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Noisey

Ben Khans erstes richtiges Interview

Ben Khan sammelt tausende Plays auf Soundcloud, aber keiner weiß, wer er ist. Wir haben uns mit ihm für sein erstes Interview getroffen.

von Ryan Bassil
14 Jänner 2014, 9:00am

„Ich werde nicht einfach dasitzen und mich weigern, deine Fragen zu beantworten“, beruhigt mich Ben Khan, während er sich im West-Londoner Electric House in einen Plüsch-Fauteuil fallen lässt. „Die Leute denken, dass ich mich so verhalte, da ich mich bislang sehr zurückgehalten habe. Aber die Musik soll einfach im Vordergrund stehen und die Leute sollen sich nicht so sehr um mich kümmern.“

Wir sitzen in einer spärlich beleuchteten Ecke in einem der luxuriösesten Läden auf der Portobello Road. An den Wänden hängen Porträts und im Raum sind großzügig Chaiselongues und osmanische Hocker verteilt. Die Einrichtung könnte auch als Requisite für den Film Der große Gatsby dienen. Eine Horde leitender Angestellter und Chefs füllt den Raum mit angeregten Unterhaltungen über ihre Geschäfte, während die Kellnerinnen überteuertes Amstel Bier einschenken. Und mittendrin sitzen Ben und ich uns gegenüber und tasten uns an sein erstes richtiges Interview heran.

Alles, was ich über Ben weiß, besteht aus Statistiken. Seine erste Single „Drive (Part 1)"—knackiger atmosphärischer Southern Blues, vermischt mit scharfem R‘n‘B—zählt über 170.000 Plays bei Soundcloud. Seine zweite Single, „Eden“, wurde von Pitchfork als „Best New Music“ ausgezeichnet und hat es außerdem auf fast 400.000 Plays geschafft. Seine Musik macht süchtig und nimmt den Hörer mit in eine Welt, die Soul und modernen Funk mit einer ungewöhnlichen Instrumentierung verschmelzen lässt. Das fühlt sich wie Sex mit einem Fremden an, dreckig und unbehaglich, aber trotzdem warm. Doch außer der Musik und den Zahlen ist nicht viel über Ben bekannt, der lieber im Hintergrund bleibt.

Wie einige andere seiner Zeitgenossen—zum Beispiel Jai Paul, JUNGLE oder Burial—hält sich Ben Khan von Twitpics, Reddit AMAs und Hashtags lieber fern. Es wäre leicht, dies als Marketingstrategie abzutun, aber für Ben sind all diese Dinge schlichtweg eine Plage. „Ich fühle mich einfach nicht wohl dabei, jeden Außenstehenden an mich heranzulassen. Das ist nicht meine Art“, sagt er. „Wenn du jemanden triffst, sagst du ja auch nicht ‚Hi! Hallo, ich heiße Ben‘—und erzählst ihm dann deine ganze Lebensgeschichte. Das macht einfach keiner. Erst recht nicht wenn man bedenkt, dass dir vielleicht tausende von Leuten zuhören.“

Er will jedoch nicht für immer so zurückhaltend bleiben und eine Beziehung zu seinen Fans aufbauen, wenn er sich bereit fühlt, mehr von sich preiszugeben. „Ab einem bestimmten Punkt musst du dich öffnen, denn wenn du eine Beziehung zu jemandem hast, muss sich diese entwickeln, sonst wird es ziemlich langweilig.“

Heute ist dieser Punkt anscheinend noch nicht erreicht. Es sind erst fünfzehn Minuten vorbei und trotzdem gehen mir langsam die Fragen aus, da Ben viele von ihnen höflich auslässt. Er weigert sich zwar nicht direkt, sie zu beantworten, geht aber auch nicht wirklich darauf ein. Ich schwenke die Reste meines Weizenbiers im Glas, hoffe darauf, dass mir weitere Fragen einfallen und denke darüber nach, was ich bis jetzt aus ihm rausbekommen habe. Sein Name verrät bereits, dass er nicht-englische Vorfahren hat. Sein Vater ist Seidenmacher und stammt aus der indischen Region Kaschmir (und war auch am Foto oben beteiligt). Khan hat vor eineinhalb Jahren angefangen, die Art von Musik zu machen, die er jetzt macht, aber auch bezüglich seiner Einflüsse gibt er sich bedeckt; für ihn ist das „eine wichtige Sache, denn Erklärungen können die Kunst ruinieren“.

