Geschlechterrollen

Was ich bei einer Männer-Konferenz über Männlichkeit gelernt habe

"Ich fühle mich nicht männlich", sagt Moritz, 21. "Ich habe überhaupt keine Ahnung, wer ich bin."

von Fabian Herriger
18 Mai 2017, 1:33pm

Titelfoto: Alle Fotos vom Autor

"Willst du eine Umarmung?", fragt ein blonder Typ Mitte zwanzig und breitet seine Arme aus. Jeder Mann, der an diesem Samstagmorgen die Stahltreppe zum "Loewe Saal" eines alten Fabrikgebäudes erklimmt, darf sich zur Begrüßung an die fremde Brust eines "Umarmers" schmiegen.

Ende des 19. Jahrhunderts schweißten und schmiedeten in der Fabrik in Berlin-Charlottenburg Männer Dampfmaschinen und Gewehre, verdienten Geld, um ihre Familie zu ernähren. Die 300 Männer, die heute die Räume betreten, sind befreit von der Rolle des Alleinernährers – und doch verunsichert von der Rolle, die sie im Jahr 2017 denken erfüllen zu müssen. Sie kommen hier her, um auf einer zweitägigen Konferenz Antworten zu finden, zum Thema Mann Sein. Ein Treffen, bei dem es darum geht, herauszufinden, was es heute bedeutet, einen Penis zu haben.

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Doch hier sind keine Tim-Wiese-Doubles, die um die Wette Holz hacken und Steaks grillen; keine Maskulinisten, die mit schlechten PowerPoint-Präsentationen die drohende Weltherrschaft der Feministinnen zu belegen versuchen. Bei Mann Sein versammeln sich Studenten, Schüler, Geschäftsmänner, Opas, Männer mit Bierbauch, oder mit dickem Bizeps. Heterosexuelle, Homosexuelle, Glückliche und Unglückliche. Sie eint, dass sie ihr biologisches Geschlecht nicht einfach so akzeptieren. Sie wollen es interpretieren.

Ein Bio-Café ist aufgebaut, es gibt auch einen Bücherstand mit Titeln wie "Die Heldenreise des Mannes" oder "Männlichkeit leben", einen Massagestuhl, Sportmatten und Dutzende Reihen blau-samtener Stühle vor einer Bühne. Vorträge und Workshops zu Männlichkeit führen von 10 bis 21 Uhr durch den Tag. Schon vor Beginn der Veranstaltung umarmen sich überall Männer lang und innig: "Wir wollen eine herzliche Gemeinschaft bilden, weil wir gespürt haben, dass es saugut tut", sagt der Veranstalter.

Warmmachen für den Tag

In einer der hinteren Reihen sitzt Moritz, 21 Jahre alt, zerzauste Locken, zerschlissene Jeans, angestellt bei einer Zeitarbeitsfirma. "Ich habe überhaupt keine Ahnung, wer ich bin", sagt er. Er verschränkt die Arme vor dem Bauch, seine Schultern hängen herab: "Ich suche nach meiner Identität." Und Männlichkeit sei eben ein Aspekt dieser Suche. Deswegen ist er alleine aus Mainz angereist, hat sich in einem Hotel in Ost-Berlin eingebucht und 149 Euro für die Männer-Konferenz bezahlt. "Ich bin in einem Frauenhaushalt aufgewachsen mit meiner Mutter, Schwester und Oma", sagt Moritz. "Mein Vater und Opa waren zwar physisch da, aber emotional abwesend." Der Zeitgeist seiner Familie sei 'Männer sind Schweine' gewesen, er durfte nicht mit Ritterburgen spielen, seine Mutter sei sehr besitzergreifend gewesen. "Ich fühle mich nicht männlich", sagt er.

Jetzt als Erwachsener will Moritz wissen, was es eigentlich heißt, männlich zu sein.


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Um Punkt 10 Uhr startet der Vortrags-Marathon. Zur Einstimmung sagt der Moderator im grauen Slim-Fit-Anzug: "Es ist scheißegal, ob die Dusche kalt oder warm läuft, wir sind alle richtig geil!" Die Männer brüllen aufgeputscht wie Spartaner in Hollywood-Filmen vor der Schlacht und recken die Fäuste in die Luft. Trotz der Umarmungen zu Beginn scheinen sie sich hier einig zu sein, dass sich Männer auch wie Männer verhalten sollten.

Dann aber gibt es wieder Liebe und Herzlichkeit: "Umarmt mal die Männer neben euch", fordert der Moderator alle im Saal auf. 300 Männer erheben sich von ihren Samtstühlen, umarmen sich und nuscheln: "Schön, dass du hier bist". Die Umarmungen dauern teils eine ganze Minute – mit Augen zu, Rückenstreicheln und innigem Seufzen. Niemand haut hier auf den Rücken seines Gegenübers ein, wie man es sonst oft bei sich umarmenden Männern sieht.

Zwei Männer bei einer Übung

Die ersten Redner sind sieben Männer aus einer WG, die davon erzählen, wie gut es tut "einfach mal die Hosen runterzulassen" und sich einander zu öffnen. Sie haben eine Übung für die Konferenzbesucher vorbereitet: "Stellt euch mal mit zwei Männern zusammen, sagt euren Namen, woher ihr kommt, und was eure größte Angst ist." Moritz sagt: "Ich habe Angst davor, Nähe zuzulassen." Christian, zwei Meter groß, blond, auch Anfang zwanzig, sagt: "Ich habe wegen einer Diagnose Angst, gelähmt und blind im Rollstuhl zu sitzen. Und ich habe Angst davor, Leute mit meiner Körpergröße zu überrumpeln."

