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weltfrauentag

Fragen, die das SRF3-Facebook-Video zum Weltfrauentag aufwirft

Danke fürs Putzen und Kochen: Im SRF3-Studio scheinen noch nicht alle Männer ganz verstanden zu haben, worum es beim Weltfrauentag geht.

von Philippe Stalder
08 März 2017, 5:10pm

Ach, es hätte doch so schön sein können. Denn die Idee war gar nicht mal so schlecht: Anlässlich zum Weltfrauentag sollten männliche SRF3-Kollegen in einem kurzen Facebook-Video den Frauen in ihrem Leben "Danke!" sagen. Nur, wofür man sich bei einer Person bedankt, hängt halt stark davon ab, in welcher Rolle man diese Person wahrnimmt. Eine Danksagung erlaubt somit einen tieferen Einblick in das Weltbild des Absenders. Aus dem Video geht hervor, dass viele der männlichen SRF3-Macher ein mehr als nur leicht verstaubtes Weltbild haben: Es ist sogar so verstaubt, dass wir erst dachten, beim Video handle es sich um einen schlechten Witz. Doch wie uns SRF3-Frau und Produzentin des Videos, Gina Schuler, auf Anfrage mitteilte, ist das Video tatsächlich ernst gemeint. Schauen wir uns also einmal an, wie die Männer aus dem SRF3-Studio auf die Welt und die Frauen blicken, die darauf leben:

Hat sich Stefan Büsser lauthals über den Bachelor lustig gemacht, weil der Moderator insgeheim ein hoffnungsloser Romantiker ist?

Büsser bedankt sich am Weltfrauentag bei seiner Partnerin, die es offenbar nicht immer leicht hat mit ihm:

"Danke, dass du mich seit Jahren aushältst und mich so nimmst, wie ich bin. Denn ganz ehrlich, ich will mich selber nicht."

Es kommt zu selten vor, dass sich Büsser von seiner romantischen Seite zeigt. Normalerweise zieht er eher öffentlich über Leute her, die in Formaten wie Der Bachelor versuchen, sich als Romantiker zu inszenieren. In diesem Video gewährt er uns nun einen exklusiven Einblick in sein emotionales Innenleben. Es zeugt von tiefen Dankbarkeitsgefühlen seiner Partnerin gegenüber, die offenbar aus einer gewissen Selbstablehnung resultieren. Das klingt relativ normal-neurotisch und eigentlich ganz lieb, auch wenn er damit natürlich nicht wirklich eine unabhängige Qualität einer Frau beschreibt. Die Frage, die aber wirklich hängen bleibt: Hat er sich nur über den Bachelor lustig gemacht, weil er als echter Vollblutromatiker die in der Reality Show zur Schau gestellte Pseudoromantik verabscheut? 

Braucht es ausgerechnet einen sympathischen ;Bündner mit beneidenswertem Lächeln, um den SRF3-Männern zu zeigen, wie Gleichberechtigung geht?

Fabio Nay bedankt sich in breitem Bündnerdialekt als einziger Mitarbeiter bei einer Frau für eine nicht-klischierte Eigenschaft, nämlich ihren Mut, den sie zudem noch aus einer Chefposition heraus demonstriert:

"Danke, dass du damals den Mut hattest, junge wilde mit Kreativität überbordende Leute einzustellen, unter anderem Vögel, wie mich."

Für alle, die es noch nicht verstanden haben sollten: Beim Weltfrauentag geht es genau darum, dass Frauen in der Gesellschaft ohne Aufsehen Positionen und Freiheiten zugestanden werden, die eben nicht den traditionellen Rollenbildern entsprechen, welche das Patriarchat für die Frau vorgesehen hat. So bedankt sich Nay bei seiner Chefin, die er mit dem Prädikat mutig bezeichnet, für den Job. Der Moderator sollte allen folgenden Männern als Vorbild dienen. Schade nur, braucht es ausgerechnet einen Bündner, um den Flächländern Feminismus zu erklären. Als gäbe es beim SRF nicht schon genug Bündner, die alles besser wissen und können. Und zudem dann auch noch im sympathischsten Dialekt der Schweiz. 

Bedankt sich Bernhard Schär bei seiner Frau, oder bei der Köchin aus der SRF-Kantine?

Auch der Sportreporter Bernhard Schär findet anlässlich des Weltfrauentags klare Worte:

"Ich danke dir unendlich, für die absolut weltbeste Salatsauce, die du immer machst. Und die beste Zwetschgen-Wähe, die es gibt."

Vermutlich ist das Dankeschön ja lieb gemeint, aber der gute alte Schär ist mit seiner kulinarischen Vorliebe für Backwaren das perfekte Beispiel dafür, weshalb der Kampf um die Gleichberechtigung der Geschlechter und für die Überwindung klassischer Rollenbilder auch 2017 noch bitter nötig ist. Der Moderator ist allem Anschein nach in einer Welt gross geworden, in der man Frauen zum Geburtstag noch Küchengeräte und Betty-Bossy-Bücher geschenkt hatte. Oder bedankt er sich etwa gar nicht bei seiner Frau, sondern bei der Köchin in der SRF-Kantine, die ihm manchmal heimlich einen Nachschlag gewährt? In diesem Fall wäre das natürlich ein durchaus angebrachtes Kompliment für die beruflichen Fähigkeiten einer Gastronomin und wir müssten uns bei Schär entschuldigen. Ansonsten: eine grosse Kochkelle Schande über sein Haupt!

