Popkultur

10 Serien, die besser viel früher geendet hätten

'Grey's Anatomy', 'Lost' und 'Stranger Things' haben eins gemeinsam: Sie überschreiten ihren Zenit schon lange vor ihrem eigentlichen Ende.

von VICE Staff
09 September 2019, 1:38pm

Hintergrund: sniggitysnags | Flickr | CC BY 2.0; Fernseher: imago images / Panthermedia; 'House of Cards': imago images / Prod.DB; 'Gilmore Girls', 'Grey's Anatomy' und 'Stranger Things': imago images / Cinema Publishers Collection || Collage: VICE 

Im Mai wurde verkündet, dass die Ärzte-Serie Grey's Anatomy um weitere zwei Staffeln voller Gesundheits- und Gefühlsdramen verlängert wird. Selbst nach ganzen 15 Staffeln scheint es noch genügend Handlungsstoff zu geben. Aber bei so vielen Folgen drängt sich die Frage auf, ob Grey's Anatomy nicht langsam enden sollte.

Zu oft versuchen TV-Sender und Produzenten, beliebte Serien bis zum letzten Erfolgstropfen auszuwringen – selbst wenn sie ihren Zenit schon längst überschritten haben. So werden eigentlich gute Serien oft mit sinnlosen Handlungssträngen und stagnierenden Figuren an die Wand gefahren, nur damit ein paar weitere Staffeln etwas mehr Geld abwerfen.

Während manche Serien – wie die Netflix-Produktion Darkden Qualität-über-Quantität-Weg gehen, gibt es immer noch viel zu viele Serien, die anfangs richtig begeisterten, sich dann aber immer mehr in Langeweile und fehlender Inspiration verlieren. Wir haben zehn dieser Serien genauer analysiert. An dieser Stelle natürlich die obligatorische Warnung: Achtung, Spoiler!


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Grey's Anatomy

Serienfinale: Gibt es (noch) nicht
Das perfekte Ende: Staffel 14

Es gibt in Grey's Anatomy so viele Momente, die ein schlüssiges Serienfinale ergeben hätten: der Flugzeugabsturz, Dereks Tod, Christinas Abschied, die ganzen Explosionen und Brände. Die Serie hat sich aber schon so totgelaufen, dass sie eigentlich nur noch von solchen absurden Ereignissen lebt.

Dennoch frage ich mich bei zwei weiteren angekündigten Staffeln: Was soll denn noch alles passieren? Was, wenn alles nach Staffel 14 vorbei gewesen wäre? Dann hätte die Serie mit zwei Hochzeiten von Pärchen geendet, die aufgrund der Twists in Grey's Anatomy oft leiden mussten. Ich meine, Bailey und Ben landen bei der falschen Trauung und retten dort (natürlich) Leben. Es gibt sogar eine Sexszene in einer Gartenlaube. Typisch Grey's Anatomy. Aber genau dieses kitschige Ende hätte perfekt zu einer Serie gepasst, die so sehr auf Dramatik setzt.
– Bettina Makalintal

Mad Men

Serienfinale: Staffel 7 (Erstausstrahlung im Mai 2015)
Das perfekte Ende: Staffel 5 (mit einigen Änderungen)

An sich ist das Serienfinale von Mad Men ziemlich gut. In den beiden letzten Staffeln geht es aber etwas zu sehr drunter und drüber. Dennoch sind sie irgendwie langweilig – was bei einer Serie über Weiße Männer in der Werbebranche nicht wirklich überrascht.