Hier müssen die Männer keine Angst davor haben, als "schwul" abgestempelt zu werden, nur weil sie andere Männer zärtlich berühren. Einige legen während der Vorträge ihren Kopf auf die Schulter des Sitznachbarns.

Auf der Mann Sein sind Frauen zwar erlaubt – zwei Frauen haben sich auch in die Stuhlreihen verirrt – aber eigentlich geht es den Veranstaltern darum, eine reine Männer-Gemeinschaft zu kreieren. John Aigner, Organisator der Konferenz, sagt: "Wir haben die Erfahrung gemacht, dass Männer, wenn sie unter sich sind, weniger Konkurrenz und Unsicherheit empfinden." Bei der Mann Sein gehe es vor allem darum, sich auszutauschen, Vorbilder, Gleichgesinnte zu finden, die Männern im Alltag fehlen. "Geht mal herzlich miteinander um, erzählt eure Geschichten und lernt voneinander", beschreibt Aigner das Konzept.

John Aigner

Mit Frauenfeindlichkeit oder Antifeminismus habe das nichts zu tun, sagt er, sie seien "Gleichberechtigungsbefürworter". "Wir beschäftigen uns mit dem gesellschaftlichen Männerbild, sind da aber extrem undogmatisch", sagt Aigner. "Die Frauen haben mit der Frauenbewegung etwas gemacht, was die Männer noch nicht gemacht haben: Sie haben sich bewusst mit sich auseinandergesetzt und für sich gesorgt." Dazu wolle man mit der Männer-Konferenz anregen. Man sei also keine Gegenbewegung, sondern – wenn überhaupt – eine Parallelbewegung zum Feminismus.

Hinter der Mann Sein steht der Verein MALEvolution, den man, anders als die (antifeministischen) Maskulinisten, eher zur "mythopoetischen Männerbewegung" zählen könnte. Die Mythopoeten greifen für ihr Männerbild auf Archetypen, Mythen und Märchen zurück, so wie beispielsweise den "Eisenhans" von den Gebrüdern Grimm. In dem Märchen nimmt sich ein wilder, behaarter Mann eines jungen Prinzen an, um diesem seine ungezähmte, spontane und animalische Seite näherzubringen.

Der junge Mann lernt vom Älteren, was es bedeutet, Mann zu sein. Für Aigner definiert sich Männlichkeit durch "Präsenz und Verantwortung" und "das Stetige", das dem "Fluiden, Weiblichem Raum gibt, zu blühen und sich zu entfalten". Männlichkeit und Weiblichkeit sind für ihn zwei verschiedene Pole, die sich anziehen. Doch Aigner sagt auch, dass Männlichkeit extrem vielfältig sei. Und deswegen gehe es darum, "einverstanden zu sein, mit dem, was du selbst als Mann bist".

Zwei Männer ringen auf dem "Männerspielplatz"

Konkret erinnert das Voneinander-Lernen in der Fabriketage aber vor allem an Lebens- und Motivationscoaching, an Selbstoptimierung. Alle Vorträge drehen sich darum, besser zu werden. Nach der 7er-WG betritt ein Flirt-Coach die Bühne, um den Männern die goldenen Regeln des Datings nahezubringen, so wie "Investiere nur Zeit und Energie in Menschen, die 'Ja' zu dir sagen", oder "Aussehen ist nicht alles".

Der Flirt-Coach sagt, man könne keine Frau, die nicht auf einen steht, durch Tricks erobern. Aber man könne sich durch sein Verhalten allgemein attraktiver für Frauen machen, zum Beispiel durch "freche" Sprüche. Wenn eine Frau beim Abendessen aufstünde und ins Bad gehe, solle der Mann danach sagen: "Weißt du, mit dir kann ich mich nicht nur gut unterhalten. Als du gerade aufgestanden bist, habe ich auch gesehen, dass du einen sexy Hintern hast." Ein graumelierter Mittfünfziger in kurzärmligem Karohemd murmelt seinem Sitznachbarn mit Blick zum Flirt-Coach zu: "Der Typ ist wirklich cool."

Männer, die auf Burger warten

Während der Mittagspause wartet ein Burger-Truck im Hof, vor dem die Männer ins Gespräch kommen sollen. Auf Matten im Saal ringen Männer miteinander, mit einem Seil veranstalten sie ein Tauziehen. "Männerspielplatz" nennen sie das, eine "Erlebniskonferenz", zu der es gehöre, "den eigenen Körper zu erfahren".

Nach der Mittagspause tanzt ein Mann mit Locken und Hut einen "Haka" auf der Bühne – einen rituellen Tanz der Maori –, den man vom neuseeländischen Rugby-Team kennt. Die 300 Männer brüllen ihm nach: "Ka ora, ka ora, ka mate, ka mate", verschränken die Arme vor der Brust und stampfen auf den Boden. Sie gehen auf in der Masse, vergessen für ein paar Minuten ihre Ängste. Sie denken nicht. Sie brüllen einfach. Vielleicht geht es also gar nicht darum, Antworten zu finden, Flirttipps und Lebensweisheiten, sondern schlicht um einen kurzen Moment, in dem sie frei von Verunsicherung sein können – und wenn es ist, weil sie alle zusammen "Ka ora, ka ora, ka mate" schreien.

Männer-Gemeinschaft beim Haka-Tanz

Was nehmen Männer von der Mann Sein mit? Zumindest Moritz hat sein Ideal von Männlichkeit am Stand eines Männer-Vereins gefunden, im Logo des Vereins: ein griechischer Krieger mit Speer auf einem Herz. Kraft und Emotionalität. Das mache für ihn Männlichkeit aus. Und so will er selbst irgendwann einmal sein.

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