Läuft Emanuel Neubacher erst nicht mehr tagelang in denselben Socken rum, seit er eine Freundin hat?

Nicht nur ältere Mitarbeiter leiden bei SRF3 an den Wahnvorstellungen traditioneller Rollenbilder. So bedankt sich der Produzent Emanuel Neubacher bei der wichtigsten Frau in seinem Leben für einen hilfreichen Waschtipp:

"Danke, dass du mir beigebracht hast, dass ich meine Socken nicht fünf Tage tragen kann. Sondern maximal einen Tag."

Wir hoffen schwer, dass sich Neubacher hier retrospektiv bei seiner Mutter und nicht bei seiner Partnerin bedankt. Schliesslich waren wir alle mal in der Phase, in der wir die Zähne nicht putzen und die Haare nicht waschen wollten. Und ja, wir sind unseren Müttern und Vätern dankbar, dass sie dem unhygienischen Treiben ein Ende bereitet haben - die meisten von uns haben diese Phase mit dem Abhängen unserer Kelly-Family-Poster beendet. Und egal ob Mann oder Frau, wir sind nun einigermassen stubenrein. Aber die brennende Frage ist hier eine völlig andere: Wie macht man das eigentlich, wenn man Socken fünf Tage lang trägt? Jeden Tag auf die andere Seite drehen? Nach zweieinhalb Tagen? In der Mittagspause? Vor oder nach dem Essen? Fragen über Fragen.

Was genau treibt Manu Rothmund im Bad, dass es jeden Tag geputzt werden muss?

Auch der Moderator Manu Rothmund bedankt sich am Weltfrauentag für einen Alltime-Sexismus-Classic:

"Ich will dir ganz fest dafür danken, dass du mir praktisch jeden Tag sagst, dass ich das Bad putzen soll. Aber du es dann trotzdem selber machst."

Man könnte sich fragen, wieso Rothmund im Jahr 2017 das Putzen noch immer einer Frau überlässt. Hat er etwa Angst vor glatten Oberflächen? Ausserdem stellt sich hier die Frage, was Rothmund in seinem Bad anstellt, dass es jeden Tag geputzt werden muss. Vielmehr ist dieses Zitat jedoch Lehrstück, wie institutionalisierter Sexismus in unserer Gesellschaft funktioniert: Der Mann vermeidet es, traditionelle Frauenarbeiten zu verrichten, weil er davon ausgeht, dass die Frau die Arbeit früher oder später dann doch selber macht. Solange den Frauen die Konfrontation zu dumm ist und sie diese Arbeiten übernehmen, wird sich daran leider wohl auch nichts allzu schnell ändern.

Weiss Laszlo Schneider nicht, dass auch Frauen gerne Action-Filme schauen?

Online-Redaktor Laszlo Schneider wollte die angesprochene Frau in seiner Danksagung wohl für ein aus seiner Sicht sehr progressives Verhalten rühmen. Doch auch er ist dabei ins Sexismus-Fettnäpfchen getreten:

"Danke, dass du alle Fast and the Furious mit mir geschaut hast. Dreimal."

Schneider bedankt sich bei seiner Partnerin, dass sie mit ihm mehrmals eine Actionfilm-Reihe, in der es um Autos geht, angeschaut hat. Nicht dafür, dass sie den Film unter cleverer Verwendung von VPN-Diensten ohne das Hinterlassen von digitalen Spuren heruntergeladen hatte, oder dass er mit ihr seine Lieblingsdialoge aus der miserablen Filmreihe nachsprechen kann. Nein. Nur, dass sie als Frau diese Filme mit ihm geschaut hat. Kann ja sein, dass sie wirklich nicht auf Actionfilme steht, aber wir würden jetzt mal gewagt die These in den Raum stellen, dass jede Frau Eigenschaften oder Fähigkeiten hat, für die man sich bedanken kann, die nicht das Überwinden ihrer angeblichen Klischee-Weiblichkeit sind. 

Wir fassen zusammen: Vier von sechs Männern bedanken sich am Weltfrauentag bei den Frauen in ihrem Leben für Tätigkeiten, die den sexistischen Klischees Kochen, Putzen, Waschen und keine-Action-Filme-mögen entsprechen. Ein anderer Mann bedankt sich dafür, dass seine Partnerin ihn noch nicht verlassen hat, obwohl er das selber schon längstens getan hätte. Doch es besteht Hoffnung: Ein Bündner bedankt sich modern und mit sympathischem Dialekt und Lachen im Gesicht bei einer Frau, die er ganz offensichtlich als Vorgesetzte schätzt. 

Auf die Frage, wie sie die Männer als Mitarbeiter erlebt, antwortet Gina Schuler, die Produzentin des Videos, auf Anfrage aber: "Bisher erlebe ich die SRF-Männerschaft als sehr emanzipiert", und fügt mit einem Augenzwinkern an: "Ich kann aber aufgrund der Grösse des Betriebs und meines erst kurzen Anstellungsverhältnis noch keine allgemeingültige Studienergebnisse liefern." Auch wir wollen den SRF3-Kollegen bei den einzelnen Aussagen keinesfalls schlechte oder misogyne Absichten oder Gedanken unterstellen, aber in seiner Gesamtheit ist dieses Video der ultimative Beweis dafür, warum es auch 2017 unabdingbar ist, sich für eine gleichberechtigte Stellung der Frau in der Gesellschaft einzusetzen. Auch dankbarer - oder sogar "lieber" - Sexismus ist am Ende Sexismus.

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