Europa

Die Anatomie einer Rettung: Wir haben mit einem Seenotretter gesprochen, der Flüchtlinge aus dem Mittelmeer holt

"Das Verstörendste, was ich erlebe, sind Gruppen junger Frauen, die zu uns an Bord kommen. Sie scheinen auf den ersten Blick ganz normale Mädchen zu sein."

von Tess McClure
28 April 2017, 9:38am

Letztes Jahr haben die Vereinten Nationen etwa 5.000 Flüchtlinge und Migranten registriert, die bei der gefährlichen Mittelmeerüberquerung ertrunken sind. Diejenigen, die es lebend schaffen, tun dies in vielen Fällen nur, weil Rettungsschiffe ihre kaum seetauglichen Booten aufgreifen.

Shaun Cornelius ist Logistiker aus Neuseeland, der für die Organisation Ärzte ohne Grenzen auf der Aquarius, einem solchen Rettungsschiff, arbeitet und dafür vor Kurzem mit dem Friedenspreis der UNESCO ausgezeichnet wurde. 

VICE hat mit ihm gesprochen, während die Aquarius gerade auf der Fahrt von Sizilien in Richtung libyscher Küste war. Dort wird das Schiff in den nächsten Wochen vor libyschen Gewässern kreuzen und das Meer nach Schlauchbooten und umgebauten Fischkuttern absuchen, die Tausende Flüchtlinge übers Meer nach Europa fahren.

Allein dieses Jahr hat die Aquarius bereits 5.353 Menschen gerettet, darunter fast 100 schwangere Frauen, 1.100 Minderjährige, 98 Prozent von ihnen unbegleitet, und 60 Kinder unter fünf Jahren. Sogar ein Baby kam an Bord des Schiffes zur Welt.


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VICE: Kannst du uns erklären, wie so eine Rettung normalerweise abläuft?
Shaun Cornelius:
Die Wahrscheinlichkeit, ein Boot zu entdecken, ist am frühen Morgen besonders hoch, weil die Schlepper in Libyen fast immer im Schutz der Dunkelheit gegen Mitternacht oder den frühen Morgenstunden ablegen. 

So laufen sie am wenigsten Gefahr, von der libyschen Küstenwache entdeckt zu werden. Mit etwas Glück erreichen sie fünf bis sechs Stunden später internationale Gewässer, wo dann eine Chance besteht, dass wir oder ein anderes Schiff sie entdecken.

Wenn das passiert, lassen wir zwei Schnellboote zu Wasser. Die fahren mit einer Crew zu dem Boot in Seenot. Das sind meistens Schlauchboote, manchmal aber auch alte, umgebaute Fischkutter aus Holz. In den Schlauchbooten sitzen typischerweise zwischen 100 und 140 Menschen, in den Holzbooten bis zu 700.

"Solange sie keine Schwimmwesten anhaben, sind sie sehr verletzlich. Die meisten können nicht schwimmen und ertrinken sehr schnell, wenn sie im Wasser landen."

180 Menschen wurden aus diesem Boot gerettet | Foto: André Liohn

In was für einem Zustand befinden sich die Menschen, wenn ihr sie erreicht?
Die Boote sind in der Regel in einem sehr schlechten Zustand, kaum seetauglich und liegen so tief im Wasser, dass die Wellen hineinschwappen. Sie sind voller Wasser und die Menschen darin dermaßen dicht gedrängt, dass man es sich kaum vorstellen kann.

Offiziell sind diese Boote vielleicht für 40 oder 50 Menschen ausgelegt, wenn wir sie aufgreifen, beherbergen sie aber in der Regel das Dreifache. Die meisten Menschen sind sehr verstört und traumatisiert. Sie haben vier oder fünf Stunden in einem Boot gesessen, das jeden Augenblick zu sinken droht.

Es ist immer etwas heikel, wenn sie uns kommen sehen. Das Letzte, was wir wollen, ist, dass alle auf eine Seite rennen und das Boot dann vollläuft oder kentert. Unser Rettungsboot nähert sich also, indem es das Flüchtlingsboot umkreist. Wir haben Mediatoren an Bord – Leute, die mehrere Sprachen sprechen – und die sagen den Menschen, dass sie sich beruhigen müssen, erklären, was passiert, und versichern ihnen, dass sie in Sicherheit sind. Sobald alle einen stabilen Eindruck machen, fährt eins unserer Boote näher ran und ein Sanitäter versucht, sich ein Bild vom Zustand der Menschen zu machen. 

Er sucht nach besonders gefährdeten Personen, kleinen Kindern, Babys, schwangeren Frauen, Verletzten oder Bewusstlosen. Der nächste Schritt ist, alle mit Rettungswesten auszustatten. Solange sie keine Schwimmwesten anhaben, sind sie sehr verletzlich. Die meisten können nicht schwimmen und ertrinken sehr schnell, wenn sie im Wasser landen. Sobald alle eine Rettungsweste anhaben, werden die Menschen – die besonders gefährdeten Personen zuerst – in die Rettungsboote geholt und nach und nach zur Aquarius gebracht.

