerschulisch – der einzige, in dem ein Journalist dabei sein kann. Selbst bei aufgeschlossenen Schulen, mit denen Liebenslust schon länger zusammenarbeitet, konnte die Geschäftsführerin Heidi Fuchs nichts erreichen. Nicht, weil die Schüler es nicht wollten (auch die Jugendlichen von Heidenspass musterten mich zuerst, bevor sie mir erlaubten, mitzumachen), sondern, weil die meisten Schulen damals wenig gute Erfahrungen gemacht hätten.

"Damals" ist noch nicht so lange her und beschreibt eine politmediale Dynamik, die sich Heidi Fuchs bis vor Kurzem nie vorstellen hätte können. Vor ungefähr einem halben Jahr – im Februar 2017 – echauffierte sich die steirische Kronen Zeitung über die 40.000 Euro Landesförderung, die der Verein Liebenslust 2016 für die Durchführung der Workshops mit 10- bis 20-Jährigen bekommen hat. Was danach passierte, ist derart unglaublich, dass wir es hier sehr detailliert erzählen müssen:

Wenige Tage nach dem Krone-Artikel hatten religiöse Fundamentalisten die Leserbriefseiten von Kronen Zeitung und Kleine Zeitung zur Gänze übernommen. Googelt man die Namen der Autoren, wird das Milieu eindeutig. Ein Auszug aus den Biografien: Vorstand Katholischer Familienverband, Seelsorgerin bei der Vereinigung Christlicher farbentragender Studentinnen, Kommentatorin bei der rechtspopulistischen Drehscheibe andreas-unterberger.at ("Wie heidnisch ist der Islam?" Antwort: Mehr als das Christentum), stv. Vorsitzende der Österreichischen Lebensbewegung (Anti-Abtreibungskampagne), Gründerin einer Gebetsinitiative und eine Absolventin der "Akademie für Ehe und Familie" der Initiative christliche Familie. In späterer Folge werden die FPÖ und fundamentalistische Blogs diese Leserbriefe verwenden, um einen "Sturm der Eltern" zu illustrieren.

Links: Leserbriefe 'Kleine Zeitung'. Rechts: Leserbriefe 'Kronen Zeitung'. Grün markiert: Faktisch falsch. Gelb markiert: Hervorhebungen.

Bei den Leserbriefen fällt aber nicht nur die ähnliche Weltanschauung der Autoren auf. Auch sehr viele als Fakten dargestellte Infos sind komplett falsch. So finden sich die grün markierten Stellen nirgendwo in den redaktionellen Berichten von Krone, Kleine oder anderen österreichischen Medien. Auch Heidi Fuchs kann sich nicht erklären, woher die vielen Falschinfos herkommen. So sei zum Beispiel Liebenslust weder in Kindergärten noch an Volksschulen aktiv, erklärt sie – der Verein richte sich im Rahmen des geförderten Budgets ausschließlich an 10- bis 20-Jährige sowie ihren Bezugs- und Betreuungspersonen. An der Verbannung von Eltern und Lehrer sei auch nichts dran. Heidi Fuchs schreibt am 16. 2. 2017 eine Richtigstellung, die die Kleine als Leserbrief veröffentlicht.

Geholfen hat das nichts. Selbst professionelle Journalisten sowie Landtags- und Bundesratsabgeordnete scheinen sich nicht für die Fakten zu interessieren, wie diese Auflistung der Zitate zeigt:

"Dieser Verein bildet Sexualpädagogen aus, die dann mit 'Sexspielzeugen' in die Volksschulen gehen und dort unter Ausschluss von Vertrauenspersonen (Klassenlehrer; die erstverantwortlichen Eltern werden umgangen!) Sexworkshops halten. Dabei wird die natürliche Scham der Kinder gebrochen, seelische Verletzungen für das ganze Leben entstehen" – Karl Reinisch, zuständig für die Internationale Vereinigung Katholischer Esperantisten in Österreich, in einem Leserbrief in der Kleinen Zeitung am 14.2.2017

"Der Verein verteilt unter anderem 'Sextaschen' mit Genitalien aus Plüsch bereits an Kindergartenkinder. (...) Immer wieder kommen Kinder nach dem Workshop verstört nach Hause. (...) Die Kinder wurden dazu angehalten, mit niemanden außer mit ihren Eltern über die Inhalte des Unterrichts zu sprechen, die Lehrerinnen durften nicht anwesend sein" – Gudula Walterskirchen, Herausgeberin der Niederösterreichischen Nachrichten, in einem Gastkommentar in der Presse am 27.2.2017

