Hat Wikipedia ein Frauenproblem?

Nur 10 Prozent der Autoren auf Wikipedia sind Frauen. Femwiss findet das so schlimm, dass man jetzt Schreibateliers für Frauen anbietet.

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Mai 11 2015, 11:00am

Titelbild von Johann Dréo

90 Prozent der Einträge auf Wikipedia werden von Männern verfasst. Für die Wikipedia-Community ist das anscheinend ein ernsthaftes Problem. Deshalb organisierte Wikimedia Schweiz gemeinsam mit dem Verein Femwiss ein Schreibatelier mit Titel und Mission „Frauen für die Wikipedia". Ich bin zufällig auf die Veranstaltung gestossen und habe daran teilgenommen, da es mich interessiert, ob es tatsächlich Folgen hat, dass Wikipedia männerdominiert ist. Femwiss gibt es seit rund 30 Jahren und zählt inzwischen über 1000 Mitglieder. Der Verein ist unter anderem für die obligatorischen Gender-Studies-Ansätze deines Studienfachs verantwortlich.

Ich habe mich mit Vorstandsmitgliedern von Femwiss und einer Mitarbeiterin von Wikimedia Schweiz zusammengesetzt, um zu erfahren, ob es mich wirklich interessieren sollte, wer Wikipedia-Einträge schreibt.

Eine Wikipedia Schweiz-Vertreterin, Pegah, Muriel und Lilian, Foto von Nora Osagiobare

VICE: Warum braucht es mehr Frauen, die für Wikipedia schreiben?
Muriel (Mitarbeiterin Wikimedia CH): Es geht uns um die Diversität der Autorschaft und damit zusammenhängend auch um diejenige der Einträge. Die gesamte Wikipedia-Community, bis zur Basis ist sich dieses Problems bewusst und wir wollen etwas dagegen unternehmen. Die Gewinnung von weiblichen Autorinnen hat weltweit Priorität und es existieren schon Strategiepapiere, die von der Wikimedia Foundation und der weltweiten Community ausgearbeitet wurden. Bis jetzt hat aber noch niemand ein Geheimrezept gefunden und wir dachten uns, ein Schreibatelier ist bestimmt ein guter Ansatz.

Warum sind nur 10 Prozent der Autoren auf Wikipedia Frauen?
Pegah (Vorsitzende Femwiss): Ich denke, sie haben mehr Hemmungen, zu veröffentlichen als Männer, weil sie vielleicht denken, es sei eine zu technische Angelegenheit. Durch den Workshop erhoffen wir uns, ihre Hemmschwelle zu senken. Wikipedia ist ein Medium, auf das alle zugreifen können und deshalb ist es auch wichtig, dass alle repräsentiert sind.

Wie würde sich der Inhalt der Artikel ändern, wenn 50 Prozent der Autoren Frauen wären?
Muriel:
Wikimedia Deutschland hat vor kurzem eine Studie zu diesem Thema veröffentlicht. In dieser ist die Rede von einer inhaltlichen Unterrepräsentanz, man schreibt eher über Themen die einen betreffen. Es können so gewisse Stereotypen Einzug finden und Klischees vertreten werden. Wenn das Geschlechterverhältnis ausgeglichen wäre, gäbe es eine neutralere, diversere Wiedergabe von Wissen. Wir haben aber natürlich kein Problem damit, dass Männer schreiben. Im Gegenteil, wir sind äusserst dankbar dafür. Wir wollen lediglich, dass auch mehr Frauen mitmachen.
Pegah:
Man kann nicht fragen, was anders wäre, wenn 50 Prozent der Autoren Frauen wären, denn dann befänden wir uns in einer anderen Gesellschaft. Wenn Frauen dazu keinen Zugang haben, sind sie aus vielen Lebensbereichen ausgeschlossen.

Verwendet ihr auch eine „Frauensprache"?
Muriel: Wir verwenden die enzyklopädische Sprache, egal zu welchem Thema. Eines unserer Grundprinzipien ist der neutrale Standpunkt. Wikipedia ist kein Ort für Theoriefindung. Ich sage nicht, dass das unumstritten ist aber es ist einfach nicht das passende Medium. Zur Zeit ist es so, dass die ehrenamtliche Wikipedia-Autorschaft die Nutzung des generischen Maskulinums befürwortet. Wir wollen nicht unterschwellig andere Weltanschauungen vermitteln.
Lilian (Femwiss): Es gibt eine Alternative zum generischen Maskulin. Das generische Maskulin sagt zum Beispiel „mit Lehrer sind alle Lehrerinnen und Lehrer gemeint" und es steht dann durchgehend nur Lehrer. Ich achte auf geschlechtergerechte Sprache, statt „Studenten" schreibe ich zum Beispiel „Studierende". Es gibt immer wieder Vorschläge, vor allem aus Deutschland, zum Beispiel dass man mit der Endung –ix arbeiten soll und dann gar kein Geschlecht mehr erwähnt. Die Frau mit diesem Vorschlag nennt sich zum Beispiel Professix. Es ist Humbug, zu behaupten, man müsse die Sprache fixieren und sie gehe nicht mehr weiter. Wenn man kein Geschlecht nennt, kann man auch die Vielfalt der Geschlechter betonen.

