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Occupy Turkey

„Wir können den Laden hier dichtmachen“—Erdogan gewinnt die Kommunalwahlen

Korruptionsvorwürfe, Massenproteste und Piepsstimme: Nichts konnte der AKP bei den gestrigen Kommunalwahlen etwas anhaben. Stattdessen hat sie die Prognosen weit übertroffen. Woran liegt das?

von Manuel Inacker
31 März 2014, 11:14am

Foto: Manuel Inacker

Auf den ersten Blick hat die regierende AK-Partei bei den gestrigen Kommunalwahlen in der Türkei schon wenige Stunden nach Schließung der Wahllokale einen Erdrutschsieg davon getragen. Nach Auszählung von 98 Prozent der Stimmen lag das landesweit Resultat bei überwältigenden 45,5 Prozent—sechs Prozent besser als bei der letzten Kommunalwahl im Jahr 2009. Das sollte dem Premier Recep Tayyip Erdoğan, der zuletzt aufgrund anhaltender Korruptionsaffären und seines zunehmend autoritären Regierungsstils national sowie international in die Kritik geraten war, zusätzlich Rückenwind bescheren.

Selbst der andauernde interne Machtkampf zwischen den Anhängern des Predigers Fethullah Gülen und AKP-Aktiven entpuppte sich als für Erdoğans Wahlziele ungefährlich. Dabei ist die Anklageliste der Opposition und Wahlbeobachter lang: In bis zu 35 Provinzen sind Stromausfälle gemeldet worden, die das Stimmenzählen erschwerten; Beweise für angeblich verbrannte Stimmzettel machen in den Social-Media-Netzwerken die Runde, um nur die häufigsten Anschuldigungen aufzuzählen.


In der darauffolgenden Nacht kam es in der Hauptstadt Ankara zu einer Massenschlägerei zwischen Anhängern von Erdoğans AK-Partei und der nationalistischen MHP. Der Wahltag wurde überschattet von bewaffneten Auseinandersetzungen zwischen konkurrierenden Familienclans in den kurdischen Provinzen Şanlıurfa und Hatay, bei denen mindestens acht Menschen ums Leben kamen.

Obwohl dem Premier im Vorfeld der Wahlen—zuletzt bei den Protesten zum Tod des 15-jährigen Berkin Elvan—wiederholt vorgeworfen wurde, er polarisiere die türkische Bevölkerung, hat Erdoğan offensichtlich nicht vor, den Wahlsieg zum Anlass für versöhnlichere Töne zu nehmen. „Wir werden diese Republik nicht an Pennsylvania [der Sitz von Gülens Hizmet-Bewegung] und die verräterischen Handlager in unserem Land übergeben!“, triumphierte er stattdessen. „Wir haben diesen mittelalterlichen Mördern eine osmanische Ohrfeige verpasst! Dies ist ein Sieg für die Demokratie!"

Diese Art Verschwörungsrhetorik scheint seine Wähler nicht im Geringsten zu stören. „Unser Premier hat uns neue Straßen gebaut und eine stabile Stromversorgung ermöglicht. Seitdem er regiert, gibt es in Istanbul eine zuverlässige Müllabfuhr und das Goldene Horn stinkt nicht mehr wie ein Klärwerk“, sagt mir der alteingesessene AK-Partei-Befürworter Ahmed, 65. „Ich wähle die AK-Partei, weil Erdoğan derjenige von uns Türken ist, der am härtesten arbeitet.“ Während der Westen vor allem sein religiös-autoritäres Gebaren kritisch beäugt, scheinen die Gründe der meisten Erdoğan-Anhänger bisweilen ganz pragmatische zu sein: Strom und fließend Wasser, eine intakte Infrastruktur.

Die AKP selbst steht vor allem für ein Wirtschaftswachstum, das die Türkei seit mehr als einem Jahrzehnt in einen Konsumrausch versetzt hat; wie keine andere Regierungspartei zuvor in der Geschichte der türkischen Republik hat sie für so eine massenhafte Wohlstandssteigerung gesorgt. Überall, wo man in Istanbul auch hinschaut, dominieren glänzende Wolkenkratzer die Skyline.

