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In Musou-Spielen bin ich Gott und das ist die pure Katharsis

Dieses Videospiel-Genre macht dich zum allmächtigen Krieger gegen Hunderte Gegner und wenn du nur niest, fliegen direkt Dutzende davon über den Bildschirm.

von Andreas Capek
31 März 2016, 5:44am

Offizieller Screenshot ,Dynasty Warriors 8 Xtreme Legends‘

"Musou" (無双) ist einerseits das japanische Wort für "konkurrenzlos, unübertrefflich", andererseits die Bezeichnung für ein Subgenre japanischer Action-Games, in denen man eben genau das ist.

Sie sind das komplette Gegenteil von Spielen wie Dark Souls oder Bloodborne. Dort ist der Spielcharakter langsam und schwerfällig und gleichzeitig jeder einzelne Gegner todesgefährlich, eine Herausforderung sowohl für Gehirn als auch Reflexe. Stück für Stück arbeitet man sich voran, einen Feind nach dem anderen kennenlernend, studierend und schließlich überwindend.

In Musou-Spielen hingegen bin ich Gott. Wenn ich niese, fliegen fünfzig Gegner quer über das Schlachtfeld. Sogar wenn ich von Feinden umzingelt bin, greifen sie mich nur zögerlich an, weil sie so viel schieren Respekt vor mir haben. Ich studiere keine Bewegungsmuster. Ich weiche nicht aus. Ich hämmere auf den Viereck-Button meines Controllers, und manchmal, wenn mir das Ganze nicht schnell genug geht und ich die Gegner noch machtvoller demütigen will, streu ich den Dreieck-Button dazwischen ein.

Begleitet von spektakulären Grafik- und Soundeffekten bahne ich mir mit geschmeidigen "Slowdowns" à la 300 den Weg durch Horden von Soldaten. Mit einem Schwertstreich nehme gleich zwanzig auf einmal mit, katapultiere sie in die Luft und jongliere sie dort mit weiteren Angriffen hin und her. Der Combo-Counter darf niemals sinken!

Offizieller Screenshot Samurai Warriors 4 Empires (c) Koei Tecmo Europe

Jetzt werden viele sagen, das ist bescheuert. Sowas kann nicht mehr als eine Stunde lang Spaß machen. Aber natürlich steckt ein bisschen mehr dahinter. Wenn man von "Musou"-Spielen spricht, meint man primär Koei Tecmos Warriors-Franchise, das das Konzept im Jahr 2000 auf der PlayStation 2 begründet hat.

Das bekannteste Beispiel ist die Dynasty Warriors-Serie (im japanischen Original eben Shin Sangokumusou). Es haben sich auch andere Entwickler an dem Genre versucht, wie Konami mit Ninety-Nine Nights (man erinnere sich an die unsterbliche "ONE MILLION TROOPS!"-Pressekonferenz).

Im März wurden wir gleich mit zwei Spielen dieses herrlichen Genres beglückt: Samurai Warriors 4 Empires auf der PS3/PS4/PSVita und dem Zelda-Spinoff Hyrule Warriors Legends auf dem 3DS. Gleich zwei gute Anlässe, endlich das Licht zu sehen und auch zum Musou-Jünger zu werden. Bleibt nur noch zu erklären, was denn jetzt genau den langfristigen Reiz an diesen, auf den ersten Blick stumpfsinnigen, Button-Mashern ausmacht.

Abgesehen einmal davon, dass mir neben Brutal Doom nichts in der Videospielwelt einfällt, dass sich kathartischer anfühlt, als zu Anime-Soundeffekten wie ein außer Kontrolle geratener Presslufthammer durch eine Armee von 500 Gegnern zu schmettern, bestehen Levels in Musou-Spielen nicht einfach aus Schläuchen von A nach B, sondern sind große, offene Schlachtfelder.

Offizieller Screenshot Dynasty Warriors 6 (c) Koei Tecmo Europe

Da ich mit meinen Superkräften sozusagen der ultimative Joker meiner Kriegseinheit bin, gilt es ständig abzuwägen, wo mein göttliches "Aufräumtalent" am dringendsten benötigt wird.

Jede Schlacht besteht aus mehreren Unterzielen ("Besiege den! Beschütze die! Finde die versteckten Ninja!"), oftmals bekommt man mehrere gleichzeitig. Meistens gilt es bestimmte Schlüsseloffiziere zu verdreschen, die deutlich schwieriger zu besiegen sind als die Masse gemeiner Fußsoldaten—diese wiederum werden Mittel zum Zweck die ganzen Kombo-Meter aufzuladen.

Geht eines der Ziele schief, heißt das noch nicht "Game Over", sondern das Geschehen entwickelt sich einfach entsprechend weiter. Wenn dann noch optionale Bonusziele dazukommen, hat man endgültig alle Hände voll und immer wieder spannende Entscheidungen zu treffen. Ein bisschen erinnert mich das Ganze an die wunderbaren Weltraumschlachten in Star Wars: TIE Fighter, nur deutlich dynamischer.