Was sind die gängigsten Klischees, mit denen ihr als, ähm ... aktive Feministinnen konfrontiert werdet?
Lilian: Es ist spannend, dass du beim Wort „Feministinnen" zögerst.
Pegah: Es ist, als wolltest du uns nicht beleidigen.

Es ist für mich bestimmt keine Beleidigung, aber ein Begriff, der nicht klar definiert ist.
Pegah: Für mich ist feministisch zu sein genauso selbstverständlich, wie antirassistisch zu sein. Es geht dabei nur um Gleichberechtigung und Gleichstellung. Ich habe im Privatleben sehr oft positives Feedback von Männern erhalten. Viele empfinden es als selbstbewusst.
Lilian: Also, ich sage schon sehr deutlich, dass ich Feministin bin. Die Reaktionen sind sehr unterschiedlich. Manche meinen darauf gleich: „Ach, also hast du Haare unter den Achseln?" Feministin zu sein, heisst einfach für Gleichstellung sein. Es gibt auch männliche Feministen. Man ist ja auch für Menschenrechte und gibt das offen zu. Feminismus hat eine negative Konnotation und ich weiss ehrlich gesagt nicht, warum.

Foto von Nora Osagiobare

Gibt es für euch feministische Strömungen, die ihr zu radikal findet?
Pegah: Es gibt eine, welche die Übersexualisierung der Frau als Befreiung feiert. Die Freiheit besteht darin, dass Frauen den gängigen Klischees folgen, die sie unterdrücken und sich nur auf ihren Körper reduzieren. Aber vielleicht ist es ein Schritt, dass Frauen ihre Sexualität ausleben können und man muss es ausprobiert haben.
Lilian: Ich habe auch Mühe mit der individualistischen Haltung, wenn man sagt, Frauen müssen einfach ein bisschen mehr fordern und dann ginge das schon. Dabei wird das System völlig ausser Acht gelassen. Wir sind inzwischen wirklich an einem Punkt, an dem sich das System ändern muss, nicht die Frauen oder Männer. Natürlich wurde ich als Frau sozialisiert und bin in bestimmten Situationen unsicherer als ein Mann. Da kann ich mich zum Beispiel verändern. Aber eigentlich ist der Hauptgrund das System.

Hat Femwiss auch männliche Mitglieder?
Lilian: Nein. In unseren Statuten steht, dass nur Frauen Mitglieder werden können. Wir werden aber bei der nächsten Vollversammlung einen Antrag machen, dass auch Männer teilnehmen können. Wir sind der Meinung, dass es für Gleichstellungsfragen beide Geschlechter braucht.

Warum wird das erst jetzt durchgesetzt?
Lilian: Ganz klar, weil sich eine diskriminierte Gruppe immer zuerst selber formieren sollte. Den Zusammenschluss braucht es am Anfang jeder Revolution. Von den 70ern bis heute wurde extrem viel erreicht. Nun sind wir an einem Punkt, an dem wir realisiert haben, dass es auch die anderen 50 Prozent der Menschen braucht, um etwas zu erreichen.

Foto von Nora Osagiobare

Hätte es eurem Verein geschadet, wenn schon in den Anfängen Männer beigetreten wären?
Pegah: Wenn man sich abgrenzt, kann man radikaler sein. In gemischten Gruppen gibt es immer noch Dynamiken. Zum Beispiel, dass man den Männern mehr Gehör schenkt als der Frau.
Gabi: Die Frauenbewegung war in den 70ern ein beliebtes Reservoir für Kommunisten. Sie wollten sich die Bewegung für ihre Ideologie zunutze machen. Alle Linken sahen uns mehr als Manövriermasse. Es wäre nicht gut herausgekommen, wenn man sie reingelassen hätte. Es gab auch viele Sympathisantinnen zum Kommunismus, manche sahen keinen Widerspruch darin. Ich war auch mal Mitglied einer linken Gruppierung und musste schnell feststellen, dass Frauen darin schlicht instrumentalisiert werden. Man glaubte in den 70ern effektiv, dass die Revolution nächstens kommen werde. Russland hat zwar einige misstrauisch gemacht, aber man dachte, auch in Verbindung mit dem Vietnamkrieg, dass der Kapitalismus gescheitert ist. Man wollte die Lücke schliessen und die Kommunisten sahen ihre Chance darin. Erst 1989 hat sich das als Illusion herausgestellt.

Was stört euch als Feministinnen im Alltag am meisten?
Pegah: Teilweise finde ich die Medienberichterstattung den Frauen gegenüber nicht fair. Wenn man sich zum Beispiel die Gratiszeitungen anschaut, werden Frauen dort in Weisen dargestellt in denen Männer nicht dargestellt werden.
Lilian: Darüber rege ich mich tagtäglich auf. Ich kann deswegen kaum mehr fernsehen. Werbungen sind das Schlimmste, zum Beispiel Waschmittelwerbungen. Der Mann ist der Wissenschaftler, der das Waschmittel macht und die Frau wäscht damit. Es gibt einen Test für Filme, den Bechdel-Test, der schaut auf verschiedene Kriterien. Sagt die Frau etwas? Wenn ja, sagt sie etwas, das sich nicht um Männer und Liebe dreht, zum Beispiel über den Beruf? Es werden sehr wenige Filme empfohlen.

Nora auf Twitter: @nora_nova_

Vice Switzerland auf Twitter: @ViceSwitzerland


Titelbild von Johann Dréo; Wikimedia Commons; CC BY-SA 2.0

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