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Was man mit einer Magnetangel aus Berlins Kanälen fischen kann

Was nicht mehr gesehen werden darf oder verschwinden muss, landet oft im Wasser. Wir haben es wieder rausgeholt.

von Nils Hagemann; fotos von Henry Giggenbach
24 September 2019, 9:06am

Es ist ein mausgrauer Sommertag. Hin und wieder schleicht eine Brise über den ruhigen Landwehrkanal. Dann kräuselt sich das Wasser für einen Moment. Bewaffnet mit Seil und Magneten stehen wir an der Kaimauer. An uns vorbei ziehen Tourigruppen. Manchmal zeigen sie auf uns. Bleiben stehen. Zücken ihr Handy. Und flüstern irgendwas davon, wie alternativ und besonders Berlin doch ist. Unser XXL-Magnet am knallroten Seil scheint willkommenes Fotomotiv für Brückentagsberliner.

Mit einem Magneten im Fluss angeln und schauen, was dran hängen bleibt – mag vielleicht seltsam klingen. Dabei ist Magnetfischen längst ein Trend. Tausende von Videos auf YouTube zeigen Gestalten in Outdoor-Montur, die gespannt ihren Magneten aus dem Wasser ziehen. Die Beute: viel Müll. Aber manchmal werden Waffen, Fahrräder oder sogar Tresore aus den Gewässern gezogen. Immer wieder werden Granaten oder auch Bomben geborgen. Auch deshalb wird Magnetfischen nicht gerne gesehen, denn die rechtliche Lage ist unklar. Laut unserer Recherche ist es weder verboten noch erlaubt. Für uns ein Grund mehr, es auszuprobieren. Deshalb werfen wir den Magneten in die Spree, den Landwehrkanal und den Westhafen.

Kronkorken

Meist ziehen wir den Magneten aus dem süffig-brauen Wasser, ohne dass was dran hängt – bis auf massenweise Kronkorken. Wer Magnetfischen geht, braucht also Geduld – und abgehärtete Fingerspitzen. Wenn man die Kronkorken vom Magneten popelt, dann lernt man übrigens, dass auch Menschen, die Biozisch oder Vegalino trinken, ihre Kronenkorken ins Wasser werfen. Vergiss alle deine Vorurteile!

Kronkorken

Kleinkram

Unser Magnet kann, laut Bedienungsanleitung, 770 Kilogramm ziehen und zeichnet sich durch eine "Ni + Cu + Ni-Dreifachschicht" aus. Was das bedeutet? Keine Ahnung. Aber es reicht aus, um die Scheiße an die Oberfläche zu ziehen, die andere ins Wasser werfen. Von Bauschrott über Kleingeld bis hin zu einem Löffel. Die erhofften Schätze bleiben vorerst aus.

Löffel, Geld und Feuerzeug

Verstärker

Der erste große Fund: ein Verstärker. Relikt der Berliner Techno-Szene? Mit ihm ziehen wir eine Geschichte an die Wasser-Oberfläche. Wir fantasieren herum: Vielleicht wurde der DJ für den Gig seines Lebens gebucht, ist beim Vortrinken versackt und deshalb zu spät gekommen. Vielleicht hat er sein Equipment frustriert in den Landwehrkanal geworfen. Raven kann offenbar genau so frustrierend sein wie Magnetfischen.

Verstärker

Anker

Es platscht, als der Magnet erneut ins Wasser fliegt. Manchmal durchschneidet das Seil eine der glänzenden Öllachen, die auf dem Wasser schwimmen. Der nächste Fund: ein Anker. Wir ziehen das muschelbewachsene Metallgestell an die Oberfläche. Angefixt von unserem Schatz durchströmen uns Endorphine. Magnetfischen ist wie Glücksspiel. Man fühlt sich schlecht dabei. Es ist irgendwie eklig. Gewinnen tut man eigentlich auch nie. Und doch macht man weiter.

Anker

Fahrradschlösser

Wir hatten eigentlich gehofft, Kugeln, Schusswaffen oder zumindest Messer am Boden zu finden. Davon keine Spur. Dafür jede Menge geknackte Fahrradschlösser. Krimineller wird’s nicht. Vier Stück finden wir innerhalb kürzester Zeit.

geknacktes Fahrradschloss

Fahrrad

Irgendwann fischen wir dann auch das passende Fahrrad. Der Fund ist spektakulär. Noch spektakulärer ist es aber, das Fahrrad in die Redaktion zu bringen. Es riecht, wie Berlins Gewässer aussehen und hinterlässt eine matschige Spur auf den Straßen der Stadt. Wären wir Teilnehmer der Berliner Art-Week, würde sich wohl keiner wundern. Wir sind die Hauptattraktion in jeder U-Bahn, werden nach Fotos und der Geschichte hinter dem Fahrrad gefragt. Und wir? Wir wollen erzählen – von unserem neuen Hobby: Magnetfischen.

Fahrrad

Erst haben wir die Gestalten in Outdoor-Montur belächelt, die am Wochenende zum nächstbesten Kanal fahren und nach ihrem Glück angeln. Doch wir haben begonnen, sie zu verstehen. Wir haben verstanden, dass man beim Magnetfischen wohl nie wirkliche Reichtümer an die Oberfläche zieht. Dafür angelt man Geschichten.

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