Alles, was Ben Khan tut, nutze ich. Angefangen bei seiner Art sich zu kleiden—er trägt eine weite Bomberjacke mit einem gemusterten Shirt darunter—bis zu der Art, wie er sich vorsichtig an unseren Kampf um Informationen herantastet und dabei trotzdem sehr bedeckt hält. Dieses Jahr wird er seine Debüt-EP veröffentlichen, die Teil einer Strategie ist, an der er zwei Jahre gearbeitet hat und die einen kleinen Einblick in die fokussierte und strategische Denkweise hinter seinem Irrsinn gibt.

Ben geht es darum, die Leute herauszufordern und den passiven Hörer zu erreichen; den, der nicht Stunden bei Soundcloud verbringt und aktiv versucht, das nächste große Ding zu entdecken. „Die aktiven Hörer suchen [und entdecken gute Musik], weil sie sich darum kümmern. Die Industrie wird die funktionierenden Formeln nicht verändern, das ist klar. Aber ob du dich den [passiven Hörern] von dieser oder jener Seite näherst und sie damit erreichst, macht einen Unterschied. Das ist eine spannende Möglichkeit. Man könnte die Ideen anderer Leute, was es bedeutet, in der Popmusik aktiv zu sein, erweitern.

Dieser Ansatz findet sich auch auf seinem neuesten Release, „Savage“, wieder, bei dem er es schafft, Synthies, schrägen R'n'B und düstere Elektronikklänge zu etwas sehr Eingängigem zu vermischen. „Würde ich einen Popsong machen wollen, würde mir das leicht fallen. Ich müsste einfach einen unter die Lupe zu nehmen, die einzelnen Elemente analysieren und loslegen“, sagt er. „Es würde ganz einfach gehen und ich wüsste, dass es einen Markt dafür gibt. Aber ich möchte das nicht wegen des Geldes machen. Das Geld ist verführerisch, aber…“ Es ist langweilig einem Muster Schritt für Schritt zu folgen? „Ja, das hat keinen Wert. Du erschaffst damit nichts Wertvolles zum Ausgleich.“

Sein Ziel ist es deswegen nicht, seine Songs mit so viel Vocoder vollzupacken, dass sie für die Tanzflächen der Großraumclubs geeignet sind, sondern „so viel Persönlichkeit wie möglich zu verarbeiten.“ Diese persönliche Herangehensweise findet sich in allem, was Ben tut, wieder: dem Salvador Dalí Artwork, das seine selten genutzte Twitter-Seite ziert, seinem Blessed Vice-Tumblr und seinen selbstgemachten Videos, die aus seiner Liebe zum Film entstehen. Das Video zu „Eden“ nutzt in unaufdringlicher Weise unter anderem Ausschnitte aus Only God Forgives, Fear & Loathing In Las Vegas und einer Salvador Dalí-Sequenz aus dem Alfred Hitchcock-Film Spellbound.

„Ich versuche nicht, revolutionäre Dinge zu machen, aber ich fange unvoreingenommen an und versuche den Horizont der Leute ein bisschen zu erweitern, denn es gibt viele engstirnige Leute mit einem Tunnelblick da draußen“, erklärt er. „Ich habe nicht mit dem Musik machen angefangen, um ein großer Star zu werden. Dafür mache ich das Ganze nicht.“

Am Tisch neben uns sitzt ein Typ mit einem weißen Kragen und diskutiert einen Geschäftsdeal, der sich anhört, als würde er jemandem eine Menge Geld einbringen. Währenddessen erzählt mir Khan, dass sich seine EP mit dem „Konflikt mit religiösen Ideen und Konzepten unserer Gesellschaft im Allgemeinen“ auseinandersetzt. „Das ist ein schmutziges Geschäft, nicht wahr? Das sind aber nur Beobachtungen. Ich bin kein Politiker und denke nicht so wie einer, also werde ich nicht versuchen, politisch zu werden. Aber es gibt da auf jeden Fall Dinge, die jemandem, der mit offenen Augen durchs Leben geht, ziemlich bescheuert vorkommen. Egal, ob man sich ein kleines Land wie Großbritannien oder ein Land wie Indien ansieht, überall gibt es Korruption und schlimme Dinge“, sagt er, während er den Typen mit dem weißen Kragen ansieht und nickt.

„Das ist die Sache. Ich bin kein Aktivist, aber ich denke viel darüber nach. Und wenn es in Zukunft die Möglichkeit gibt, mit meiner Musik eine Botschaft rüberzubringen, werde ich das tun.“

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