Screenshot via Twitter, Collage von VICE Media

Was zur Hölle geht eigentlich mit Gerti Senger?

Die 'Krone'-Kolumnistin und Psychotherapeutin rät einer Frau, die ihren Arbeitgeber gegen ihren Willen oral befriedigen muss, nicht so geldgierig zu sein. Und es ist nicht der erste fragwürdige Ratschlag, den sie erteilt.

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Juni 14 2017, 10:05am

Screenshot via Twitter, Collage von VICE Media

"Seit zwei Jahren koche und putze ich (29, polnischer Herkunft) für einen rüstigen Pensionisten (70). Von Zeit zu Zeit muss ich ihn oral befriedigen. Ich will das nicht, habe aber Angst, dass ich so eine gut bezahlte Arbeit nicht mehr finde."

Das schrieb eine offensichtlich verzweifelte junge Frau an die Krone-"Sexpertin" Gerti Senger, die jeden Dienstag und Sonntag eine Kolumne in der Krone hat. In der Dienstagskolumne beantwortet Senger unter dem Titel "Lust und Liebe" Fragen von Leserinnen und Lesern, was in Hinblick auf die Zuschrift der jungen polnischen Frau besonders makaber wirkt.

Was die Psychotherapeutin und Co-Vorsitzende der Österreichischen Gesellschaft für Sexualforschung der jungen Frau in der auflagenstärksten Boulevardtageszeitung Österreichs geantwortet hat, macht jedenfalls seit Dienstagnachmittag die Runde in den sozialen Medien. Sie schreibt:

"Leider werden Sie nicht nur für Ihre Arbeit bezahlt, Sie verkaufen auch sich selbst. Würden Sie das weiterhin tun, könnten Sie genauso viel, wenn nicht noch mehr, verdienen. Falls Sie das aber wirklich nicht wollen, müssen Sie sich mit etwas weniger Geld begnügen. Nur so könnten Sie Ihren Seelenfrieden und Ihre Selbstachtung retten."

Die langjährige Kolumnistin rät also einer Frau, die davon spricht, den "rüstigen Pensionisten" oral befriedigen zu müssen – und die klar und deutlich sagt, dass sie eben das nicht will, jedoch Angst um ihre wirtschaftliche Existenz hat – ganz einfach, nicht so geldgierig zu sein. Sie sagt sinngemäß: Wenn du deinen Körper wirklich nicht verkaufen willst, leb damit, dass du weniger Geld bekommst.

Alleine Sengers Formulierung "falls Sie das wirklich nicht wollen" ist ein Schlag ins Gesicht eines jeden Opfers von sexueller Gewalt. Warum Senger in ihrer Antwort davon ausgeht, die junge Frau könnte es vielleicht doch ein kleines Bisschen wollen, auch wenn diese klar und deutlich das Gegenteil schreibt, bleibt unklar.

Auch, dass Senger von "Selbstachtung" spricht, sticht ins Auge. Es scheint, als hielte sie es nicht für möglich, dass die Frau in einem toxischen Verhältnis zu ihrem Arbeitgeber festhängt, keinen anderen Ausweg sieht – und die Angst, sich zu wehren, schlichtweg zu groß ist. Denn anstatt darauf einzugehen, richtet Senger indirekt die Aufforderung an die Betroffene, sie solle doch ihre Selbstachtung bewahren. Somit macht sie diese auf gewisse Weise selbst zur (Mit-)Verantwortlichen.


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Selbst, wenn man den Ratschlag zu Sengers Gunsten auslegen will und einfach nur als ungeschickte Formulierung sieht, bleibt ein fahler Beigeschmack: Immerhin ist Senger langjährige Kolumnistin und sollte sich ihrer Rolle und Reichweite bewusst sein. Gerade bei Massenmedien wie der Krone lesen schließlich nicht nur Unbeteiligte, sondern auch andere Betroffene mit.

Es ist übrigens nicht das erste Mal, dass Ratschläge von Gerti Senger für Ärger und Verwunderung sorgen. Im August 2016 schrieb Senger an einen Leser, der sich Sorgen machte, dass sein homosexueller Arbeitskollege "Schwulensex" mit ihm haben möchte (ihr wisst schon, im Gegensatz zu normalem Sex!) – und antwortete, dass er sich keine Sorgen machen solle, weil homosexuelle Männer immerhin auch mit Heteros befreundet sein wollen.

Die Gründe, die sie dafür angibt, sind dann aber tendenziell doch ein bisschen absurd: "Viele suchen Hetero-Freundschaften, weil sie nicht in die Intrigen der örtlichen Schwulenszene eingebunden sein wollen", schreibt Senger. Außerdem würden homosexuelle Männer Gespräche schätzen, die sich nicht nur um Sex drehen, sondern um "alltägliche" Themen wie Fußball oder Autoreifen. Wie sich Gerti Senger die "Schwulenszene" vorstellt und wie oft Menschen im Alltag über Autoreifen sprechen, bleibt leider (oder zum Glück) unbeantwortet.

Nur eine Woche später wandte sich eine Frau an Senger, die ein Problem damit hatte, zum Orgasmus zu kommen, wenn sie beim Sex nicht unten liegt und der Akt weniger als 10 oder 15 Minuten dauert. Außerdem, schrieb sie, sei es eine Zumutung, "wenn ein Mann über mir zusammensackt und einschläft".

Für die junge Frau, die offensichtlich ernste Schwierigkeiten damit hat, beim Sex auf ihre Kosten zu kommen, und sich deswegen an die Psychotherapeutin wendet, hat Gerti Senger sinngemäß nur eine Antwort: Du bist das Problem – finde dich damit ab. Sie schreibt: "Probieren Sie doch selber aus, sich im Liegestütz 10 bis 15 Minuten auf und ab zu bewegen! Wenn Sie dann noch immer kein Verständnis für einen erschöpften Liebespartner haben, sind Sie als Bettgefährtin vielleicht Ihrerseits eine Zumutung."

Welches Bild Senger durch Antworten wie diese – oder die eingangs erwähnte – ihren Leserinnen und Lesern vermittelt, ist ein durch die Bank problematisches. Oder um es mit Senger zu sagen: Wenn Sie kein Verständnis für diese Kritik haben, sind Sie als Kolumnistin vielleicht Ihrerseits eine Zumutung, Frau Senger.

Update: Laut einer Stellungnahme von Gerti Senger, die VICE vorliegt, bedauert sie, dass sie die Frage der jungen Frau aufgrund der "notwendigen Kürzung" missverständlich formuliert hat: "Die Frau handelt nämlich nicht gegen ihren Willen, sondern hat sich dazu entschlossen, nachdem ihr der Herr anstatt 12 Euro die Stunde 40 Euro bezahlt. Das auch, wenn sie das 'Extra' nicht erbringt. 'Von Zeit zu Zeit' heißt, dass sie de facto einmal wöchentlich aufräumt und etwa einmal im Monat den gemeinsam vereinbarten 'Liebesdienst' erbringt". Ich bemühe mich zwar grundsätzlich, sinnerhaltend und effizient zu kürzen, aber offenbar ist mir das hier nicht gelungen. Aus den verdichteten Zeilen ist nämlich nicht ersichtlich, dass der Arbeitgeber einsam ist und den wöchentlichen, hohen Stundenlohn auch deshalb bezahlt, weil der Kontakt zu dieser Frau für ihn wertvoll ist. Es tut mir wirklich leid, dass in diesem speziellen Fall das Einkürzen einer immerhin ganzseitigen Schilderung so eine Erregung ausgelöst hat", heißt es weiter.

Verena auf Twitter: @verenabgnr

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