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Es macht mich ein bisschen krank, dass das Internet vor Freude kommt, weil ein Sprüher verhaftet wurde.

von David Bogner
07 März 2014, 9:48am

Seit Dienstag Abend steht Ernst Strasser wegen der „Lobbyistenaffäre“ zum zweiten Mal vor Gericht. Der ehemalige Innenminister wurde letztes Jahr schon wegen Bestechlichkeit zu 4 Jahren erstinstanzlich verurteilt, aber das Urteil kurz darauf vom Obersten Gerichtshof aufgehoben. Die Begründung ist so kompliziert wie unverständlich—so weit ich die verklausulierte Argumentation verstehe, waren Geldkoffer für Lobbying damals erlaubt, solange man im Gegenzug nicht ein konkretes Gesetz sondern viele verspricht.

Ich will jetzt nicht anfangen, komplett unterschiedliche Dinge aufzurechnen. Dann würde ich relativ schnell bei idiotischen Vergleichen wie Hypo und WhatsApp landen, wobei die Bank, an deren Zukunft tausende Schicksale hängen und der Internethype mit knapp 50 mittlerweile sehr reiche Mitarbeitern außer einer kolportierten Summe gar nichts gemeinsam haben.

Aber die Strasser-Geschichte hilft, gewisse Zusammenhänge in Relation zu setzen. Gestern wurde ein Typ verhaftet, von dem die Polizei scheinbar glaubt, dass er Puber ist. Dabei ist das Phänomen Puber weit weniger eine Person, sondern ein Tag, der auf allen Hauswänden dieser Stadt steht. Das hört sich vielleicht einen Hauch zu pathetisch an, aber er ist ein Symbol dafür, nicht nach den Regeln spielen zu wollen, weil er nicht nur Hauswände sondern auch „die gute Street Art“ an- und übersprüht und nicht vor Kindergärten halt macht. Diese Scheiß-drauf-Einstellung gepaart mit einer ordentlichen Portion Größenwahn und einer Prise Arschloch der Person dahinter steht auf der Nettigkeitsskala am diametral entgegengesetzten Ende von Lisa Simpson und deshalb sind auch viele Leute angepisst, von denen man es eher nicht erwarten würde.

Die Frage, wer das Hoheitsrecht in Sachen „Was ist Kunst und was nicht?“ hat, ist damit aber noch lange nicht geklärt. Außer in Boboville, wo schöne und leicht subversive Schablonen das Non-Plus-Ultra der Straßengestaltung darstellen und bei der Polizei, für die Graffiti immer noch aufwieglerisch genug ist, um einen Cop die Waffe ziehen und einen Warnschuss abgeben zu lassen

Das beste Beispiel für den politischen Aspekt von Ästhetik bietet wie so oft das Totschlag-Argument Drittes Reich, als der gescheiterte Maler Hitler und seine Schergen definiert haben, was gute und was entartete Kunst ist. Aber man muss gar nicht 80 Jahre zurückgehen, auch in der jüngsten Vergangenheit finden sich mit Basquiat und Banksy die prominentesten Beispiele dafür, wie schnell aus Sachbeschädigung teuer gehandelte Kunst wird.

Komplett absurd wird es für mich aber erst, wenn das Internet vor Freude und Aufregung ein kleines bisschen kommt, wenn ein Mensch von der Polizei verhaftet wird und vielleicht im Gefängnis landet, weil er Häuser ansprüht, während die Geschichte eines ÖVP-Politikers, der großen Konzernen anbietet die Welt etwas mehr nach ihren Wünschen zu gestalten, dem Großteil ziemlich egal ist. Scheiße, jetzt hab ich doch auch aufgerechnet.

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