"Unter anderem verteilt der Verein auch sogenannte 'Sextaschen' mit Genitalien aus Plüsch und Gips bereits an Volksschul- und Kindergartenkinder. Lehrer dürfen während der Vorträge oftmals nicht anwesend sein. Faktum ist, dass nach einem solchen Workshop Kinder häufig verstört nach Hause kommen. Es finden oft klare Grenzüberschreitungen statt, die kindliche Scham wird dabei eindeutig verletzt. Allerdings werden die Kinder dazu angehalten, mit niemandem außer mit ihren Eltern über die Inhalte des 'Unterrichts zu sprechen" – Gerd Krusche, FPÖ-Bundesrat, in einer Anfrage an die Bildungsministerin für Bildung am 20.03.2017

"Bedenklich stimmt, dass Kinder nach diesem 'Sexualunterricht' häufig verstört nach Hause kommen. Es finden oft klare Grenzüberschreitungen statt, wobei die kindliche Scham eindeutig verletzt wird. Die Schüler werden dazu angehalten, mit niemanden außer mit ihren Eltern über die Inhalte des 'Unterrichts' zu sprechen" – Liane Moitzi, FPÖ Steiermark, in ihrem Antrag auf Förderungsstopp am 23.03.2017

Aber nicht nur die Fakten stimmen nicht. Auch die Formulierungen klingen verdächtig ähnlich oder sind zum Teil ident ("verstört nach Hause kommen", "angehalten, mit niemanden außer ihrer Eltern zu sprechen", "kindliche Scham", "Scham der Kinder"). Wenn man nicht allzu streng ist, könnte man meinen, dahinter stecke keine böse Absicht. Hat man halt nicht die Homepage gelesen. Hat man halt nicht beim Verein angefragt. Hat man halt nicht die Richtigstellung gelesen.

Aber eine Sache lässt sich nicht mehr relativieren. Am 2. 3. 2017 hat die Bildungslandesrätin Ursula Lackner (SPÖ) auf 10 Seiten die 26 Fragen der FPÖ beantwortet. Darin wird explizit festgestellt, dass sich Liebenslust "ausschließlich an 10- bis 20-Jährige" richtet. In ihrer Parteizeitung behauptet die FPÖ nichtsdestotrotz am 31. 3. 2017: "Bereits in Volksschulen werden in Form von Workshops abartige Sexualpraktiken erklärt und Neunjährige beispielsweise dazu animiert, an Holzpenissen den Umgang mit Kondomen zu üben."

Entweder lesen diese FPÖ-Abgeordneten die Beantwortung ihrer eigenen Anfrage nicht, oder sie behaupten in der Öffentlichkeit wissentlich und absichtlich die Unwahrheit.

Auch die wortführende FPÖ-Abgeordnete in dieser Causa schreibt am 31. 3. 2017 auf Facebook: "Sexuelle Aufklärung ist Sache der Eltern und muss individuell auf die Kinder abgestimmt werden. An Volksschulen ist dafür kein Platz!" Das kann eigentlich nur zweierlei bedeuten: Entweder lesen diese FPÖ-Abgeordneten die Beantwortung ihrer eigenen Anfrage nicht, oder sie behaupten in der Öffentlichkeit wissentlich und absichtlich die Unwahrheit.

Falschinfos sind in dieser Angelegenheit aber kein Charakteristikum des rechten Rands. Auch renommierte Medien wie Die Presse und Kleine Zeitung veröffentlichen in Gastkommentaren haarsträubende Falschinformationen.

So behauptet in der Presse die Herausgeberin der Niederösterreichischen Nachrichten (NÖN) Gudula Walterskirchen, Liebenslust würde "Sextaschen" an Kindergartenkinder verteilen. Auch auf VICE-Anfrage erklärt Walterskirchen nicht, woher sie die Info hat – genau wie die Passage über die "verstörten" Kinder, die die FPÖ fast wortident übernommen hat (siehe Zitate oben).

"'Seelische Verletzungen durch diesen Workshop?' What the fuck! Das ist Aufklärung, keine Vergewaltigung!" - Ein jugendlicher Kursteilnehmer

In der Kleinen Zeitung zieht der auf katholischen Seiten bekannte Psychiater Christian Spaemann über Heidi Fuchs her: "In den letzten Jahren haben sich intellektuell arbeitslos gewordene Linksideologen zunehmend auf die Natur des Menschen gestürzt. (...) Nachdem sich Erwachsene schwer umerziehen lassen, geht man auf deren Kinder los, die man nun hemmungslos manipulieren will".