Bei diesen Musou-Spielen muss auch besonders die Ästhetik herausstreichen. Diese sind nicht nur mit cartoonesken Anime-Tropen angereichert, sondern auch mehr "Camp" als John Waters' Bleistift-Schnurrbart. Geschichtsunterricht war noch nie dermaßen unterhaltsam. Endlich weiß ich mit Sicherheit, dass chinesische Offiziere des Mittelalters Feuerbälle geschossen, fabulöse sexy Kostüme getragen und motivierte Gruppentänze aufgeführt haben.

Aber im Ernst, es steckt überraschend viel echte Geschichte in den Musou-Spielen. Historisch belegte Tatsachen werden mit alten Legenden, Gerüchten oder einfach nur kulturellen Kalauern vermischt und finden sich dann dramatisiert oder symbolisch in den Ereignissen und Figuren wieder.

Der chinesische General Zhang He ist vielleicht nicht wirklich in knallbunten, femininen Roben über das Schlachtfeld getanzt und hat über seine eigene Schönheit monologisiert, aber hey, sein Name klingt auf Japanisch gelesen wie das Wort für Schmetterling. Ich bin zufrieden!

Offizieller Screenshot Samurai Warriors 4

Überzeugt? Gut. Aber mit welchem Spiel fängt man am besten an? Koei Tecmo sind ziemlich schamlos, was Veröffentlichungen betrifft—meistens bringen sie mehrere Warriors-Spiele pro Jahr heraus, viele davon mit geteilten Assets. Allein die Dynasty Warriors-Serie hat mittlerweile acht Teile, die unzähligen Spin-Offs und Alternativ-Versionen nicht eingerechnet. Allein der vierte Teil von Samurai Warriors hat mittlerweile drei verschiedene Versionen, alles separate Titel mit komplett unterschiedlichen Spielmodi.

Neben Dynasty Warriors und Samurai Warriors (für Sinologen respektive Japanologen) gibt es unter anderem noch Orochi Warriors, in denen beide Szenarien in einer irren Mash-Up-Story vermischt und auch noch ein paar Videospielfiguren hineingeworfen werden.

Dann sind da noch Pirate Warriors mit Lizenz des Mangas One Piece und Hyrule Warriors auf der WiiU, das in Nintendos Zelda-Universum spielt. Letzteres ist gerade dieser Tage als Hyrule Warriors Legends in einer schönen 3DS-Umsetzung erschienen und zumindest für Zelda-Fans ein perfekter Einstiegspunkt.

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Mein bisheriger persönlicher Favorit in diesem Musou-Dschungel ist Samurai Warriors 4, einfach weil ich mit japanischer Geschichte am meisten anfangen kann. Ich habe Spaß daran, historische japanische Offiziere zu sammeln wie Pokemon und freue mich über die Gelegenheit gegen Nobunaga Oda in die Schlacht zu ziehen oder mit Goemon Ishikawa Freundschaft zu schließen (übrigens der gleiche Goemon wie im allseits beliebten SNES-Klassiker Legend of the Mystical Ninja).

Und weil ich nach Lust und Laune zwischen den Stories und Perspektiven verschiedener Clans (oder gleich einem ganz eigenem Charakter) hin- und herspringen kann, fühlt sich Samurai Warriors 4 an, wie ein episches Pulp Fiction der Sengoku-Zeit zum Selberbasteln.

Der neue Ableger Samurai Warriors 4 Empires ist übrigens genau das Richtige für Leute, die sich mehr Strategie zum Gemetzel wünschen: Dort spielt man keine vorgegebenen Stories, sondern einen Herrscher, der ganz Japan erobern, äh, "vereinen" will. Also muss man sich um die gesamte politische und wirtschaftliche Verwaltung seines Reichs kümmern.

Offizieller Screenshot Samurai Warriors 4

Es gibt immer was zu tun in diesen Spielen, Figuren aufzuleveln, Maps freizuschalten, Waffen upzugraden. Und dabei ist Koei Tecmo stets bemüht, die Idee durch neue Twists und Spielmodi interessant zu halten. Aber am Ende des Tages muss man die Spiele als das erkennen, was sie in ihrem tiefsten Kern sind—Arcade-Hack-and-Slasher in der Tradition von Segas Golden Axe oder Capcoms Knights of the Round, adaptiert für ein modernes Heimkonsolenpublikum.

Auf die Frage, was die Traumlizenz für einen neuen Musou-Titel wäre, hat Koei-Tecmo-Produzent Hisashi Koinuma übrigens mit "Star Wars" geantwortet. Mit nichtendenwollenden Lichtschwert-Kombos durch tausende Droiden und Sturmtruppen fegen? Yes, please!

Andreas auf Twitter: @schirmsprung

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