Warum Menschen Mitleid mit dem Serienmörder und Kannibalen Jeffrey Dahmer haben

Er ermordete 17 Männer und aß sie teilweise. Trotzdem wollen viele das Gute in ihm sehen.

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Feb. 18 2017, 5:00am

Vor 25 Jahren verurteilte ein Gericht "den Kannibalen von Milwaukee", Jeffrey Dahmer, zu 957 Jahren Haft.

Dahmer ermordete zwischen 1978 und 1991 mindestens 17 junge Männer. Viele seiner Opfer waren Afroamerikaner oder Latinos. Er traf die meisten in und um Schwulenbars. Zu Hause verabreichte er ihnen Drogen und erdrosselte sie, nachdem sie das Bewusstsein verloren. Er verging sich an den Leichen, zerstückelte sie, verspeiste sie teilweise und fotografierte alles. Dahmer sagte, sein einziges Motiv sei es gewesen, "die totale Kontrolle über einen Menschen zu haben" und "ihn so lange wie möglich bei mir zu behalten".

1991 versuchte er, einem seiner Opfer Salzsäure durch ein Loch in den Kopf zu gießen. Er sagte, er habe einen Sklaven erschaffen wollen.

Und dennoch: In einem Forum fragt einer: "Warum tut mir Jeffrey Dahmer leid?". Ein anderer will wissen: "Ist es falsch, dass er mir so leid tut?" In den Kommentaren unter Dokus und Artikeln häufen sich die Fragen, ob es anderen genauso geht. Und die Antwort lautet in überraschend vielen Fällen: Ja. Trotz der Gräueltaten ist Dahmer für viele eine liebenswürdige Figur. Darunter "Fans", die dem Serienmörder ganze Blogs widmen. Aber auch Anwälte, Psychologen, Ärzte und Autoren, die über seine Verbrechen schreiben.

Nur warum?

"Er lässt sich leicht romantisieren, weil er sich wirklich Liebe und Nähe wünschte."

Verstärkt wurde das Mitgefühl für Dahmer, als der Zeichner Derf Backderf 2012 die Graphic Novel My Friend Dahmer veröffentlichte. Backderf kannte Dahmer in der Highschool und beschreibt, wie er im Laufe der Freundschaft die dunkleren Seiten seiner Persönlichkeit bemerkte. Dazu gehörten sein Alkoholmissbrauch und seine Neigung, mit toten Tieren zu spielen. Das Buch verherrlicht Dahmers Verbrechen nicht, doch es stellt den Kannibalen als Opfer dar, als Produkt seiner Umgebung. Backderf sagt: "Dahmer war eine tragische Figur, doch das gilt nur bis zu dem Augenblick, in dem er mordete."

Dahmer wurde nicht erst im Nachhinein verklärt. Samuel Friedman, ein Psychologe, der in Dahmers Prozess als Zeuge geladen war, sagte über ihn, er sei ein "liebenswürdiger, ein angenehmer Zeitgenosse, höflich, humorvoll, konventionell gutaussehend und von charmantem Benehmen. Er war und ist noch immer ein intelligenter junger Mann." Der Psychologe sagte, eine "Sehnsucht nach Gesellschaft trieb Dahmer dazu zu morden". In seinem Gutachten bemerkte der Psychiater George Palermo: "So seltsam wie das klingt, ist er kein so schlechter Mensch."

Jeffrey Dahmer war schüchtern und vor Gericht zeigte er sich reuig. Während des Prozesses sagte er: "Ich fühle mich furchtbar wegen dem, was ich diesen armen Familien angetan habe, und verstehe ihren gerechtfertigten Hass. Ich habe ihre Tränen gesehen, und wenn ich mein Leben geben könnte, um ihre Angehörigen zurückzuholen, würde ich es tun."