Sowohl Walterskirchen als auch Spaemann rücken Liebenslust in ein "pädosexuelles" Licht. Wer mit Jugendlichen über Sex spricht, ist pädophil, so die billige Assoziationskette. Die Debatte über das Verhältnis der "modernen" Sexualpädagogik zur Pädophilie wurde übrigens 2013 in Deutschland breit diskutiert. Interessierte können das hier und hier nachlesen. Relevant ist aber eigentlich: Die Sexualpädagogen von Liebenslust sind unbescholten und akademisch ausgebildet. Sie befolgen den Grundsatzerlass des Bildungsministeriums und die Zielsetzungen der WHO.

Hier haben wir die Ereignisse in einer Timeline zusammengefasst.

Sieht das nicht nach einer gezielten Kampagne eines breiten Netzwerks aus, das auf Fakten pfeift und einen kleinen Verein für die eigene PR überrollt? Heidi Fuchs will dazu nicht viel sagen. Nur: "Es ist uns aufgefallen, dass Vorwürfe und Wortwahl Ähnlichkeiten aufweisen." Und: Andere Organisationen aus Deutschland hätten sich bei ihr gemeldet; sie hätten vor ein paar Jahren nacheinander alle das Gleiche erlebt.

Auch die Bildungsrätin Lackner hegt in ihrer Rede bei der Landtagssitzung am 16. 5. 2017 einen ähnlichen Verdacht: "Mir sind die Akteure, die sich bereits in Deutschland für eine Beschneidung der Lehrpläne zur Sexualerziehung stark machten, ebenso bekannt wie deren Argumentationslinien. Ich habe mich sehr stark damit beschäftigt und sie decken sich erstaunlicherweise – oder wenig erstaunlich – teilweise sogar wortgleich mit dem vorliegenden Antrag von Ihnen als FPÖ-Fraktion."

Die Frage der Zusammenarbeit der FPÖ mit christlichen Fundamentalisten ist nicht endgültig und seriös zu beantworten – auch, weil weder die FPÖ-Abgeordneten noch Gudula Walterskirchen auf VICE-Anfrage ihre Quellen nennen. Gesichert ist aber, dass die FPÖ im Dezember 2016 eine "Kooperationsvereinbarung" mit Putins Partei "Einiges Russland" unterzeichnet hat. Die Parteien sollen sich fortan inhaltlich wie personell austauschen. Warum das für diese Geschichte relevant ist?

Heinz-Christian Strache und sein russisches Pendant bei der Unterzeichnung der "Partnerschaft". Johannes Hübner steht rechts im Bild. Foto: fb.com/HCStrache

Johannes Hübner zeigt, wie so ein Austausch vielleicht stattgefunden hat: Der außenpolitische Sprecher der FPÖ, der wegen antisemitischer Aussagen vor Kurzem auf eine erneute Kandidatur verzichten musste, beobachtete und goutierte etwa das "Referendum" auf der Krim 2014.

Seiner Meinung nach kann man auf das EU-Parlament "verzichten" – wenn nicht gleich auf die EU insgesamt. Hier treffen sich die Interessen der FPÖ mit denen des Russischen Staates, wie auch die Autoren von "Putins rechte Freunde" meinen: Die europäischen Rechtspopulisten würden nicht auf Zuruf von Putin reagieren. Sie seien einfach ideologisch kompatibel. Und wie selbst offizielle Sicherheitskreise bestätigen, führt Russland eine "gezielte Propagandakampagne" gegen den Westen. Dazu gehörte unter anderem die Gründung und Verbreitung von mehrsprachigen Staatsmedien wie Russia Today (RT) und Sputnik.

Dass RT sich mit Liebenslust beschäftigt, ist wohl Johannes Hübner zu verdanken. Nur er und der FPÖ-Bundesrat, der eine Anfrage an die Bildungsministerin gestellt haben, kommen im Text zu Wort. Die staatliche Nachrichtenagentur zitiert den RT-Artikel und macht den Grazer Verein in Russland und darüber hinaus bekannt. Beide Seiten dürften davon etwas haben: Russland hat Futter für die Propagandamaschine, um gegen den moralisch verwahrlosten Westen zu wettern. Und die FPÖ hat im Kampf gegen Sexuelle Aufklärung ein riesiges Medium auf seiner Seite.