"Sie sitzen oft unten im Boot bis zur Hüfte im Meerwasser. Treibstoff läuft aus und verteilt sich im Wasser. Die Menschen sitzen also in diesem Benzin-Meerwasser-Gemisch, wodurch sich ihre Haut ablöst."

Newman Otas kam an Bord der Aquarius zur Welt. Seine Mutter Faith erinnert sich: "Ich war sehr gestresst in dem Schlauchboot. Ich saß mit den anderen Frauen und Kindern auf dem Boden und hatte Panik, dass jeden Moment die Geburtswehen einsetzen. Ich konnte fühlen, wie mein Baby sich bewegt. Er ging runter und wieder hoch. Ich hatte schon seit drei Tagen Wehen." Foto: Alva White

Und was passiert als Nächstes?
Sie kommen an Deck und ziehen ihre Rettungswesten aus. Dabei werden sie meistens von Menschen unterstützt, weil sie noch sehr zittrig auf den Beinen sind. Schließlich waren sie mehrere Stunden auf dem Boot zusammengepfercht. Sie können kaum stehen. Viele sind schwer seekrank, vielleicht sogar von den Benzindämpfen vergiftet. Sie sind verletzt und emotional sehr verstört.

Oft haben sie Benzin-Verätzungen. Vor allem Frauen und Kinder sitzen in der Mitte des Bootes auf dem Boden. Diese Boote laufen eigentlich immer mit Wasser voll und so sitzen sie unten im Boot bis zur Hüfte im Meerwasser. Der Treibstoff wird auf diesen Schiffen in Plastikkanistern mitgeführt – Plastikkanistern der billigsten Sorte. Die haben oft noch nicht mal einen Deckel und nur einen Lappen. 

Benzin geht beim Tanken daneben oder leckt aus den Kanistern. Es verteilt sich im Wasser und die Menschen sitzen in diesem Meerwasser-Benzin-Gemisch, wodurch sich ihre Haut ablöst. Die Leute bekommen davon schlimme chemische Verbrennungen. Also duschen wir die Menschen, die an Bord kommen, und waschen das Benzin ab.

Eine Ärztin kümmert sich um einen Mann aus dem Senegal | Foto: André Liohn

Es kommt regelmäßig vor, dass wir gerade ein Boot gerettet haben und sofort zum nächsten gerufen werden – oder wir entdecken gleich zwei Boote auf einmal. Da kann es auf Deck schon drunter und drüber zugehen: Menschen kommen an und werden behandelt, die Ärzte arbeiten auf Hochtouren. In solchen Fällen haben wir Probleme, genug Platz für alle an Bord zu finden.

Die Aquarius ist ursprünglich als Vermessungsschiff gebaut worden und je nach Belegung für 50 bis 80 Besatzungsmitglieder ausgelegt. Das ist die Unterbringung für die Crew. Wir bringen die Menschen aber sonst auch überall auf dem Schiff unter, wo wir Platz finden. An Deck gibt es kleinere Gruppen. Wenn es voller wird, müssen wir diese Gruppen woanders hinbringen oder noch mehr Menschen dazusetzen. Viele dieser Orte sind allerdings ungeschützt und so kann es ziemlich kompliziert werden, wenn wir in raue See geraten. 

Sobald wir Menschen an Bord haben, gibt es kaum Ruhe. Alle arbeiten dann 24 Stunden am Tag mit kleinen Pausen. Das bleibt so, bis wir den Hafen erreichen.

Flüchtlinge lesen am Deck der Aquarius. Insgesamt sind zu diesem Zeitpunkt etwa 720 Menschen an Bord | Foto: Fabian Mondl

Habt ihr jemals volle Kapazität erreicht? Musstet ihr schon Menschen zurücklassen?
Wir waren schon kurz davor. Als ich auf dem Schiff war, war unser Maximum etwa 700 Menschen. Für mich war das extrem voll. Es gab kaum genug Platz dafür, dass sich irgendjemand zum Schlafen hinlegen konnte. Die Menschen sitzen mit angewinkelten Knien auf dem Boden oder stehen. Das ist für einen begrenzten Zeitraum OK, aber sie sind erschöpft von ihren Strapazen und wollen sich hinlegen und schlafen. Wenn du ein paar Tage auf dem Meer bist, ist das extrem hart. 

Anfang des Jahres, da war ich allerdings nicht dabei, hatten sie fast 1.000 Menschen auf dem Schiff. Ich kann mir das kaum vorstellen. Sie hatten mehrere Rettungseinsätze absolviert und es gab keine andere Möglichkeit, als die Menschen einzusammeln und sie zu versorgen. Die einzige Alternative wäre gewesen, die Menschen auf den Booten sich selbst zu überlassen. Das war das absolute Limit und bei so einer Menge wird es auch gefährlich. Die Menschen sind so eng zusammengepfercht, dass es unmöglich ist, jemanden zu erreichen oder sich überhaupt zu bewegen.