Er sagte, er wünsche sich zwar den Tod, sehe den Prozess aber als Chance, etwas über die Gründe für seine Verbrechen zu lernen. "Ich wusste, dass ich krank oder böse bin. Jetzt denke ich, dass ich krank bin", sagte er, nachdem drei Experten psychologische Gutachten vorgelegt hatten.

Beobachter des Prozesses glaubten, dass Dahmer nicht einmal zum Tatzeitpunkt Freude aus seinen Verbrechen zog. "Die meisten Serienkiller genießen es, ihren Opfern Schmerzen zuzufügen und sie zu erniedrigen. Im Vergleich dazu ist er ein 'sanfterer' Serienmörder", sagt Abigail Strubel, klinische Sozialarbeiterin. Sie hat eine Studie über mögliche Diagnosen und Behandlungsmethoden für Dahmer verfasst. 

"Ich habe ein bisschen Mitgefühl für ihn, weil er so eine geschädigte, geschrumpfte Person war", sagt sie. "Schon in sehr jungen Jahren wurde deutlich, dass er anders war. Er scheint ungemeine Angstgefühle erlebt zu haben. Er wünschte sich so sehr einen Gefährten, mit dem er eine Verbindung eingehen konnte, doch das schaffte er nicht."

Auch wenn aus seiner Sicht sein idealer Gefährte ein Mensch war, der weder selbstständig denken noch sich bewegen konnte. Die Morde, so Strubel, seien ein Mittel zum Zweck gewesen. "Er war kein Sadist. Ich denke, er lässt sich leicht romantisieren, weil er sich wirklich Liebe und Nähe wünschte. Nur unternahm er einfach einige sehr seltsame Schritte, um dies zu finden."

"Dahmer ermordete 17 Menschen und aß manche von ihnen. Egal, in welches Licht man das rückt – es gibt wohl Millionen einsame Menschen da draußen, die so etwas nicht tun."

Natürlich gibt es auch viele Menschen, denen Dahmer nicht leidtut. Die Psychologin Joan Ullman verfolgte die Gerichtsverhandlung zu Dahmers geistiger Zurechnungsfähigkeit. Anschließend schrieb sie in einem Artikel: "Was ich immer wieder von den Anwälten und forensischen Experten hörte, waren Wörter wie 'Heilung' und 'Verständnis'. Das endlose Gerede über Dahmers tiefgreifende psychische Krankheit, seine Therapiebedürfnisse und Prognosen, ließen seine Morde auf mich fast schon nebensächlich wirken. [...] Geschworene sagten, sie hätten ein neues Verständnis psychischer Krankheit entwickelt und so erkannt, dass Dahmer eine Person mit Problemen sei, die Therapie brauche."

Tony Blockley, Dozent für Verbrechensaufklärung an der University of Derby, hat auch nicht so viel Verständnis. "Dahmer ermordete 17 Menschen und aß manche von ihnen. Egal, in welches Licht man das rückt – es gibt wohl Millionen einsame Menschen da draußen, die so etwas nicht tun", so Blockley. "Er sagte, es täte ihm leid, aber taten ihm die Verbrechen leid, oder nur, dass er erwischt wurde?"

Dahmer wählte seine Opfer mit Vorsicht und Bedacht aus. In vielen Fällen ging er sehr weit, um die Leichen zu konservieren. "Das weist auf einen kalkulierenden Geist hin, nicht? Sich aus praktischen Gründen bestimmte Opfer aussuchen, das macht niemand, der so schwer psychisch krank ist, dass er nicht mehr klar denken kann."

Und er hat Recht: Die Dahmer-Apologeten haben keine guten Argumente. Strubel fasst zusammen: "Jeffrey Dahmer mag nicht so dämonisch oder bedrohlich wirken wie andere Serienmörder, aber viele seiner Taten waren extrem abscheulich. Das begrenzt, wie viel Mitgefühl ich für ihn aufbringen kann. Sympathische Eigenschaften sind keine Entschuldigung für die Morde und andere bizarren Verbrechen."

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