Foto: Russia Today, mit Google Translate von Russisch auf Englisch übersetzt

Seit Juni 2017 kämpft Liebenslust auf ihrem #unaufgeregt-Blog mit Spam – überwiegend in russischer und englischer Sprache. Über 400 Kommentare haben sie innerhalb eines Monats manuell gelöscht. Die Obfrau des Vereins bekommt außerdem täglich zwischen 300 und 500 Spam-Mails. Auf den ersten Blick erinnert das an den Wiener Politologen Thomas Schmidinger, der nach seiner FPÖ-Kritik vom rechtsextremen Kollektiv anonymous.ru mit 21.000 Spam-Mails überschwemmt wurde.

Der TU-Lektor und Leiter von SBA-Research Markus Klemen kann die an Liebenslust adressierten Mails aber nicht zuordnen: "Generell ist es in der Informationssicherheit so, dass sowohl tatsächliche Urheber als auch tatsächliche Motivationen anhand der Analyse der technischen Vorgänge extrem schwierig zu beurteilen sind. Auch das geografische Verorten eines Angriffs ist sehr mit Vorsicht zu bewerten." Vor allem mit Mails, die nicht stark gesichert sind, könne man Institutionen aber "einfach Ärger machen", sagt er. Und weiter: "Dafür ist auch kein besonderes technisches Hintergrundwissen notwendig."

"Wir haben uns zum Ziel gesetzt, Brückenbauer zu sein und das Thema zu entmystifizieren."

Nach knapp sechs Monaten haben die Sexualpädagogen viel erlebt: Medien-Schelte, Vorwürfe von Politikern, Mail-Attacken, persönliche Anfeindungen von Bekannten und Unbekannten, Drohungen. "Ich bin sehr unglücklich darüber, wie die Dinge gelaufen sind", sagt Heidi Fuchs, die stets darauf achtet, niemanden anzugreifen. "Ich habe wirklich nichts gegen Kritik. Im Gegenteil: Ich wünsche mir einen breiten, gesellschaftlichen Diskurs darüber, was gute Sexuelle Bildung ausmacht." Aber die Debatte solle auf Fakten basieren: "Ich hätte mich gefreut, wenn sich in den letzten Monaten jemand näher mit uns beschäftigt und mit uns geredet hätte."

Warum von den vielen Organisationen in dem Bereich ausgerechnet Liebenslust zur Zielscheibe geworden ist, weiß Fuchs nicht. So blieb zum Beispiel die Junge Kirche der Diözese Graz-Seckau komplett außen vor, obwohl diese Organisation es ist, die tatsächlich in Volksschulklassen tätig ist (mal von der Frage abgesehen, was überhaupt schlecht an Workshops in Volksschulen sein soll).

Ein Grund könnte die transparente Kommunikation der eigenen Methoden sein. "Als wir uns vor zwei Jahren entschieden haben, über die Themen der Sexuellen Bildung zu bloggen, war uns vollkommen klar, dass wir damit einen progressiven und anderen Weg als unsere Marktbegleiter gehen", sagt Fuchs. "Wir haben uns zum Ziel gesetzt, Brückenbauer zu sein und das Thema zu entmystifizieren."

v.l.n.r.: Sexualpädagoge Lukas Wagner, Obfrau Michaela Urabl, Geschäftsführerin Heidi Fuchs, Sexualpädagogin Corinna Ortner. Foto: Christoph Schattleitner | VICE Media

Obfrau Michaela Urabl wirft ein: "Warum sollten wir unsere Arbeit verstecken? Es ist nichts Schmutziges, Geheimes oder etwas, das man nur gewissen Menschen zeigen soll. Wenn wir wollen, dass Jugendliche offen, ehrlich und unaufgeregt über Sexualität sprechen, dann müssen wir das auch selbst bei der Sexuellen Bildung machen."

In dieser Haltung steckt viel Politik: "In früheren Jahrhunderten war vaginale Penetration geachtet und alles andere geächtet. Die Vorstellung von guter Sexualität ist im Wandel. Derzeit ist die gesellschaftliche Verhandlungsmoral der Konsens: Wenn zwei Menschen zusammengehören wollen, dann ist das OK."