Istanbuler Geschäftsviertel. Foto: Wikipedia

„Ich bin gegen dieses System, und wir versuchen es mit dem exakten Gegenteil zu bekämpfen. Deswegen lautet der Slogan in unserem Wahlkampf: Zurück ins Jahr 1965“, sagt der unabhängige Kandidat Şafak Tanrıverdi im Interview. Şafak ist eine umgekehrte Satire-Version von Erdoğans Fortschrittsdenken. „Bei den Gezi-Park-Ausschreitungen im letzten Sommer handelte es sich um eine Attacke des Systems. Uns blieb nichts anderes übrig, als es mit Humor zu nehmen. Im Grunde ist die Situation heute auf die Ereignisse im Gezi-Park zurückzuführen. Sie sind meine Inspiration.“

Şafak Tanrıverdi

Die Gezi-Park-Proteste standen sinnbildlich für den Widerstand und Frust gegen Erdoğans Fortschrittsglauben und seinen autoritären Politikstil, das sich über Jahre hinweg bei einer breiten, größtenteils urbanen Bevölkerungsschicht angestaut hatte. Zum ersten Mal, so schien es, trafen Menschen aus unterschiedlichsten Bevölkerungsschichten zusammen, um gemeinsam zu demonstrieren. Mittlerweile hat sich aus der Gezi-Bewegung sogar eine Partei gegründet. Die Gezi-Partei wurde im vergangenen Oktober 2013 von dem Rockmusiker Cem Köksal mitgegründet und hatte es innerhalb dieser Zeit nicht auf die Liste der Kommunalwahlen geschafft. Ich saß mit Mitgliedern der Gezi-Partei in ihrem neuen Büro in Kadiköy, als die ersten Hochrechnungen eintrafen.

In Istanbul selbst war das Ergebnis für die AK-Partei noch besser als in der gesamten Türkei. Screenshot von CNN Türk.  

„Man, das Ergebnis ist vernichtend! Wir können den Laden hier dicht machen“, entgegnete mir die 32-jährige Hilal, ein engagiertes Parteimitglied. Selbst die größten Enthusiasten des Gezi-Hypes mussten sich an diesem Abend eingestehen, dass die AK-Partei bei den Kommunalwahlen an ihnen vorbeiziehen würde. „Die Gezi-Partei macht echt einen ambitionierten Eindruck. Aber die Gezi-Bewegung vom letzten Sommer lässt sich so kurzfristig nur schlecht in eine simple Partei-Formel pressen“, erwidert mir Onur, ein türkischer Freund, der mich an diesem Tag begleitete.

Dabei hatte vor allem sein kompromissloser Umgang mit den Gezi-Protesten dem Premier bei vielen Beobachtern den Ruf eines sturen und machtgierigen Despoten eingebracht, der—nach dem Blockieren von Twitter und YouTube im Vorfeld der Wahlen—jetzt sogar mit dem Verbot von Facebook droht.

Erdoğans AKP hat bei den Kommunalwahlen des 30. März ein beeindruckendes Resultat eingefahren, das seine Macht vorerst zementieren wird. Die Siegerpose wird er allerdings nicht lange einhalten können: Zunächst stehen noch im August die Präsidentschaftswahlen an, gefolgt von den Parlamentswahlen Anfang 2015. Bei den kommenden Präsidentschaftswahlen ist er gezwungen, eine Koalition einzugehen, wahrscheinlich mit der kurdischen BDP, um sich die 50%-Mehrheit zu sichern. Die BDP selbst pocht jedoch auf kurdische Regionalautonomie. Es wird nicht leicht für Erdoğan werden, den nationalistischen Flügel seiner Unterstützer mit den kurdischen Ambitionen unter einen Hut zu bringen.

Trotzdem ist klar: Die Dynamik, die die Gezi-Proteste in den Städten freigesetzt haben, hat nicht ausgereicht, um an den aktuellen Machtverhältnissen in der Türkei wirklich viel zu ändern—eher scheint es die Fronten verhärtet zu haben. Gezi hat etwas an der politischen Kultur der Türkei verändert, aber es wird wohl noch lange dauern, bis diese Veränderungen auch an der Wahlurne spürbar werden. Vielleicht liegt Erdoğans überwältigender Erfolg aber auch einfach daran, dass der Mehrheit der Türken wirtschaftlicher Wohlstand wichtiger ist als Twitter. Erdoğan hat es geschafft, die AKP als kompetenten Bürgen dieses Wohlstands zu inszenieren—keiner anderen Partei ist das gelungen.

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