Was soll der Quatsch mit Bob Benson, dem dauerfröhlichen Arschkriecher? Erst können wir ihm in der sechsten Staffel kaum entkommen, und dann wird er nicht mal zum Serienkiller oder so? Erinnern wir uns überhaupt noch an Petes Affäre? Oder an Megans Fehlgeburt? All das stank im Vergleich zum unterschwelligen, sexy Drama der ersten fünf Staffeln total ab. Am Ende der fünften Staffel hätte sich Don Draper als D.B. Cooper herausstellen sollen, Peggy hätte bei Abe bleiben sollen und alle anderen hätten in eine Hippie-Kommune ziehen sollen.
– Hilary Pollack

O.C., California

Serienfinale: Staffel 4 (Erstausstrahlung im Februar 2007)
Das perfekte Ende: Staffel 3

Die ersten beiden Staffeln von O.C., California gehören zum besten Serienmaterial der 00er Jahre – oder gar aller Zeiten. Zwar ist die in Orange County spielende Serie weder originell (ein Bad Boy muss sich zwischen neureichen Leuten zurechtfinden und verliebt sich in das brave Mädchen von nebenan) noch vielfältig, aber das macht sie mit smarten Drehbüchern, ausgewogenen Figuren, einem starken Soundtrack und einer gehörigen Portion Entertainment mehr als wett.

Die Schwächen der Hauptfiguren tragen dazu bei, dass wir uns so gut mit ihnen identifizieren konnten. Für diese Dynamik ist Marissa Cooper, gespielt von Mischa Barton, selbst als depressive Göre unerlässlich. Als sie am Ende der dritten Staffel stirbt, wird aber plötzlich klar, dass wir nicht noch eine Staffel brauchen, in der sich Seth und Summer in die Haare kriegen, in der Ryan weiter mit irgendwelchen austauschbaren Frauen anbandelt, und in der Sandy und Kirsten weiterhin zeigen, dass eine Ehe auch schwere Zeiten überstehen muss oder so. Marissas feuriger Autounfall wäre wirklich der perfekte Abschluss gewesen.
– Hilary Pollack

Dexter

Serienfinale: Staffel 8 (Erstausstrahlung im September 2013)
Das perfekte Ende: Staffel 4

Was sich wie ein roter Faden durch das schwarzhumorige Serienkiller-Drama Dexter zieht, ist das Konzept von Gewalt als Kreislauf: Traumata werden von Generation zu Generation weitergegeben, Kinder müssen für die Sünden ihrer Väter büßen. Dieses Konzept wird aber bereits in den ersten Staffeln überdeutlich herausgearbeitet – sogar noch vor dem fast schon zu offensichtlichen Moment, in dem Dexter dabei zusieht, wie sein Kind im Blut seiner Ehefrau spielt. Dabei hat es doch gerade noch den Anschein gehabt, als ob Dexter sein altes Leben in Florida hinter sich lassen würde.

Ohne Dexters Angebetete Rita als moralischen Anker geht der Serie schnell das Gleichgewicht flöten und in den letzten Staffeln werden die Bösewichte immer absurder (zum Beispiel Colin Hanks als schizophrener Gottesfanatiker in Staffel 6, der seine Opfer nach religiösem Vorbild ausweidet). Ach ja, wenn du Dexter nach der vierten Staffel nicht mehr weiterschaust, sparst du dir auch einen komischen Inzest-Handlungsstrang. Und das ist nie verkehrt.
– Colin Joyce

Homeland

Serienfinale: Gibt es (noch) nicht
Das perfekte Ende: Staffel 4

Die erste Staffel von Homeland ist im Grunde perfekt, wenn man auf spannende und polarisierende Polit-Thriller steht. Claire Danes wird als CIA-Agentin auf einen US-Marinesoldaten angesetzt, der im Einsatz von al-Qaida-Truppen gefangen genommen und von deren Ideologie überzeugt wurde. In jeder Folge steigt das Risiko für verschiedene Figuren, und wir als Zuschauer kauen uns vor Spannung die Fingernägel weg. Nach einer Weile eskalieren die Dinge aber einfach nur weiter, ohne dass zwischendurch Ruhe reinkommt.