Ob das auch der Haltung von Liebenslust entspreche? Im richtigen Kontext und im vorsichtigen Umgang mit dem Wort "freiwilliger Konsens", ja. Aber eigentlich erkenne man die Haltung von Liebenslust besser im Recht auf Information, erklärt Fuchs: "Was bringt es, wenn wir von Freiwilligkeit, Konsens und Grenzen reden, wenn viele nicht wissen, was das für ihr Leben bedeutet? Deshalb: Lass es uns aufmachen. Lass uns darüber reden." Liebenslust rüste die Jugendlichen mit allen Informationen, Möglichkeiten und Alternativen zu vorherrschenden Meinungen aus. "Aber wir geben keine Empfehlungen."

Und schon gar nicht bedeute das, dass Kinder "versext" – also zu Sex überredet – werden. "Vielleicht wollen sie ja gerade nicht aktiv werden, aber durch die ständige mediale Präsenz von Sexualität geraten sie in einen Leistungsdruck, in dem sie sich überhaupt nicht wohl fühlen", sagt Fuchs. Da helfe dann die Information: Es ist vollkommen in Ordnung, keinen Sex haben zu wollen.

Wir unterhalten uns über eineinhalb Stunden und klären einige Detailfragen. In vielen Punkten stellt sich heraus, dass die Ziele von Liebenslust sich von den Zielen ihrer Kritikern gar nicht so sehr unterscheiden. "Sexuelle Bildung ist das beste Mittel gegen Sexualisierung", sagt Urabl. Mit der richtigen Information würden Jugendliche besser mit unserer sexualisierten Umwelt wie zum Beispiel mit Schönheitsidealen bei Kinderspielzeug ("Barbie-Puppe") und in der Werbung umgehen können.

Das denken zwei Jugendliche über den Workshop. Fragen und Foto: Christoph Schattleitner | VICE Media

Sexuelle Bildung helfe zudem bei gewissen Themen gegen das Schamgefühl der Kinder – und gegen das Ohnmachtsgefühl der Eltern. Vor allem im Bereich Pornographie sei der Informationsstand extrem niedrig. Obwohl die sexuelle Mündigkeit in Österreich erst mit 14 Jahren beginnt, kommen die meisten Jugendlichen schon mit 10 oder 11 Jahren in Kontakt mit Pornografie, erklärt Lukas Wagner. Über WhatsApp-Gruppen, in denen zum Beispiel ältere Bekannte aus dem Fußballverein Videos verschicken, sowie über Banner-Werbung auf Video-Streaming-Portalen wie kinox.to würden Jugendliche unfreiwillig mit Pornografie konfrontiert werden. "So ganz ohne Vorkenntnis verstört das viele."

Unter anderem deshalb könne Sexualpädagogik "einen wichtigen Beitrag leisten, Probleme anzugehen, die wir als Gesellschaft haben", sagt Urabl, die damit außerdem auch Themen wie Sexualisierte Gewalt anspricht. "Sexuelle Bildung ist auch Politische Bildung." Deshalb sei natürlich auch Skepsis gerechtfertigt. "Man kann ruhig hinschauen und fragen: 'Was ist die Ausbildung? Was wollen wir für unsere Jugendlichen?' Und warum soll ein Verein, der öffentliche Gelder erhält, nicht überprüft werden? Warum sollen wir nicht transparent arbeiten?", fragt sie.

Es entbehrt nicht einer gewissen Komik, dass ein Verein, der sechs Monate im Scheinwerferlicht der Öffentlichkeit hart gescholten wurde, sich nun für eine breite Debatte stark macht. Aber es unterstreicht die Dringlichkeit der Sache. "Es ist kein Zufall, dass die Angriffe gegen Sexualpädagogen derzeit so stark sind", sagt Heidi Fuchs, die die Debatte im Licht der gesamtgesellschaftlichen und politischen Veränderungen der letzten Monate und Jahre sieht.

Man könnte vielleicht sogar sagen, dass mit bunten Genitalien in Schulklassen, mit dem unaufgeregtem Thematisieren von sexuellen Praktiken und Vorlieben, mit der wissenschaftlichen und pädagogischen Aufklärung von Kindern und Jugendlichen, und mit dem Dogma von Freiwilligkeit und Selbstbestimmtheit die freie Gesellschaftsordnung in einem gewissen Bereich auf die Probe gestellt wird. Und dieser wichtige Diskurs sollte nicht nur von einer Seite – mit falschen Infos – geführt werden. Also: Let's talk about sex education.

Christoph auf Facebook und Twitter: @Schattleitner