Andere Rettungsschiffe sind über Ostern tatsächlich in so eine Situation geraten. Sie waren bis an ihre Kapazitäten gefüllt und haben weitere Schlauchboote entdeckt, deren Passagiere sie nicht mehr an Bord nehmen konnten. Verstärkung war nicht in Sicht, also mussten sie an Ort und Stelle bleiben. Ein Schiff hatte fünf Schlauchboote um sich, ein anderes sieben. Sie haben Notrufe abgegeben und schließlich sind andere Schiffe in das Gebiet gekommen. Aber es war eine sehr heikle Situation. Das Wetter wurde zunehmend schlechter.

Flüchtlinge im frühen Morgenlicht, als etwa 720 Gerettete auf der Aquarius in Richtung Italien fahren | Foto: Fabian Mondl

Was hat dich persönlich besonders bewegt?
Das wohl Verstörendste, was ich auf dem Schiff erlebe, sind die Gruppen junger Frauen, die zu uns an Bord kommen. Wir haben das oft – vor allem junge Frauen aus Nigeria. Sie scheinen auf den ersten Blick ganz normale Mädchen zu sein: recht glückliche, normale Teenager. Sobald wir aber anfangen, mit ihnen zu reden, sich unsere Mediatoren mit ihnen unterhalten und ihre Geschichten erfahren, entfaltet sich diese ganze Tragödie um den Menschenhandel junger Frauen.

Sie werden in Nigeria verführt und rekrutiert. Ihnen wird gesagt, dass sie nach Europa gehen und dort arbeiten können, um Geld zurück zu ihren Familien zu schicken. Ihre Familien werden genau so belogen. Oft sammeln sie Geld bei Verwandten und Nachbarn und machen Schulden, um ihre Kinder nach Europa schicken zu können. 

Sobald sie Nigeria verlassen, werden die Mädchen zu Opfern, die von einer Gruppe Menschenhändler zur anderen verkauft werden. Dabei werden sie mit weiteren Schulden belastet, die sie überallhin mitverfolgen. Irgendwann kommen sie in Europa mit Telefonnummern an, über die sie Komplizen der Schmuggler kontaktieren. Sie glauben, dass sie Arbeit bekommen, aber sie haben einen riesigen Berg Schulden. Ihnen bleibt keine andere Möglichkeit, als sich zu prostituieren.

Ein ganzes Netzwerk aus Mechanismen hält diese Frauen in Schach: Gewaltandrohungen gegen sie und ihre Familien sowie die eigene Scham über das Geschehene. Oft werden sie vergewaltigt und missbraucht, wovon es in manchen Fällen Videoaufnahmen gibt, die dann wiederum dazu verwendet werden, ihnen und ihren Familien zu schaden und noch mehr Geld aus ihnen herauszupressen. 

Manche sind im Griff nigerianischer Voodoopraktiken. Sie haben Blutsverbindungen zu ihren Aufpassern aufgezwungen bekommen und glauben fest daran, dass es Konsequenzen für ihre Familien haben wird, wenn sie sich gegen ihre Peiniger stellen. Ärzte ohne Grenzen gibt sich große Mühe, diese Frauen zu identifizieren, ihr Selbstbewusstsein wieder aufzubauen und ihre Geschichten zu verstehen. Dann stellen sie Möglichkeiten bereit, wie sie sich aus diesem Netz wieder befreien können.

Foto: André Liohn

Die Rettungsaktionen sind im Laufe des Jahres stark von der Politik instrumentalisiert worden. Manche raten von solchen Missionen ab, weil sie die Menschen dazu ermutigen würden, in unsicheren Booten aufzubrechen. Wie seht ihr das?
Ja, das ist eine schwierige Frage. Es ist aber nun mal so, dass Migration seit Jahrhunderten, vielleicht sogar Jahrtausenden, über das Mittelmeer stattfindet. Das hier ist nur die aktuellste Ausprägung davon. Gefördert wird das Ganze durch den Zusammenbruch von Recht und Ordnung in Libyen. Dort gibt es keine Grenzkontrollen mehr und das Land wird von kriminellen Gruppen und korrupten Regierungsorganisationen kontrolliert, die von Schmugglerbanden bestochen werden. 

Sie haben eine Art Fluchtautobahn durch das Land geschaffen und drängen die Menschen hinaus aufs Mittelmeer. Den Schleppern ist relativ egal, ob die Menschen es wirklich nach Europa schaffen. Es geht ihnen vor allem ums Geld. Also klar, die Tatsache, dass es da draußen Schiffe gibt, die die Menschen einsammeln, hat vielleicht einen gewissen Einfluss auf die Menge. Die Realität sieht aber nunmal so aus: Wenn es keine NGOs zur Seenotrettung geben würde, würden immer noch viele Menschen die Überfahrt wagen und die Zahl der Toten wäre astronomisch. Es wäre schrecklich.

Victor – der Vater von Newman Otas, der auf dem Schiff zur Welt kam | Foto: Alva White

*Die Aquarius wird von SOS Mediterranee in Partnerschaft mit Ärzte ohne Grenzen gechartert – SOS ist für die Rettungen und Ärzte ohne Grenzen für die medizinische Versorgung verantwortlich.

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