In der zerfahrenen dritten Staffel ist der US-Marinesoldat dann auch längst kein al-Qaida-Scherge mehr, sondern muss in einem Versteck in Südamerika ausharren, wo er heroinabhängig wird und später plötzlich wieder für die CIA arbeitet. Zwar fängt sich die Serie in Staffel 4 wieder etwas, aber der Höhenflug der ersten Episoden bleibt unerreicht. Und daran wird sich wahrscheinlich auch nichts mehr ändern.
– Josh Terry

Stranger Things
Foto: bereitgestellt von Netflix

Stranger Things

Serienfinale: Gibt es (noch) nicht
Das perfekte Ende: Staffel 2

Angesichts der dritten Staffel von Netflix' Sci-Fi-Darling Stranger Things stellt sich die Frage, ob eine sinnvolle Handlung weniger wichtig ist als buntes Anbiedern an unseren Hang zur Nostalgie. Und dementsprechend: Wann hätten die Serienschöpfer Matt und Ross Duffer ihr Projekt für ein stringenteres Ende abschließen sollen? In Staffel 1 ist Will Byers nach seinem albtraumhaften Ausflug in die Schattenwelt nicht mehr derselbe. Und in Staffel 2 besiegen die Freunde den Gedankenschinder erneut und schaffen es, das Portal zum Paralleluniversum zu verschließen. Eigentlich ein runde Sache.

Warum also quasi die gleiche Handlung noch mal aufwärmen? OK, jetzt sind die Russen die Bösewichte, aber trotzdem verliert die Serie ihren erzählerischen Reiz. Zwar macht es auch Spaß, den Kids dabei zuzusehen, wie sie sich durch die Filmklischees der 80er Jahre (Teenie-Liebeleien, Malls, geopolitische Spannungen, Neonfarben!) manövrieren. Aber man kann Hawkins eben nicht zigmal vor einem fleischfressenden Dämonen aus einer anderen Dimension retten, ohne dass die vorherigen Abenteuer an emotionalem Gewicht verlieren – auch wenn dieses Mal eine beliebte Serienfigur vermeintlich sterben muss, dann aber sehr wahrscheinlich doch noch am Leben ist.
– Meredith Balkus

Family Guy

Serienfinale: Gibt es (noch) nicht
Das perfekte Ende: Nach deinem 13. Geburtstag

Ach, wie gerne wären wir doch alle noch mal zwölf Jahre alt. Damals entdeckten wir uns selbst, es stand uns quasi die ganze Welt offen. Family Guy fanden wir immer noch witzig. Wisst ihr noch, wie sich Peter mit dem riesigen Hahn geprügelt hat? Was haben wir gelacht. Irgendwann um unseren 13. Geburtstag herum wurden die Lacher allerdings immer leiser. Unsere kindlichen Gehirne entwickelten sich zu feinfühligeren Teenager-Gehirnen. Uns wurde klar, dass die bewusst beleidigenden und anzüglichen Gags der Serie eigentlich ziemlich dumm und fad sind. Und von Quagmires übergriffigem Sexualverhalten will ich hier erst gar nicht anfangen. Wenn du zu alt bist, um dich zu deinen Eltern ins Bett zu kuscheln, dann bist du auch zu alt, um Family Guy lustig zu finden.
– River Donaghey

Lost

Serienfinale: Staffel 6 (Erstausstrahlung im Mai 2010)
Das perfekte Ende: Gute Frage, aber definitiv vor Staffel 6

J.J. Abrams Mystery-Drama Lost ist ein vielschichtiges Monstrum: Die Serie beinhaltet gefühlt 400 Schauspielerinnen und Schauspieler, es kommen Rauchmonster vor, und mysteriöse Menschen terrorisieren die Überlebenden eines Flugzeugabsturzes, die auf einer nicht ganz so verlassenen Insel festsitzen. Die verworrene Handlung endet schließlich mit der Enthüllung, dass sich alle Figuren die ganze Zeit vielleicht in einer Art Vorhölle befanden? Ich bin mir da selbst nicht so sicher.

Es ist schwer zu sagen, wo Abrams und die beiden Serienschöpfer Damon Lindeloff und Jeffrey Lieber mit der Story hin wollten, weil diese sich im Laufe der sechs Staffeln in eine Million verschiedene Richtungen verzweigt. Richtungen, die manchmal keinen Sinn ergeben. Am Ende ist das Ganze mit verschiedenen Zeitebenen, verqueren Gleichnissen und verrückten Figurenentwicklungen (John Locke ist also plötzlich das Rauchmonster?) so überladen, dass wir als Publikum kaum mehr hinterherkommen.

Wo hätte Lost nun am besten enden sollen? Das ist nicht leicht zu beantworten, weil wegen der Komplexität immer irgendwelche Handlungsstränge auf der Strecke bleiben würden. Sechs Staffeln sind aber auf jeden Fall zu viel. Eine weniger komplizierte Story hätte man auch in vier Staffeln erzählen können. Und wir hätten uns nicht fragen müssen, ob die Oceanic 6 nicht doch schon die ganze Zeit tot waren.
– Alex Zaragoza

Gilmore Girls

Serienfinale: Staffel 7 (ausgestrahlt im Mai 2007)
Das perfekte Ende: Irgendwann um Staffel 5 herum

Inzwischen ist das Serienfinale von Gilmore Girls unfreiwillig komisch. Stars Hollow veranstaltet eine Abschiedsparty für Rory, die aus der Kleinstadt weggeht, um über Barack Obamas Wahlkampf für die US-Präsidentschaftswahl 2008 zu berichten. Als Rorys Mutter und Großeltern wissen wollen, wie lange sie wegbleiben wird, antwortet sie, dass sie das nicht sagen könne – es komme ja darauf an, wie gut sich Barack schlägt. Nun ja, er hat sich ziemlich gut geschlagen. Aber eigentlich hätte es zu dieser Szene gar nicht kommen sollen, weil das Ende von Gilmore Girls zu dem Zeitpunkt schon längst überfällig war.

Gilmore Girls erreicht seinen qualitativen Höhepunkt in Staffel 2 und 3. Im Gegensatz zu anderen Serien dieser Art bleibt das Niveau auch dann noch recht hoch, als die Protagonistin mit dem Studium beginnt. Der Niedergang der Serie fängt irgendwo in der Mitte der fünften Staffel an. Die Spitze des Unspektakulären kommt dann in Staffel 7 – kein Wunder, denn nach fehlgeschlagenen Vertragsverhandlungen mit den Serienschöpfern wurde ein komplett neues Autoren- und Produzententeam angestellt. Versteht mich nicht falsch: Alle 153 Folgen von Gilmore Girls bedeuten mir sehr viel, ich werde sie mir bis ans Ende unserer Tage immer wieder anschauen. Es hätten trotzdem 53 weniger sein können.
– Marie Solis

House of Cards

Serienfinale: Staffel 6 (ausgestrahlt im November 2018)
Das perfekte Ende: Staffel 5

Noch bevor Netflix inmitten des Skandals um die Missbrauchsvorwürfe gegen Kevin Spacey das Ende von House of Cards verkündete, hätte die Serie besser gar nicht mehr laufen sollen. Im Verlauf der fünften Staffel geht es nämlich schon steil bergab.

Sofern man nicht total auf abgedrehte Verschwörungstheorien steht, ist die ganze Prämisse von House of Cards eigentlich sehr unglaubwürdig. Spacey als Politiker Frank Underwood, der US-Präsident wird und gleichzeitig Leute umbringt? Come on! Den Sprung vom ernsthaften Polit-Drama hin zur absurden Seifenoper macht House of Cards spätestens dann, als Claire Underwood ihren Liebhaber beim Sex tötet.

Trotzdem kommt es am Ende von Staffel 5 zur perfekten Schlussszene: Claire durchbricht die vierte Wand und sagt in die Kamera, dass sie jetzt an der Reihe sei. Und uns Zuschauern wird klar, dass sie eigentlich genauso machtgeil und erbarmungslos ist wie ihr Ehemann. Und mal ehrlich, nach den ganzen Manipulationen und Machtspielen wäre Claire als US-Präsidentin in unserer Vorstellung viel dramatischer und angsteinflößender gewesen, als sie das in Staffel 6 letztendlich ist.
– Bettina Makalintal

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